Virginia Woolf – Ein Zimmer für sich allein

„Aber, so werden Sie sagen, wir baten Sie doch, über Frauen und Fiction zu sprechen – was hat das mit einem Zimmer für sich allein zu tun? Ich will versuchen, es zu erklären.“ (S.7)

Virginia Woolf bekommt den Auftrag, einen Vortrag über Frauen und Fiction zu halten (mit Fiction ist jede Art von erzählender Prosa gemeint, A.d.Ü.). Dies stellt sie vor einige Probleme, zum ersten, wie dies wohl gemeint sein könnte – wie Frauen sind, wie Frauen schreiben, wie über Frauen geschrieben wird, oder alle drei Teile? Sie stellt schnell fest, dass die Fragen nicht beantwortet werden können und bietet als „Ersatzantwort“:

„Alles, was ich tun konnte, war, Ihnen eine Meinung über einen weniger wichtigen Punkt anzubieten – eine Frau muß Geld haben und ein Zimmer für sich allein, wenn sie Fiction schreiben will; und das läßt, wie Sie sehen werden, das große Problem der wahren Natur der Frau und der wahren Natur von Fiction ungelöst“ (S.8)

1928 gibt es schon ein paar Frauen, die sich einige Lorbeeren verdient haben, Woolf denkt hier z.B. an die Brontës, Jane Austen, Nancy Mitford, George Eliot oder Elizabeth Gaskell – aber wenn man an den schier unüberblickbaren Wust an von Männern hervorgebrachter Literatur denkt, sind die Werke der Damen verschwindend in der Minderzahl.

Wie sollte es auch anders sein? Frauen waren seit Jahrhunderten hauptsächlich zum Gebären und Kochen da, nicht, um sich intellektuell zu bilden und dies auch noch in die Welt zu posaunen. Die katholische Kirche hat Frauen, die sich geweigert haben, als Hexen verfolgen lassen, sie hat die Frauen zum Eigentum der Männer gemacht (ja, bis 1976 musste der Ehemann die Erlaubnis geben, dass seine Frau arbeiten darf), ja, nächstes Jahr jährt sich der Tag der Einführung des Frauenwahlrechts in Deutschland erst zum 100. Mal und ja, nach wie vor verdienen Frauen ca. ein Fünftel weniger als Männer.

Es gab natürlich immer Frauen in der Literatur – man nehme nur die Bibel und ihre Exegesen über die Stereotypen der „Hure“ und der „Heiligen“, oder Frauen als die großen „Verführerinnen“, oder Frauen als „unerreichbare Wesen, die man anbetete“ usf., kurz, Frauen als von Männern erschaffene Kreaturen. Und auch in der Wissenschaft wurden sie so gut wie nie berücksichtigt – wie viel Forschung gab es z.B. über Frauen im Mittelalter, ihre Lebensweise, ihre Bildung?

„Gelegentlich wird eine einzelne Frau erwähnt, eine Elizabeth oder eine Mary; eine Königin oder eine große Adlige. Aber unter gar keinen Umständen konnten Frauen der Mittelklasse, die nichts zur Verfügung hatten als ihren Verstand und ihren Charakter, an irgendeiner der großen Bewegungen teilhaben, die, zusammengetragen, das Bild des Historikers von der Vergangenheit ausmachen. Noch werden wir sie in irgendeiner Anekdotensammlung finden.“ (S.52)

Es geht natürlich nicht nur um die Schriftstellerei, Frauen war Wissen im Allgemeinen nicht zugänglich. Man möge sich einmal vorstellen, wie weit die Welt sein könnte, wenn die anderen 50 % an Forschung, an Arbeit, an langen Stunden des Versuchens und Scheiterns und schließlich des Fortschritts stattgefunden hätten. Aber die Damen hatten ja anderes zu tun – sie mussten für die Kinder sorgen. Und Kinder und ein eigenes Gehirn schlossen sich anscheinend kategorisch aus.

Die Natur schreibt nach wie vor vor, dass Frauen die Kinder bekommen. Aber die Gesellschaft ist, zumindest hier, ein Stück weiter gekommen, und Frauen bekommen mehr Unterstützung, so dass sie die Möglichkeit zu Zeit mit sich und ihren Gedanken haben können, und Muße, um ihr Hirn einzusetzen. Aber, und das möchte Virginia Woolf sagen, es geht nicht ohne ein Zimmer für sich allein. Ein Zimmer, in dem kein Esstisch steht, in dem niemand unterhalten werden möchte, in das keiner mit seinen Problemen kommt. Ein Zimmer, in dem sich nur die Frau und ihre Gedanken befinden. Lasst Frauen mit ihrer Bildung, ihren Gedanken, ihrer Tatkraft in Ruhe machen, und es können wunderbare Dinge geschehen. Lange genug ist das nicht geschehen.

Unsere Welt hier hat sich in den letzten Jahrzehnten ein ganzes Stück in die richtige Richtung bewegt. Die Frauen sind in der Forschung angekommen, die Frauen forschen und werden erforscht, Jahrhunderte an Schicksalen werden aufgearbeitet, Ansichten und Arbeit fließen mit ein.

Wenn es jetzt noch so weit kommen könnte, dass egal ist, ob Frau Rock oder Hose, ausgeschnittenes Top oder hochgeschlossene Bluse trägt, egal ist, dass Frau vielleicht in eine Pause gehen muss, um Kinder zu bekommen, und sie danach wiederkommen kann, wenn alle Personen das Gleiche für Gleiches bekommen und niemand mehr einfach zu Material zum „grabben“ degradiert wird, dann sind wir noch ein wenig weiter. Virginia Woolf würde das wohl gutheißen.

