Davide Longo – Der aufrechte Mann

Homo homini lupus.

 Italien im Jahr 2045. Die Grenzen sind gesperrt, die Bevölkerung ist eingeschlossen. Fernseh- und Radiosender laufen auf Endlosschleife, Zeitungen bekommt man, wenn überhaupt, erst Wochen später. Polizei und Militär existieren nicht mehr.

Leonardo, ehemaliger Literaturprofessor, 52 Jahre alt, hat sich nach einem Vorfall an der Universität vor acht Jahren in sein Elternhaus auf dem Land zurückgezogen. Er lebt dort allein, seine Frau hat ihn mit seiner Tochter verlassen damals. Benzin und gewisse Vorräte sind schwierig zu bekommen, und so sorgen die Dorfbewohner für alle, einer besorgt Benzin, ein anderer Öl, ein nächster Zigaretten. Die Gemeinschaft hält zusammen, hilft sich aus, doch einer nach dem anderen verlässt das Dorf und macht sich Richtung Grenze auf, in der Hoffnung, einen Passierschein zu bekommen.

Eines Tages steht Leonardos Frau vor der Tür, sie sagt, sie wolle ihren neuen Mann suchen, der verschollen ist. Er soll sich um die Tochter, Lucia, und ihren Sohn aus zweiter Ehe, Alberto, kümmern. Lucia ist sehr verschlossen ihm gegenüber, aber Alberto lebt vollkommen in sich zurückgezogen. Leonardo weiß nicht, was sie gesehen oder erlebt haben. Das Leben wird immer schwieriger, keinerlei Nachrichten erreichen das Dorf, die Banken schließen, Lebensmittel werden rar.

Und dann sind da die marodierenden Banden, die durchs Land ziehen, plündern und zerstören, vergewaltigen und morden. So wird auch Leonardos Haus geplündert, und er fühlt sich nutzlos, hat er es doch geschehen lassen und nichts dagegen unternommen. Doch er ist kein Kämpfer, und er sagt sich, unversehrt zu überleben ist wichtiger als die Dinge im Haus. Sie ziehen in das Haus eines Freundes, der das Dorf schon lange verlassen hat. Aber Leonardo weiß, hier können sie nicht bleiben.

Was nun beginnt, ist eine lange Odyssee Richtung Meer, in der Hoffnung, dort nach Frankreich übersetzen zu können. Es wird ein Marsch durch Kälte und Hunger, bei dem eine kleine Verletzung das Leben kosten kann. Die Menschen, die Waffen haben, haben das Recht. Und so wandern sie mit nicht mehr als den Kleidern am Leib dem Meer entgegen.

Gruppen haben sich zusammengeschlossen, in der Gemeinschaft ist man sicherer. Doch der Preis, den man bezahlen muss, um in die Gemeinschaft aufgenommen zu werden, ist hoch. Und dann gibt es die, die einfach wie ein Gebrauchsgegenstand behandelt, ihrer Menschlichkeit beraubt werden. Wie die Frauen. Will man sein Leben behalten, muss man Dinge aufgeben.

Sie treffen auf eine Gruppe, die so etwas wie einen neuen Jesus, einen neuen Heilsbringer hat. Die Methoden, die er anwendet, um seine Gefolgschaft unter Kontrolle zu halten, sind grausam, aber effektiv. Brot und Spiele sind immer noch funktionierende Hilfsmittel, um den Mob unter Kontrolle zu halten.

Leonardo aber versucht stets, seine Menschlichkeit zu behalten. Er ist ein friedfertiger Mensch, und doch ist er gezwungen, sich anzupassen. Er lernt dies auf grausame Weise. Er sieht das Licht aus so vielen Augen weichen, aber sein Licht will er behalten. Alles, was für ihn zählt, ist, Lucia in Sicherheit zu bringen.

Dieser Weg, den er gehen muss, ist mit Unmenschlichkeit gepflastert. Innerhalb kürzester Zeit scheint jegliche Zivilisation zum Teufel geschickt worden zu sein, und übrig bleibt nur das Animalische. Und so muss der Leser einen guten Magen mitbringen, will er diese Geschichte bis zum Ende verfolgen. Denn die schlimmsten Albträume werden wahr, homo homini lupus.

Es gibt Lichtblicke, Menschen, die sich Menschlichkeit bewahrt haben, die aber auch die leichtesten Opfer abgeben. Tiere, die sich an der Seite der Menschen durchkämpfen, mit ihnen und für sie. Stille Begleiter, die sich nicht beirren lassen.

