Nederlandstalig! Harry Mulisch – Das Attentat

flaggeJanuar 1945. Hungerwinter in Haarlem. Anton Steenwijk sitzt mit seinen Eltern und seinem Bruder Peter im einzig einigermaßen beheizten Zimmer des Hauses und vertreibt sich die Zeit mit lesen. Dann fallen Schüsse. Und Antons Leben verändert sich für immer.

„Anton war zwölf Jahre alt, aber das wußte er auch schon: Fake Ploeg, Polizeioberinspektor, war der größte Mörder und Verräter von Haarlem und Umgebung.“ (23)

Und eben dieser Fake Ploeg liegt nun erschossen vor dem Nachbarshaus. Bis die Nachbarn herauskommen und ihn vor Steenwijks Tür ablegen. Peter rennt raus, um die Leiche zurückzulegen, aber er bekommt nur Ploegs Pistole zu fassen, mit der er davonläuft. Und dann sind die Soldaten da. Sie nehmen Anton mit, setzen ihn in ein Auto und lassen ihn warten, bevor sie ihn auf eine Polizeistation bringen.attentat

Vorher aber wird Antons Haus in Brand gesteckt, er sieht zu, wie es abbrennt. Und dann hört er das Knattern von Maschinengewehren. Er sieht seine Eltern und Peter nie wieder. Auf der Polizeistation wird er zu jemandem in Einzelhaft gesperrt, es handelt sich um eine junge Frau. Sie sagt nie ihren Namen, aber sie tröstet Anton. Als er aus der Zelle geholt wird, hat er ihr Blut an sich.

Anton gelangt schließlich zu seinem Onkel und seiner Tante nach Amsterdam. Bei ihnen wird er aufwachsen, sie geben ihm ein möglichst liebevolles Zuhause. Er geht zur Schule, dann zur Universität. Und blickt nie zurück.

Bis er zu einer Party seines Kommilitonen nach Haarlem eingeladen wird, und den Gesprächen über „damals“ nicht mehr lauschen kann. Und seine alten Nachbarn besucht, die seine Erlebnisse wieder aufrütteln. Es gibt nun ein Denkmal, mit den Namen seiner Eltern. Peters Name fehlt. Und auch nun kehrt Anton nach Amsterdam zurück und blendet seine Vergangenheit aus.

Bis die Studentenunruhen beginnen, und Fake Ploeg Junior vor seiner Tür steht. Er hatte dem Jungen einst beigestanden, unterschätzt aber die Wut, die dieser seit damals aufgebaut hat. Es wird keine schöne, aber eine erhellende Begegnung.

Anton geht seinem Studium nach, er studiert Medizin, und entscheidet sich für die Anästhesie als Spezialisierung. Ein Beruf, der eigentlich alles über ihn aussagt. Er denkt, dass man nichts an den Ereignissen ändern kann, und dass er sich deswegen auch nicht damit beschäftigen braucht. Er setzt sich nie damit auseinander, holt nie Erkundigungen ein. Er lebt einfach weiter.

Doch die Vergangenheit holt auch ihn ein. Und ob er will oder nicht, er begegnet Leuten, er erfährt Dinge, die damals geschehen sind, er begreift Zusammenhänge, ob zufällige oder gewollte. Er erfährt, wer die junge Frau in der Zelle war. Und er erfährt, warum Ploeg ausgerechnet vor ihr Haus gelegt wurde.

„War jeder schuldig und unschuldig? War die Schuld unschuldig und die Unschuld schuldig?“ (204)

Harry Mulisch hat hier auf gut 200 Seiten eine Episodengeschichte verfasst, die eine Episode aus dem Krieg in den Blickpunkt nimmt und ihre Folgen aufzeigt. Pars pro toto, anhand dessen die Situation in den Niederlanden beschrieben wird. Diese waren besetzt, und trotz eines großen Widerstandes machten auch viele begeistert mit. Dann wird die Zeit nach dem Krieg beschrieben, die Scham, die Überlebenden, die Verarbeitung der Ereignisse. Schuld und Verantwortung. Aber als Hauptthema habe ich empfunden, dass der Krieg nie weggeht, dass er in allen Beteiligten stecken bleibt.

Dieser Roman ist meiner Ansicht nach ein ganz wichtiges Stück Nachkriegsliteratur. In einer klaren, präzisen Sprache breitet Mulisch ein Panorama der Nachkriegsniederlande aus, und entfaltet eine Geschichte von Schuld und Verantwortung, von Unschuld und Verarbeitung. Mulisch ist mein meistverehrter niederländischer Schriftsteller, ich habe fast sein ganzes Werk gelesen – nach und nach wird es hier noch vorgestellt werden – und für den Einstieg ist Das Attentat ganz hervorragend geeignet.

Harry Mulisch wurde am 29. Juli 1927 in Haarlem geboren. Sein Vater war Personaldirektor einer Bank, die während der Besetzung für die Arisierung jüdischen Eigentums zuständig war. Seine Mutter hingegen war Jüdin. Durch seine Aufgabe konnte der Vater seine Frau und seinen Sohn schützen, musste jedoch nach dem Krieg in ein Internierungslager, an dessen Folgen er verstarb.

Bild: nrc.nl

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Diese Situation hat Mulischs ganzes Leben und sein Schreiben geprägt. Er war Berichterstatter beim Eichmann-Prozess und hat sich gegen den Vietnam-Krieg engagiert. Neben Das Attentat von 1982 ist Die Entdeckung des Himmels von 1992 sein bekanntestes Werk, das zu einem späteren Zeitpunkt noch besprochen werden wird. Für die beiden Romane erhielt er das Bundesverdienstkreuz erster Klasse, neben zahlreichen weiteren Auszeichnungen.

Er verstarb am 30.10.2010 mit 83 Jahren an einer Krebserkrankung in seinem Haus in Amsterdam.

Das Attentat (OT De Aanslag) wurde 1986 verfilmt und erhielt den Oscar für den besten fremdsprachigen Film.

Harry Mulisch: Das Attentat. Aus dem Niederländischen von Annelen Habers. Süddeutsche Zeitung Bibliothek, 2004. Beruhend auf der Ausgabe vom Carl Hanser Verlag München Wien, 1986. OA: Uitgeverij De Bezige Bij Amsterdam, 1982. 205 Seiten.

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