Michelle Obama – Becoming

Michelle Obama hat mit ihrer Autobiographie den Jahresbestseller 2018 geschrieben, und auch bei mir lag das Buch unter dem Weihnachtsbaum. Ich wollte mehr über diese Frau wissen, die sich so vielen Anfeindungen ausgesetzt sah und ihre Zeit als First Lady doch mit so viel Integrität, Würde und anscheinend auch Freude durchlebte.

Michelle Robinson wuchs in einem Vorort von Chicago auf, in einer Familie, die nicht reich an Geld, aber doch reich an Liebe war. Das betont sie immer wieder. Ihr Vater war sehr krank, beklagte sich jedoch nie und ging zur Arbeit, so lange es irgendwie ging. Ihre Mutter blieb zu Hause bei den Kinder, Michelle und ihrem älteren Bruder Craig, und focht so manchen Kampf mit ihnen und für sie aus. So z.B. als man Michelle in der zweiten Klasse in eine Abstellkammer von Schulklasse steckte mit der Prämisse, es lohne sich nicht, ihr Bildung zu verschaffen. Michelle wurde dann in eine andere Klasse versetzt.

So zog es sich durch ihre Schulkarriere, bis ihr eine Collegeberaterin sagte, sie sei kein Material für ein Ivy-League-College. Auch hier setzte sie sich durch, studierte Jura und fing dann schließlich in einer Kanzlei in Chicago an. Michelle war und ist eine ordnungsliebende Frau, die gerne plant und weiß, was auf sie zukommt. Unordnung und Spontaneität bereiten ihr Unbehagen. Zudem plagt sie sich seit ihrer Schulzeit immer mit der Frage herum, ob sie gut genug ist. Nun ist sie in einer großen Kanzlei, als schwarze Frau, und ist stolz auf ihren Erfolg.

Und dann lernt sie einen Mann kennen – Barack Obama. Barack, der Spontane, der Belesene, der Chaotische, der Menschenfreund. Es dauert einige Zeit, doch es ist klar, dass er der Mann ihres Lebens ist. Und er wird dieses Leben gewaltig durcheinander wirbeln. Und der erste schwarze Präsident der USA werden, mit ihr an seiner Seite, und all der Kontroverse, die das mit sich bringt.

Michelle Obama berichtet in einem angenehmen, unaufgeregten Stil über ihr Leben. Sie beschreibt, wie ihre liebende Familie ihr immer das Gefühl gegeben hat, dass sie alles schaffen kann, auch wenn die äußeren Umstände oft dagegen sprachen. Sie beschreibt die schwierigen Dinge klar, aber nicht mitleidheischend, sie spricht über die Verwirrungen und über die Fortschritte, und die immer zugrunde liegende Angst, nicht gut genug zu sein.

Barack und sie führen von Beginn an eine Ehe, in der sie sich nicht oft sehen, da er früh in die Politik geht und oft mehrere Tage die Woche unterwegs ist. Dennoch halten sie sich immer „Paarzeit“ frei, in der sie nur für sich da sind und ihre Woche rekapitulieren. Und als die Kinder kommen, wird es für Michelle schwierig, doch mit der Unterstützung ihrer Mutter, und auch mit Eheberatung, finden die beiden einen Weg.

Dann kandidiert Barack für die Präsidentschaft, und Michelle findet ganz neue Seiten an sich. Sie steigt voll in den Wahlkampf ein, will keine Puppe an der Seite ihres Mannes sein, jedoch auch die Kinder nicht vernachlässigen, und stellt sich immer weiter die Frage, ob sie allen und allem gerecht wird.

Sie schaffen es ins White House, und auch hier will Michelle nicht, wie so manch andere Präsidentengattin, einfach da sein, sondern den neuen Einfluss, den sie nun gewonnen hat, auch nutzen. Sie gründet insgesamt vier Initiativen, mehr als jede andere First Lady, hauptsächlich für Kinder, aber auch für Veteranen.

Aber immer wieder und immer deutlicher zeigt sich der Riss, der durch das Land geht. Von Anfang an sind die Republikaner rasend, sie stellen sich gegen alles, was der Präsident vorschlägt, einfach nur um dagegen zu sein. Es ist egal, ob es allen Menschen nützen würde, sie sagen einfach nein. Man sieht, wohin diese Entwicklung geführt hat. Heute sind so viele Menschen überall damit beschäftigt, dagegen zu sein. Will man jedoch eine andere Lösung, einen Weg hören, den sie beschreiten möchten, dann herrscht große Stille. Obama hatte Visionen, er wollte, dass jeder Amerikaner krankenversichert ist, er wollte, dass kein Amerikaner, schon gar keine Kinder, wahllos erschossen wird, und noch so vieles mehr. Man siehe, wohin das Dagegen-Geschrei geführt hat, man betrachte, wie gut es den Menschen im Moment geht.

