Buch #68: Margaret Atwood – Der Report der Magd

„Glaube ist nur ein Wort, gestickt.“ (389)

„Aber ringsum an den Wänden stehen Bücherregale. Sie sind voller Bücher, Bücher, Bücher, offen sichtbar, keine Schlösser, keine Schränke. Kein Wunder, dass wir hier nicht hereindürfen. Es ist eine Oase des Verbotenen. Ich versuche, nicht hinzustarren.“ (186)

Der Report der Magd – The Handmaid’s Tale – der deutsche Titel ist hier ausnahmsweise der Bessere, weil Angebrachtere. Ein Report ist es, den Desfred uns gibt, ein Report über das Leben in einem Regime, das im späten 20. Jahrhundert in den USA entstand. Viele Faktoren spielten hinein, die Umwelt, die Umweltkatastrophen, die Religionskonflikte, AIDS, der Feminismus.

Nun ist die Welt sehr einfach. Es gibt Männer. Und es gibt drei relevante Kategorien an Frauen. Da sind die „Marthas“, die eine recht gute Stellung als Haushaltshilfe haben. Sie haben keine Rechte, sind aber vor Verfolgung mehr oder weniger sicher. Sie sind im Großen Ganzen irrelevant, nur dazu da, den Handlanger zu geben. Sie tragen grün.

Dann gibt es die Ehefrau. Die höchste Stellung, die eine Frau innehaben kann. Ehefrau. Mutter. Vorstehende des Haushalts. Repräsentation des Haushalts. Die wichtigste Position, die eine Frau haben kann. Die Wichtigste. Sie tragen blau.

Und dann gibt es die Mägde. Sie dienen als Gefäße. Falls ein hochrangiges Ehepaar nicht in der Lage ist, Kinder zu bekommen, dient die Magd als Gebärmutter. Sie trägt rot. Desfred trägt rot.

Desfred lebt als Magd bei dem „Kommandanten“, Fred, und seiner Frau Serena Joy. Sie sind kinderlos, und Desfred soll ihnen helfen. Sie wird gut ernährt und lebt wohlbehütet. Sie hat lange, verhüllende Kleider und eine Haube, die sie hindert, angesehen zu werden. Und außer einem Tunnelblick nichts zulässt. Sie darf keine persönlichen Gegenstände haben. Sie darf das Fenster nicht weiter als einen Spalt öffnen, das Glas ist bruchsicher. Sie darf nicht sprechen, außer die Floskeln, die man sie lehrte. Fromme Sprüche. Und sie darf einmal im Monat das Ritual mit dem Kommandanten vollziehen, im Schoß seiner Frau liegend, in der Hoffnung, für sie empfangen zu können.

Desfred erzählt ihre Geschichte, von ihrem jetzigen Leben, das in völliger Isolation und Abschottung von der ganzen Welt vor sich geht. Informationen zu bekommen, ist fast unmöglich. Interesse an etwas zu zeigen, kann tödlich sein. Wissen zu haben, kann zur Exekution führen.

Aber das System ist nicht vollkommen. Und Desfred gehört zur ersten Generation Frauen, die zu dieser Lebensweise gezwungen werden. Sie erinnert sich daran, wie es vorher war, als Frauen Rechte hatten, Freiheiten, Bildung, Individualität. Und sie erinnert sich daran, wie ihr alles genommen wurde. Und warum sie sich nun in ihre Rolle fügt.

Margaret Atwoods Roman aus dem Jahre 1985 ist damals ihr Durchbruch gewesen. Diese finstere Dystopie hat beim ersten Mal, als ich sie vor vielen Jahren las, so vieles bei mir ausgelöst: Ich habe eine ungeheure Faszination für Dystopien entwickelt, Margaret Atwood ist meine verehrteste Schriftstellerin, und der Anteil meiner Lektüre von Frauen liegt bei ca. 33 Prozent. All dies hat sich nun beim Wiederlesen bestätigt.

Der Report der Magd ist ein ungeheuer intensiver Roman, der perfekt kalkuliert ist. Passt man die Gegebenheiten von vor 30 Jahren an die heutigen an, ist er, gerade mit Sicht auf das letzte Jahr, wieder erschreckend aktuell. Und erschreckend ist genau das Adjektiv, das ich meine. Er nimmt einem den Atem, lässt Seite um Seite verfliegen auf der Suche nach einer Lösung, nach einem Ausweg aus dieser Situation, aus der es keinen Ausweg gibt.

Der Gedanke, dass man diese – eigentlich als Abschreckung zu verstehende – Geschichte als Handbuch nehmen könnte, hat sich mir wieder tief ins Hirn gegraben und mir einen Schlag in die Magengrube verpasst. Es darf nicht sein. Für viele Frauen ist es aber so, an so vielen Orten auf der Welt, täglich, ohne Ausweg. Man sollte dies immer vor Augen haben, immer daran denken, und dieser Roman ist eine Anmahnung all dessen.

Wie ich immer wieder zu meinem Erstaunen vernehme oder lese, gibt es anscheinend einige Menschen, die sich schwer tun mit von Frauen verfasster Lektüre. Ich kann mir beim besten Willen keinen Grund dafür vorstellen, doch scheint es so zu sein. Denjenigen möchte ich eines raten: Wenn Sie nur einen Roman, der von einer Frau geschrieben wurde, ausprobieren möchten, nehmen Sie diesen.

Denn es handelt sich auch schlicht um eine äußerst spannende Geschichte. Wie die jetzige Situation mit der damaligen und der Entwicklung zusammengebracht wird, wie stückchenweise die Welt aufgebaut und ineinander verkeilt wird, wie Desfred sich der Umstände nicht erwehren und von den Ereignissen mitgerissen wird, das ergibt einen Pageturner.