Dieses kleine Büchlein, das zwei Vorträge von Virginia Woolf aufgreift, ist ein wahrer Augenöffner. Ich glaube, viele Frauen in unseren Breitengraden denken, es sei doch schon so weit und alles okay, und man müsse nun nicht mehr weiterarbeiten zur vollständigen Gleichstellung. Woolf öffnet hier die Augen, sagt, Ladies, hört zu, passt auf, seht Euch um. Sie gibt die Denkanstöße, auf denen man auch heute noch so vieles aufbauen kann – und jede Person sollte dies tun.

Virginia Woolf: Ein Zimmer für sich allein. Aus dem Englischen von Renate Gerhardt. Fischer Taschenbuch Verlag GmbH, Frankfurt am Main, 1981. OA: A Room of One’s Own“. Copyright 1929 by Quentin Bell and Angelica Garnett.

Porträt von Virginia Woolf als Straßenkunst in São Paulo, Brasilien (2007), via Wikipedia.de

Virginia Woolf wurde am 25.1.1882 als Tochter des Biographen und Literaten Sir Leslie Stephen in London geboren. Bereits mit 22 Jahren bildete sie gemeinsam mit ihrem Bruder den Mittelpunkt der intellektuellen ›Bloomsbury Group‹. Zusammen mit ihrem Mann, dem Kritiker Leonard Woolf, gründete sie 1917 den Verlag ›The Hogarth Press‹. Ihre Romane, die zur Weltliteratur gehören, stellen sie als Schriftstellerin neben James Joyce und Marcel Proust. Schon sehr früh engagierte sie sich für die Frauenbewegung und gemeinsam mit ihrem Mann für die sozialistischen Bestrebungen der Labour Party. Am 28.3.1941 schied sie freiwillig aus dem Leben. (s. o.a. Ausgabe)

Buch #66: Kazuo Ishiguro – Alles, was wir geben mussten

Vor dem Lesen dieser Rezension: Sie enthält Spoiler und könnte eventuell die Leselust auf den Roman verderben.

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Tja, nun. Selten habe ich mich so schwer getan, etwas über einen Roman zu schreiben. Vor allem, da ich nach der Lektüre von Was vom Tage übrig blieb sehr gespannt auf dieses Buch war, dessen Verfilmung ja auch eher positiv besprochen wurde. Zudem eine Dystopie, was konnte also groß schiefgehen? Nun, so ziemlich alles.

Die Geschichte in Alles, was wir geben mussten wird von Kathy B. erzählt, einer, wie anzunehmen ist, jungen Frau, die in einem Internat aufwuchs. Sie erzählt von dieser Zeit und ihrem täglichen Leben dort, von der Schule und von ihren Freunden, insbesondere von Ruth und Tommy. Kathy und Ruth sind beste Freundinnen, Tommy ist ein jähzorniger Junge, der sich aber im Laufe der Zeit fängt und mit Ruth zusammenkommt.

Kathy erzählt von ihrer Kindheit und Jugend in dem Institut, Hailsham, von ihren „Aufsehern“, von ihren Tauschmärkten, auf denen sie ihre eigenen „Kunstwerke“ gegen andere tauschen, von „Madame“, die regelmäßig vorbeikommt und „Kunstwerke“ für ihre Galerie mitnimmt. Sie wundern sich darüber, bekommen sie doch keinen Gegenwert, und Madame ist ihnen auch unheimlich, sieht sie sie doch eher an, als seien sie wilde Tiere.

Im Laufe der Erzählung gibt es also einen kleinen Hinweis nach dem anderen, aber es dauert sehr lange, bis der Leser weiß, was los ist. Der Roman ist in drei Teile geteilt, der erste erzählt von der Schulzeit, der zweite von der Zeit danach, und der dritte dürfte Kathys unmittelbare Vergangenheit darstellen. Langsam, sehr langsam entziffert sich der Leser also, was Kathy sagen will, nämlich dass sie alle Klone sind, die nur dem Zweck dienen sollen, ihre Organe zu spenden. Diese Spenden erfolgen anscheinend Stück für Stück, wobei manche nach der zweiten „abschließen“, manche bis zur vierten durchhalten, wonach ihnen alle bleibenden Organe entnommen werden und sie dann „abschließen“.

Nun braucht man aber nicht zu denken, dass irgendeiner der Klone damit größere Probleme zu haben scheint. Sie nehmen alles hin, wie es ist, und tun das, was sie tun sollen. Gerade Kathy ist sehr ergeben, nicht nur ihrer Zukunft, sondern ihrer ganzen Welt gegenüber. Ihr Erzählstil ist äußerst ruhig, emotionslos, wie ein Bericht. Und so berichtet sie, wie sie Ruth und Tommy hilft, wie sie sie wieder zusammenbringt, wie sie emotionale Momente mit Tommy verbringt, aber auch, wie sie nie etwas sagt, bis Ruth den beiden schließlich die Erlaubnis gibt, zusammen zu sein, sehr spät erst allerdings, als Tommy schon angefangen hat zu spenden. Nun ja, dann haben sie halt dann eine schöne Zeit.

Ebensowenig stellt Kathy jemals eine Frage zu ihrer „Aufgabe“. Sicher, sie wundern sich alle, wissen unterbewußt, dass mit ihnen etwas anders ist, aber sie graben lieber nicht zu tief. Zufällige Bemerkungen ihrer „Aufseher“ werden zwar registriert, aber nicht weiter hinterfragt. Als sie aus der Schule entlassen werden, erfahren sie gerüchteweise, dass Paare, die nachweisen können, dass sie sich wirklich lieben (wie auch immer das funktionieren soll), sich zurückstellen lassen können. Aber auch da forschen sie nie nach, bis Ruth ihnen sagt, sie sollen es tun. Auch das wieder viel später. Als sie dann schließlich hinter einige Geheimnisse von Hailsham kommen, auch das eher zufällig, wissen sie zwar mehr, nehmen aber auch das hin.

