Buch #57: John Irving – Gottes Werk und Teufels Beitrag

„Gute Nacht, ihr Prinzen von Maine, ihr Könige Neuenglands!“ Diesen Satz sagt Wilbur Larch seinen Waisenkindern, nachdem er ihnen aus Charles Dickens vorgelesen hat und bevor er das Licht ausmacht. Ein allabendliches Ritual, damit die Kinder ein festes Gefüge, eine Routine kennen lernen.

Wilbur Larch ist Arzt, Gynäkologe, in wohl einem der trostlosesten Käffer der Welt, St. Cloud`s. Dies ist eine ehemalige Sägewerksstadt, die, nachdem alle Bäume abgeholzt waren, die Sägemühle verlegt und St. Cloud`s mit Unmengen an Sägemehlstaub und verrottenden Hütten zurückgelassen hat. Und dem Waisenhaus, für das Wilbur Larch verantwortlich ist, gemeinsam mit Schwester Angela und Schwester Edna. Während seines Studiums hatte Larch eine unangenehme Begegnung mit dem anderen Geschlecht, die darin resultierte, dass er gebeten wurde, eine Abtreibung durchzuführen. Er weigerte sich, und die Frau starb. Das führte Larch zum Äther, und zu der Überlegung, dass jede Frau selbst über ihr Schicksal entscheiden solle, er werde ihr nicht im Weg stehen.

Und so kommen täglich Frauen in dieses Kaff, Frauen, die eine Abtreibung wollen, und Frauen, die ihre dicken Bäuche im Waisenhaus lassen. Einer von diesen Bäuchen enthielt Homer Wells. Homer wächst in St. Cloud`s auf, hat aber mehrere Familien, die ihn adoptieren wollen. Doch aus irgendeinem Grund klappt es nie, und Homer bleibt in St. Cloud`s. Als er größer wird, bekommt er mehr Aufgaben, und irgendwann wird er Larchs Assistent.

Doch Homer kann sich mit „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ nicht anfreunden. Er sieht Abtreibung als Mord, und hilft nur bei den Geburten. Dann kommen eines Tages Wally und Candy, ein junges verliebtes Paar, denen ein Fehler unterlaufen ist. Homer wird mit ihnen zur Apfelfarm von Wallys Eltern fahren, wo er mit und mit immer mehr Aufgaben übernimmt. Er ist in Candy verliebt, doch sie kann sich nicht zwischen den beiden Männern entscheiden. Dann kommt der Vietnam-Krieg, und eine Reihe von Verstrickungen nimmt ihren Anfang…

Homer war immer einsam in St. Cloud`s, war er doch der Älteste, bis auf Melony, was die beiden zusammenschweißt, zu einem innigen, aber fatalen Verhältnis. So öffnet sich für Homer die Welt, als er St. Cloud`s verlässt, und für Melony die Hölle. Sie beschließt, ihn zu suchen, und ruht nicht eher, bis sie ihn wieder hat.

Am Härtesten trifft es jedoch Wilbur Larch. Er ist für Homer wie ein Vater, Homer für ihn wie ein Sohn. Er wollte, dass Homer irgendwann die Klinik und das Waisenhaus übernimmt, es weiterführt, und nun hat Homer sich gegen ihn und sein Lebenswerk entschieden. Hinzu kommt, dass Abtreibungen illegal waren, und ihm das Gesetz bzw. das Vorstandskomitee der Klinik ständig im Nacken sitzt. Und so ersinnt Wilbur Larch einen Plan, der ihn Jahre kostet, aber vielleicht wird es Homer am Ende zu ihm zurückbringen?

Es gibt ein paar Schriftsteller, deren Bücher so wertvoll für mich sind, dass ich vielleicht eines im Jahr lese, damit ich länger davon habe. Dazu gehört Margaret Atwood, dazu gehört Haruki Murakami, und ja, dazu gehört John Irving. Ich weiß, dass auch er einer von denen ist, die die Lesergemeinschaft teilen, die einen lieben ihn, die anderen können nichts mit ihm anfangen. Nun, ich liebe ihn.

Irving hat seine Themen, Bären, Sport, Prostituierte, aber hier sind es Menschen, die Verluste erfahren, und Beziehungen, die schwierig verlaufen. Und wieder erzählt er in seinem ruhigen Ton von der Tragik des Lebens, findet die richtigen Worte, den Schmerz zu umschreiben, aber ihn doch als Teil des Lebens erscheinen zu lassen, der einen nicht umbringt. Irvings Charaktere haben es nicht leicht, und doch möchte man an ihrer Seite sein, alles mit ihnen durchstehen, und ab und an sagen, dass alles gut werde.

Was es nicht unbedingt tut bei Irving. Manchmal wird es gut, meistens nicht. Wie im richtigen Leben. Und doch verzweifeln seine Figuren meistens nicht, sie nehmen, was sie haben, und gehen von dort aus weiter. Und der Leser klebt an den Seiten fest, muss sie halten, mit den Augen verfolgen, sie umblättern, atemlos, weil die Figuren ihm in kürzester Zeit so nahe stehen wie sein Bein. Und das schafft Irving, immer und immer wieder, und deswegen sind seine Bücher rare Schätze für mich.

Bild: john-irving.com

Bild: john-irving.com

John Irving wurde am 2. März 1942 in Exeter, New Hampshire, geboren. Mit 14 begann er zu ringen und zu schreiben. Er litt unter Legasthenie, weswegen ihm das Ringen und die dazu nötige Disziplin sehr weiterhalfen. Er studierte englische Literatur und verbrachte u.a. zwei Semester in Wien, ein häufig wiederkehrendes Motiv in seinem Werk. Seinen Durchbruch schaffte er 1978 mit „Garp und wie er die Welt sah“, seitdem widmet er sich hauptberuflich dem Schreiben. Er schrieb das Drehbuch für „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ und gewann dafür einen Oscar. Heute lebt er in Vermont und Toronto.

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