Und das ist es auch, was mich am meisten beschäftigt nach dem Lesen der Autobiographie: wie viele Menschen es gibt, die einfach nur gegen alles sein wollen. Hier ist mal jemand, der wirklich versuchen will, etwas zu verbessern, der Lösungen anbietet (natürlich nicht immer und ausschließlich, aber es waren welche da), und alles, was als Reaktion kommt, ist: „Es gibt ja gar kein Problem“ oder „Nein, das ist ja alles so falsch“. Gestern las ich die Reaktionen im Spiegel auf Greta Thunberg, und hier ist es das gleiche Geschrei: „Es gibt keinen Klimawandel“, „So ein Mädchen hat doch keine Ahnung, die soll spielen gehen“ und „Ich möchte auf absolut gar nichts verzichten, es geht hier nur um mich, und Zukunftsangst ist irrational“. Der gleiche Vorgang: Sie schreien nieder, sie belächeln, sie machen klein, und fühlen sich selbst so groß.

Das hat jetzt nicht mehr viel mit dem Buch an sich zu tun, aber doch vieles mit der Botschaft, die bei mir hängen geblieben ist: Es ist nicht einfach, sich gegen andere zu stellen, und wenn du wirklich Lösungen hast und klug bist, dann werden sie dich wegen deines Körpers oder sonstiger Dinge klein machen. Lass es nicht zu. Denn (und das ist für mich der wichtigste Satz, den Michelle Obama je sagte): „When they go low, we go high.“

Hierzu kann und sollte man sich inspirieren lassen.

Michelle Obama: Becoming. Aus dem amerikanischen Englisch von Harriet Fricke, Tanja Handels, Elke Link, Andrea O’Brien, Jan Schönherr und Henriette Zeltner. Wilhelm Goldmann Verlag, München, 2018. OA: Becoming. Crown Publishing Group, 2018. 543 Seiten.

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Mark Thompson – El Greco und ich

Es ist 1968. J.J. ist zehn, und er hat einen besten Freund: Tony Papadakis, den er „El Greco“ nennt. Die beiden machen alles zusammen und, falls mal etwas schief läuft, wie zum Beispiel die Auswirkungen einer heimlich gerauchten Zigarette, dann halten sie zusammen wie Pech und Schwefel. Echte Freunde, Buddies, die Art, die man nur einmal im Leben hat.

El Greco liest viel, und er hält J.J. immer mit kleinen Fakten auf dem Laufenden. Der wichtigste Fakt ist, dass der Pazifische Ozean so groß und herrlich ist, dass der Atlantik, den sie von ihrem geheimen Treffpunkt aus sehen, wie eine kleine Pfütze scheint. Den Pazifik zu sehen, da ist er sicher, wäre das Tollste, was ihm im Leben passieren kann.

Die beiden teilen kleine Nöte, wie unfaire Brüder, oder große Nöte, wie unfaire Väter miteinander. Und wenn einer von ihnen in Schwierigkeiten ist, tut der andere alles, um ihm zu helfen. So müssen sie so manche Prüfung bestehen und Probleme überwinden.

Dann, eines Tages, steht eine große Sache an: ein Road-Trip nach Savannah, bei dem die beiden viel von ihrem Land sehen und wo ihnen die Augen geöffnet werden über die Probleme, die das Land beherrschen. Aber nicht nur das bekommen sie zu sehen, auch die Schönheiten des Landes werden offenbar. Am Ende sind sie etwas erwachsener geworden, die beiden Jungs, die sind wie Pech und Schwefel. Und haben doch noch so viele Prüfungen vor sich.

„El Greco und ich“ ist ein kleines Schmuckstück. Der Roman, aus der Sicht des zehnjährigen J.J. erzählt, bleibt in der Perspektive und der Erlebniswelt eben dieses Jungen. Die Freundschaft der beiden, die unbedingte Loyalität, die kleinen und großen Schwierigkeiten, alles wird hautnah an den Leser herangetragen.

Man fühlt sich in seine Kindheit zurückversetzt, als man an heißen Sommertagen im Gras lag und den Wolken hinterherschaute, als man noch große Pläne hatte und die Zukunft unendlich schien. Kleine und große Ereignisse, eigentlich machte alles fast gleich viel Eindruck, war wichtig und aufregend und schwierig und irgendwie absolut.