So ist dies ein Roman über „Schafe“, die sich willig zur Schlachtbank führen lassen, im wahrsten Sinne des Wortes. Denn die Organspende wird hier in diesem Sinne dargestellt. Ich weiß allerdings beim besten Willen nicht, warum man ihnen ein Organ nach dem anderen entnimmt und sie sich dann erholen lässt, wobei, wenn man es so betrachten wollte, es sicherlich besser wäre, wenn schon, dann alle auf einmal zu entnehmen und den Körper keiner Regeneration auszusetzen, zumal es ja auch nicht lange weitergehen kann und dann doch alle entnommen werden.

So hat diese ganze Sache natürlich einen Beigeschmack, der sich, wie ich mir vorstelle, doch in dem einen oder anderen Kopf festsetzt und Menschen davon abhält, einen Ausweis auszufüllen. Als ein Mensch, der in unmittelbarem Umfeld eine Spende miterlebt hat, kann ich das absolut nicht nachvollziehen. Ich habe den Ausweis, seit ich 18 bin, und wenn ich tot bin, können sie gerne alles von mir haben, ich brauche es dann nicht mehr. Aber andere Menschen schon. Andere Menschen können dann weiterleben. Andere Menschen können bei ihren Familien bleiben, oder welche gründen, oder ihre Leben weiterleben. Würden mehr Menschen so denken, bräuchte man sich über solche Szenarien keine Gedanken zu machen. So einfach ist das.

Ich habe, als ich das Buch zuschlug, andere Meinungen darüber gelesen, weil ich so unglaublich erzürnt war und wissen wollte, wie es ankam (tatsächlich hauptsächlich positiv). Viele sprechen von einer Parabel auf die Gesellschaft, die Menschen, die sich nicht wehren, die ihr Leben tagein, tagaus leben ohne eine Nachfrage. Das mag ja sein, aber ich bezweifle, dass diese Menschen das Buch erreicht und sie aufrüttelt. Oder geht es vielmehr darum, dass Gentechnik die Ausgeburt der Hölle ist? Dass aber gezeigt werden soll, dass Klone auch menschliche Menschen sind, und man sich deshalb viele Gedanken darüber machen sollte, ob man sie erschafft? Geschenkt. Ich weiß wirklich nicht, was ich über diesen Roman sagen soll, außer, dass ich es für eine riesige Zeitverschwendung halte, dieses Manifest des Übersichergehenlassens zu lesen, und für eine riesige Unverschämtheit, das vor einem Thema auszubreiten, das Menschen davon abhalten könnte, Menschenleben zu retten.

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Das einzig Gute war, dass ich bemerkt habe, dass ich nach meinem Umzug keinen aktuellen Ausweis mehr hatte. Man bekommt sie beim Arzt, in Apotheken, beim Blutspenden, als Download.

Und wenn Ishiguro Eindruck hätte machen wollen, hätte er eine Heldin kreieren sollen, die um sich, ihr Leben, ihre Liebe kämpft, damit man beim Zuschlagen des Buches wenigstens nicht das Gefühl hat, in einen dumpfen Wattebausch gesteckt worden zu sein, und sich feste schütteln will, damit irgendene Bewegung entsteht. Wie gesagt, mir ist klar, dass viele viele Leser diesen Roman für unglaublich gut und unglaublich weise halten, aber ich weiß nicht warum. Und, mich wird auch keiner vom Gegenteil überzeugen können, deswegen bitte ich darum, mir dies zu ersparen.

Kazuo Ishiguro: Alles, was wir geben mussten. Aus dem Englischen von Barbara Schaden. Wilhelm Heyne Verlag, München. Verlagsgruppe Random House. 2016. OA: Never let me go. Faber and Faber Ltd., London. 349 Seiten.

Ich danke Random House für das Rezensionexemplar.

Buch #65: Charlotte Brontë – Jane Eyre

Meine lieben Leser,

ich verbrachte die letzten Wochen damit, der Geschichte eines jungen Mädchens bzw. einer jungen Frau zu folgen. Es handelt sich um die Autobiographie einer gewissen Jane Eyre, in der sie von ihrer Kindheit, Jugend und Zeit als junge Frau erzählt. Sie lebte in England, im 19. Jahrhundert, einer Zeit, in der Waisenkinder nicht viel Hoffnung auf eine gute Zukunft haben konnten, und in der die Konventionen so viel bedeuteten.jane-eyre

Ein Waisenkind, ja, Jane Eyre ist ein Waisenkind. Nach dem Tod ihrer Eltern wurde sie ins Haus ihres Onkels geholt, der ihr sehr zugetan war. Aber nach dessen Tod wandte sich ihr Leben in eine üble Richtung. Sie wurde nur als lästiges Übel betrachtet, ihr Cousin und ihre Cousinen, ebenso wie ihre Tante, machten sie für alles verantwortlich, und der einzige Trost waren ihr die Bücher.

Eines Tages eskaliert die Situation, und Jane wird fortgeschickt, auf ein Internat, auf dem sie letztlich zur Gouvernante ausgebildet werden soll. Voller Hoffnung macht Jane sich auf den Weg, schlimmer als bei der Tante kann es ja wohl nicht werden… aber weh, das Internat ist ein kaltes Haus, geleitet von einem religiös obsessiven Mann, der nichts von warmer Kleidung und genug Nahrung hält.

Aber Jane gewinnt Freunde, und ihr Schicksal wendet sich ein wenig. Als sie alt genug ist, nimmt sie eine Stelle an: Sie wird Gouvernante im Hause von Mister Rochester, einem Adligen, dem das Leben bisher auch nicht die Sonnenseiten gezeigt hat. Sie verlieben sich ineinander… doch diese Liebe steht unter keinem guten Stern. Es wird noch ein weiter Weg sein für Jane, und ob er sie jemals zu ihrem geliebten Mister Rochester führen wird, das sollte der Leser selbst herausfinden, und mit ihr gemeinsam die vielen Hindernisse angehen.

