Buch #10: Marguerite Duras – Der Liebhaber

Vielleicht liegt es daran, dass man in dieser Pornogesellschaft heutzutage mit Sex überhäuft wird, vielleicht liegt es auch daran, dass ich ein hoffnungslos unromantischer Mensch bin. Fest steht jedenfalls, dass Der Liebhaber mich vollkommen kalt gelassen hat.

Angepriesen mit „Ein Buch verführt seine Leser“ (Marcel Reich-Ranicki) und „Eine souverän geschriebene love story“ (Joachim Kaiser) wird meiner Meinung nach ein vollkommen falsches Bild dieses Buches vermittelt. Denn es handelt sich nicht um eine Lovestory, und verführerisch ist es auch nicht.

617nm9EnILLEin junges Mädchen, dessen verrückte Mutter in den 30er Jahren Lehrerin in Indochina, dem heutigen Vietnam, ist, befindet sich auf einer Fähre auf dem Weg zum Internat. Dort erblickt sie ihn: einen chinesischen Mann, und weiß sofort, dass ihre Unschuld nun Geschichte sein wird.

Die Familie des Mädchens ist arm, der ältere Bruder ein sadistischer Kontrollfreak und Spieler, die Mutter wie gesagt verrückt, der jüngere Bruder vielleicht behindert. Und das fünfzehneinhalb Jahre alte Mädchen beschließt, mit dem Chinesen zu gehen. Sie erlebt ihre erste Liebesnacht voller Extase, und da der Chinese aus einer guten Familie kommt, die eine offizielle Beziehung unmöglich macht, wird sie seine Geliebte.

Er hält sie aus, lädt auch ihre Familie zu opulenten Essen ein, und holt sie jeden Tag von der Schule ab, um die Nacht mit ihr im Bett zu verbringen. Irgendwann jedoch stellt der Vater des Chinesen diesen vor die Wahl und die Beziehung muss beendet werden, das Mädchen wird nach Frankreich geschickt.

Das Buch ist etwas undurchsichtig, da es aus lose aneinander gereihten Gedanken besteht, die verschiedene Zeitlinien umfassen, aber irgendwann wird der jüngere Bruder sterben, der ältere wird Zeit ihres Lebens der Mutter auf der Tasche liegen, und nach deren Tod alles fürs Spiel verkaufen, bis er irgendwann auch stirbt, verarmt und allein.

Nun zu dem Aspekt der Liebesgeschichte. Der Chinese ist zwölf Jahre älter als das Mädchen, das er auf der Fähre sieht und mit nach Hause nimmt. Es heißt, er liebe sie so sehr, und er könne nicht ohne sie leben. Ganz klar wird allerdings nicht, ob wirklich sie gemeint ist, oder ihr junger Körper. Zwischenzeitlich nennt er sie „sein Kind“, er nimmt sie wie „sein Kind“, also würde ich doch eher auf eine etwas gestörte Beziehung tippen, die nichts mit wahrer Liebe zu tun hat.

Das Mädchen ist ebenso verrückt nach ihm, aber von vornherein wird klargestellt, dass es doch eher der körperliche Aspekt ist, und sein Geld, das sie anzieht. Man weiß, er wird nur einer von vielen sein. Also auch hier: vielleicht eine Verbundenheit, eine gut funktionierende Zweckgemeinschaft – aber Liebe? Ich denke nicht.

„Ich sah zu, was er aus mir machte, wie er sich meiner bediente, und ich hatte nie gedacht, daß man es in dieser Weise machen könnte, es übertraf meine Erwartung und entsprach der Bestimmung meines Körpers. So war ich zu seinem Kind geworden. Er war auch für mich zu etwas anderem geworden. (…)

Ich war zu seinem Kind geworden. Dieses Kind liebte er Abend für Abend. Und manchmal packt ihn die Angst, plötzlich ist er besorgt um ihre Gesundheit, als entdecke er, daß sie sterblich sei, als durchfahre ihn der Gedanke, daß er sie verlieren könnte. Besorgt plötzlich, daß sie so winzig ist, und es packt ihn mitunter die Angst, jählings. Und auch besorgt über diesen Kopfschmerz, der sie oft so elend macht, fahl, unbeweglich, eine feuchte Binde auf den Augen. Und diesen Ekel, den sie manchmal gegenüber dem Leben verspürt, wenn es über sie kommt, wenn sie an ihre Mutter denkt und jäh aufschreit und weint vor Zorn bei dem Gedanken, die Dinge nicht ändern, die Mutter nicht glücklich machen zu können, bevor sie stirbt, die nicht töten zu können, die dieses Unheil verschuldet haben. Sein Gesicht an das ihre gedrückt, nimmt er ihre Tränen auf, er preßt sie an sich, wahnsinnig vor Begierde nach ihren Tränen, ihrem Zorn.“

(Marguerite Duras: Der Liebhaber, S. 166-168)

Es soll sich um einen autobiographischen Roman handeln. Nun gut. Ich kann mich allerdings wirklich nicht der Begeisterung anschließen, für mich war es doch eher das Buch über eine sexuelle Zweckgemeinschaft, die mit Liebe nicht viel gemein hat. Das arme Mädchen, das eine verrückte Familie hat, schließt sich um ein wenig Stabilität und Komfort halber einem Mann an, der ihren ach so jungen Körper vergöttert. Das mag man sehen, wie man möchte, ich fand es eher abstoßend. Dazu kommt der Schreibstil, der zwar ein wenig vom Flair der Zeit und Gegend vermittelt, sonst aber doch eher verwirrend ist.