Ich weiß, das alles ist eine Menge Lobhudelei, aber ich bin diesem Roman verfallen, seit vielen Jahren schon. Er wird wohl die neue Spitzenposition in meiner Rangliste einnehmen, und mich auf jeden Fall für den Rest meines Lebens begleiten.

Ich habe den Roman ausgerechnet jetzt wiedergelesen, da ich ihn bei der Bingereaderin gewonnen habe (danke nochmal!), die ähnlich begeistert war, und weil er mit Elizabeth Moss und Joseph Fiennes als Serie verfilmt wurde, die am 26. April 2017 in den USA Premiere hat. Ich kann es kaum abwarten, jetzt noch weniger.

Margaret Atwood: Der Report der Magd. Aus dem kanadischen Englisch von Helga Pfetsch. Neuauflage im Piper Verlag GmbH, München/Berlin 2017. OA: The Handmaid’s Tale. MCClelland & Stewart, Houghton Mifflin, 1985; Cape 1985. 412 Seiten.

Buch #64: Sylvia Plath – Die Glasglocke

Esther Greenwood ist 19, als sie für einen Monat ein Praktikum bei einer bekannten Modezeitschrift in New York macht. Die eigentliche Arbeit bei der Zeitschrift steht dabei eher im Hintergrund, vielmehr gehen sie und die anderen Praktikantinnen von einem social event zum nächsten, Mode, Make-up, Männer treffen. Es ist 1953, und auch wenn Esther an einem bekannten College studiert, sind das die Dinge, die sich ihr bieten.glasglocke

Sie hat einen Freund, Buddy, der sie nach Jahren des Anhimmelns endlich erhört und eine Zukunft mit ihr planen will. Diese Zukunft besteht in einer Familie mit Kindern, und einem Buddy, der stets gönnerhaft auf das kleine Liebchen herabsieht, das solche albernen Träumchen hat wie Dichterin zu werden. Aber, und das weiß auch Esther, Dichterin und Familie, das passt nicht zusammen.

„Ich sah, wie sich mein Leben vor mir verzweigte, ähnlich dem grünen Feigenbaum in der Geschichte.

Gleich dicken, purpurroten Feigen winkte und lockte von jeder Zweigspitze eine herrliche Zukunft. Eine der Feigen war ein Ehemann, ein glückliches Zuhause und Kinder, eine andere Feige war eine berühmte Dichterin, wieder eine andere war eine brillante Professorin, die nächste war Ee Gee, die tolle Redakteurin, die übernächste war Europa und Afrika und Südamerika (…).

Ich wollte sie alle, aber eine von ihnen nehmen bedeutete, alle anderen verlieren, und während ich dasaß, unfähig, mich zu entscheiden, begannen die Feigen zu schrumpfen und schwarz zu werden und plumpsten eine nach der anderen auf den Boden unter mir.“

Seit Buddy ihr das Geständnis gemacht hat, nicht mehr „rein“ für sie zu sein, fühlt sie sich von ihm betrogen, fängt an, ihn zu verachten. Warum sollte es für ihn richtig sein, und für sie nicht? Eine Frage, die sich etliche Generationen stellten und wohl noch stellen werden.

„Und ich wußte, trotz aller Rosen und Küsse und Essen im Restaurant, mit denen der Mann die Frau überschüttete, bevor er sie heiratete, war er insgeheim darauf aus, daß sie sich nach der Hochzeit unter seinen Füßen flach machte wie Mrs. Willards Küchenmatte.“

Esther ist ohne Vater aufgewachsen, hat aber immer A`s bekommen und sich so einen Preis und ein Stipendium nach dem anderen erarbeitet. Sie hat nach dem Praktikum noch ein Jahr am College vor sich, doch zuerst stehen die Sommerferien bevor. Auf die Frage des Magazins, was sie denn einmal werden wolle, hat sie keine Antwort bereit – im Hinterkopf aber die Möglichkeit, einen Ferienkurs bei einem berühmten Schriftsteller zu machen. Als sie nach Hause kommt, findet sie jedoch eine Absage vor.

Und nun beginnt sie auseinanderzufallen. Sie hat bis dahin alles „richtig“ gemacht, hat gut gelernt, besucht ein gutes College, bekommt Stipendien und ein Praktikum, doch wozu? Im Grunde genommen geht es doch darum, die gesellschaftliche Pflicht zu erfüllen. Man wird irgendwohin geboren, und dann hat man dem Umfeld entsprechend zu sein. Esther verweigert sich dem. Sie hört auf zu duschen, sich frisch anzuziehen, zu schlafen, und sinnt auf die verschiedensten Arten, sich umzubringen.

Hier beginnt ein langer Leidensweg, der mit einem dieser Ärzte, die sich selbst für den Mittelpunkt der Welt halten und für die Dämchen schnellstmöglich eine Elektroschockbehandlung anordnen, eingeläutet wird. Sie durchläuft von hier an viele Stationen, und nimmt den Leser immer mit. Es ist eine Leidensgeschichte, aber auch eine Emanzipationsgeschichte.

Esther weiß, dass sie nicht in ein gesellschaftliches Schema zu pressen ist. Sie hat Angst, weiß nicht, wie sie ihren Weg gehen soll, versinkt in Ohnmacht:

„Ich wußte, dass ich Mrs. Guinea dankbar sein mußte, und trotzdem empfand ich nichts. Hätte sie mir eine Fahrkarte nach Europa oder eine Kreuzfahrt rund um die Welt geschenkt, so hätte sich für mich nicht das geringste verändert, denn egal, wo ich saß – ob auf dem Deck eines Schiffes oder in einem Straßencafé in Paris oder Bangkok-, immer saß ich unter der gleichen Glasglocke in meinem eigenen sauren Dunst.“

Es ist schwer, da wieder hinauszufinden. Und es ist harte Arbeit. Immer wieder von Neuem. Doch Esther lernt dazu. Lernt, dass sie wichtig ist, und nicht, was andere denken. Auch nicht ihre Mutter.