 

Als ich nach meiner Lektüre von Sturmhöhe die Diskussion verfolgte, die sich darum entspann, ob man lieber eben Sturmhöhe oder Jane Eyre mag, war ich schon sehr gespannt auf diese Lektüre. Und ich muss sagen, dass ich nicht enttäuscht wurde, auch wenn Jane Eyre doch um einiges umfangreicher ist.

Charlotte Brontë erzählt die Geschichte Janes aus deren Sicht, in Form einer Autobiographie. Sie reicht von Janes Kindheit bis zu ungefähr ihrem dreißigsten Lebensjahr, und erzählt ausführlich, was ihr alles widerfahren ist. Erwartet man aufgrund der Zeit, zu der der Roman verfasst wurde und in der er spielt, eine unbedarfte, naive, hilfsbedürftige, junge Frau in Jane Eyre, wird man schnell eines besseren belehrt. Keineswegs entspricht sie diesem Bild – sie geht erhobenen Hauptes durchs Leben und kämpft für ihr Recht. Und hat ihre ganz eigenen Gedanken und eine starke Meinung – Dinge, die von einer jungen Frau ihrer Zeit eher nicht erwartet wurden.

Sie setzt sich auch mit vielen Dingen auseinander, wichtig sind hier z.B. Klasse und soziale Stellung, exemplarisch an Jane, die der Unterschicht angehört, und Mister Rochester, einem Adligen. Wichtig ist auch die Religion, der Jane an mehreren Stellen begegnet und die sie immer wieder versucht, für sich zu vereinnahmen – auch hier kein einfacher Kampf für Jane. Aber am Wichtigsten ist doch die Selbstbestimmtheit, über die sie verfügt. Sie ist ein durchaus realistischer Mensch, nicht schön, nicht reizend und attraktiv, sondern dünn, unscheinbar, mit streng gescheiteltem Haar und anspruchslosen, aber ordentlichen Kleidern. Ihr Reiz beginnt, sobald sie den Mund aufmacht – Jane weiß, was sie kann, und ist oft ehrlich bis an die Schmerzgrenze, jedoch bringt ihr das den Respekt, den sie braucht, und ein Ansehen, das ihr Mut macht.

Ich kann mir vorstellen, dass das Buch bei Erscheinen ein kleiner Skandal war, das Porträt einer so selbstbewussten jungen Frau konnte nicht nach jedermanns Geschmack sein. Aber ich kann mir auch vorstellen, dass Jane Eyre nun schon für viele Generationen von Frauen ein Vorbild war, dafür, was möglich ist, wenn man die Hoffnung nicht aufgibt und selbstbewusst ist.

In diesem Sinne stimme ich den meisten der Diskutanten darin zu, dass ich Jane Eyre der Sturmhöhe vorziehe, und rate denjenigen, die wie ich nicht vorher das Vergnügen hatten, unbedingt der Lektüre zu.

Charlotte Brontë: Jane Eyre. Aus dem Englischen neu übersetzt von Gottfried Röckelein. Deutscher Taschenbuchverlag, München 1998. OA: Jane Eyre. An Autobiography. London 1847.654 Seiten.

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Bild: en.wikipedia.org

Charlotte Brontë wurde am 21. April 1816 in Thornton, Yorkshire, geboren. Sie begann schon im Kindesalter zu schreiben, ebenso wie ihre Geschwister Patrick, Emily Jane und Anne. Charlotte veröffentlichte hauptsächlich unter männlichen Pseudonymen, so erschien Jane Eyre unter dem Namen Currer Bell. Sie war selbst Lehrerin und Gouvernante, wollte eine Schule leiten, was mangels Schülern nicht umgesetzt wurde.1847 gelang ihr der literarische Durchbruch mit Jane Eyre. Nachdem sie zugab, den Roman verfasst zu haben, wurde sie in die literarischen Kreise in London eingeführt. 1854 heiratete sie Arthur Bell Nichols. Am Karsamstag, dem 31. März 1855, starb sie, vermutlich an Schwindsucht, in Haworth, Yorkshire. Ihr Fragment gebliebener Roman Emma erschien postum

Buch #61: Emily Brontë – Sturmhöhe

„1801. Ich bin gerade von einem Besuch bei meinem Gutsherrn zurückgekehrt – diesem einsamen Nachbarn, der mir zu schaffen machen wird.“ (7)

So beginnt Sturmhöhe, wahrscheinlich besser bekannt unter dem Originaltitel Wuthering Heights. Der Besucher ist Mr. Lockwood, der das Gut Thrushcross Grange von Heathcliff gepachtet hat, dem er gerade seinen Anstandsbesuch gemacht hat. Er ist entsetzt über das schroffe Wesen seines Verpächters und über die lieblose und angstvolle Atmosphäre in dessen Haus, Wuthering Heights.

Dennoch kann er es sich nicht verweigern, einen erneuten Besuch zu machen, der allerdings noch weniger Erfolg hat und ihm eine schwere Erkältung einbringt, die ihn wochenlang das Bett hüten lässt. Seine Haushälterin, Miss Ellen Dean, leistet ihm Gesellschaft, und von ihr erfährt er die Geschichte der Bewohner von Wuthering Heights.

Heathcliff ist ein Findelkind mit – wahrscheinlich – indischem Aussehen, niemand kennt seinen Namen oder seine Herkunft. Eines Tages bringt Mr. Earnshaw, Besitzer von Wuthering Heights, ihn von einer Reise mit und zieht ihn zusammen mit seinen Kindern, Hindley und Catherine, auf. Mr. Earnshaw hat eine Schwäche für Heathcliff, ebenso wie Catherine, was Hindley von Anfang an gegen ihn aufbringt. Nach Earnshaws Tod lässt Hindley Heathcliff seine Abneigung spüren, er entzieht ihm Erziehung und Bildung, was zum Resultat hat, dass Heathcliff ein wildes Kind wird. Trotzdem hängt Catherine mit einer zärtlichen Liebe an ihm, ist ihm immer Wegbegleiter und Kamerad bei seinen Streichen.