Ich empfehle dieses Buch nicht; wenn man sich schon die Zeit zum Lesen nimmt, gibt es wahrhaftig bessere und interessantere Lektüren. Falls es aber nun doch jemanden reizt, es ist mit knappt zweihundert groß geschriebenen Seiten schnell gelesen.

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Buch #9: Anna Seghers – Transit

Marseille 1940. Hier ist der Protagonist gestrandet. Frankreich ist noch unbesetzt bzw. rücken die Deutschen gerade vor, und der Hafen ist für viele die letzte Möglichkeit zur Flucht.

Nicht so für den Protagonisten. Er fühlt sich wohl in dieser Stadt, so wohl sich jemand fühlen kann, dem im Grunde genommen alles egal ist. Er hat in seiner Heimat einen SA-Jungen ins Gesicht geboxt, was ihn in ein Lager brachte. Von dort ist er mit einer handvoll Leute geflohen, die immer wieder seinen Weg kreuzen.Transit001

In Paris trifft er einen dieser Bekannten, der ihm einen Brief aushändigt mit der Bitte, diesen an einen Schriftsteller zu überbringen. Als er dort ankommt, erfährt er, dass dieser sich umgebracht hat. Er gelangt in den Besitz des Koffers des Schriftstellers, in dem ein unvollendetes Manuskript und seine Papiere für die Überfahrt nach Mexiko sind. Der Protagonist nimmt den Koffer mit. Über vielfältige Wege, die damals wohl nicht ungewöhnlich waren, ist er nun in Marseille gelandet.

Hier findet er Anschluß an eine kleine Familie, besonders der Sohn liegt ihm am Herzen. Ansonsten lässt er sich treiben, von einem Café ins andere, zum Hafen, hört sich die immer gleichen Geschichte an, von Schiffen, die kommen oder auch nicht, von Transits und Visa, Fahrkarten und dergleichen. Es sind immer andere Menschen, die sie erzählen, aber die Geschichten bleiben gleich.

Als er zum mexikanischen Konsulat geht, um den Koffer abzugeben, wird er dort für den toten Schriftsteller gehalten. Er lässt den Fehler auf sich beruhen und sich weiter treiben.

Doch eines Tages kommt eine Frau in eines der Cafés, augenscheinlich auf der Suche nach jemandem. Er sieht sie wieder und wieder, zu allen möglichen Zeiten in allen möglichen Cafés. Diese Frau rührt ihn an. Er beschließt, ihr zu folgen, doch verliert sie immer wieder aus den Augen.

Dann wird der kleine Junge krank und braucht einen Arzt. Der Protagonist holt einen deutschen Arzt, der auf seine Papiere für die Überfahrt wartet, herbei, und lässt den Jungen von ihm behandeln. Es stellt sich heraus, dass die mysteriöse Frau mit dem Arzt zusammen hier ist. Sie bitten ihn um Hilfe bei der Beschaffung der Papiere. Gewitzt, wie er ist, tut er dies auch.

Irgendwann wird ihm klar, dass die Frau, Marie, die Frau des toten Schriftstellers ist. Nach ihm ist sie auf der Suche, denn sie hat im Konsulat erfahren, dass auch er in der Stadt sei. Der Protagonist spielt daraufhin sein Spiel weiter, er will Marie retten, und erhält als der Schriftsteller schließlich alle nötigen Papiere, die ihm und „seiner Frau“ die Ausreise ermöglichen.

Aber wird er Marie gestehen, was er getan hat? Wird sie auf das Schiff gehen und mit ihm zusammen wegfahren? Das, liebe Leser, empfehle ich euch ganz dringend, selbst herauszufinden.

Es ist ein sehr eindringliches Buch. Der Protagonist hat alles verloren und scheut sich, sein Herz an etwas zu hängen, sei es an einen Ort, an einen Freund, oder an eine Frau. Er lässt alles geschehen und wartet ab. Es ist von viel Langeweile die Rede, Zeit, die einfach mit Warten verbracht wird, wobei niemand weiß, worauf gewartet wird oder sich zu warten lohnt.

Man erfährt nie den Namen des Protagonisten, was den Eindruck erweckt, er könne eine beliebige Person sein. Vielleicht ist er das auch, ich habe nicht genug Einblick in diese Zeit. Aber mit der Flucht aus Deutschland und dem anschließenden „Spiel“ als der Schriftsteller gibt er auch Teile seiner Identität auf. Vielleicht möchte er auch keine Identität als Deutscher mehr haben, weiß aber auch nicht so genau, was oder wer er sein möchte.

