Double Feature: Stefan Zweig

Buch #67: Der Amokläufer und

Buchmendel & Die unsichtbare Sammlung

Bild: wikipedia.de

Stefan Zweig wurde am 28. November 1881 in Wien geboren. Er lebte von 1919 bis 1935 in Salzburg, von dort emigrierte er nach England und 1940 nach Brasilien. Nachdem er bereits als Übersetzer von Verlaine, Baudelaire und Verhaeren bekannt war, veröffentlichte er 1901 mit „Silberne Seiten“ seine ersten Gedichte. Sein episches Werk machte ihn ebenso berühmt wie seine historischen Miniaturen und die biographischen Arbeiten. 1944 erschienen seine Erinnerungen, in „Die Welt von Gestern“ erzählt er von einer vergangenen Zeit. 1942 schied er freiwillig aus dem Leben, nachdem er sich in seiner neuen Heimat Petropolis, Brasilien, nie ganz zu Hause fühlen konnte und die Angst, die Nationalsozialisten könnten sich die ganze Welt Untertan machen, Überhand nahm.

Bei Der Amokläufer handelt es sich um eine Sammlung von sieben Erzählungen, von denen hier stellvertretend die titelgebende Erzählung vorgestellt wird.

Ein namentlich unbekannter Ich-Erzähler berichtet von einer Schiffspassage von Kalkutta nach Europa im Jahre 1912. Er hat einen der letzten Plätze und somit der schlechtesten Kabinen bekommen, weswegen er seinen Rhythmus umstellt und tagsüber schläft und nachts an Deck geht, um die frische Luft und Ruhe zu genießen.Hier begegnet er eines Nachts im Dunklen einer anderen Person, die zunächst sehr nervös reagiert, sich dann aber an den Erzähler wendet, um seine Geschichte zu erzählen.

Die fremde Person war Arzt in Indien, in einer weit von aller Zivilisation gelegenen Siedlung, und hatte seine Zeit fast abgeleistet. Er war voller Tatkraft angekommen, doch die Hitze und die Einsamkeit haben ihm diese geraubt, und so verbrachte er seine Tage damit, die Zeit herumzubringen. Bis eines Tages ein unvorhergesehenes Ereignis eintrat – eine ihm unbekannte Frau bat ihn um Hilfe. Sie nannte ihren Namen nicht und war sehr bestimmt, eiskalt fast, was den Arzt fast um den Verstand brachte. Das war der Grund, warum er ihre Bitte verwehrte.

Kaum war die Dame gegangen, bereute er seine Härte und setzte ihr nach, doch ohne Erfolg. So forschte er nach und fand tatsächlich heraus, wer sie war, woraufhin er alles stehen und liegen ließ, um der Dame zu folgen und ihr seine Hilfe anzubieten. Worin diese letztlich bestand, und warum der Arzt sich auf dem Schiff befindet, sollte jeder für sich selbst herausfinden.

Diese 75 Seiten lange Erzählung liest sich in einem Atemzug weg. Zweig kreiert die tropische Stimmung so intensiv, dass man meint, die Luft höre auf, sich zu bewegen und laste schwer auf der Haut. Man sieht die Szenerie ebenso vor sich wie die eiskalten Augen der Dame, man riecht den Gestank des Schiffsmotors ebenso wie man die Weite des Sternenhimmels in der Nacht über sich sieht. Für meinen Geschmack ist es fast schon zu intensiv, ich bevorzuge ein paar Adjektive weniger, aber er versteht es doch ausgezeichnet, Stimmungen zu schaffen:

„Das Schiff war überfüllt und die Kabine schlecht, ein kleiner gepreßter, rechteckiger Winkel in der Nähe der Dampfmaschine, einzig vom trüben Blick der kreisrunden Glasscheibe erhellt. Die stockende, verdickte Luft roch nach Öl und Moder: nicht für einen Augenblick konnte man dem elektrischen Ventilator entgehen, der wie eine toll gewordene stählerne Fledermaus einem surrend über der Stirn kreiste. Von unten her ratterte und stöhnte wie ein Kohlenträger, der unablässig dieselbe Treppe hinaufkeucht, die Maschine, von oben hörte man unaufhörlich das schlurfende Hin und Her der Schritte vom Promenadendeck.“ (Amok, 71)

Im letzten Jahr brachte der Topalian & Milani Verlag zwei weitere Novellen von Zweig heraus: Buchmendel und Die unsichtbare Sammlung. Die Ausgabe ist ein wundervoller Band, in der jede der Novellen mit Illustrationen versehen ist, Die unsichtbare Sammlung mit Illustrationen von Florian L. Arnold, Buchmendel illustrierte Joachim Brandenberg, ein Nachwort zum Leben Zweigs rundet die Ausgabe ab.