Ellen Dean, die als Kinderfrau für alle fungiert, macht sich Sorgen um Catherines Entwicklung, auch ist ihr nicht wohl wegen Heathcliffs Verwahrlosung, doch sie kann keinen Einfluss nehmen. Eines Tages spielen Catherine und Heathcliff ihren Nachbarn, den Lintons, einen Streich, infolgedessen Catherine sich erkältet und mehrere Wochen bei den Lintons verbringt. Sie kommt zu Wuthering Heights als eine kleine Dame zurück, mit ordentlichen Manieren und ordentlichen Kleidern, ein wenig verliebt in den Sohn der Lintons, Edgar.

Heathcliff kann Catherines Verwandlung nicht verstehen, er verzweifelt fast und versucht alles, sie für sich zurückzugewinnen. Aber Edgar Linton macht ihr den Hof, und als sie eines Tages mit Ellen darüber spricht, dass Heathcliff nicht standesgemäß für sie sei, da er keine Manieren, keine Bildung und ihr nichts zu bieten habe, hört Heathcliff das und verschwindet für mehrere Jahre. Catherine heiratet Linton, und alles scheint sich in Wohlgefallen aufzulösen, bis Heathcliff zurückkommt und eine wilde Geschichte von Zurückweisung, Verletzung und vor allem Rache sich entspinnt…

Nach dem Reinfall mit Sinn und Sinnlichkeit von Jane Austen, die oft in einem Atemzug mit Emily Brontë genannt wird, habe ich diesen Roman lange Zeit vor mir hergeschoben. Nun fiel er mir wieder in die Hände und ich muss sagen, ich habe den Versuch nicht bereut. Sturmhöhe ist eine starke Geschichte über, wie ich es empfunden habe, Ungerechtigkeit. Allen handelnden Personen widerfährt ein großes Unrecht, und wie in einer tödlichen Spirale ruft widerfahrenes Unrecht Rache und somit erneutes Unrecht hervor.

Das Bizarre ist, dass der Ausgangspunkt eine menschenfreundliche Tat war, als Mr. Earnshaw Heathcliff mit- und bei sich aufnahm. Aber sofort schlägt die menschliche Natur zu, im Neid Hindleys, der alles daran setzt, Heathcliff zu zerstören. Dann sind da noch die Standesgrenzen und die guten Gepflogenheiten, die nicht überwunden werden können, und Hindley stößt Heathcliff immer tiefer in den Dreck. Aber Heathcliff kehrt zurück wie ein Phoenix aus der Asche, und er nimmt seine Rache.

Sturmhöhe wurde nach seinem Erscheinen nicht sehr positiv vom Publikum aufgenommen. Die Kritikpunkte waren, dass man sich mit keiner Figur identifieren könne, die Handlung sei zu verschachtelt, die Sprache zu gestelzt. Die Gegenposition hob gerade die Beschreibung des Bösen und die Komposition mit seiner authentischen Sprache hervor.¹ Bis heute ist es wohl so, dass der Roman polarisiert.

Und auch ich fühlte mich hin- und hergerissen. Der Klappentext meiner Aussage spricht von dem „unvergleichlichen Frauenroman einer leidenschaftlichen Liebe und unversöhnlichen Rache“. Das hat mich zuerst aufgebracht, aber im Verlauf der Lektüre musste ich zugeben, dass etwas dran ist. Sturmhöhe zu lesen war ein wenig wie ein Bericht der Klatschpresse, was wohl nicht zuletzt an der Erzählerperspektive liegt, aber so, wie die Erzählung bei mir ankam, hatte ich manchmal das Gefühl, eines dieser Frauenblättchen zu lesen. Die Komposition hat mich jedoch beeindruckt, und die Naturbeschreibungen wie die Beschreibungen der niederen Orte der menschlichen Seele haben mich vom Roman überzeugt.

Mich hat jedoch hauptsächlich die Sprache mitgerissen, jede Figur hat ihre eigene Sprechweise, was auch in der Übersetzung sehr deutlich hervorkommt. Der Unterschied zwischen schönem Oxford-English und dem der Arbeiter dürfte aber wohl im Original noch gravierender sein. Nichts desto trotz wundert es mich nicht, dass der Roman so lange überlebt hat, bietet er doch alles, was Unterhaltung ausmacht: Liebe, Drama, Bösewichte, Klatsch und Tratsch. Eine Soap-Opera des 19. Jahrhunderts, würde ich fast sagen, und möchte hiermit nicht herabsetzend klingen, denn die Geschichte ist nun einmal sehr unterhaltend und mitreißend geschrieben.

Literaturwissenschaftler können wohl auch einen Wust an Motiven behandeln, weswegen es in der Anglistik immer noch auf den to-read-Listen steht. Und im Gegensatz zu Sense und Sensibility wird man hier bestens unterhalten. Also, alle mal heranwagen.

¹Information aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Sturmh%C3%B6he

Emily Brontë: Sturmhöhe. Aus dem Englischen von Grete Rambach. Insel Verlag, 1994. OA: Wuthering Heights. Erstdruck: Tomas Cautley Newby Publisher, London 1847. 363 Seiten.

Bild: wikipedia.deEmily Brontë wurde am 30. Juli 1818 in Thornton in Yorkshire geboren. Wuthering Heights (Sturmhöhe) ist ihr einziger Roman, den sie unter dem Namen Ellis Bell veröffentlichte. Außerdem veröffentlichte sie mehrere Gedichte. Sie ist die jüngere Schwester von Charlotte Brontë und die ältere Schwester von Anne. Die drei Schwestern veröffentlichten alle unter männlichen Pseudonymen. Emily starb am 19. Dezember 1848 in Haworth, Yorkshire, vermutlich an Tuberkulose oder einer Lungenentzündung.