Und so fiebert man mit den beiden mit, hofft, dass sie davon kommen, wenn sie Mist gebaut haben, hofft, dass sie durchstehen, was ihnen an Prüfungen auferlegt werden und freut sich, wenn ihre Freude sie beherrscht. Und am Ende, ja, da muss man vielleicht eine große Träne verdrücken. Ich bin froh, die beiden nun in meinem Leben zu haben, da man manchmal überlegen sollte, ob das Kleine im Leben wirklich klein und das Große wirklich so groß ist, oder ob wir im Verlauf der Jahre unsere Prioritäten nicht vielleicht ein wenig in die falschen Richtungen verschoben haben.

Und selbst wenn man dies nicht tut, hat man immer noch eine spannende Geschichte über zwei Jungs, die in einer spannenden Zeit leben, eine Geschichte, die bestens unterhält und einen oft glücklich in sich hineinlächeln lässt.

Mark Thompson, 1858 geboren und aufgewachsen ind Stockton-on-Tees, studierte Politikwissenschaft an der London Guildhall University, hat viele Jahre in Spanien verbracht, intensiv die USA bereist und spielt Gitarre in einer Rockband. „El Greco und ich“ ist sein erster Roman. Mark Thompson lebt mit seiner Familie in York. (Klappentext)

Mark Thompson: El Greco und ich. Aus dem Englischen von Katja Scholtz. mareverlag, Hamburg, 2018. OA: Dust. RedDoor Publishing, 2016. 240 Seiten.

Ich danke dem mare Verlag für das Rezensionsexemplar. Meine Meinung wurde in keiner Weise beeinflusst.

Frank Schätzing – Die Tyrannei des Schmetterlings

Vieles schon habe ich von ihm gelesen, angefangen mit seinem Historienroman „Tod und Teufel“ über den „Schwarm“ zu „Limit“. Nun also „Die Tyrannei des Schmetterlings“, Schätzings neuer, wieder sehr umfangreicher Roman, für den er sich in das Gebiet der künstlichen Intelligenz begibt.

Protagonist des neuen Romans ist Luther Opoku, Sheriff eines kleinen Countys in den USA, zweihundert Meilen vom Silicon Valley entfernt. Er wird zu einem Mord hinzugerufen, eine Mitarbeiterin der Nordvisc Inc., eines großen Internetunternehmens, wird tot aufgefunden. Er beginnt zu ermitteln. Diese Ermittlungen führen ihn zu einer geheimen Forschungsstation des Unternehmens, das jahrelang genau unter seiner Nase verborgen in den Wäldern seines Countys lag. Hier beginnt die nun die Wirklichkeit aufzubrechen…

Er wird freundlich aufgenommen bei Nordvisk, man beantwortet seine Fragen, ist besorgt um die Mitarbeiterin. Aber etwas scheint nicht so wie es sein sollte, und Luther kehrt zurück, nachdem er brisantes Material findet. Nun ist man nicht mehr so freundlich und hilfsbereit, er wird zum Gejagten. Als er über eine geheimnisvolle Brücke läuft, findet er sich in seinem Ort wieder. Same same but different. Etwas ist anders.

Er muss feststellen, dass er in einem Paralleluniversum gelandet ist, aber auch hier ein Gejagter ist. Er wehrt sich, findet Verbündete und Teilchen um Teilchen deckt er eine undenkbare Realität auf, die ihn in Dimensionen führt, die er sich vorher nicht einmal hat vorstellen können…

Frank Schätzing hat in seinem neuen Roman das Thema der Künstlichen Intelligenz aufgegriffen, und tut das gewohnt umfangreich, wobei er Virtual Reality, Paralleluniversen, Datamining, und was nicht noch alles in seine Story mit einbezieht. Das ist eine ganze Menge, da vieles Zukunftsmusik ist und manches Theorie, und mit dem Darstellen und Erklären könnte der Eine oder die Andere, wie ich auch, manchmal einige Probleme bekommen.

Dazu bedient sich Schätzing wieder einer sehr ausufernden Sprache, er nimmt sich viel Zeit, seinen Plot zu entwickeln, schafft es jedoch auch, ihn manchmal filmisch wirken zu lassen – also, sich die Szene entwickeln zu lassen und dann, wie in einem Actionfilm, die Handlung in den Zeitraffer zu werfen. Diese Teile lesen sich auch ratzfatz weg. Die anderen muss man mögen, das langsame Ausbreiten des Panoramas, die umfangreichen Erklärungen der handelnden Personen, die daraufhin manchmal nicht soo überraschenden Entwicklungen.

Ich bin ein wenig zwiegespalten. Ich mochte vor allem den „Schwarm“ sehr gerne, hat er mir doch damals eine Gedankenwelt eröffnet, die mir nicht präsent war, mich aber seitdem begleitet. Auch seine Landung auf dem Mond in „Limit“ habe ich gerne gelesen, obwohl ich mich auch hier an so einiges Langwierige erinnere. Hier nun war ich des Öfteren kurz davor, das Buch beiseite zu legen, da die Story nicht vorankam. Die ausschweifenden Beschreibungen sind meines auch nicht, ich hätte gerne etwas mehr Tempo gehabt.