„Mir fiel das Gesicht ein, das meine Mutter bei ihrem ersten und letzten Besuch in der Anstalt seit meinem zwanzigsten Geburtstag gemacht hatte, ein blasser, vorwurfsvoller Mond. Die Tochter in einer Anstalt! Das hatte ich ihr angetan.“

Wird es Esther am Ende besser gehen? Oder wird sie wie ihre Erschafferin enden? Man weiß es nicht. Es ist schwer, anders zu sein als die anderen. Nicht in sein Umfeld zu passen. Immer wieder einzustecken, wie albern und idealistisch man doch ist. Ein Kampf, der manchmal, wenn man nicht weiß, warum man ihn kämpft, unter einer Glasglocke endet. Esther ist sich darüber im Klaren, dass der Rest ihres Lebens diesen Kampf beinhalten wird. Aber sie nimmt ihn an. Erstmal.

Die Glasglocke ist ein ungeheuer intensives Portrait einer jungen Frau, die in der Gesellschaft verloren geht. Sie schildert schonungslos ihren Weg und nimmt den Leser mit auf jedem Schritt. Obwohl 1963 erschienen, und obwohl vielleicht einige der Ansprüche heute andere sind, ist die Lektüre immer noch blitzaktuell. Sie lässt verzweifeln und gibt doch Hoffnung. Und könnte Menschen, die keine Glasglocken kennen, zeigen, wie es ist und vielleicht ein wenig Verständnis entlocken.

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Sylvia Plath Bild: biography.com

Sylvia Plath wurde am 27. Oktober 1932 in Jamaica Plain bei Boston, MS, geboren. Sie nahm sich am 11. Februar 1963 das Leben. Ihre Literatur wird meist im Kontext ihrer Lebensgeschichte gelesen.

Ihre Gedichte werden als Confessional Poetry gewertet, als Bekenntnislyrik, und auch in ihrem Roman Die Glasglocke, der ihr einziger geblieben ist, verarbeitete sie ihre Erlebnisse, wie einen Suizidversuch oder ihre Beziehung zu Ted Hughes, ihrem Ehemann. Ihren Durchbruch hatte sie erst postum, nachdem ihr Roman und einige nachgelassene Gedichte veröffentlicht wurden. Ihr Leben und ihr Tod wurden zum Gegenstand des öffentlichen Interesses, Plath zu einer Symbolfigur für die Frauenbewegung.

Sylvia Plath: Die Glasglocke. Aus dem Englischen von Reinhard Kaiser. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1997. OA: The Bell Jar. 1963. 262 Seiten.

Buch #62: Truman Capote – Kaltblütig

„Das Material zu diesem Buch stammt, sofern es nicht auf meinen eigenen Beobachtungen und Erfahrungen beruht, aus offiziellen Berichten oder es ist das Ergebnis von zahlreichen Interviews mit den unmittelbar beteiligten Personen, von Interviews, die sich oft über eine ziemlich lange Zeit erstreckten.“

Kalt wie Stein. Foto:mg

So lautet der erste Satz des Vorwortes zu Kaltblütig. Diese unmittelbar beteiligten Personen sind Angehöre, Freunde und Bekannte der Familie Clutter, von der vier Mitglieder ermordet wurden. Die Mörder, Perry Edward Smith und Richard Eugene Hickock, genannt Dick, kommen selbst zu Wort, aber auch die Menschen aus ihrem Umfeld. Und dann gibt es noch den ganzen Apparat, den solch ein Verbrechen in Bewegung setzt, von der Polizei über die Presse bis hin zu den Gerichtsangehörigen. Ja, es kommen viele Menschen zu Wort, und was sie zu sagen haben, lässt dem Leser manchmal den Atem stocken.

Perry und Dick, beide vorbestraft, treffen sich, nachdem sie sich im Gefängnis kennengelernt haben, eines Tages wieder. Obwohl keiner der beiden das vorhatte, führen die Ereignisse doch dahin. Sie haben von der Clutter-Farm gehört, die angeblich einen Tresor mit viel Geld beherbergt und machen sich auf, diesen auszuräumen. Es ist ihnen klar, dass dabei keine Zeugen zurückbleiben sollen.

Die Polizei steht vor einem Rätsel, außer zwei Fußspuren gibt es keine Anhaltspunkte, über das Motiv der Täter ganz zu schweigen. Die Clutters waren angesehen und wurden gemocht, und warum jemand Vater, Mutter, eine Teenage-Tocher und einen Teenage-Sohn ermorden wollen könnte, ist ihnen nicht ersichtlich.

Während die Polizei rätselt, vergnügen sich Perry und Dick auf einer Tour durch die Staaten bis hin nach Mexiko; als ihnen jedoch das Geld ausgeht, kehren sie zurück. Zu keinem Zeitpunkt denken sie, dass man ihnen etwas nachweisen könnte, denn auch sie wissen, dass das Motiv nicht ersichtlich ist und ja, sie haben ja keine Zeugen zurückgelassen.

Warum die Polizei dennoch auf ihre Spur kommt und wie sie erwischt und verurteilt werden, das erzählt Capote in Kaltblütig. Es ist zu keinem Zeitpunkt ein whodunnit, die einzige Spannung ist im Grunde genommen, ob und wie die Täter gefasst werden. Und Capote versteht es, diese Spannung aufzubauen. Er entwickelt die Geschichte von Standpunkt zu Standpunkt, erzählt zuerst von der Familie Clutter und der Tat, um dann überzuschwenken zu den Tätern.