 

Simon Beckett – Der Hof

Südfrankreich. Es ist Sommer, und glühende Hitze umfängt Sean. Er lässt das Auto, in dem er hierher fuhr, irgendwo stehen und geht zu Fuß weiter. Immer mit einem Blick über die Schulter. Auf einmal umfängt ihn ein grauenvoller Schmerz: er ist in eine Falle getreten. Und kann sich nicht befreien.

Als Sean wieder zu sich kommt, liegt er mit dick einbandagiertem Fuß in einer Scheune. Er weiß nicht, wo er ist und was geschehen ist. Mathilde, die ältere Tochter des Hofbesitzers, bringt ihm Nahrung und kümmert sich um seinen Fuß, und nach und nach bekommt er einige Details zusammen. Nur erfährt er nichts über seine ‚Gastgeber‘, Mathilde, ihre Schwester Gretchen, und ihr Vater Arnaud.

Es dauert, bis er sich wieder einigermaßen fortbewegen kann. Dann macht Arnaud ihm das Angebot, den maroden Hof wieder ein wenig auf Vordermann zu bringen, Wände neu zu mauern und ihm zur Hand zu gehen. Sean nimmt das Angebot an.

Denn es gibt noch eine Geschichte, die parallel erzählt wird. Die Geschichte, warum Sean überhaupt in Südfrankreich ist. Und warum er einiges darum gibt, dass niemand seinen Aufenthaltsort kennt. Und so scheint eine Hand die andere zu waschen, Sean hilft den Hofbewohnern im Gegenzug zu einem abgeschiedenen Rückzugsort.

Doch mit der Zeit fallen Sean einige Ungereimtheiten auf… Wem hat der Arbeitsanzug gehört, den er nun trägt? Warum reagieren die Leute im Dorf so aggressiv auf den Namen Arnaud? Wer ist der Vater von Mathildes Kind? Sean ist nicht mehr sicher, ob das Angebot eine so gute Lösung seiner Probleme ist…

Es ist schon einige Jahre her, als ich die David-Hunter-Reihe von Beckett las, aber ich habe mich damals sehr gut unterhalten gefühlt, die Romane waren spannend und anscheinend gut recherchiert, mit interessanten Plots und Figuren. Deshalb bekam ich nun „Der Hof“, als ich krank war und mich nicht so gut konzentrieren konnte, quasi ein Tröste- und Ablenkungsbuch.

Und als solches hat es seinen Zweck ganz hervorragend erfüllt. Wenn man nun aber ganz bei sich ist, bin ich mir nicht so sicher. Beckett schreibt in seiner Danksagung, er habe für diesen Roman unverhältnismäßig lange gebraucht, was ich absolut nicht nachvollziehen kann. Grundsätzlich hätte die Story auf die Hälfte eingestampft besser funktioniert, da die Spannung wohl größer und die Handlung schneller gewesen wären. So aber ist man in einer klebrigen Hitze auf einem abbruchreifen Hof in Südfrankreich gefangen, wo etwas passiert sein könnte oder nicht.

Die Hitze und die damit einhergehende Trägheit überträgt sich auf die Handlung. Sie geht nur sparsam voran, und wenn ich normal gelesen hätte, hätte ich wahrscheinlich nicht die Geduld dazu gehabt, zu Ende zu lesen. Auch die häppchenweise Anordnung des zweiten Handlungsstrangs macht dies nicht besser, im Gegenteil, das Gefühl der Zähigkeit verstärkt sich eher noch. Am Ende wird man dann mit einem für mich nicht unbedingt überraschenden Ergebnis abgespeist.

Sie sehen schon, dieses Buch hat mich ziemlich unbeeindruckt zurückgelassen. Ich halte Simon Beckett für einen durchaus guten Krimi-Schriftsteller, aber hier hat er voll daneben gehauen. Eine äußerst zähe Geschichte mit blass bleibenden Figuren und einem nicht überraschenden Ende. Hervorragend, wenn man krank ist oder sich nicht so gut konzentrieren kann, ansonsten würde ich jemandem, der einen spannenden Kriminalroman von Beckett lesen möchte, doch zu seiner David-Hunter-Reihe raten.

Bild: rowohlt.de

Simon Beckett wurde am 20. April 1968 in Sheffield, Großbritannien, geboren. Er hat nach seinem Master-Abschluss in verschiedenen Berufen gearbeitet, bevor er sich ganz dem Schreiben widmete. Bei den Recherchen für seine Romane hat er die Polizeiarbeit genau kennengelernt. Ebenso hat er intensiv auf der Body Farm der University of Tennessee recherchiert, was in seine David-Hunter-Reihe eingeflossen ist, die von einem Forensiker handelt. Er hat den Marlowe-Award erhalten und war für den Dagger-Award nominiert. Er lebt mit seiner Frau in Sheffield.

Simon Beckett: Der Hof. Aus dem Englischen von Juliane Oahnke. OA: „Stone Bruises“, 2014. DA: Rowohlt Taschenbuchverlag, 2015

David Peace – 1974

Es ist Freitag, der 13. Dezember 1974. Der Tag, an dem Edward Dunfords Vater begraben wird. Und der Tag, an dem er seinen neuen Job antritt, die heißersehnte Stelle als Gerichtsreporter. Er wird als erstes zu einer Pressekonferenz der Polizei beordert, die bekannt gibt, dass die 10jährige Clare Kemplay auf dem Heimweg von der Schule verschwunden ist. Es gibt keinerlei Hinweise, wo sie sein könnte. Alle machen sich Sorgen, niemand macht sich große Hoffnungen.