Die Story jedoch hat mich interessiert, genug, um am Ball zu bleiben. Ich wollte wissen, worauf er hinauswill, ich wollte herausfinden, was es mit allem auf sich hatte, ich wollte sehen, wie es den (verschiedenen) handelnden Personen ergeht. So muss ich am Ende sagen, dass ich dieses Buch einigermaßen zwiegespalten beiseite lege.

Frank Schätzing: Die Tyrannei des Schmetterlings. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln. 2018. 734 Seiten.

Ich danke Kiepenheuer & Witsch für das Rezensionsexemplar. Meine Meinung wurde in keiner Weise beeinflusst.

Dennis Lehane – Der Abgrund in dir

**Ich habe mich bemüht, die Spoiler so gering wie möglich zu halten, aber alle potentiellen Leser seien bitte trotzdem gewarnt, ganz ohne kommt die Besprechung nicht aus**

Dennis Lehanes neues Werk „Der Abgrund in dir“ kommt als zweigeteilter Roman zu seinen Lesern. Ist der erste Teil eine Art Charakterstudie, wandelt der zweite Teil diese in eine Art Actiongeschichte um. Ein Teil gefiel mir, einer nicht.

Die Protagonistin in „Der Abgrund in dir“ ist Rachel Childs. Sie wächst nur mit ihrer Mutter auf, die ihr nie verrät, wer ihr Vater ist. Selbst ist die Mutter Autorin eines Bestsellers über Beziehungen; wo sie jedoch ihr Wissen hernahm, war Rachel stets ein Rätsel. Als die Mutter bei einem Autounfall stirbt, nimmt sie ihr Geheimnis mit ins Grab. Doch Rachel gibt die Suche nach ihrem Vater nicht auf. Hier findet sie Verbündete, doch es ist fast unmöglich, auch nur eine Spur von ihm zu finden, vor allem mit den äußerst dürftigen Informationen, die Rachel besitzt.

Sie wird Journalistin, und sie arbeitet hart, um eine der führenden Reporterinnen zu werden. Schließlich schickt man sie nach dem verheerenden Erdbeben nach Haiti. Dort erlebt sie die Hölle auf Erden und wird nie wieder dieselbe sein. Sie erleidet vor laufender Kamera eine Panikattacke und zieht sich daraufhin völlig zurück. Ihre Ehe zerbricht, sie verlässt kaum noch das Haus, bis sie eines Tages durch Zufall einen alten Bekannten wiedertrifft: Brian Delacroix, der ihr bei der Suche nach ihrem Vater half.

Die beiden kommen sich näher, und Brian versucht, Rachel langsam wieder ins Leben zurück zu helfen… Hier beginnt nun der zweite Teil, von dem ich nicht viel erzählen kann, ohne zu spoilern. Die Ereignisse nehmen eine Wendung, die die ganze Geschichte auf den Kopf stellt. Es ist sozusagen der „Spannungsteil“ des Romans, der verfilmt wohl einige gute Actionszenen hergeben würde.

Doch mir hat gerade der erste Teil sehr gut gefallen, ich fand den langsamen Aufbau von Rachels Lebensgeschichte und ihren Problemen äußerst gelungen. Lehane betreibt, wie immer in einer sehr feinen und unaufdringlichen Sprache, eine behutsame Charakterstudie einer zerbrochenen Frau. Mich hätte jetzt interessiert, wie sie wieder ins Leben zurückfindet, wie sie ihre Traumata überkommen kann, ob und wie sie ihre Erlebnisse produktiv verarbeiten kann.

Doch die Wendung im Roman findet einen anderen Weg für Rachel, und mich persönlich hat dieser Weg überhaupt nicht angesprochen. Ich fand, Lehane macht gewissermaßen alles lächerlich, was er vorher so behutsam aufgebaut hat. Klar, die Geschichte liest sich knallerschnell weg, man will sicher wissen, wie es weitergeht, was einen guten Spannungsroman ja auch ausmacht. Aber will man dies, warum dann der ausgedehnte erste Teil?

Für mich beweist der erste Teil wieder einmal, was für ein feiner Schriftsteller Dennis Lehane ist, genau wie schon in Mystic River gefällt mir auch hier sein Schreibstil sehr gut. Auch den Aufbau seiner Figur, mit der ganzen Hintergrundgeschichte über ihre Familie und ihre Traumata, fand ich äußerst gelungen. Doch die Lösung, die er für sie findet, war für mich absolut enttäuschend, das hat die Figur nicht verdient.