„Inzwischen näherte sich der Tag meiner endgültigen Voladung auf das Konsulat der Vereinigten Staaten. Ich war fest entschlossen, mir das Transit zu sichern. Für mich war das damals alles ein Spiel. Doch die Gesichter der Menschen, die in der Vorhalle warteten, um in die höhere Vorhalle hinaufgelassen zu werden, waren bleich vor Furcht und Hoffnung. Ich wußte, die heute mit mir vorgelassenen Männer und Frauen hatten ihr bestes Zeug geschont und gebürstet, sie hatten auch ihre Kinder zu gutem Verhalten ermahnt, als ob sie zur ersten Kommunion sollten. (…)

Ich aber, ganz elend von dem Transitgeflüster, ich staunte sehr, wenn ich derer gedachte, die in den Flammen der Bombardements und in den rasenden Einschlägen des Blitzkrieges zugrunde gegangen waren, zu Tausenden, zu Hunderttausenden, und viele waren daselbst auch zur Welt gekommen, ganz ohne Kenntnisnahme der Konsuln. Die waren keine Transitäre gewesen, keine Visenantragsteller. Die waren auch hier nicht zuständig. Und selbst wenn von diesen Unzuständigen einige sich bis hierher gerettet hatten, an Leib und Seele noch blutend, sich in dieses Haus hier doch noch geflüchtet hatten, was konnte es einem Riesenvolk schaden, wenn einige dieser geretteten Seelen zu ihm stießen, würdig, halbwürdig, unwürdig, was konnte es einem großen Volk schaden?“

(Anna Seghers: Transit, S. 132/133)

Anna_SeghersDie Langeweile findet ihre Entsprechung in der fast kafkaesk anmutenden Hetze nach den Papieren. Ohne Transit kein Visa, ohne Visa keine Fahrkarte, dann braucht man noch einen Schein, um in der Stadt bleiben zu dürfen, damit man sich die Papiere zusammensammeln kann, und einen, um die Stadt zu verlassen, ganz zu Schweigen von Schiffen, die dann nicht abfahren. Ist ein Schein abgelaufen, beginnt die ganze Sache von vorne, oder endet in einem Lager. Es ist verrückt, es ist zermürbend, und viele gehen daran (fast) zugrunde.

Die Frauen, die im Leben des Protagonisten eine Rolle spielen, werden alle beim Namen genannt. Sie scheinen also einen Eindruck auf ihn zu machen. Ein Freund, der sein Bein verlor und dem trotzdem die Flucht gelang, ebenso wie ein Mitflüchtling, der sich noch besser als der Protagonist durchfuchst, haben Namen. Die restlichen Personen haben beschreibende Namen, das Kapellmeisterlein, der Mittransitair, dergleichen. Sie sind Teil der ständig wechselnden und doch immer gleichen Masse an Flüchtlingen, sie sind austauschbar.

Wie man schon meinem vorherigen Artikel entnehmen kann, hat mich dieses Buch nicht kalt gelassen. Die Entwurzelung, nicht mehr zu wissen, wer man ist, die ständige Furcht auf der einen Seite und die vollkommene Abstumpfung auf der anderen, das alles ist schwer zu begreifen und doch so nachvollziehbar.

Ich möchte dieses schmale Buch jedem ans Herz legen, denn es ist auch noch sehr spannend geschrieben, ich konnte es kaum aus der Hand legen.

Buch #8: Sándor Márai – Die Glut

Ein Tag und eine Nacht. Zwei alte Männer. Kindheitsfreunde, enger als Brüder. Eine Frau.

Eines Morgens bekommt der General die Nachricht, dass „er“ komme. Er lässt alles herrichten, genauso, wie es an einem Abend vor 41 Jahren war. Und dann ist er da. Sie speisen, sie rauchen. Sie haben etwas auszufechten.

marai_sandor-die_glutDer General fängt an zu sprechen. Er hat die letzten 41 Jahre mehr oder weniger allein verbracht. Und seine Gedanken kreisten nur um ein Thema: was ist damals passiert? Damals, als er dachte, sein bester Freund, sein ‚Bruder‘, sein innigster Vertrauter habe ihn hinterrücks erschießen wollen. Damals, als er diesen Freund aufsuchte zu einem Gespräch, ihn aber nicht mehr vorfand, da er zu einer langen Reise aufgebrochen war. Damals, als seine Frau ebenfalls in dem Haus seines Freundes erschien, und sagte: „Feigling“.

Es ist das Gespräch, vielmehr der Monolog, eines Menschen, der wieder und wieder über eine Situation nachdenkt. Der seine Gedanken nach 41 Jahren herunterbeten kann. Alle Situationen und Möglichkeiten hat er ausgeleuchtet in diesen Jahren.

Seine inzwischen verstorbene Frau hatte eine Affäre mit dem Menschen, den er als seinen Bruder angenommen hat. Er, das reiche Kind, das immer gut auf Menschen zugehen konnte, und Konrád, der Junge aus armen Verhältnissen, der stets verschlossen ist. Zwei vollkommen unterschiedliche Menschen, die sich ergänzen. Und dann Krisztina, die Konrád aus seiner Kindheit kennt, die aber den reichen Henrik heiratet. Und mit Konrád, der ihr gleich ist, betrügt.