Aber im Gegensatz zu der herrschenden Grausamkeit, zur kompletten Entmenschlichung, die ihnen überall entgegenschlägt, sind sie Tropfen auf einen heißen Stein. Tut man nicht besser daran, das Ich aufzugeben und mit allen Mitteln ums Überleben zu kämpfen? Oder sind die Tropfen, die Menschlichkeit, die Fürsorge, Freundschaft, das Mitgefühl, das, was einen am Ende am Weitesten bringt?

Dieser Roman hat mich viel gekostet. Es ist eines dieser Bücher, die ich nicht mehr vergessen werde. Longo lässt die schlimmsten Albträume wahr werden, er lässt zweifeln, ob die Zivilisation überhaupt eine Errungenschaft ist, und ob die Menschheit, wenn es nur ums pure Überleben geht, sie abwirft wie eine Haut und zum Wolf wird. Es bleibt zu hoffen, dass die Umstände nie so sein werden, dass wir es erfahren. Longo kreiert mit ruhiger Stimme eine Welt, die einen schaudern lässt, die sich tief unter die Haut gräbt. Diese Ruhe macht das Szenario umso beängstigender, der Leser kann Leonardos Verwirrung, seine Angst, aber auch sein Verlangen, sich nicht selbst aufzugeben, genau mitverfolgen und nachvollziehen. Er gibt dem Leser Leonardo als Körper, aber setzt ihn hinein, so dass er mit ihm beobachten und abwägen kann, was er als nächstes tut.

Wer Mut und einen guten Magen mitbringt, wird in diesem Buch einen großen Gewinn erfahren. Denn es wirft viele Fragen und Gedanken auf, auch, wie man sich selber stellt in seinem Leben. Es ist eine Dystopie, aber ist es? Das sollte jeder für sich herausfinden. Viel Glück.

Foto by Paolo Giagheddu

Foto by Paolo Giagheddu

Davide Longo wurde 1971 in Carmagnola im Piemont geboren. Er lebt in Turin und unterricht am Literaturinstitut Scuola Hlden. Neben Prosa verfasst er Hörspiele und Drehbücher für Kurzfilme.

Davide Longo: Der aufrechte Mann. Aus dem Italienischen von Barbara Kleiner. Rowohlt, 2012. 488 Seiten.

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Buch #50: Antonio Tabucchi – Erklärt Pereira

41v-KHRiqbL._SY344_BO1,204,203,200_Antonio Tabucchi wurde am 24. September 1943 in Vecchiano bei Pisa geboren. Er war ein italienischer Schriftsteller, Übersetzer und Literaturwissenschaftler. Er studierte Geisteswissenschaften in Pisa und Paris, an der Universität Genua war er Professor für portugiesische Sprache und Literatur. Erklärt Pereira ist seine wichtigste Arbeit und machte ihn bekannt. Er erhielt mehrere Preise, unter anderem den Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur. Er starb am 25. März 2012 in Lissabon.

 

Pereira erklärt. Pereira, erkläre! Erkläre diesen Pereira!

– Ein vielseitiger Titel, der all dies beinhaltet. Der Untertitel spezifiert weiter: Eine Zeugenaussage, doch weiß man lange nicht, wem er Zeugnis ablegt. Pereira ist ein alternder, übergewichtiger, ehemaliger Lokaljournalist in Portugal. Es ist das Jahr 1938 und die Salazar-Diktatur hat sich gerade etabliert. Pereira arbeitet bei einer Lokalzeitung, bei der er für den Kulturteil verantwortlich ist. Hier veröffentlicht er Übersetzungen von Erzählungen und Nachrufe. Auch wenn der Kulturteil vielleicht nicht auf den ersten Blick im Mittelpunkt der Zensur stehen mag, betrifft diese Pereira doch nicht unwesentlich.

Es beginnt damit, dass Pereira sich Gedanken über den Tod macht, im Spezifischen darüber, ob der gesamte Leib ins Jenseits hinübergeht:

„Und Pereira war Katholik, oder zumindest fühlte er sich in diesem Augenblick als Katholik, als guter Katholik, auch wenn er an eines nicht glauben konnte, an die Auferstehung des Fleisches. An die Seele schon, gewiß, denn er war sich sicher, eine Seele zu besitzen; aber das ganze Fleisch, das Fett, das seine Seele umschloß, das würde nicht auferstehen, und warum auch, fragte sich Pereira. (8)“

Der Gedanke, all das Gewicht in alle Ewigkeit mit sich herumzutragen macht ihm Angst. Dann liest er die Dissertation eines gewissen Monteiro Rossi, eine philosophische Abhandlung über den Tod. Spontan ruft er ihn an und trägt ihm seine Gedanken vor, ohne jedoch zu einem Ergebnis zu kommen. Ebenso spontan geht er auf ein Treffen mit dem jungen Mann ein.