In Die unsichtbare Sammlung berichtet ein Kunstantiquar dem Erzähler von einem Erlebnis, das ihn sehr beeindruckt hat. Im Zuge der Weltwirtschaftskrise, als Geld wertlos geworden war, kauften die Reichen nun Kunst – Bilder, Statuen und auch Stiche. Dies ging so weit, dass kaum noch Gegenstände zum Handeln vorhanden waren, bis er sich an einen alten Kunden erinnerte, der seit 1914 treuer Kunde gewesen war und eine umfassende Sammlung an Stichen zusammengetragen hatte. Er beschloss, diesen Herrn zu besuchen, und nicht wenige Überraschungen erwarteten ihn…

Buchmendel, wie immer von einem Ich-Erzähler ausgehend, berichtet von einem Mann, den der Erzähler vor vielen Jahren in Wien kannte und dessen er sich bei einem Besuch erinnert. Dieser Herr, Buchmendel, verbrachte seine Tage in einem Café, immer dasselbe Café, immer am selben Tisch. Als der Erzähler dort hingeht, findet er jedoch einen neuen Besitzer vor, der Buchmendel nicht kennt. So stellt der Erzähler Nachforschungen an… Dieser Buchmendel war ein Mensch, der jedes Buch kannte, der jedes Buch beschaffen konnte und der jeden Preis wusste. So hatte er sein kleines Auskommen im Beschaffen und Vertreiben von Büchern, für die er ein photographisches Gedächtnis besaß, die er aber nicht las. Auch in normalen, dem Überleben wichtigen Dingen, war er nicht sehr bewandert, und so kam eines Tages eins zum anderen…

Die Illustrationen geben den Novellen einen ganz besonderen zusätzlichen Reiz. Zweig erzählt keine schönen Geschichten, an seinen Erzählungen ist immer etwas faul, und dass der Ich-Erzähler alles entweder selbst erlebt oder aus erster Hand erfährt, bringt die Ereignisse noch näher. Dazu kommen die Zeichnungen, die eine zusätzliche Intensität kreieren, und die Geschichten werden nicht so schnell wieder vergessen. Auch wenn Zweig für mich persönlich vielleicht etwas überladen schreibt, haben die Erzählungen doch einen Eindruck hinterlassen, und jeder, der sich auf einige dieser Geschichten einlässt, wird die große Verzweiflung Zweigs an der Welt erkennen können, selbst wenn sie nirgendwo so eindringlich illustriert wird wie an seiner „Schachnovelle“, die mich seit nunmehr bestimmt 15 Jahren nicht mehr loslässt.

Stefan Zweig: Der Amokläufer und andere Erzählungen. Fischer Taschenbuch Verlag GmbH, Frankfurt am Main, 1989. 203 Seiten.

Stefan Zweig: Buchmendel. Die unsichtbare Sammlung. Topalian & Milani Verlag, 2016. 152 Seiten.

Ich danke dem Topalian & Milani Verlag für das Rezensionsexemplar.

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Buch #38: Elias Canetti – Die Blendung

Elias Canetti wurde 1905 in Rustschuk, heute Russe/Bulgarien, in eine Familie mit sephardisch-jüdischem Hintergrund geboren. 1911 zog die Familie nach Manchester, nach des Vaters Tod 1912 nach Wien. 1916 zogen sie in die Schweiz und 1921 nach Deutschland. Ab 1924 studierte Canetti in Wien Chemie, besuchte aber auch Veranstaltungen von Karl Kraus. Ab 1925 widmete er sich dem Massen-Phänomen, das ihn sein Leben lang beschäftigen sollte.

1931 beendete er Die Blendung, die aber erst 1935 erschien. Nach dem Anschluss Österreichs 1938 floh er mit seiner Frau nach London. Er verfasste mehrere Werke, 1960 erschien Masse und Macht, sein anthropologisches Hauptwerk. Er erhielt zahlreiche Preise, darunter den Büchner-Preis, den Nelly-Sachs-Preis, den Pour-le-Mérite-Orden und schließlich 1981 den Literaturnobelpreis. Am 14. August 1994 starb er in Zürich.

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Ich hatte Euch die Rezension schon für Dienstag versprochen. Dass es nun doch bis heute gedauert hat, bis ich mich dazu überwinden konnte, das Buch tatsächlich zu Ende zu lesen, gibt schon den ersten Hinweis auf das Folgende. Die Blendung ist in drei Hauptteile unterteilt, die jeweils mehrere Unterkapitel haben.