“ ‚Sie redet von dir, Konrád“, zum ersten Mal spricht er den Namen des Gastes aus, ohne Zorn, ohne Erregung, sondern neutral und höflich, „und sie sagt, du seist kein richtiger Soldat, du seist ein Mensch anderer Art. Ich verstehe das nicht, ich weiß noch nicht, was Anderssein bedeutet… Es braucht eine lange Zeit, viele einsame Stunden, um mich zu lehren, daß es immer nur darum geht, daß es zwischen Männern und Frauen, unter Freunden und Bekannten immer um dieses Anderssein geht, das die Menschheit in zwei Parteien spaltet. Manchmal glaube ich schon, daß es auf der Welt nur diese beiden Parteien gibt und daß alle Klassenunterschiede, alle Schattierungen der Weltanschauung, der Machtverhältnisse nur Varianten dieses Andersseins sind. Und so wie nur Menschen der gleichen Blutgruppe einander in der Gefahr beistehen können, so vermag eine Seele der anderen nur dann zu helfen, wenn diese nicht ‚anders‘ ist, wenn ihre jenseits von Ansichten und Überzeugungen liegende geheimste Wirklichkeit ähnlich ist…'“

(Sándor Márai: Die Glut, S.176/177)

Ich weiß nicht, was es ist, ob man manchmal einfach Glück hat, das richtige Buch zur richtigen Zeit zu lesen, oder ob man zu einem bestimmten Zeitpunkt etwas Bestimmtes hineinliest… wahrscheinlich etwas von beidem. Das Buch ist anstrengend, und der lange Monolog ermüdend, aber doch berührt es. Der alte Mann, der nur noch zwei Fragen in seinem Leben hat, das erfüllt ist von dem doppelten Verrat. Der die meiste Zeit seines Lebens damit verbracht hat, darüber nachzudenken, wie all dies passieren konnte. Und der zu keiner Lösung kam.

Ich möchte jetzt nicht vorausgreifen, ob er es herausfindet, ob er Antworten bekommt und wenn ja, welche. Aber er gewinnt im Gespräch eine Einsicht, die sich jeder zu Herzen nehmen sollte, der in einer derartigen Situation steckt oder sich auf eine andere Weise verraten fühlt. Ich weiß, ich tu es.

Buch #7: Toni Morrison – Menschenkind

„Innigst geliebtes Menschenkind“ – das steht auf dem Grabstein eines kleinen Mädchens, dem ihre eigene Mutter mit einer Säge die Kehle durchschnitten hat.

Wir befinden uns im Amerika kurz nach dem Sezessionskrieg in Cincinnati. Sethe, eine ehemalige Sklavin, ist hochschwanger von Sweet Home geflüchtet. Ihre drei anderen Kinder hat sie vorgeschickt zu ihrer Großmutter, Baby Suggs, und nun kommt sie mit ihrer neugeborenen Tochter Denver ebenfalls dort an.

51zjw542avl-_sx278_bo1204203200_Nachdem Baby Suggs sie wieder auf die Beine gebracht hat, holt ihre Vergangenheit Sethe ein: ihr Besitzer kommt, sie zu holen. Der Mann, der Lehrer ist und seine Schüler Sethes menschliche und tierische Seiten aufzählen lässt. Der Mann, der sie hat auspeitschen lassen, bis ihr Rücken zerfetzt war. Der Mann, der sie hat vergewaltigen lassen und ihre Muttermilch für das kleine Mädchen und das Neugeborene weggenommen hat. Sethe weiß sich nicht anders zu helfen, als ihre Kinder zu töten, damit ihnen nichts passiert. Sie wird aufgehalten, aber das kleine Mädchen stirbt.

Nachdem Sethe aus dem Gefängis freigekommen ist, lebt sie weiter bei Baby Suggs, und pflegt diese bis zu ihrem Tod. Die beiden Söhne, aufs Äußerste zerstört über Sethes Tat, laufen weg. Nur Denver, die damals ein Baby war, lebt mit ihr zusammen. In einem Haus, in dem es spukt, in dem das tote kleine Mädchen mit ihnen lebt.

Eines Tages steht Paul D vor der Tür, der ebenfalls auf Sweet Home Sklave war. Er erzählt ihr, dass er ihren Mann, Halle, noch einmal gesehen habe, aber niemand weiß, ob er noch am Leben ist. Sethe lässt Paul D in ihr Haus und in ihr Leben. Er vertreibt den Geist des kleinen Mädchens.

Nach einem Ausflug auf den Jahrmarkt, der einen Tag für Schwarze geöffnet hat, und an dessen Ende so etwas wie ein Familienglück für Sethe, Paul D und Denver entsteht, finden sie vor ihrem Haus eine junge Frau: Sie nennt sich Menschenkind.