Dieses Treffen soll Pereiras Leben verändern. Er lernt Monteiro Rossis Freundin kennen und erfährt, dass die beiden im Widerstand tätig sind. Pereira, der Bequeme, der sich eher angepasst hat an die Umwelt, wird nun nach und nach zu einem Anlaufpunkt für Monteiro Rossi. Dieser schreibt Nachrufe für ihn, die Pereira aber nicht veröffentlichen kann, da diese zu politisch sind. Dennoch gibt er ihm die Honorare. Nach und nach kommen kleine Gefälligkeiten hinzu, auch wenn Monteiro Rossi nie konkret sagt, wofür er Hilfe oder Geld braucht, und Pereira fragt nie genau nach.

Überhaupt sagt nie jemand etwas Konkretes über die Situation, weder Pereiras engster Freund, Pater António, noch sein Arzt, Doktor Cardoso. Die Situation in dem Land ist ein Tanz mit den Umständen, welches Wort ist zu viel, welches Wort nicht genug?! Nebenbei gesagte Worte, wie z.B. die Bemerkung eines Kellners, sein Cousin empfange BBC, bleiben unkommentiert, allerdings folgt doch die Frage nach „etwas Neuem“ bei jedem Besuch.

Pereira fängt im Laufe der Zeit an, sich Gedanken zu machen, er veröffentlicht Kurzgeschichten von nicht regimekonformen Künstlern, schafft es aber immer, sich herauszureden. Reden, das tut er sonst nicht viel. Er ist einsam seit dem Tod seiner Frau, er spricht mit ihrem Bild, ansonsten nur mit Pater António, der aber nie Zeit hat, und dann kommen Monteiro Rossi und seine Freundin.

Doch die Geheimpolizei ist Monteiro Rossi schon auf den Fersen, und so folgen sie ihm eines Tages bis in Pereiras Wohnung, wo Pereira attackiert und Monteiro Rossi getötet wird. Daraufhin veröffentlicht Pereira einen Artikel über die Vorkommnisse, muss jedoch natürlich ins Exil gehen deswegen…

Dieses schmale Buch von 213 Seiten ist wie eine Zwiebel. Man fängt an zu lesen, und Lage um Lage, Schicht um Schicht löst sich. Es kommt immer mehr und immer Neues zum Vorschein, weswegen die Geschichte lange Zeit beim Leser bleibt. Da Pereira nicht frei heraussprechen kann, muss man die Schichten freilegen, die das eigentlich Gemeinte verdecken. Und hier kann man viel finden. Es ist ein Buch über Freiheit, Meinungsfreiheit, darüber, sich ergeben in sein Schicksal zu fügen, oder sich in Gefahr zu begeben und aufzubegehren.

Ich möchte dieses Buch jedem ans Herz legen, es ist schnell gelesen und hält doch so vieles bereit, das einen nicht so schnell wieder loslässt.

Erklärt Pereira wurde 1995 mit Marcello Mastroianni in der Hauptrolle verfilmt.

Antonio Tabucchi: Erklärt Pereira. Deutsch von Karin Fleischanderl. DTV, 1997. 212 Seiten.

Buch #45: Margaret Mazzantini – Geh nicht fort

Margaret Mazzantini wurde 1961 in Dublin geboren und ist eine italienische Schriftstellerin und Schauspielerin. Sie ist die Tochter des Schriftstellers Carlo Mazzantini und der Malerin Anne Donnelly. Aufgewachsen ist sie in Irland und der Toskana. Sie ist verheiratet mit dem Schauspieler, Drehbuchautoren und Regisseur Sergio Castellito, der auch Geh nicht fort verfilmt hat. Die beiden leben mit ihren vier Kindern in Rom.

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Angela, die 15jährige Tochter des erfolgreichen Chirurgen Timoteo hat einen Unfall mit ihrem Motorroller und wird mit schweren Kopfverletzungen ins Krankenhaus gebracht. Während sie operiert wird und Timoteo wartet, hofft und bangt, fängt er an, ihr seine Lebensgeschichte zu „erzählen“.