Zu diesen entstehen zwei ausführliche Täterprofile, die sich aus ihren eigenen Erzählungen in Kombination mit denen der Menschen, die sie zu irgendeinem Zeitpunkt in ihrem Leben begleitet haben, zusammensetzen. Und so bekommt der Leser Einblick in die Entwicklung der „kaltblütigen“ Mörder, wie sie dorthin gekommen sind, und dies macht diesen „Tatsachenroman“ spannender als so manchen Thriller. Genau dies wollte Truman Capote schaffen, und er bereitete damit den Weg für ein neues Genre, den New Journalism.

Ich schiebe die Besprechung des Buches nun schon seit einigen Tagen vor mir her, da ich geteilter Meinung darüber bin. Es stimmt, dass Capote mit seinem wahrheitsgemäßen Bericht einen wirklich spannenden Roman, ja fast schon Thriller, geschrieben hat. Jetzt ist es aber so, dass die Entwicklung des Täterprofils heutzutage nichts Neues mehr ist, dass z.B. Serien wie Criminal Minds diese Art der Erzählung regelmäßig benutzen und man weiß, dass nicht alles einfach schwarz und weiß ist.

Die Geschichte der Tat und der Jagd nach den Tätern, ebenso wie die Einschübe der verschiedenen Perspektiven der Personen, die die Täter oder die Opfer gekannt haben, hat Capote wirklich meisterhaft verwoben, an keiner Stelle wird es langweilig. Aber der Part, als es an die Gerichtsverhandlung geht, mit den Verhandlungs“pannen“ und dem Gefängnisaufenthalt, hat einen etwas schalen Geschmack hinterlassen. Auf einmal erzählt Capote von den Zellengenossen im Todestrakt und führt deren Verbrechen aus, und wie sie alle interagieren, was jedoch für die Geschichte und den Bericht völlig unerheblich ist.

Als letzter Teil des Buches ist dies im Gedächtnis geblieben, und es stört mich immer noch ein wenig. Aber dennoch habe ich Kaltblütig schnell und gern gelesen, es ist im Grunde dann doch ein „wahrer Thriller“, und diese Realität lässt den Leser schlucken und mitfiebern. Ich empfehle es also doch jedem als einen außergewöhnlich gebauten „realen“ Roman, ein Konzept, das spannend ist und funktioniert und wünsche mir, dass nicht alle schon so „abgebrüht“ sind wie ich, um einige Stellen besser würdigen zu können.

Truman Capote: Kaltblütig. Deutsch von Kurt Heinrich Hansen. Deutsche Buch-Gemeinschaft Berlin-Darmstadt-Wien, 1967. OA: In Cold Blood. Random House, New York, 1966. 408 Seiten.

Bild: Wikipedia

Truman Capote wurde am 30. September 1924 in New Orleans geboren. Er hatte mit Breakfast at Tiffany’s weltweiten Erfolg. Danach recherchierte er mit seiner Jugendfreundin Harper Lee sechs Jahre lang die Morde an der Familie Clutter und verarbeitete dies zu Kaltblütig. Dieser Roman wurde zu einem Bestseller, der eine Medienlawine auslöste, die darin endete, dass Capote die 500 berühmtesten Persönlichkeiten der USA zu seinem legendären Black und White Ball einlud, einer Mega-Party.

Danach ging es bergab mit Capote, er hatte eine Schaffenskrise und verfiel Drogen und Alkohol. Nach acht Jahren ohne Veröffentlichung wurde 1975 das erste Kapitel von Answered Prayers im Esquire-Magazin abgedruckt. Hier beschrieb er intimste Geheimnisse der High Society, was in einem Selbstmord und zahlreichen gekündigten Freundschaften und Capotes gesellschaftlicher Ächtung endete. Er verfiel in Depressionen. Am 25. August 1984 starb er vereinsamt in Los Angeles. (Quelle: Wikipedia)

Buch #59: Dashiell Hammett – Der Malteser Falke

Privatdetektiv Sam Spade nimmt eines Morgens mit seinem Partner den Auftrag einer jungen Dame, Miss Wonderly, an, die den Mann sucht, der ihre Schwester verführt hat. Spades Partner beginnt mit der Beschattung des Mannes, Floyd Thursby, und um zwei Uhr nachts klingelt Spades Telefon: Beide sind tot.

Die Polizei ist schnell involviert, es scheint, Thursby habe Spades Partner erschossen, aber wer für Thursbys Tod verantwortlich ist, bleibt ein Rätsel. Spade kooperiert nicht mit der Polizei und unternimmt seine eigene Untersuchung, die zuerst zu Miss Wonderly führt. Diese bittet ihn um Hilfe und Schutz, sei sie doch bestimmt die nächste, hinter der der Killer her ist. Und so nimmt eine Kriminalgeschichte den Anfang, die viele Wendungen macht.

Miss Wonderly ist nicht Miss Wonderly, aber tatsächlich wird sie gesucht. Denn sie weiß etwas, das sie nicht preisgibt, auch nicht Spade gegenüber. Sie weiß von dem schwarzen Vogel, dem Malteser Falken. Dieser ist eine wertvolle Statuette, und keiner von denen, die ihn jagen, weiß, wo er ist. Auch Miss Wonderly will von Spade, dass er den Vogel für sie findet. Ebenso wie die anderen Jäger der Statuette.

Und so hängt Sam Spade sein Fähnchen nach dem Wind. Mal kooperiert er hier, um einen Hinweis zu erhalten, mal macht er dort einen Schritt auf seine Kontrahenten zu, um die Wahrheit zu finden. Aber noch öfter macht er das, was ihm den schnellsten Vorteil bringt: er wendet Gewalt an. Und so kommt er Stückchen um Stückchen weiter, und der Leser mit ihm, aber der Leser weiß nie, worum es Sam Spade wirklich geht: Der Auflösung des Falls oder dem Besitz des Falken?

