Nederlandstalig! Margriet de Moor – Sturmflut

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„Heute wurde also alles hinweggefegt.“ (183)

„Sie fängt seinen Blick auf, erkennt, daß er Angst hat, und hört es dann auch. Das Geräusch ist anfangs abstrakt. Eine Art Rauschen, anschwellend. Einen Moment muß sie an eine Heuschreckenplage denken, dann an eine tausendköpfige Armee, die von der anderen Seite der Insel sehr schnell angestampft kommt. Zeit, zu erschrecken, bekommt sie nicht. Die gesamte Aussicht verschwindet. Eine grauenhaft hohe Walze pechschwarzen Wasser steigt aus dem Nichts auf und rollt heran.“ (160)

Armandas Patenkind feiert seinen Geburtstag, aber aus einer Laune heraus bittet sie ihre Schwester Lidy, an ihrer Stelle zur Feier nach Zeeland zu fahren. Es ist der 31. Januar 1953, der Tag vor der Sturmflut. Diese Sturmflut kam durch Bedingungen und Konstellationen zustande, die nur sehr selten so zusammentreffen, und löschte weite Teile Südhollands aus. Sie kostete allein in den Niederlanden 1.835 Menschen das Leben, auch England und Belgien waren betroffen.

Lidy begibt sich also auf die Reise, und auch wenn das Wetter ungemütlich ist, kommt es ihr nicht ungewöhnlich vor. Sie feiern den Geburtstag, und mitten in der Nacht wird sie aus dem Bett geholt: Ein Auto wird gebraucht. Sie fährt mit Simon Cau, einem Bauern, der auch für die Deiche auf der Insel zuständig ist, zu verschiedenen Punkten, und erfasst nicht so recht, wie ernst die Lage ist. Er hingegen sieht, dass die Deiche alle alt und marode, großenteils schon vor der Flut ausgehöhlt sind und begreift, dass sie die Nacht nicht überstehen werden.

Sie versuchen, die Menschen zu warnen, aber die meisten denken sich, sie sitzen den Sturm aus. Und so fahren sie zurück zu Caus Hof, den sie allerdings nicht mehr erreichen, denn das Wasser kommt. Sie können sich ins Nachbarhaus retten, in dessen Dachfirst sich im Laufe der Nacht eine kleine Schar an Gestrandeten zusammenfindet. Bis am nächsten Tag das Haus weggespült wird.

Die Geschichte ist aus der Perspektive der beiden Schwestern erzählt, mehr oder weniger abwechselnd. Armandas Geschichte geht aber nach Lidys Tod weiter (ich spoilere hier nicht, das steht von Anfang fest), zeigt, wie sich ihr Leben nach der Katastrophe weiterentwickelt. Sie und Lidys Mann unternehmen in der nächsten Zeit alles, um Lidy zu finden, um wenigstens ihre Überreste begraben zu können. Sie kümmert sich auch um Lidys zweijährige Tochter, der sie zur Mutter wird.

Und ganz allmählich schlüpft Armanda in Lidys Rolle, als ob sie ihre Schwester damit am Leben erhalten könnte. Dieses Leben ist aber immer zweigeteilt, zersetzt von Schuldgefühlen. Denn hatte sie Lidy nicht gebeten, nach Zeeland zu fahren?

Margriet de Moor erzählt in Sturmflut eine der größten Flutkatastrophen, die die Niederlande je heimgesucht haben, anhand des Schicksals von zwei Schwestern, die unmittelbar hineingesogen werden. Die eine macht die Flut mit, die andere muss mit dem Überleben zurechtkommen. Ich denke, dass es vielen Menschen so gegangen ist damals, und dass das Schicksal der Schwestern exemplarisch ist für viele andere. Es gibt Einschübe, von handelnden Personen an diesem Abend, wie einem Meteorologen, und Erklärungen von Wissenschaftlern, warum Wasser und Sturm sich gerade so tödlich trafen, ebenso wie „Einschätzungen“, was alles anders hätte sein können, wäre nur einer der Faktoren anders gewesen.

All dies erzählt Margriet de Moor in einer sehr nüchternen Sprache, es ist schon fast ein dokumentarischer Stil, den sie benutzt. Dennoch meint man, selbst den kalten Wassermassen ausgeliefert zu sein, den Sturm brüllen zu hören, die Menschen und Tiere schreien zu hören. In einer nicht so nüchternen Sprache wäre dies wohl nicht zu ertragen gewesen.

Aber die Katastrophe ist nicht die einzige Handlung, dem, was nachher kommt, wird mehr Platz eingeräumt. Eine einzige Sturmnacht kann Leben für immer verändern. Menschen müssen mit ihrer Hilflosigkeit und ihren Schuldgefühlen weiterleben, so schwer das fallen mag. Am Ende stellt sich die Frage, welches Leben „mehr“ war.

Sturmflut ist ein Roman, der mich sehr beeindruckt hat. Nicht nur, weil ich das Meer über alles liebe und, solange ich denken kann, immer wieder an die niederländische oder belgische Küste in Urlaub gefahren bin, diese Landschaftsbeschreibungen also reale Bilder bei mir hervorrufen. Auch schafft Margriet de Moor es, eine Stimmung heraufzubeschwören, die dem Leser den Atem nimmt, die ihn hoffen und verzweifeln lässt. Und doch weiß man, wenn die Natur es will, hat der Mensch nichts auszurichten.

Auf Wikipedia gibt es einen ausführlichen Artikel über die Sturmflut, wie sie zustande kam, was passierte, und welche Maßnahmen ergriffen wurden. Wer sich dafür interessiert, möge hier klicken.

Margriet de Moor wurde am 21. November 1941 als Margaretha Maria Antonetta Neefjes in Noordwijk geboren. Sie studierte am Koninklijk Conservatorium in Den Haag Klavier und Gesang, im Zweitstudium Kunstgeschichte und Archäologie. Mit ihrem Mann eröffnete sie einen Salon für Künstler, in dem sie Videoporträts herstellte. Ihr erster Roman Erst grau dann weiß dann blau erhielt den AKO Literatuurprijs. Sie spricht fließend Deutsch und lebt heute in Bussum.

Margriet de Moor: Sturmflut. Aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen. Carl Hanser Verlag München Wien 2006. OA: De verdronkene. Uitgeverij Contact, Amsterdam 2005. 350 Seiten.

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