Eines Tages, Timoteo ist schon mit Elsa, Angelas Mutter verheiratet, bleibt sein Auto auf dem Weg in ihr Sommerhaus liegen. Es ist sehr heiß, und die Werkstatt kann zwar sein Auto reparieren, hat aber kein Telefon, um Elsa Bescheid zu sagen. Eine zufällig anwesende Frau, Italia, bietet ihm an, bei ihr zu Hause zu telefonieren. Also folgt er ihr in ihr schäbiges Heim und ruft an. Er geht zurück zur Werkstatt, trinkt Wodka und entschließt sich, zum Haus von Italia zurückzukehren. Dort vergewaltigt er sie.

Danach fährt er, zwar von Schuldgefühlen geplagt, zu Elsa. Bei jedem Polizisten, den er in der nächsten Zeit sieht, fürchtet er, verhaftet zu werden. Doch nichts geschieht, und er lebt sein Leben normal weiter. Dann verliert er seinen Vater, und fährt wieder zu Italia. Sie ist nicht zu Hause, er muss auf sie warten.

„Dabei war ich auf dem Sitz nach unten gerutscht, ich keuchte vor Lust. Denn plötzlich erinnerte ich mich… ihr Körper, erloschen wie jener Kamin ohne Feuer, der gebeugte weiße Hals, der rätselhafte traurige Blick. Nein, das war nicht allein von mir ausgegangen. Sie hatte es genauso gewollt. Mehr als ich. „(61)

Wieder haben sie Sex, wieder wehrt sie sich nicht. Er gibt ihr Geld. Mit seiner Frau läuft sein Leben weiter, und irgendwann kommt ihm die Idee, ein Kind zu machen. Sie aber möchte nicht. Wenn sie im Sommerhaus ist, er aber arbeiten muss, fährt er weiterhin zu Italia. Er weiß nichts über ihr Leben, vermutet jedoch, dass sie eine Prostituierte ist. Wobei das natürlich auch eine Art Entschuldigung für sich selbst sein kann, da er immer wieder zu ihr fährt, obwohl sie

„nicht schön (war), sie war farblos, deprimierend. Ihre Unauffälligkeit erschien mir wie ein Schutz, keiner konnte sich vorstellen, wie sich ihr Körper mit Leben füllte und sie eine ganz andere wurde. Aber vielleicht war sie bei allen so.“ (84)

Langsam entwickelt sich zwischen den beiden eine Beziehung, Italia verliebt sich in ihn. Er aber scheint in einer Midlife-Crisis zu stecken, fühlt sich alt und hofft, dass Italia ihn „gesund“ macht. Im Kopf rechtfertigt er sich immer wieder dafür.

„Du willst doch auch allein sein, so weit kenne ich dich schon. Du tust, was ich will, dann verschwindest du wie eine Mücke, wenn der Tag anbricht, du setzt dich auf dein Blumensofa und hoffst, daß ich dich nicht bemerke. Du weißt, daß du nur in der Lüsternheit zählst, wenn ich mir die Krawatte umbinde, bevor ich gehe, ekelt mich alles schon an. Du traust dich nicht, dich zu bewegen, solange ich da bin, du traust dich nicht, ins Bad zu gehen und dabei deinen Hintern zu zeigen. Vielleicht hast du Angst, getötet zu werden, Angst, ich könnte dich in das lehmige Flußbett werfen wie das schwarze Auto, das von der Hochstraße gestürzt ist. „(93)

Timoteo wird immer mehr zu Italia hingezogen. Eines Tages wird sie schwanger, und er beschließt, Elsa zu verlassen und mit Italia zusammen zu sein. Als er es Elsa sagen will, hat auch sie eine Überraschung für ihn: Sie ist ebenfalls schwanger. Er bleibt bei Elsa, Italia fühlt sich verlassen und treibt ab, jedoch nicht in einer Klinik. Timoteo nimmt Abstand zu Italia, auch wenn er sie nicht ganz aus seinen Gedanken herausbekommt.