So bleibt bei mir ein enttäuschtes Gefühl zurück und der Roman als Empfehlung für eine Abwechslung zwischendurch, aber nicht als Must-read. Schade, Mr. Lehane, da hätten Sie viel mehr draus machen können.

Dennis Lehane: Der Abgrund in dir. Aus dem Amerikanischen von Steffen Jacobs und Peter Torberg. Diogenes, 2018. OA: Since we fell. HarperCollins, New York, 2017. 525 Seiten.

Ich danke dem Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar.

Tara Westover – Befreit

Neulich erreichte mich ein Buchpäckchen (ich liebe das!) und als ich es auspackte, hatte ich „Befreit – Wie Bildung mir die Welt erschloss“ in der Hand. Ich las den Klappentext und war sofort eingenommen, konnte das Wochenende nicht erwarten. Also begann ich Samstag Mittag mit Taras Geschichte und Sonntag Abend legte ich das Buch emotional ausgedörrt und mit Tränenströmen auf meinen Wangen beiseite. Nächtelang habe ich davon geträumt und man sieht – dies ist kein Buch, das einen wieder verlässt.

Aber von vorne. „Befreit“ ist die Autobiographie einer nun 32jährigen Frau. In dem Alter eine Biographie zu schreiben, scheint ein wenig exzentrisch. Aber Tara Westover hat eine Menge zu erzählen. Sie wurde in einem Kaff in Idaho geboren, am Fuß eines Berges, den sie die „Prinzessin“ nennt und der ihr Zeit ihres Lebens Kraft und Ruhe gegeben hat. Anders als ihre Familie.

Sie wächst in einer Mormomenfamilie auf, als jüngstes von sieben Kindern. Ihr Vater ist ein fundamentalistischer Mormone, der glaubt, die Regierung wolle sie einer Gehirnwäsche unterziehen. Und so haben die Kinder weder eine Geburtsurkunde, noch dürfen sie zur Schule gehen. Ihr Vater glaubt, alles, was sie wissen muss, könnten er und seine Frau ihr beibringen. So lernt sie zu lesen und ein wenig Mathematik, aber das war es praktisch.

Ein weiterer Aspekt des Glaubens ihres Vaters ist die tiefe Abneigung gegen die Schulmedizin. Er denkt, alle Medikamente zerstörten den Körper, der doch Gottes Behältnis sei, das man nicht beschmutzen dürfe. Taras Mutter wird auf sein Geheiß hin Hebamme, so dass sie anderen helfen kann, von Krankenhäusern fernzubleiben. Außerdem ist sie gut mit Heilpflanzen und Elixieren, die sie selber macht und so die Familie mit ein wenig Einkommen unterstützt.

Geld – davon ist nicht viel da. Ihr Vater betreibt einen Schrottplatz, die Söhne gehen ihm hier zur Hand. Es ist harte Arbeit, die Metalle zu trennen, und nicht selten geschehen Unfälle. Schwere Unfälle, die dann mit Elixieren behandelt werden. Er ist unter ständigem Zeitdruck, sieht den Profit vor seinen Augen davonwehen, und dementsprechend ist die Arbeitsumgebung. Eines Tages hört er von einem Fall, in dem die Regierung bzw. das FBI mit einer Mormomenfamilie aneinander gerät und projiziert das auf seine Familie, weswegen sie ständig To-go-Rucksäcke bereit stehen haben, sollte die Regierung kommen und sie verfolgen wollen.

Doch Tara wächst damit auf, und da sie so gut wie keinen Kontakt zur Außenwelt hat, ist diese Welt und das Glaubenssystem ihres Vaters alles, was sie kennt. Sie weiß zwar, dass ihre Familie irgendwie anders ist, doch sie denkt, dass ihre Lebensauffassung die einzig richtige sei. Aber Dinge passieren, und sie wird immer mal wieder stutzig, fragt sich, ob das der einzige Weg sei. Mit zehn oder elf hat sie eine Art „Erweckungserlebnis“, als sie bei ihrem Bruder zum ersten Mal professionelle Chormusik hört.

Dieser Bruder ist älter und sieht etwas weiter, er will aufs College und lernt selbständig für die Aufnahmeprüfung. Tara und er sind am engsten unter den Geschwistern, aber das ändert sich, als er aufs College geht und bald darauf ein anderer Bruder, der vor Jahren wegging, wiederkommt: Shawn. Ein Alptraum ganz anderer Art beginnt für Tara.

Viele, viele Dinge geschehen, bis Tara, mit siebzehn Jahren, selbst aufs College geht. Sie ist eine krasse Außenseiterin, hat keine Ahnung von der wirklichen Welt (soweit ein mormonisches College diese widerspiegelt), und hat große Bildungsdefizite. Doch mit jedem Schritt, jedem Häppchen Bildung, das sie sich aneignet, wird sie mehr und mehr zu einer selbständigen Person, die in der Lage ist, Fragen zu stellen.