Sie wird aufgenommen und geliebt, aber sie versucht nun ihrerseits, Paul D zu vertreiben. Dies gelingt allerdings erst durch jemanden, der Paul D von den damaligen Ereignissen erzählt. Nun sind die Frauen wieder unter sich. Und Menschenkind lässt Sethe für das büßen, was sie ihr angetan hat…

Der Roman ist ein Blick auf die damaligen Verhältnisse:  die Sklaverei, die frisch gewonnene Freiheit, die so ungewohnt ist, die Ängste, das kleine Glück, das neue Leben, das nun aufgebaut werden kann. Erinnerungen werden unterdrückt, und kommen doch wieder hoch. Wie diese hier, nach einem Fluchtversuch:

„Als die Weißenmänner an die Stelle zurückkommen, wo sie ihre Pferde angebunden haben, und aufgesessen sind, werden sie ruhiger und schwatzen miteinander über die Schwierigkeiten, die ihnen nun bevorstehen. Die Probleme. Stimmen erinnern den Schullehrer daran, wie sehr gerade diese Sklaven von Garner verwöhnt worden sind. Es gibt schließlich Gesetze gegen das, was er getan hat: die Nigger sich selbständig verdingen lassen, damit sie sich freikaufen können. Sogar Waffen hat er sie tragen lassen! Und denkst du, er hätte diese Nigger gepaart, damit er noch mehr kriegt? Von wegen! Heiraten wollte er sie lassen! Wenn das nicht der Gipfel ist! Der Schullehrer seufzt und meint, er hab’s ja gleich gewußt. Er sei gekommen, um die Farm in Ordnung zu bringen. Und jetzt stehe noch ein größeres Durcheinander bevor als das, das Garner hinterlassen habe, wegen dem Verlust von zwei Niggern, mindestens, wenn nicht gar von dreien, weil er nicht sicher sei, ob sie den noch fänden, der Halle heiße. Die Schwägerin sei zu schwach, um zu helfen, und verdammt wolle er sein, wenn er es hier jetzt nicht mit der großen Massenflucht zu tun habe. Jetzt werde er den hier für neunhundert Dollar, wenn er soviel bekomme, verkaufen und sich dranmachen müssen, die Trächtige samt ihrem Wurf sicher zu verwahren und den anderen dazu, wenn er ihn finde. Mit dem Erlös von „dem hier“ würde er zwei junge kriegen können, zwölf oder fünfzehn Jahre alt. Und zusammen mit der Trächtigen, ihren drei Pickaninchen und dem, was bei ihrem Wurf rauskomme, hätten er und seine Neffen dann sieben Nigger, und dann werde Sweet Home vielleicht die Mühe lohnen, die es ihn gekostet habe.“

(Toni Morrison: Menschenkind. S. 310/311)

Es ist ein bedrückendes Buch. Ein Buch, das von einer Freiheit spricht, von der man doch weiß, dass es bis zum heutigen Tag andauert, diese Freiheit zu erlangen. Die Freiheit der Sklaven fängt hier an, nach dem Sezessionskrieg, und doch gibt es immer noch so viel Rassenhass. Auch die Schwarzen wissen noch nicht so ganz, was sie mit ihrer Freiheit anfangen sollen, sie tragen die Last der Erinnerung mit sich herum und sind oft verbittert, versteinert, nicht in der Lage, nach vorne zu sehen.

Doch es erzählt auch von einer großartigen Gemeinschaft, einer gemeinsamen Vergangenheit und eine Zukunft, die gemeinsam aufgebaut wird. Von einer einzigen großen Familie, in der jeder auf jeden aufpasst und jeder jedem hilft. In der die einzelnen Geschichten zu einer werden, und an einer neuen Geschichte für die nächste Generation gearbeitet wird.

Es ist ein Buch über Unsägliches, und es ist ein Buch über Hoffnung. Ich kann es nur empfehlen, auch wenn die verschiedenen Handlungsstränge in verschiedenen Zeitebenen es teilweise etwas verwirrend machen, zu folgen und zu verstehen, was denn nun wirklich passiert. Auch auf die Sache mit dem Geist des Mädchens, das plötzlich in Persona dasteht, muss man sich einlassen. Tut man dies jedoch, bekommt man ein Stück Geschichte, das einen nicht kaltlässt, da es nicht nur dargestellt wird, sondern beispielhaft das Gefühl von so vielen Menschen vermittelt.

Buch #6: David Foster Wallace – Unendlicher Spaß

I did it! Mehrere Leute haben mir, bevor ich anfing zu lesen, gesagt,  dass ich hierfür zwei Monate brauchen würde. Natürlich habe ich ihnen nicht geglaubt. Gut, ich habe auch nicht immer Lust zu lesen, und ich muss auch was für meinen Unterhalt tun – aber zwei Monate – ich doch nicht. Nun, ich bin eines Besseren belehrt, aber schließlich habe auch ich es geschafft.