Kurz bevor Elsas Entbindung sieht er Italia von weitem, die wiederum Elsas Bauch sieht. Sie läuft weg, er folgt ihr, und fällt wieder über sie her. Dann wird Angela geboren, alles verläuft gut. Als er am Abend nach Hause geht, beschließt er wieder, Elsa zu verlassen und mit Italia zu leben. Sie fahren los, in ein neues Leben, doch bei der Abtreibung ist etwas schief gegangen…

Dies alles erzählt er in Gedanken, während er auf seine Tochter wartet, die nebenan mit offenem Schädel liegt. Alleine diese Grundvoraussetzung hat in mir schon heftige Ablehnung hervorgerufen. Natürlich kann sie ihn nicht „hören“, aber in der Situation seine Lebensbeichte abzulegen, finde ich schon ziemlich geschmacklos.

Denn diese Beichte ist  keine normale Beichte, sondern eine Geschichte von Gewalt, von Egoismus, von einem Mann, der sich nimmt, was er will, der seine moralischen Begriffe außer Kraft setzt und sich die ganze Zeit rechtfertigt, obwohl er weiß, dass er nicht im Recht ist und es sich dennoch so hinbiegt, dass er sich so fühlen kann.

Er fühlt sich alt, er verliert seinen Vater, natürlich, da kommt eine Frau, die er vergewaltigt und sich gefügig macht, genau recht, um sich „lebendig“ zu fühlen. Abgesehen von der konsequenzlosen Vergewaltigung, wonach ich eigentlich schon keine Lust mehr hatte, weiterzulesen, redet er sich auch alles andere immer wieder schön. Die Frau, die er vergewaltigt hat, verliebt sich in ihn, womit er seine Tat im Endeffekt rechtfertigt. Seine Frau verläßt sich auf ihn, aber sie ist seiner Meinung nach stark genug, dass er sie mit ihrem neugeborenen Kind allein lassen kann. Italia treibt ab, weil er bei Elsa bleibt, das gefällt ihm nicht, er kümmert sich aber auch nicht weiter um sie. Er sieht, dass es Italia schlecht geht, kümmert sich aber bloß darum, dass er so glücklich ist, mit ihr zusammenzusein. Und im Endeffekt hat er ja immer noch Frau und Kind, zu denen er zurückkehren kann.

Ich bin mir nicht sicher, was Margaret Mazzantini mit diesem Buch sagen will. Will sie einen schwachen Mann darstellen, der auf neudeutsch nur als Loser bezeichnet werden kann? Warum will sie das? Warum sollte man diese Geschichte lesen? Ich weiß es nicht, denn sie läßt ihren Protagonisten aus seiner Sicht erzählen, seine Beschönigungen und eigenständige Moral werden nirgendwo angefochten oder hinterfragt, und nicht nur muss er keine richtigen Konsequenzen tragen, er kommt auch noch fein aus der ganzen Geschichte heraus.

Dementsprechend weiß ich auch nicht, warum man dieses Buch lesen oder warum ich es sogar empfehlen sollte, meiner Meinung nach ist es viel verschwendete Lesenszeit, mehr nicht.

Und am Ende noch eine nette Anekdote: Sie hat das Buch ihrem Mann gewidmet. Darüber hat er sich bestimmt sehr gefreut.

Margaret Mazzantini: Geh nicht fort. Aus dem Italienischen von Petra Kaiser.

Eine weitere Besprechung  gibt es bei synaesthetisch.

Buch #27: Umberto Eco – Das Foucaultsche Pendel

„Die Menschheit kann den Gedanken nicht ertragen, daß die Welt per Zufall entstanden ist, durch einen Irrtum, bloß weil vier unvernünftige Atome auf der nassen Autobahn ineinandergerast sind. Also muß sie eine kosmische Verschwörung suchen. Gott, die Engel oder die Teufel.“ (372)

Von genau solch einer kosmischen Verschwörung erzählt Umberto Eco in „Das Foucaultsche Pendel“. Es beginnt damit, dass Casaubon, der Erzähler, sich im Conservatoire des Arts et Métiers in Paris einschließen lässt, um herauszufinden, was mit seinem Freund Jacopo Belbo geschehen ist. Dieser rief ihn zwei Tage vorher an, um ihm zu sagen, dass er in Gefahr sei und der Große Plan wahr.

Von hier aus entspinnt sich die Geschichte; Casaubon lässt sie Revue passieren. Wie er als Doktorand in Kontakt mit den Templern gekommen ist, wie sie ihn nie losgelassen haben, wie sie ihn über die ganze Welt verfolgt haben. Er hat Belbo und Diotallevi kennengelernt, die in einem Verlag arbeiten, und auch er hat dort später angefangen, jedoch mit einer Geschichte der Technik. Doch immer wieder kam das Thema der Templer auf und die Verschwörungstheorien, die sich damit befassen.