Nach der Beerdigung seines Vaters geht Edward seine Recherchen an. Es ist eine andere Atmosphäre, als man sie aus heutigen englischen Krimiserien kennt, es gibt nicht viel O1974rdnung, der Preis für Informationen ist hoch, Befragungen finden unter Ausschluss jeder Öffentlichkeit, dafür unter Anwendung jeglicher Gewalt statt. Große Teile der Arbeit laufen in dreckigen Spelunken ab, überhaupt ist der Alkoholkonsum immens. Natürlich ist immer eine Kippe zwischen den Lippen. Edward findet also bei seinen Recherchen heraus, dass Clare nicht das erste Mädchen ist, das in den letzten Jahren verschwand. Es gab mehr, im Abstand von ein paar Jahren.

Wem immer er dies sagt, reagiert skeptisch. Niemand geht darauf ein, aber er scheint gehört zu werden. Er bekommt neue Hinweise, für die er in dunkler Nacht an zwielichtige Orte bestellt wird, er wird Zeuge grausamer Ablenkungsmanöver, und nicht zuletzt bezahlt er einen hohen körperlichen Preis für seine Informationen. Und er ist nicht der einzige, der bezahlt. Jeder, der involviert ist, der seine Nase zu tief in die Angelegenheit steckt, bezahlt einen hohen Preis.

Langsam wird die Gewalt immer mehr, der Preis immer höher. Das bedeutet wohl, dass er auf der richtigen Spur ist… doch was ist der ultimative Preis, den Edward bezahlen muss, um die Wahrheit herauszufinden? Und will er sie überhaupt noch wissen?  Denn er hat schon so vieles geopfert – seine körperliche Unversehrtheit, seine geistige Gesundheit, und dann sind da auch noch seine Familie und nicht zuletzt zwei Frauen…

„1974“ ist einer der härtesten Romane, die ich je gelesen habe. Das war auch so angekündigt, und ich nehme an, deswegen ist Peace‘ Quartett so erfolgreich gewesen: er erzählt schonungslos eine grausame Geschichte. Die Polizeistrukturen im England der 70er und 80er Jahre werden bloßgelegt, die Korruption, die Gewalt, dieses „alles-tun-um-ein-Ergebnis-zu-erzielen“, und trifft es einen Unschuldigen – Pech gehabt. Nicht nur das, um von sich abzulenken, werden andere Personengruppen beschuldigt. Was hier passiert, hat mich doch sehr schlucken lassen. Und dies war nicht das einzige Mal, dass mir ein wenig schlecht wurde. Alle Aspekte dieser grausamen Geschichte werden im Detail dargestellt. Das ist für geübtere Krimileser als ich einer bin wahrscheinlich nicht so ungewöhnlich, für mich jedoch war es das.

Dennoch muss ich sagen, dass dieser Roman einen Sog entwickelt. Wie eine Schlingpflanze hält er den Leser fest und zieht ihn in den Abgrund. Man kann sich winden, so sehr man möchte, doch sie hält nur an, um ein weiteres Detail vorzuzeigen. Und dann geht es weiter, immer tiefer und immer tiefer, bis man nicht mehr weiß, wem man noch trauen kann und wem nicht. Ich hatte den Eindruck, dass Edward Dunford ein recht unzuverlässiger Erzähler ist, mit fortschreitendem Alkoholkonsum und fortschreitender körperlicher Degeneration werden die Aussagen unzuverlässiger, verschwimmen. Bis man am Ende da sitzt und nach Luft schnappt, froh, die letzte Seite umblättern und dem Sog entkommen zu können, aber auch im Bewusstsein, ein mächtiges Stück Literatur konsumiert zu haben, das man so schnell nicht vergisst.

Teil 2, „1977“, liegt seit dieser Woche bereit. Wenn mein Magen sich richtig anfühlt, geht es weiter.

Auch hier habe ich einen TV-Tipp, der die Polizeiarbeit im England der 1970er und 1980er Jahre anschaulich macht: es ist „Life on Mars“ und der daran anschließende Nachfolger „Ashes to Ashes“. Diese beiden Serien habe ich auch atemlos verfolgt, wobei das Buch um einiges härter war. Wer aber Interesse an einer Serie hat, die ebenfalls mit einem großem Clou endet, möge sie sich anschauen, aber nicht zu viel Wikipedia lesen, das verdirbt die Überraschung.

David Peace wurde 1967 in Ossett, West Yorkshire, geboren. Er studierte in Manchester und lebte nach seinem Studium viele Jahre in Istanbul und Tokio, bevor er nach England zurückging. Er hat eine japanische Frau und zwei Söhne. „1974“ ist der erste Teil des „Red Riding Quartett“, das aus den Teilen „1974“, „1977“, „1980“ und „1983“ besteht. Hier entwickelt er eine Geschichte um Polizeikorruption, die er vor dem Hintergrund der realen Morde des „Yorkshire Rippers“ Peter William Sutcliffe entwickelt. Peace‘ Romane basieren fast alle auf realen Ereignissen. Im Moment schreibt er an einer Kriminalromanserie, die in Tokio angesiedelt ist. Er hat zahlreiche Preise gewonnen.

 David Peace. Foto: Eamonn McCabe

David Peace. Foto: Eamonn McCabe

In meiner Liste steht tatsächlich nur „1977“, aber natürlich möchte ich alle Teile lesen, und diese in der richtigen Reihenfolge. Dementsprechend stelle ich hier den ersten Teil vor.

David Peace: 1974. Aus dem Englischen von Peter Torberg. OA 1999. DA Wilhelm Heyne Verlag, München, 2006. 384 Seiten.