Diese Fragen werden ihr gesamtes Leben auf den Kopf stellen, vor allem, als ein schlimmer Unfall geschieht, der ihren Vater noch tiefer in seinen Glauben treibt. Und er will sie retten, vor der Gehirnwäsche, der bösen Welt, vor sich selbst. Doch Tara ist nicht mehr das kleine Mädchen, das sie war, und bekommt von unerwarteten Seiten Hilfe.

Taras Geschichte ist klar und relativ emotionslos geschrieben, sie erzählt, wie es war, hält sich jedoch mit ihren Gefühlen einigermaßen zurück. Dadurch bekommt dieses Buch eine große emotionale Kraft, man wird so tief in ihre Geschichte hineingezogen, wird beteiligt, möchte durch die Tür stürmen und das Mädel da rausholen, man leidet mit und weiß nicht, wie man mit diesem Wahnsinn umgehen soll.

Es ist eine beeindruckende Geschichte über einen Menschenschlag, mit dem man hier in Europa nicht unbedingt vertraut ist. Man stellt sich etwa Trumps Stammwähler in dieser Art vor, wobei Taras Vater wohl niemals wählen würde. Ich weiß nicht, warum die Regierung dort nicht mal nachschaut, zumindest sieht, ob es den Kindern gut geht. Aber es gibt wahrscheinlich keinen Grund, sie weiß ja lange Zeit nicht einmal, dass diese Kinder überhaupt existieren. Und das alles geschieht nicht vor wie vielen Jahren, sondern immer noch, heute, in unserer „modernen“ Welt.

Ich möchte jedem, der nicht ganz zartbesaitet ist, dieses Buch ans Herz legen. Es ist eine Emanzipationsgeschichte, die beide Seiten zeigt, und die herausstellt, dass das Leben nicht schwarz oder weiß ist, sondern viele Facetten hat, und dass das Verurteilen nicht so einfach ist, wie es auf den ersten Blick scheint. Es sollte – zumindest in Auszügen – in Schulen gelesen werden, denn es wird so deutlich, wie wichtig Bildung ist, wenn man sein Leben mündig leben und nicht irgendjemandem nach dem Mund reden will, weil man es nicht besser weiß. Das würde vielen Menschen guttun.

Tara Westover wurde 1986 in Idaho, USA, geboren und lebt heute in Großbritannien. 2008 erwarb sie den Bachelor of Arts and der Brigham Young University. Am Trinity College, Cambridge, machte sie 2009 einen Abschluss als Master of Philosophy und promovierte 2014, nach einem Abstecher an die Harvard University, in Cambridge in Geschichte. „Befreit“ ist ihr erstes Buch. (Klappentext)

Tara Westover: Befreit. Aus dem amerikanischen Englisch von Eike Schönfeld. Verlag Kiepenheuer & Witsch, 2018. OA: Educated. Second Sally, Ltd., 2018. 444 Seiten.

Ich danke Kiepenheuer & Witsch für das Rezensionsexemplar.

Bettina Baltschev – Hölle und Paradies. Amsterdam, Querido und die deutsche Exilliteratur

Für Hölle und Paradies. Amsterdam, Querido und die deutsche Exilliteratur hat sich Bettina Baltschev auf die Spuren eines Verlages begeben, der 1933 von Emanuel Querido und Fritz Landshoff gegründet wurde. Querido, Amsterdamer Jude, und Landshoff, deutscher Flüchtling, wollten die deutschsprachige Literatur veröffentlichen, die die Nazis für verboten erklärt hatten, sie wollten all den anderen Exilanten eine Stimme geben.

Anhand ausgesuchter Plätze in Amsterdam (mit Foto!) erzählt Bettina Baltschev nun die Ereignisse, die zur Gründung des Querido Verlages führten, stellt die Personen vor und verfolgt die Geschichte des Verlages und somit die Geschichte der Exilanten. Nach einem Prolog im heutigen Amsterdam beginnt sie mit Amsterdam Centraal, der für die Ankunft Landshoffs in den Niederlanden steht. Er hatte bereits den Gustav Kiepenheuer Verlag in Berlin mitgeleitet, somit das Wissen und die Verbindungen zu vielen Autoren.Also wird er derjenige, der für die Autorenacquisition zuständig ist; er reist durch ganz Europa und verhandelt mit z.B. Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger, Arnold Zweig, Anna Seghers oder Joseph Das Roth, die alle bei ihm veröffentlichen wollen.