Sie lernen mysteriöse Menschen kennen, und befinden sich irgendwann in einem Tanz mit ihnen, wobei keiner führen möchte, sondern der eine den anderen umkreist, begierig zu erfahren, was derjenige mehr wissen könnte. Sie nehmen an Ritualen teil, sehen Druidinnen bei ihren Ritualen zu, und schließlich hat der Verlagschef die Idee, eine Reihe mit diesen Verschwörungsschriften herauszugeben.

Anfangs tragen sie nur ihr Wissen zusammen und machen sich einen Spaß aus dem Quatsch, den die Verfasser niedergeschrieben haben. Und auch aus Spaß geben sie einige Zeilen in einen Computer ein und lassen sich willkürlich etwas ausspucken. Auf einmal fangen aber auch sie an, ein Muster zu sehen hinter der Willkürlichkeit.

Von nun an nimmt der Große Plan Gestalt an. Sie sitzen an der Quelle der Schriften, haben ein breites Wissen, recherchieren und bauen sich langsam ein Gebilde durch die Jahrhunderte. Von der Zerschlagung des Templerordens geht es weiter über die Mannen, die im Untergrund überlebt und ihr Wissen weitergegeben haben, die in verschiedene Länder gegangen sind und alle 120 Jahre Treffen arrangiert haben, um ihrem Wissen einen weiteren Aspekt hinzuzufügen.

Doch eines dieser Treffen schlug fehl, und nun suchen sich die Nachkommen aus der ganzen Welt, suchen die Verbindung herzustellen über die Schriften, die Rituale, über Gebäude und dergleichen mehr.

Um was es sich bei dem Wissen handelt, das schließlich 1944 an Licht hätte kommen sollen? Um kein geringeres Wissen als das, wie die Welt funktioniert und wie man die Macht über sie erringen kann. Kein Wunder also, dass so viele prominente Figuren im Laufe der Jahrhunderte immer wieder mit den Templern und ihren Nachfolgern – den Rosencreutzern, Maurerlogen, Illuminaten, Orden und Riten – in Verbindung gebracht wurden.

Irgendwann droht der Große Plan, der ja nur die Interpretation der Drei ist, aber Überhand zu nehmen. Er ist Teil ihres Lebens, sie glauben fast selber daran, und einer macht schließlich den Fehler, ihn einer wichtigen Person gegenüber zu erwähnen… was zum Versteck im Museum führt und unglaubliche Ereignisse nach sich zieht.

Umberto Eco hat einen großartigen Roman geschrieben, der vor Fabulierlust nur so brummt. Man wird selbst in den Großen Plan hineingezogen, die Erklärungen und Verbindungen scheinen plausibel, und der Bombast an Quellen und Theorien macht es schwer, einen gelassenen Überblick zu bewahren. Vielmehr ist es so einfach, daran zu glauben. Eine Erklärung für die Welt, für alles, was geschieht, geschehen ist und geschehen wird – wer würde da nicht schwach?!

Des Weiteren hat er eine perfekte Figurenkonstellation geschaffen: derjenige, der immer ein wenig außen vor ist, derjenige, der sich schnell begeistert, derjenige, der zur Ruhe gemahnt. Und diese werden umkreist von der mysteriösesten aller Personen und von der Vernünftigsten.

Es ist nicht immer leicht, diesen Roman zu verdauen, da doch unglaublich viele Fakten und Ideen hineinspielen, die sich abwechseln mit persönlichen Geschichten und Anekdoten, die wiederum zu einem großen Ganzen zusammenfließen… aber, wie eines der Zitate besagt, das jedem Kapitel vorangestellt ist:

„Erwartet euch nicht zuviel vom Weltuntergang.“ (61)

Auch wenn es mich einige Zeit gekostet hat, habe ich dieses Buch sehr genossen, und, wie schon einige Kommentatoren angemerkt haben, es ist ein Heidenspaß, wie Eco die Verschwörungstheorien auseinanderpflückt und neu zusammenfügt und nachher einen großen Knall entstehen lässt. Eine sehr vergnügliche Lektüre, bestens geeignet für die kommenden dunklen Abende.

Umberto Eco: Das foucaultsche Pendel. Aus dem Italienischen von Burkhart Kroeber. Carl Hanser Verlag 1989

Wer noch etwas mehr über Umberto Eco erfahren möchte, hier gibt es noch zwei tolle Webseiten:

EcoOnline

Umberto Eco: Porto Ludovica