Buch #56: Mark Haddon – Supergute Tage oder Die sonderbare Welt des Christopher Boone

Ein superguter Tag ist es, wenn man auf dem Weg zur Schule fünf rote Autos hintereinander sieht. Tolle Sachen sind Primzahlen und mathematische Rätsel. Nicht schön ist es, wenn man drei oder mehr gelbe Autos sieht, dann wird der Tag schlecht und man sollte sich in Acht nehmen. Dann isst man z.B. besser nichts, denn auch die rote Lebensmittelfarbe, mit der man unangenehmes gelbes oder braunes Essen einfärben kann, hilft nicht weiter.

Christophers bester Freund ist seine Ratte Toby, und er besucht eine Sonderschule, weil er Probleme in einer richtigen Schule hätte. Aber er ist supergut in Mathematik, weswegen er sein Fachabitur in dem Fach ablegen möchte. Wenn nur nichts dazwischen kommt – wie der plötzliche Tod von Nachbarshund Wellington, den Christopher sehr geliebt hat.

Christopher leidet am Asperger-Syndrom, einer Form von Autismus, bei der Menschen Probleme haben, Gefühle und Stimmungen zu verstehen und interpretieren. Auch Unordnung und Unregelmäßigkeiten verwirren sie. Dafür ist es oft so, dass sie in einem Aspekt sehr gut sind, wie Christopher mit der Mathematik, aber es gibt zum Beispiel auch Maler, die sich jedes Detail einprägen können oder Musiker, die Harmonien perfekt beherrschen.

Nun erfährt Christophers Leben also so eine Unregelmäßigkeit, einen Schock. Nachbars Pudel ist tot. Und Christopher, der vor zwei Jahren seine Mutter verloren hat und nun bei seinem Vater lebt, beschließt, diesen Verlust nicht auf sich beruhen zu lassen und den Täter ausfindig zu machen. Dass er uns davon erzählt, verdanken wir seiner Lehrerin Shiobhan, die Christopher rät, seine Geschichte aufzuschreiben, damit er sie besser verarbeiten kann. Und er erzählt uns also von all den Dingen, die er auf sich nimmt, um Wellington zu rächen. Er muss zum Beispiel die Nachbarn befragen, das bedeutet, dass er an deren Türen klingeln und mit ihnen reden muss, was ihm nicht ganz leicht fällt.

Auch wenn die meisten Leute nett zu ihm sind, können sie ihm doch bei seiner Untersuchung nicht helfen. Aber nicht nur das, in den Reaktionen der Menschen liegt noch etwas anderes, das Christopher nicht ganz herleiten kann. Sie verhalten sich mitleidig und fürsorglich, und reden äußerst vorsichtig von seiner Mutter. Warum bloß?

Als Christopher schließlich herausfindet, wer Wellington ermordet hat, kommt das einem Erdbeben in seinem Leben gleich. Nun muss er ganz mutig sein und Dinge tun, die ihm früher nicht im Schlaf eingefallen wären. Wird er sich behaupten können und mit seiner neuen Situation zurechtkommen?

Supergute Tage oder Die sonderbare Welt des Christopher Boone ist ein sehr leicht zu lesender Roman, wird er doch aus der Sicht eines autistischen Jugendlichen erzählt. Dann wiederum ist er nicht so leicht zu lesen, denn seine Sicht ist die einzige, die wir bekommen. Wir sehen seine eingeschränkte Welt, die sich in klaren Linien befinden muss, doch zum Beispiel die Welt seines Vaters, der als Alleinerziehender mit Christopher umgehen muss, wird nur am Rande berührt. Die Sorgen und Nöte, die er ausstehen muss, werden von Christopher gar nicht wahrgenommen, ebenso wenig, wie schwierig es ist, ihm diese „einfache“ Welt zu kreieren.

Geholfen hat mir hierbei, dass ich vor einiger Zeit eine Serie gesehen habe, Parenthood, in der unter anderem das Aufwachsen eines autistischen Jungen gezeigt wird. Hier erfährt man beide Perspektiven, die Sicht des Jungen, aber auch die Not der Eltern. Wen das also interessiert, dem kann ich diese Serie nur empfehlen.

Mark Haddon hat viele Jahre mit autistischen Jugendlichen gearbeitet, daher hatte er einen guten Einblick in ihre Sicht auf die Welt. Und ich denke, das hat er sehr gut vermittelt. Der Weg, den Christopher geht, ist ein für ihn sehr schwieriger, und es ist großartig, wie Haddon die Gedankengänge und „Mutproben“ beschreibt, wie Christopher die Ängste überkommt oder ganz zurückweicht, wenn er überhaupt nicht mit der Situation umgehen kann. Ich hätte mir allerdings gewünscht, dass es etwas offensichtlicher geworden wäre, wie Christophers Umwelt mit ihm zurechtkommen muss, aber dann wiederum ist der Roman aus Christophers Sicht geschrieben und es ist eben diese Form der Krankheit, die dies verhindert.

Ich habe den Roman sehr gern gelesen, er liest sich leicht und flüssig weg und man fiebert mit, ob Christopher in seinem Leben ankommt, ohne zu große emotionale Eruptionen zu erleben, oder falls doch, wie er sie meistert. Es ist ein einzigartiger Blickwinkel, und ich bin froh, diesen gelesen zu haben. Dementsprechend: Leseempfehlung für alle!

Bild: bbc.co.uk

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Mark Haddon wurde am 26. September 1962 in Northampton geboren. Er studierte in Oxford und an der Edinburgh University. Hauptsächlich verfasst er Kinder- und Jugendbücher,und er hat ein Drehbuch für die BBC geschrieben. 2003 bekam er den Whitbread Book of the Year Award für Supergute Tage. Er ist verheiratet und lebt in Oxford.

Mark Haddon: Supergute Tage oder Die sonderbare Welt des Christopher Boone. Aus dem Englischen von Sabine Hübner. Wilhelm Goldmann Verlag, München, 2005 (OA: 2003). 283 Seiten.