Er handelt immer opportunistisch, man kann ihn nie einschätzen. Und das ist der heutige Krimileser eher nicht gewohnt, hat man doch immer einen Ermittler, der ganz klar „gut“ ist, und einen Mörder, der ganz klar „schlecht“ ist. Bei Hammett gibt es das nicht. Man weiß nie, woran man ist, und welche Wendung die Geschichte als nächstes nehmen wird.

Das macht den Roman sehr spannend bis zum (unerwarteten?) Schluss, aber es hat auch eine negative Seite: Man bleibt der Hauptfigur fern, immer wieder windet sie sich aus des Lesers Griff, und es ist nicht möglich, Sympathie aufzubauen. Das ist verwirrend, weiß man irgendwann doch nicht mehr, zu wem man halten und wer den Vogel finden soll. Aber es ist auch realistisch, denn so sind die Menschen: Keine Schablonen, sondern sowohl „gut“ als auch „böse“.

Die Geschichte wird durch die vielen Wendungen spannend und hält diese Spannung bis zum Schluss. Interessanter ist an dem Roman aber die widersprüchliche Hauptfigur, die man nicht so oft geliefert bekommt. Und so kann ich jedem empfehlen, dieser Geschichte ein wenig Zeit zu schenken, ist die Erzählweise doch eine nicht alltägliche. Hammetts realistische Art zu schreiben bewirkt darüber hinaus, dass sich der Leser sehr gut in die jeweilige Kulisse hineinversetzen kann, es ist beinahe, als sehe man einen Film.

Der Malteser Falke gilt als einer der ersten Kriminalromane des Realismus, und Raymond Chandler sagte über ihn: „Hammett gab den Mord den Leuten zurück, die Grund haben, zu morden, und nicht nur da sind, um eine Leiche zu liefern.“ Man höre also auf Raymond Chandler und mich und lese diesen ungewöhnlichen Kriminalroman.

Quelle: Wikipedia

Samuel Dashiell Hammett wurde am 27. Mai 1894 in Maryland geboren. Nachdem er mit 13 die Schule verließ, wurde er Angestellter in der Detektivagentur Pinkerton. Diese Arbeit floss in seine Bücher ein. Seine Figuren sind aber zumeist Antihelden, allen voran Sam Spade. Noch vor Raymond Chandler gilt er als Begründer der hardboiled novel. Er war verheiratet und hatte zwei Töchter, seine große Liebe jedoch war die Dramatikerin Lillian Hellman. Er nahm an beiden Weltkriegen teil, aber aufgrund seiner Mitgliedschaft in der kommunistischen Partei geriet er in die Mühlen der McCarthy-Ära. Er war im Gefängnis, und sein Vermögen wurde beschlagnahmt. 1953 musste er vor der McCarthy-Kommission aussagen, was im Fernsehen übertragen wurde. Seine Rundfunkbeiträge wurden gestoppt, seine Geschichten nicht mehr gedruckt. 1955 hatte er einen Herzanfall und zog sich aus der Öffentlichkeit zurück. Er starb 1961 verarmt und wurde in Arlington beigesetzt.

Dashiell Hammett: Der Malteser Falke. Neu übersetzt von Peter Naujack. OA: The Maltese Falcon, 1930, Alfred A. Knopf, Inc., New York. DA: Diogenes Verlag AG Zürich, 1974. 235 Seiten.

Buch #54: John Steinbeck – Die Straße der Ölsardinen

John Steinbeck wurde am 27. Februar 1902 in Salinas, Kalifornien, geboren. Er gehört zu den erfolgreichsten Autoren des 20. Jahrhunderts, weswegen ein Kurzlebenslauf fast unmöglich hier ist. Wer daran interessiert ist, möge hier nachlesen. Steinbeck verfasste viele Romane, Kurzgeschichten und Novellen, war Journalist und Kriegsberichterstatter. Er gewann sowohl den Pulitzer-Preis als auch den Nobelpreis. Er starb am 20. Dezember 1968 in New York.

 

 

„Die Straße der Ölsardinen

ist mehr als nur eine Straße, es ist die Gegend der Ölsardinen und Konservenbüchsen, ist ein Gestank und ein Gedicht, ein Knirschen und Knarren, ein Leuchten und Tönen, ist eine schlechte Angewohnheit von Jugend auf, mein Traum. Cannery Row – in Monterey, Kalifornien, zusammen- und auseinandergeschleudert – besteht aus Alteisen, Blech, Rost, Hobelspänen, aufgerissenem Pflaster, Baustellen voll Unkraut und Kehrichthaufen, aus Fischkonservenfabriken in Wellblechschuppen, aus Wirtschaften, Hurenhäusern, Chinesenhütten, Laboratorien, Läden voll Kram, aus Lagerhäusern und faulen Fischen. Die Einwohner? Huren, Hurensöhne, Kuppler, Stromer und Spieler, mit einem Wort: Menschen; man könnte mit gleichem Recht sagen: Heilige, Engel, Gläubige, Märtyrer – es kommt nur auf den Standpunkt an.“ (S. 7)

Ich stelle mir eines dieser amerikanischen Häuser vor, die die große Veranda vor dem Haus haben. Auf dieser Veranda steht eine Bank, auf der ich sitze, und ein Schaukelstuhl, in dem der Erzähler sitzt. Gemütlich vor- und zurückschwingend erzählt er mir von der Cannery Row und ihren Einwohnern.

Diese Einwohner leben am untersten Rand der Gesellschaft, sie leben in Hütten und Häuschen, manche sogar in den ehemaligen Tanks der Fabriken. Sie haben nichts, außer ihrer Armut und ihrer Sklavenarbeit. Aber ihre Lebenseinstellung ist eine, die der Leser eher nicht erwartet. So ist z.B. eine Einwohnerin eines Tanks ganz verzweifelt, weil sie doch so gerne schöne Vorhänge kaufen würde, doch hat der Tank keine Fenster. Oder eine andere Frau hört auf, ihren Mann windelweich zu schlagen und ihm die Schuld zu geben, weil er im Gefängnis Ruhe vor ihr, ein Dach über dem Kopf und eine warme Mahlzeit hat, was sie ihm missgönnt.