Das Verlagsgebäude in der Keizersgracht 333, das Café Américain, Zandvoort, das Café Scheltema, das Concertgebouw, der Waterlooplein, Laren, die Hollandsche Schouwburg und der Spui sind die Orte, anhand derer Bettina Baltschev ihre Rekonstruktion der Ereignisse aufbereitet.

So lernen wir Emanuel Querido kennen, der schon ein erfolgreicher Verleger ist und sich nun einen Namen als internationaler Verleger machen möchte. Wir verkehren mit Klaus Mann, der ein enger Freund Landshoffs ist, im Café Américain, in dem sie viele weitere Exilanten trafen, sich mit ihnen berieten, sich von ihren Ängsten erzählten oder einfach nur schweigend tranken. Zandvoort, der nahe gelegene Strand, bringt ein paar Stunden oder Tage der Erleichterung vor der Angst, die ständig in ihrem Nacken saß.

Das Café Scheltema, exemplarisch ausgewählt für die Geschichte Joseph Roths, folgt. Danach folgen das Concertgebouw, das einer anderen Kunstform Platz gibt, und der Waterlooplein, der die Geschichte der Amsterdamer Juden verkörpert. Und wir begeben uns nach Laren, einem Ort in der Nähe Amsterdams, in dem Querido wohnt und viele Besucher empfängt.

Dann muss die Stimmung natürlich irgendwann kippen, und die Hollandsche Schouwburg wird zum „Theater des Grauens“, zur Sammelstelle der Amsterdamer Juden, von der aus sie in die Lager weitergeleitet werden. Anhand des Spui wird die Geschichte des Verlages nach dem Krieg weitererzählt, bis in die heutigen Tage.

Hölle und Paradies, ein wirklich gelungener Titel, denn beides muss Amsterdam für die Exilanten bedeutet haben. Paradies in den ersten Jahren, da man sich mehr oder weniger frei bewegen und seine Werke schreiben und veröffentlichen konnte. Amsterdam als liberale, offene Stadt bot eine Zuflucht an, als die Welt in ihrem Osten dunkel zu werden begann. Doch die Exilanten hatten die Dunkelheit in sich, konnten ihr nicht entfliehen. Bis auch Amsterdam zur Hölle wurde.

Baltschev schreibt ein Sachbuch, das sich wie ein Roman liest. Sie streut ihre heutigen Spaziergänge und die Lektüre ein, wodurch man sich ganz nah an der Stadt und den Ereignissen fühlt. Die vielen Zitate, vor allem aus den Briefwechseln der Exilanten, geben die Möglichkeit, sich ganz in die Geschehnisse hereinzuversetzen. Und so ist dieses Buch eine bittersüße Ode über eine dunkle Zeit, die mit einigen hellen Flecken gesprenkelt ist, an mutige Menschen und eine wundervolle Stadt.

Im Anhang gibt es noch eine von Bettina Baltschev verwendete Literaturliste und die Bücher, die im Querido Verlag veröffentlicht wurden. Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich zwar von vielen der Schriftsteller gehört, aber noch erstaunlich wenig davon gelesen habe. Tatsächlich sind der Mephisto und Anna Seghers Transit und Das siebte Kreuz die einzigen echten deutschen Exilromane, die ich in meinem Regal gefunden habe. Oder zählen alle Romane von Schriftstellern, die im Exil waren, dazu? So wie Das Kunstseidene Mädchen von Irmgard Keun, welches 1932 veröffentlicht wurde, sie ging jedoch 1933 ins Exil? Genau wie beim Radetzkymarsch von Joseph Roth? Oder Arc de Triomphe von Erich Maria Remarque, das 1946 veröffentlicht wurde, er aber wurde 1947 amerikanischer Staatsbürger?!

Genug Fragen also, um sich weiter mit dieser Literatur zu beschäftigen! Was ich auch tun werde, Bettina Baltschev sei dank!

Bettina Baltschev, geboren 1973 in Berlin, studierte Kulturwissenschaften, Journalistik und Philosophie in Leipzig und Groningen. Sie ist Autorin und Redakteurin beim Hörfunk der ARD und pendelt zwischen ihrem Wohnort Leipzig und ihrer zweiten Heimat Amsterdam. 2008 erschien „Ein Jahr in Amsterdam. Reise in den Alltag.“ (Herder) (Verlagsinformation)

Am 28. Juli und am 4. August veranstaltet Bettina Baltschev im Rahmen des Literarischen Sommers jeweils einen Spaziergang in Amsterdam, auf den Spuren ihres Buches. Ich hoffe, ich werde an einem der beiden Termine teilnehmen können!

Ich danke dem Berenberg Verlag ganz herzlich für die Überlassung eines Rezensionsexemplars!

Eine weitere Besprechung findet sich bei ZeichenundZeiten.

