Kathy Reichs – Tote lügen nicht

Kathleen Joan Reichs wurde 1950 in Chicago, Illinois geboren.  Sie ist eine von nur 88 durch die American Board of Forensic Anthropology zugelassenen Anthropologen. Sie ist für das Office of the Medical Examiner in North Carolina und für das Laboratoire de Sciences Judiciaires et de Médecine Légale in Montréal tätig, sie ist Professorin an der University of North Carolina in Charlotte und doziert an der Akademie des FBI in Quantico, Virginia. Diese Schauplätze kommen auch in ihren Romanen vor. Nach 9/11 hat sie außerdem an der Identifizierung der Opfer mitgearbeitet.

9783453435599Kathy Reichs ist also eine Wissenschaftlerin, die  Kriminalromane schreibt. Auf sie aufmerksam geworden bin ich durch die Fernsehserie Bones, die lose auf ihren Romanen basiert. Und ich muss sagen, wie auch die Serie gefallen mir ihre Romane sehr gut, da sie spannend sind und dabei durchaus lehrreich.

Nun also zu ihrem Debütroman, Tote lügen nicht  (Déja dead). Temperance Brennan, genannt Tempe, arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am gerichtsmedizinischen Institut von Montreal. Sie ist dafür zuständig, anhand von Leichenteilen die Identität und die Todesursache ihrer Opfer zu bestimmen.

Sie bekommt die Leiche einer mißbrauchten, erdrosselten und zerstückelten jungen Frau ins Labor, die in einem Müllsack gefunden wurde. Böse Vorahnungen überkommen sie, als sie an einen Fall zurückdenkt, der eine gewisse Ähnlichkeit mit diesem besitzt. Doch die Kollegen von der Polizei tun ihre  Gedanken als lächerlich und die Zusammenhänge als zufällig ab. Aber Tempe lässt sich nicht beirren, und weitere Funde sollen ihren Verdacht erhärten…

Doch sie kommt mit diesem Fall nicht so recht voran, da sie von äußeren Umständen abgelenkt wird. Ihre beste Freundin Gabby, die eine Studie über Prostituierte macht und sich zu dieser Zeit hauptsächlich im Rotlichtmilieu bewegt, verhält sich immer merkwürdiger. Sie ist ruhelos und gedankenabwesend. Vor Tempe schiebt sie es auf die Studie, und Tempe nimmt diesen Gedanken nur allzu gern an, da sie vollauf beschäftigt mit den zerstückelten Leichen ist.

Aber sie kommt nirgendwo weiter, die Polizei glaubt nach wie vor nicht an einen Zusammenhang, obwohl noch mehr Leichen auftauchen, und Gabby verschwindet immer öfter für mehrere Tage. Hin- und hergerissen zwischen dem Verdacht auf einen Serienmörder und der Sorge um ihre Freundin versucht sie, beides so gut wie möglich unter einen Hut zu bekommen.

Dann findet sie erste handfeste Beweise für eine Verbindung zwischen den Leichen. Und Gabby steht völlig aufgelöst vor ihrer Tür und gesteht ihr, dass sie einen Stalker hat, der sogar in ihr Haus eingedrungen ist und sie bedroht, woraufhin ihr Tempe ihr Gästezimmer zur Verfügung stellt.

Doch als ein Schädel in ihrem Garten auftaucht und Gabby mal wieder spurlos verschwindet, gerät alles außer Kontrolle. Ob die Fälle zusammenhängen, und ob der attraktive Detective Ryan Tempe helfen kann, liest am besten jeder selbst.

Im Gegensatz zu der Fernsehserie, in der ein Team mit effizientesten Mitteln in kürzester Zeit Fälle löst, wird in dem Roman die forensische Arbeit beschrieben, wie sie wirklich ist: sehr viel langsamer. Da Kathy Reichs jedoch weiß, worüber sie schreibt, ist dies zu keiner Zeit langweilig, sondern vielmehr rasend spannend. Sie läßt sich Zeit für Erklärungen der forensischen Arbeit, für die man wohl einen guten Magen und die Fähigkeit Abzuschalten braucht.

Und in ihren gut gezeichneten Figuren kommt der Kampf, der in diesem Beruf jeden Tag ausgefochten werden muss, sehr gut zu Tage. Tempe, die ehemalige Alkoholikerin, geschieden, Mutter einer Tochter, Freundin, Wissenschaftlerin, die versucht, den Toten ihren Namen und so etwas wie Gerechtigkeit zu verschaffen. Gabby, die lebenslustige, oft aber auch gedankenlose Freundin, die sich in ihre Studien verbeißt und versucht, etwas zum Besseren zu wenden, wenn es auch nur Kleinigkeiten sind. Detective Ryan, der Womanizer, der Tempe umgarnt, ihr aber auch Gehör schenkt und sie zu beschützen versucht. Die Wissenschaftler, die tagtäglich mit dem Tod arbeiten und versuchen, nicht daran zu Grunde zu gehen. Und schließlich verlorene Seelen, die Dummes tun, und Verbrecher, die gewissenlos sind.

Dies alles wird erzählt vor der Kulisse Montreals, über das ich bisher noch nichts gelesen habe. Auch hier beweist Kathy Reichs viel Liebe fürs Detail und läßt den Ort mit all seinen Eigenheiten vor dem inneren Auge entstehen.

Tote lügen nicht fällt heraus aus der großen Schar an Kriminalromanen, da er durch viel Hintergrundwissen und Liebe fürs Detail besticht. Es ist sowohl Lehrbuch als auch Thriller, eine, wie ich finde, nicht zu oft vorkommende Kombination. Wer Bones kennt, wird sich einige Dinge besser vorstellen können, z.B. die auf dem Tisch anatomisch korrekt ausgebreiteten Knochen, aber ein wirkliches Gespür für diese Arbeit bekommt man durch diesen Roman.

Ich kann diese gelungene Krimikost nur empfehlen – wenn nicht mehr für einen langen, dunklen Winterabend, dann vielleicht für ein paar Urlaubstage – und freue mich auf mehr Geschichten über Tempe Brennan.

Kathy Reichs:  Tote lügen nicht. Aus dem Amerikanischen von Thomas A. Melk. 1997.

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