Der erste Teil heißt Ein Kopf ohne Welt. Hier lernen wir Peter Kien kennen, der bedeutendste Sinologe seiner Zeit. Er ist durch und durch Wissenschaftler, lebt nur für seine Gedanken und seine Bücher. Sein Leben bestreitet er sehr bescheiden mit Hilfe einer Erbschaft; für seine wissenschaftlichen Arbeiten Geld zu nehmen, findet er geschmacklos. Seit acht Jahren beschäftigt er eine Haushaltshilfe, Therese. Eines Tages wird ihm bewusst, wie gut sie zu seiner umfangreichen Bibliothek ist, und sie bringt ihn dazu, sie zu heiraten.

Dies war der größte Fehler seines Lebens. Er hatte seine kleine Welt, und auch wenn sie niemanden einschloss, hat er niemanden vermisst. Nun hat er Therese und Sorgen um Dinge wie Möbel, ein Testament und dergleichen mehr. Er kann nicht mehr arbeiten und spielt Machtspielchen mit ihr, die er schließlich verliert. Sie setzt ihn vor die Tür.

Hier beginnt Teil zwei, Kopflose Welt. Kien lernt Fischerle kennen, einen schachspielenden Kleinkriminellen, der zwergenwüchsig ist und einen Buckel hat. Fischerle nimmt Kien unter seine Fittiche, hofft er doch, langfristig genug Geld zu bekommen, um aus seinem Elend in einem Wiener Bordell zu entkommen in Richtung einer glänzenden Zukunft als Schachspieler in Amerika. Einerseits hilft Fischerle Kien bei Dingen, die er selber nicht schafft, z.B. regelmäßig zu essen oder zu schlafen. Dann wiederum nimmt er ihn hintenrum aus. Eine ganz große Hilfe ist er Kien auch bei der Aufbewahrung von dessen Kopfbibliothek, die dieser sich anstelle seiner Echten angeschafft hat, die er ja nun verloren hat. Nach und nach vertraut Kien Fischerle immer mehr und Fischerle kommt seinem großen Traum immer näher…

Kiens Bruder Georg, oder nun Georges, kommt im dritten Teil, Welt im Kopf, nach Wien. Er findet Peter als vollkommenes Wrack, dem übel mitgespielt wurde. Georg ist früh nach Frankreich ausgewandert, wo er zunächst Frauenarzt war, bevor er erfolgreich in die Psychiatrie wechselte. Dies hilft ihm nun auch, Peter zu helfen…

Soweit ganz grob die Geschichte. Kien ist ein weltfremder Wissenschaftler, und alle anderen (bis auf seinen Bruder) bemühen sich nach Kräften, ihn auszunutzen. Hier wird ein Schlag Menschen vorgestellt, der einen bis ins Innerste vor Ekel schütteln lässt. Natürlich ist in Kiens Geschichte Therese, die Frau, das Inbild allen Übels. Aber auch bei mir hat sie heftigste Reaktionen ausgelöst, eine so dumme, geldgierige, hinterliste Person…

Dass ich so empfunden habe, möchte ich als das Einzige herausstellen, was mich wirklich an diesem Roman fasziniert hat: die Art der Beschreibung. Man wechselt nämlich von Person zu Person in deren Gedankenstrom, und ihre Taten erscheinen immer als Ergebnis dieses Gedankenstroms. So ist man immer ganz nah bei der Person, und wenn man ganz nah bei Therese ist, bekommt man das dringende Bedürfnis, diese Person von sich abzuwaschen. Das ist genial gemacht, aber nicht weniger abschreckend. Und so ist es bei fast jeder Person, Canetti gibt uns den Abschaum mit allen seinen niederen Gelüsten und stellt dagegen den weltfremden Wissenschaftler, dem eben diese Gelüste fremd sind. So sieht man immer und immer wieder, wie sich Missverständnisse ergeben, Personen aneinander vorbeireden und Konflikte nur noch mehr wachsen, die mit einem einzigen klärenden Wort hätten aus der Welt geräumt werden können.

Mich hat das verstört und abgeschreckt. Ich habe mich geekelt, und teilweise musste ich das Buch weglegen. Insgesamt ist es recht einfach und flüssig zu lesen, das Fordernde ist, dass man die Bereitschaft haben muss, sich so intensiv mit diesen Personen auseinanderzusetzen. Georges Kien nimmt am Ende etwas von dem Schrecken, aber ich werde das Buch in ziemlich schlechter Erinnerung behalten. Es hat ein paar geniale Züge, aber insgesamt fand ich es fürchterlich.

Und nun bin ich auf Eure Reaktion gespannt, denn ich habe ja einige sehr positive und freudige Kommentare erhalten bei den Textschnipseln. Bitte erklärt mir doch, warum Ihr dieses Buch für so großartig haltet! Bei mir hat es leider nur den ganz negativen Nerv getroffen, und ich möchte jedem raten, der es lesen möchte:  Spar Dir die Zeit!