Dennis Lehane – Mystic River

Dennis Lehane wirft seine Leser mitten rein ins Geschehen, ein Prequel erzählt die Geschichte von drei Jungs, Dave, Jimmy und Sean, die trotz ihrer Klassenunterschiede beste Freunde sind. Eines Tages ziehen sie durch die Straßen und ein Auto hält neben ihnen. Etwas Schlimmes wird einem von ihnen zustoßen, und sie wissen noch nicht, wie sehr sich dieses Ereignis durch ihre Lebensläufe ziehen wird.

25 Jahre später wird ein Mädchen tot aufgefunden. Es ist Katie, Jimmys Tochter, von allen geliebt. Niemand kann sich einen Reim darauf machen, wer sie umbringen können wollte. Sean ist nun Polizist und wird mit dem Fall betraut. Die Nähe zu seinen früheren Freunden hilft dem Fall so viel wie er ihn behindert.

Doch das ist nicht das Einzige, was in dieser Nacht geschieht, und alles scheint irgendwie zusammenzuhängen und zu dem einen Tag 25 Jahre früher zurückzuführen…

Etwas zum Inhalt eines Kriminalromans zu sagen, ist keine einfache Sache, deswegen umreiße ich die Handlung nur grob. Trotzdem gibt es genügend zu diesem Roman zu sagen, den ich mir eigentlich nur der Abwechslung halber aus dem Regal griff.

Ich hatte mehrere begeisterte Rezensionen zu den Romanen Lehanes gelesen, und entsprechend erwartungsvoll ging an Mystic River heran. Meine Erwartungen wurden nicht enttäuscht. Es ist zwar ein Kriminalroman (die aus irgendeinem Grund den Ruf haben, nicht literarisch sein zu können, was sich eigentlich schon seit vielen, vielen Jahren geändert haben sollte), aber sprachlich ist er auf einem sehr hohen Niveau.

Lehane bewegt sich in diesem Roman zwischen der Unter- und der gehobenen Mittelschicht, was schon an der Sprache, die er gebraucht, offensichtlich wird. Die Beschreibungen der Lebensumstände und der jeweiligen Umgebungen überzeugen, man sieht die abgewrackte Arbeitersiedlung ebenso vor sich wie die sauberen Straßen der Mittelklasse, die beginnende Gentrifizierung ebenso wie die rostigen Gleise, die die Stadt durchziehen.

Und dann ist da der Schmerz, den jeder in sich trägt. Und die Schuld. Katies Ermordung bringt vieles zum Überkochen, trennt Menschen, bringt sie aber auch wieder näher zueinander. Den Schmerz, die Trostlosigkeit, aber auch die Hoffnung und den Stolz, sich etwas geschaffen zu haben – all das lässt Lehane den Leser wie am eigenen Leibe erfahren.

Leider war mir recht schnell klar, wer der Mörder ist, aber es geschieht so viel in dieser Geschichte, dass ich dennoch weiterlas, ich wollte die weitere Entwicklung zwischen den handelnden Personen erfahren und die Auflösung des Nebenplots (der hier nicht näher umschrieben werden und nur genannt werden kann).

Dennis Lehane hat mit Mystic River ein Panorama einer sich wandelnden Welt geschaffen, einem Wandel, den nicht jeder begrüßt. Die Gewinner sind da, aber wie so oft gibt es zu viele Verlierer. Verlierer nicht nur im Berufserfolgslotto, sondern auch im Persönlichen. Und so folgt man Sean bei der Aufklärung des Mordes an Katie und sieht Abgründe, die sich auftun, die das zutiefst Menschliche aufzeigen, und die oft nicht einfach zu bewältigen sind.

Wer nach gehobener Unterhaltung und Spannung sucht, ist mit diesem Roman bestens ausgerüstet, ein Pageturner, der auch noch funktioniert, wenn man weiß, wer es war. Aber weiß man das sicher?!

Bild: wikipedia.org

Dennis Lehane, irischer Abstammung, geboren 1965 in Dorchester, Massachusetts, arbeitete als therapeutischer Berater für geistig behinderte und sexuell missbrauchte Kinder, bevor er Creative Writing studierte. Seine erfolgreich verfilmten Bücher Mystic River und Shutter Island sind Weltbestseller. Außerdem schrieb Lehane Drehbücher für The Wire und ist Berater für Boardwald Empire. In Deutschland wurde er bereits drei Mal mit Platz 3 des Deutschen Krimipreises ausgezeichnet, zuletzt 2003 für Mystic River. Dennis Lehane lebt mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Los Angeles und Boston. (Klappentext)

Dennis Lehane: Mystic River. Aus dem Amerikanischen von Sky Nonhoff. Diogenes Verlag AG Zürich, 2014. OA: Mystic River. William Morrow, New York, 2001. 622 Seiten.