Als ich letztens morgens im Bus saß, den Wälzer auspackte und ziemlich weit hinten aufschlug, fragte eine junge Dame mich, ob sie mich etwas fragen dürfe (nebenbei bemerkt: wie ich das hasse, frag halt einfach!). Nun, sie fragte mich also, wie ich denn dieses Buch nur lesen könne. Ich war etwas perplex, und habe wohl auch so geschaut. Sie präzisierte: Wie könne ich denn ein Buch lesen, das so depressiv sei. Ich war weiter zu perplex, etwas Sinnvolles herauszubringen und murmelte etwas von wegen, dass ich es mögen würde und es spannend sei. Dann las ich weiter. Sie aber meinte, quasi abschließend und ihre These untermauernd: Der Autor hat sich auch umgebracht!

Tja, manchmal kontere ich nicht gut genug. Aber hier liegt das Problem etwas tiefer. Es ist einfach nicht möglich, mit einer kurzen Antwort darzustellen, was dieses Buch lesenswert macht.  (Jetzt würde ich ihr aber wohl sagen, wenn sie nichts Depressives oder Deprimierendes lesen mag, sei ihr freigestellt, Rosamunde Pilcher zu frequentieren.)

Also, warum Unendlicher Spaß? Ich habe in einer Bewertung mal gelesen, dass dieses Buch einen verändere. Das kann ich nun nicht von mir behaupten. Aber es macht etwas mit einem. Ich habe gelacht, geweint, mich vor Ekel geschüttelt, die Zigaretten ganz weit weggelegt, bin aufgesprungen, um mir die Zähne zu putzen, nur, um sie danach nochmal zu putzen, ich habe es angewidert weggelegt, aber im Großen und Ganzen bin ich vor allen Dingen eines: überwältigt. Überwältigt von diesem Bombast.

Man mag darüber streiten, ob man etwas über Tennismatches lesen möchte. Oder darüber, wie Drogensüchtige versuchen, clean zu werden. Oder über Filme, die nie gedreht wurden. Oder, oder, oder. Ich bin jetzt zum Beispiel nicht der größte Tennisfan. Aber die Matches werden so beschrieben, dass man den Eindruck hat, man sitze direkt am Court und sehe zu.

David Foster Wallace fordert seine Leser. Er schmeißt mit Fremdwörtern um sich, mit endlosen Beschreibungen, mit Chemikalien und Zusammensetzungen von Drogen, und all dies ist manchmal recht anstrengend. Aber all dies entwickelt auch einen mächtigen Sog. Er beschreibt die Welt, wie sie ist. Bevölkert von Idioten, die sich im Medienkonsum suhlen und das eigenständige Denken aufgegeben haben. Ein paar Idioten möchten die Weltherrschaft. Oder zumindest ihr Land zurück. Und ein paar versuchen einfach, ihre Gedanken und ihren Schmerz zu betäuben in dieser Welt.

Die Charaktere sind eigentlich alle kaputt. Keine hübschen Menschen (bis auf die, die so schön ist, dass man sie kaum ansehen kann), alle haben gravierende „Mängel“, und alle versuchen auf ihre Weise, diese Mängel so auszugleichen, dass ein einigermaßen lebenswertes Leben dabei herauskommt. Leider scheinen aber alle dabei zu scheitern. Wie im wirklichen Leben, und das ist vielleicht das, was die junge Dame angekreidet hat – das Leben ist kein Ponyhof, und meistens sind alle Bemühungen umsonst, es ist deprimierend, und eigentlich fragt man sich, was das alles soll. Und warum man sich noch in den Kopf eines Menschen begeben soll, der sich über seiner Verzweiflung umgebracht hat.

Warum ich das Buch trotzdem dringend empfehlen und allen ans Herz legen möchte: Das Leben ist kein Ponyhof, und es gibt noch andere, die Probleme damit haben. Man steht nicht allein mit seiner Verzweiflung und seinen fruchtlosen Bemühungen. Das ändert nichts, es macht nichts besser, aber ein klein wenig tröstet es.

Ansonsten kann man sich noch an der Sprachmächtigkeit erfreuen, an dieser schier unglaublichen Welt, die David Foster Wallace erschaffen hat und den Handlungssträngen, die wie ein Räderwerk ineinander greifen. Auch wenn am Ende nichts aufgelöst ist und tausend Fragen bleiben. Wie im richtigen Leben.

Buch #5: Javier Marias – Mein Herz so weiß

Zum Autor: Javier Marias wurde am 20. September 1951 in Madrid geboren. Er ist Kolumnist, Schriftsteller und Übersetzer. Da sein Vater vom Franco-Regime verfolgt wurde, verbrachte er mehrere Jahre in den USA, wo er auch Vladimir Nabokov kennenlernte. Zurück in Madrid studierte er Literaturwissenschaft und Philosophie. Er arbeitete als Übersetzer und trat in mehreren Kurzfilmen seines Onkels auf. Sein Geld verdiente er hauptsächlich mit Übersetzungen, für die spanische Version des Tristam Shandy von Laurence Stern erhielt er einen Übersetzerpreis. Außerdem ist er Fan von Real Madrid.