Hier leben Menschen, die vom Leben alles andere als verwöhnt werden. Es gibt z.B. Lee Chong, den chinesischen Ladenbesitzer und somit etwas besser Situierten, der aber auch unzählige Deckel hat, auf denen die Leute angeschrieben haben. Oder da ist Dora, die Puffmutter, die mehr für die Allgemeinheit bezahlt als jeder andere, der dort lebt. Sie hat immer jemanden da, der ihre Mädchen beschützt, und auch diese bekommen Urlaub, weil sie sich mal „erholen“ müssen.

Dann sind da Mack und die Jungs. Sie sind ein Trupp (freiwilliger) Junggesellen, die zusammen leben und nur an heute und ganz, ganz eventuell an Morgen denken. Sie arbeiten, wenn sie Geld brauchen, und sonst leben sie. Man könnte sie ebenso gut Tagediebe wie Lebenskünstler nennen. Sie sind auf jeden Fall eine Gemeinschaft, jeder sorgt für jeden, jeder trägt etwas bei.

Und dann ist da Doc, der wohl der einzige wirklich gebildete Mensch hier ist. Er möchte forschen, weswegen er manchmal Mack und den Jungs den Auftrag gibt, Katzen oder Meeresgetier für ihn zu fangen, und ihnen einen ordentlichen Lohn bezahlt. Ist Not am Mann, wie z.B. bei einer Grippeepidemie, bei der sich die wenigsten Einwohner der Cannery Row einen Arzt leisten können, ist Doc zur Stelle und kümmert sich Tag und Nacht um alle. cannery row

Der Roman besteht aus vielen kleinen Episoden, Geschichten über einzelne Einwohner, über einzelne Ereignisse, kurze Ausschnitte, die sich zu einem Gesamtbild zusammenfügen. Ein alle Einwohner verbindender Handlungsstrang aber ist der Versuch von Mack und den Jungs, eine Party für Doc zu organisieren, um ihren Dank und ihre Freundschaft auszudrücken. Naturgemäß haben alle an so einer Party teil, aber nicht alles läuft ohne Schwierigkeiten ab.

Ich habe dieses Buch geliebt, weil es mir mit so großer Liebe Menschen nahe bringt, die sonst kaum in der Literatur berücksichtigt werden, und wenn, dann nicht in positiven Bildern. Hier sind die Ärmsten der Armen, die ein armes Leben führen, das jedoch so arm nicht erscheint. Denn hier gibt es ein Zusammengehörigkeitsgefühl, das es wohl nirgendwo anders in dem Maße gibt. Keiner hat etwas, doch das wenige, das da ist, ist für alle da.

Ich sitze auf meiner imaginären Bank und hoffe, dass mein Erzähler, gemütlich schaukelnd, mehr erzählen möge. Ich möchte mehr Geschichten hören über Doc, über Mac und die Jungs, über Lee Chong und wie sie alle heißen. Ich möchte in die Cannery Row reisen und all die Menschen sehen, die mir mein Erzähler so liebevoll beschreibt. Auch wenn es vielleicht langsam dunkel wird und Zeit, von der Veranda aufzustehen und ins Bett zu gehen.

John Steinbeck: Die Straße der Ölsardinen. Aus dem Amerikanischen übertragen von Rudolf Frank. Diana Verlag AG, Zürich, 1984. 270 Seiten.

* Das Buch ist Ed Ricketts gewidmet, Meeresbiologe und Philosoph und ein enger Freund Steinbecks, der ihm mit der Figur des Doc ein Denkmal gesetzt hat.

* Die Ausgabe aus dem Diana Verlag ist übrigens mit Zeichnungen ausgestattet, die einige der erzählten Bilder darstellen. Sehr sehenswert!

Buch #53: John le Carré – Der Spion, der aus der Kälte kam

John le Carré wurde am 19. Oktober 1931 in Poole, Dorset, unter dem Namen David John Moore Cornwell, geboren. Nach seinem Studium in Bern und in Oxford war er für den britischen Geheimdienst tätig, unter anderem vernahm er Menschen, die über den eisernen Vorhang geflohen waren. Später war er, unter anderem in Bonn und Hamburg, für den MI5 und den MI6 tätig. Hier schrieb er seine ersten Romane, 1964 quittierte er den Dienst und widmete sich professionell dem Schreiben. Er war zweimal verheiratet und hat insgesamt vier Kinder. Im Jahr 2011 gab er der Bodleian Library sein gesamtes literarisches Archiv zur Aufbewahrung.

spion, kälteDer Spion, der aus der Kälte kam war le Carrés internationaler Durchbruch, er erhielt den Gold Dagger und den Edgar Award sowie den Somerset Maugham Award und 2005 den Dagger of Daggers. Seit seiner Veröffentlichung war der Roman ein Bestseller und ist in zahlreichen Auflagen erschienen.

Der Roman handelt von Alec Leamas, der im britischen Geheimdienst tätig und für Ostdeutschland zuständig ist. Hier hat er ein Spionage-Netz aufgebaut, das aber von seinem Widersacher Mundt aufgedeckt wurde. Die Handlung beginnt damit, dass Mundt den letzten verbliebenen Spion auf den letzten Metern über den Grenzübergang erschießen lässt. Leamas kehrt nach England zurück, wo er ein Gespräch mit seinem Vorgesetzten hat und mit diesem einen Plan fasst. Nach außen hin wird er aufs Abstellgleis geschoben, er bekommt einen Bürojob, der ihn zu Tode langweilt, beginnt zu trinken und wird schließlich entlassen. Von nun an geht die Spirale abwärts, er beginnt stark zu trinken, hat eine Affäre mit einem Mädchen, das ihm gleichgültig zu sein scheint und landet schließlich wegen gefährlicher Körperverletzung im Knast.