Inhalt des Buches: Tja, der Inhalt läßt sich in ein paar Sätzen darstellen. Ranz, ein junger Mann, kommt gerade von seiner Hochzeitsreise mit Teresa zurück. Einige Tage später schießt sie sich ins Herz, aber niemand weiß, warum. Ranz heiratet erneut, Teresas Schwester Juana, mit der er einen Sohn hat, Juan. Aus dessen Perspektive wird die Geschichte erzählt.

Juan und Luisa, seine frischangetraute Frau, sind auf ihrer Hochzeitsreise in Havanna, als sie einem Gespräch zwischen Geliebten lauschen. Die Geliebte bittet ihren Liebhaber, seine Frau umzubringen, was dieser zurückweist, da diese todkrank sei und sich das Problem von selbst lösen werde. Sowohl Juan als auch Luisa wissen, dass er seine Frau niemals verlassen wird, aber dieses Gespräch verfolgt ihre erste Zeit als Ehepaar. Und eine Frage Ranz‘, gestellt nach der Hochzeit, – „Und jetzt?“ – , beschäftigt Juan sehr, da er auch nicht weiß, wie er sein Leben mit einem anderen Menschen planen und teilen soll. Ranz gibt ihm außerdem noch den Rat mit, „Wenn du einmal Geheimnisse haben wirst oder sie jetzt schon hast, dann erzähl sie ihr nicht.“

Nachdem wir Juan daraufhin eine Zeitlang durch sein Leben und seine Gedankenwelt folgen, trifft er auf zwei alte Bekannte, die unabhängig den Tod seiner Tante erwähnen, das Geheimnis, das auf der Familie lastet und Juan unbewußt oder halb bewußt im Weg steht, im Weg zu seinem Glück mit Luisa. Sie ist aber schließlich diejenige, die Ranz dazu bringt, die Geschehnisse von damals zu erzählen…

Meine Meinung: Ich fand dieses Buch überaus langatmig. Es umfasst nur 348 Seiten, und doch habe ich mehr als lange dafür gebraucht. Die Geschichte ist nicht uninteressant, und Juans Erlebnisse, sein Umfeld, seine Gedanken auch nicht, aber die Darstellung all dessen ist durchaus ermüdend. Wie ich schon gepostet habe, ergeht sich die ganze Geschichte in überdimensionalen Sätzen, Gedankenverschwurbelungen, und – zumindest habe ich es so empfunden – Hinhaltungen; bis man zum Punkt kommt, muss man bei diesem Buch etwas tun und Ausdauer erweisen. Die Auflösung des Selbstmords hingegen habe ich nicht erwartet, und trotz und alledem handelt es sich um interessante und liebenswerte Figuren. Alles in allem muss ich aber sagen, dass dieses Buch  in meiner bald zu verfassenden Hitliste keinen der oberen Plätze einnehmen wird.

Buch #4: Rohinton Mistry – Das Gleichgewicht der Welt

Ich habe das Buch gerade beendet und muss erstmal die Tränen wegwischen. Das schaffen nicht viele Bücher, aber dieses war wirklich harter Tobak. Es sollte besser heißen: Das ganze Elend der Welt. Nichts befindet sich im Gleichgewicht in diesem Buch, es sei denn, man wolle die eine Wagschale mit „persönlichem Vorteil“ und die andere mit „Willkür“ bestücken, oder „Ungerechtigkeit“ gegen „Intoleranz“ antreten lassen.

Ich habe vorher nicht viel Ahnung von Indien gehabt, außer, dass es sich um eine aufsteigende Nation handelt, die aber immer noch viele Züge aus ihrer Zeit der Kasten hat und in vielen Bereichen immer noch Dritte Welt ist. Jetzt wünschte ich, ich würde das alles gar nicht wissen, was ich jetzt gelernt habe.

Aber der Reihe nach. Fangen wir mit den Hauptpersonen an, ich würde hier vier Charaktere benennen.das-gleichgewicht-der-welt

Zum ersten haben wir Dina Dalal, die als junges Mädchen ihren Vater verliert und von ihrem Bruder großgezogen wird, der ihr jedoch alle weitere Bildung verweigert und sie nur verheiraten will. Sie ist aber eine Person mit einem eigenen Kopf, lernt Rustom kennen und lieben, und heiratet ihn gegen den Willen ihres Bruders. Das Glück währt allerdings nur kurz, Rustom kommt nach drei Jahren bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Dina hat nun die Möglichkeit, bei ihrem Bruder zu leben oder neu zu heiraten, doch nach einer Zeit der Trauer meldet sich ihr Dickkopf wieder und sie beschließt, ihr Leben unabhängig weiterzuführen.

Sie nimmt Nähaufträge an, doch bald werden ihre Augen zu schlecht. Über eine Freundin kommt sie mit einer Firma in Kontakt, die sie anstellt, bestimmte Kleidermodelle zu fertigen, wofür wiederum sie zwei Schneider anstellen muss. Außerdem vermittelt die Freundin ihr den Kontakt zu dem Sohn einer Schulfreundin, der an der Uni der Stadt studiert und eine Unterkunft sucht; sie vermietet ein Zimmer an ihn.