Als er entlassen wird, fängt der ostdeutsche Geheimdienst an, sich für ihn zu interessieren. Könnte es möglich sein, dass er überläuft und die DDR mit wertvollem Material versorgt? Leamas lässt sich auf Gespräche ein, verfolgt aber sein eigenes Ziel: Hans-Dieter Mundt. Doch dieser ist ein sehr mächtiger Mann, mächtiger, als Leamas anzunehmen scheint. Und dann kommt auch wieder das Mädchen ins Spiel, anständige Menschen kämpfen gegen unanständige Menschen, Gut gegen Böse, und wer vermag in dieser Welt noch zu sagen, wer wer ist? Wie wird Alec Leamas sich gegen Mundt behaupten können? Wird er überhaupt eine Chance haben? Und das Mädchen schützen können?

Der Spion, der aus der Kälte kam ist insofern anders als viele Krimis, als er auf Schwarz-Weiß-Malerei verzichtet. Die Geschichte ist komplex, und es scheint, das Geheimdienstmilieu ist nur auf Resultate aus, zu welchem Preis auch immer sie erreicht werden.

„Ich hasse das alles, ich bin es leid. Aber es ist die Welt, es ist die Menschheit, die verrückt geworden ist. Wir wären doch nur ein kleiner Preis. Aber es ist überall das gleiche, Menschen, betrogen und irregeführt, ganze Leben weggeworfen, Menschen erschossen und im Gefängnis, ganze Gruppen und Klassen abgeschrieben – für nichts.“ (248)

Es ist immer schwierig, einen Kriminalroman zu beschreiben, ohne allzu viel von der Handlung zu verraten. Dieser bleibt jedoch bis zum Ende so in seine Wendepunkte verstrickt, dass man nie weiß, woran man ist. In einer allzu nüchternen Sprache wird der Verbündete zum Feind, der Feind zum Verbündeten gemacht, und wieder umgekehrt. Die nüchterne Sprache steht im Kontrast zu den plötzlichen Gefühlseruptionen, dann wird geschrieen und gebrüllt, und dies kommt immer plötzlich. Aber eben durch die Schlichtheit und den vielfach nur beschreibenden Stil entfaltet sich eine sehr beklemmende Stimmung, und man wähnt sich tatsächlich an der Seite einer der Figuren im Trenchcoat, geht mit ihnen durch das London der Sechziger Jahre, weiß aber nie genau, wo man ist und woran man ist, ob der Feind sich gleich als Freund zu erkennen gibt oder der Freund ein Verräter ist.

Spannend ist diese Geschichte, auch wenn mir Raymond Chandlers desillusionierter Protagonist besser gefallen hat. Aber wer einen Samstag oder Sonntag mit einem guten Buch und einer wendungsreichen Geschichte verbringen möchte, ist hier gerade recht beraten. Ob man viel Sympathie für die handelnden Personen empfindet, oder in ein Wechselbad der Gefühle eintaucht, das mag bei jedem Leser anders sein. Auf jeden Fall wird jeder Leser gut unterhalten werden.

John le Carré: Der Spion, der aus der Kälte kam. Aus dem Englischen von Manfred von Conta. Econ Ullstein List GmbH & Co. KG, München 2001, OA aus dem Jahre 1963. 256 Seiten

Buch #52: Kurt Vonnegut – Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuzzug

Kurt Vonnegut wurde am 11. November 1922 in Indianapolis geboren. Seine Eltern entstammten beide deutschen Einwandererfamilien. Kurt arbeitete schon für die Schülerzeitung, neben seinem Studium der Biochemie arbeitete er an der College-Zeitung  der Cornell University als Redakteur und Kolumnist. Er meldete sich 1943 freiwillig zur US Army und diente in der Ardennenoffensive als Soldat in einer Aufklärungseinheit, in der 106. Infanteriedivision, die dabei teilweise aufgerieben wurde. Er geriet in deutsche Kriegsgefangenschaft und erlebte die durch alliierte Bomber geführten Luftangriffe auf Dresden und die Zerstörung der Stadt mit. Diese Erlebnisse beschreibt und verarbeitet er in Slaughterhouse 5.

Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitete er als Reporter, und als Schriftsteller verfasste er hauptsächlich Kurzgeschichten. In seinen letzten Lebensjahren wurde er zum bitteren Gegner von Präsident Bushs Kriegspolitik. Kurt Vonnegut starb am 11. April 2007 in New York an den Folgen einer Kopfverletzung.

kurt„Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuzzug von Kurt Vonnegut jr., einem Deutsch-Amerikaner der vierten Generation, der jetzt in angenehmen Verhältnissen in Cape Cod lebt (und zuviel raucht), der vor langer Zeit als Angehöriger eines Infanterie-Spähtrupps kampfunfähig als Kriegsgefangener Zeuge des Luftangriffs mit Brandbomben auf Dresden, „dem Elb-Florenz“, war und ihn überlebte, um die Geschichte zu erzählen. Dies ist ein Roman, ein wenig in der telegraphisch-schizophrenen Art von Geschichten von dem Planeten Tralfamadore, von wo die Fliegenden Untertassen herkommen. Friede.“

 

Diese Worte sind dem Roman vorangestellt. Es handelt sich bei Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuzzug um eine Geschichte in der Geschichte. Der Erzähler, Kurt Vonnegut, berichtet von seiner über 20 Jahre währenden Unfähigkeit, einen Roman über seine Kriegserlebnisse zu schreiben. Dann, 1967 (es war mitten im Vietnam-Krieg), fuhr er noch einmal mit einem alten Kriegskameraden nach Dresden. Er schreibt von seiner Unfähigkeit, seine Erlebnisse in Worte zu fassen; auch wusste kein Amerikaner viel über diesen Angriff auf Dresden, und wie verheerend er gewesen war. Jedenfalls beschließt Vonnegut, seinen alten Kriegskameraden aufzusuchen und ihn nach Erinnerungen zu fragen, und stößt bei dessen Frau auf entschiedenen Widerwillen.