Dieser Junge ist Maneck. Er wächst in einem Bergdorf auf, in dem die Eltern einen kleinen Laden haben und selbstgemachte Cola verkaufen. Die Dorfbewohner sind alle wie eine Familie, und er hat eine sehr schöne Kindheit. Dann kommt er in das Alter für eine weiterführende Schule und wird weggeschickt. Seine Eltern können nicht mit seiner Abwesenheit umgehen, und verstehen es nicht, ihm zu zeigen, dass sie ihn vermissen und sie nur eine gute Ausbildung für ihn wollen. Die er vor allem dann braucht, als eine Autobahn in der Nähe gebaut wird, die viel Verkehr und damit Restaurants, große Ladenketten und natürlich auch die bekannten Colamarken mit sich bringt, was sowohl die unberührte Gegend als auch das Geschäft in den Ruin treibt. Als die Schule vorbei ist, schicken seine Eltern Maneck deswegen aufs College, wo er ein Jahr lang Kühltechnik studieren soll.

Er fühlt sich verraten und ungeliebt, und fährt schweren Herzens davon. Er ist der reflektierende Part in der Geschichte, der das Schicksal und die Menschen hinterfragt, sich aber auch in andere hineindenkt und andere Sichtweisen hinzusteuert. Da er im Wohnheim, in dem er zuerst wohnt, nicht zurecht kommt, zieht er eines Tages zu Dina. Nach einigen Anlaufschwierigkeiten lernen sich die beiden zu mögen, sie ergänzen sich in ihren Temperamenten und öffnen einander ebenso immer wieder die Augen, wie sie einander helfen, Rückschläge und Elend durchzustehen. Sie werden eine innige Wohngemeinschaft.

Diese wird ergänzt durch Ishvar und Omprakash, kurz Om. Deren ganze Geschichte hier zu erzählen, würde einerseits den Rahmen sprengen, und andererseits wohl jede etwas zarter besaitete Seele aus der Fassung bringen. Hier nur soviel. Sie gehören einer der unteren Kasten an (nicht der untersten), und setzen sich über ihr Erbe der Gerberei hinweg, als sie sich zu Schneidern ausbilden lassen. Ishvar ist Oms Onkel, nach dem Tod des Vaters übernimmt er die Verantwortung für ihn. Als die Arbeit immer weniger wird, gehen sie auf Arbeitssuche in die Stadt. Über mehrere Stationen landen sie schließlich bei Dina, die die beiden fest anstellt.

In Indien herrscht zu dieser Zeit der „Ausnahmezustand“. Die Ministerpräsidentin hat die Wahlen gefälscht, dies nachträglich für legal erklären lassen und dann den Ausnahmezustand verhängt. Hier ist nun alles möglich. Ob ganze Slumdörfer zu einer ihrer Reden gekarrt werden, ob diese Slumdörfer im Dienste der „Stadtverschönerung“ von einen Tag auf den anderen niedergerissen werden, ob Personen von der Straße von der Polizei eingesammelt und zu einem Staudammprojekt gebracht werden, um dort unbezahlte Sklavenarbeit zu verrichten, ob Personen willkürlich im Sinne der „Überbevölkerungseindämmung“ kastriert werden… nichts wird in dieser Welt geahndet.

Ergänzt wird die Handlung um die vier Personen durch eine Vielzahl an Nebenfiguren, von denen einige unglaublich liebenswert und einige unglaublich abstoßend sind, doch so schafft Rohinton Mistry ein komplettes Universum mit allen Arten an Persönlichkeiten, vor allem aber der nicht vom Leben bevorzugten.

All dies erzählt Rohinton Mistry in einer sehr anschaulichen Sprache, und es ist ein bisschen so wie bei einem Autounfall: überall ist Blut, aber niemand kann wegsehen. Dies alles hier zieht einen ebenso in den Bann, und man hofft die ganze Zeit auf eine zumindest kleine Besserung, auf ein bisschen Glück.

Und tatsächlich, wer diesen Weg auf sich nimmt, wird mit der ursprünglichen Art von einem kleinen bisschen unschuldigen Glücks belohnt. Als die vier schließlich nach langem Misstrauen und vielen Verletzungen zu einer eingeschworenen Gemeinschaft werden, zu einer Art Familie… das ist so unschuldig, und so zart und vorsichtig, dass es einem das Herz zerbricht.

Endgültig erledigt wird dies jedoch am Ende. Ich will hier nicht beschreiben wie es ausgeht, ob das Glück Bestand hat oder ob auch das nur eine weitere Laune des bösartigen Schicksals der Figuren war, und wie sie weiterleben – oder nicht – das mag ich eurer Entdeckungslust überlassen.

Wie gesagt, dies ist kein Buch für zarte Seelen, das ist ein Blick in den Abgrund der Hässlichkeit. Aber es ist wirklich sehr gut geschrieben, und man möchte im Namen der Figuren das Karma und alle Götter verfluchen, denn wenn das ihre Auffassung von Gerechtigkeit ist, haben sie es nicht anders verdient.