„‚Ihr wart nur kleine Kinder im Krieg – genau wie die im oberen Stockwerk!‘

Ich nickte zustimmend. Wir waren törichte, jungfräuliche Männer im Krieg gewesen, gerade am Ende der Kindheit angelangt.

‚Aber Sie werden es nicht so schreiben, nicht wahr!‘ Das war keine Frage. Es war eine Anklage.

‚Ich – ich weiß nicht‘, sagte ich.

‚Nun, aber ich weiß es‘, sagte sie. ‚Ihr werdet vorgeben, Männer statt Kinder gewesen zu sein, und eure Rolle wird in den Filmen von Frank Sinatra und John Wayne oder einem anderen dieser bezaubernden, kriegsbegeisterten, dreckigen alten Männer gespielt werden. Und der Krieg wird einfach wundervoll aussehen, so daß wir eine Menge anderer Kriege haben werden. Und sie werden von Kindern wie unsere Kinder oben ausgefochten werden.‘ […]

‚Wenn ich es jedoch jemals fertig schreibe, gebe ich Ihnen mein Ehrenwort: Es wird keine Rolle für Frank Sinatra oder John Wayne enthalten… Ich sage Ihnen etwas‘, setze ich hinzu. ‚Ich werde es ‚Der Kinderkreuzzug‘ nennen.'“

Und daran hält er sich. Er erzählt die Geschichte von Billy Pilgrim, der 1922 geboren wurde und ein komisch aussehender, komisch gewachsener junger Mann ist. Er soll als Diener eines Feldpredigers wirken, hat keine Waffen und keinen Einfluss auf jedwedes Kriegsgeschehen. Als er in Luxemburg ankommt, wird in der Ardennen-Offensive alles vernichtet und Billy irrt daraufhin durch Deutschland. Er gerät in Kriegsgefangenschaft, und wird Zeuge von Not und Elend, er kommt in Lager, wird in überfüllten Zügen dorthin und später nach Dresden transportiert und schließlich sitzt er im Keller des Schlachthofs Nummer Fünf, als Dresden bombardiert und in eine „Mondlandschaft“ verwandelt wird. So geht das.

Doch Billy ist anders als andere Menschen. Er überlebt den Krieg und gerät 1967 in einen Flugzeugabsturz, den er ebenfalls überlebt. Kurz nach dem Absturz wird er von Außerirdischen entführt, die ihn zum Planeten Tralfamador bringen. Hier leben Wesen, die in vier Dimensionen denken. Und Billy lernt, dass Zeit keine chronologische Abfolge ist, sondern alle Zeit ist immer. Und so wird seine Geschichte auch erzählt. Er springt von seinen Erlebnissen als Kind zu denen kurz vor seinem Tod, von Dresden zu Tralfamadore, von seiner Hochzeit zum Flugzeugabsturz und so fort. Von all diesen Erlebnissen berichtet er recht objektiv. Und beendet viele Sequenzen mit der kurzen Feststellung: So geht das.

Billy Pilgrim ist also ein Beobachter, ein Pilger durch die Zeit. Dadurch, dass er jederzeit seiner momentanen Zeit und guten wie schlechten Erlebnissen entrissen werden kann, verliert vieles seine Bedrohlichkeit. Man könnte ihn nun als einen Dummkopf sehen, als einen unbeteiligten Beobachter, der immer nur neben den Ereignissen steht und sie an sich vorüberziehen lässt. Das Wandern ohne Schuhe durch den Schnee ist beschwerlich, aber Billy wandert einfach weiter, was soll er sonst schon tun?! So geht das.

Dieser Fatalismus kann aber ebenso sehr eine Überlebensstrategie sein. Billy lässt all diese schrecklichen Erlebnisse an sich abperlen. Er befindet sich eben auf einmal mit einer sehr attraktiven Frau auf Tralfamadore, wo die Tralfamadorianer das menschliche Paarungsverhalten beobachten möchten. Oder er läuft in zusammengewürfelten Kleidungsstücken herum, die ihn wie einen absurden Clown aussehen lassen, aber es ist doch die Hauptsache, dass er Kleidungsstücke hat. So geht das.

Schlachthof 5 ist ein Anti-Kriegs-Roman. Er gewinnt seine Eindringlichkeit durch die Beschreibung der Schrecknisse des Krieges durch die Brille eines naiven Sonderlings, der nicht weiß, wie ihm geschieht, der die Grausamkeiten hilflos naiv mitansieht. Dass dies den meisten Kriegsteilnehmern so gehen dürfte, ist eine Ahnung, die den Leser schleichend befällt. Dresden wird zwar als Ereignis beschrieben, aber die „Mondlandschaft“, die die Stadt nach der Bombardierung ist, könnte genauso gut in Vietnam oder an einem anderen Kriegsschauplatz liegen.

Offiziell war Schlachthof 5 wegen der Beschreibungen fluchender Soldaten und sexueller Inhalte auf dem Index, und wurde von den Lehrplänen verbannt. Dies ist jedoch schlicht keine Literatur, die kriegsführende Staatsoberhäupter in den Köpfen haben wollen. Weil die Grausamkeiten, die Menschen Menschen antun, in den Köpfen bleiben. Weil die Hilflosigkeit zum Nachdenken anregt. Und wer will schon nachdenkende Soldaten. Sie sollen wie Billy alles hinnehmen. So geht das.

Kurt Vonnegut: Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuzzug. Deutsch von Kurt Wagenseil. Rowohlt Taschenbuch Verlag, 1972