Buch #35: Ernest Hemingway – Wem die Stunde schlägt

Ernest Hemingway wurde 1899 geboren und starb 1961. Er war einer der bekanntesten amerikanischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts,  wurde mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet und erhielt den Literaturnobelpreis. Sein Markenzeichen ist ein knapper Schreibstil. Er war außerdem Reporter und Kriegsberichterstatter, Abenteurer, Hochseefischer und Großwildjäger. Dies hielt mich bisher auch eher davon ab, mich mit ihm zu beschäftigen, was sich als eine ziemliche Lücke erweist.

wem die stunde schlägt

„Wem die Stunde schlägt“ handelt von vier Tagen im Leben Robert Jordans. Dieser ist Amerikaner, Dozent für Spanisch und hat sich ein Jahr lang beurlauben lassen, um im Spanischen Bürgerkrieg zu kämpfen. Sein Befehlshaber, der Russe Golz, schickt ihn zu einem Guerillatrupp in den Bergen; hier soll er mit ihrer Hilfe eine Brücke sprengen, was der Auftakt zu einem großangelegten Angriff gegen die Faschisten werden soll. Robert Jordan (er wird fast ausnahmslos mit Vor- und Zunamen bezeichnet) gelangt also zu der Guerillatruppe, die von Pablo angeführt wird. Dieser kämpft schon sehr lange gegen die Faschisten, wird jedoch allmählich kriegsmüde. An seiner Seite steht Pilar, eine jener starken Frauenfiguren, die solche Kriege hervorbringen, ehemalige Prostituierte und ungemein lebenstüchtig, die die Zügel immer in der Hand und den Trupp beisammen hält.

Dann gibt es den alten Anselmo, der zu kämpfen scheint, weil etwas ihm sagt, dass das faschistische Regime falsch ist, der sich aber nicht mit dem Töten von Menschen abfinden kann. Dennoch, wenn es der Sache dient und im Endeffekt zum Frieden beiträgt, ist er bereit zu tun, was getan werden muss. Noch ein paar weitere Mitglieder gibt es, Männer, die von der Sache überzeugt, aber doch keine Krieger sind.

Sie alle haben vor einiger Zeit geholfen, einen Zug zu sprengen, erfolgreich, und haben bei dieser Gelegenheit ein junges Mädchen mitgenommen, Maria. Ihre Eltern wurden von den Faschisten erschossen, sie nahm man gefangen, hat ihr das Haar geschoren und sie vergewaltigt, immer wieder. Nun, da sie entkommen ist, hat Pilar sich ihrer angenommen und versucht, die seelischen und körperlichen Wunden zu lindern. Als sie auf Robert Jordan trifft, ist ihr Haar schon ein Stück nachgewachsen, es ist also schon eine Weile her.

Als Robert Jordan zu der Gruppe kommt, ist es, als käme er in eine Familie. Pilar und Anselmo sind ihm sofort sehr nahe, mit Pablo bekriegt er sich, und in Maria verliebt er sich, wie sie sich auch in ihn.

Robert Jordan findet also in diesen Tagen, genau genommen in den 72 Stunden vor der Sprengung, so etwas wie Glück. Große Teile des Romans sind ein innerer Monolog Robert Jordans. Wir erfahren hier seine Geschichte, sowohl die, die zurückliegt in Amerika, als auch die, die geschehen ist, seit er in Spanien kämpft. Er macht sich Gedanken darum, wie gefährlich sein Auftrag ist, und dass er vielleicht das, was andere ein „Leben“ nennen, in diese 72 Stunden pressen muss; dass er es kennenlernt, aber im Grunde nur einmal kurz sehen darf. Weit beeindruckender sind allerdings die Passagen, in denen er mit sich hadert. Wenn er sich nicht sicher ist,  wo die Berechtigung zu töten anfängt und wo sie aufhört. Was man tun darf, um „die gerechte Sache“ durchzusetzen und wann man eine Grenze überschreitet.

Unterstützt werden diese Gedanken von Pilar, die von ihren Erlebnissen erzählt, wie sie die Vernichtung der Faschisten in den Dörfern mitgemacht hat, welche Grausamkeiten stattgefunden haben, und dass sich hier beide Seiten sehr gleich sind. Dann ist da auch Anselmo, der Alte, der an die Freiheit glaubt und daran, dass jeder Mensch sein Schicksal selbst bestimmen können soll; und der doch fast nicht in der Lage ist, einen Menschen zu töten, der zwar weiß, dass er „der Sache dient“, aber fast daran zugrunde geht.  Und dann Maria, die Robert Jordan nach und nach von ihren Erlebnissen berichtet, und doch nichts weiter will, als ein normales Leben und ein kleines bisschen Glück.  Und immer tickt die Uhr weiter, immer näher rückt der Zeitpunkt des Kampfes, der für alle einen ungewissen Ausgang bereithält…

Dieser Roman hat mir einiges abverlangt. Oft habe ich ihn beiseite legen müssen, zum Beispiel nach Pilars Schilderungen. Ich habe zusammen mit Robert Jorden mit der Frage gerungen, wo die Grenze ist, wie weit man gehen darf, wie weit eine Sache  „gerecht“ und „richtig“ ist. Kann man es – auch im Krieg – rechtfertigen, Menschen zu töten, und wenn ja, wie? Ab wann steht man auf einer Stufe mit den „Bösen“? Aber dann ist es doch auch so, dass man nicht zusehen kann, wie andere die Macht an sich reißen, mit Gewalt, und versuchen, ein totalitäres System zu errichten auf den Rücken derer, die sich nicht wehren können.

Die Sprache ist einfach gehalten, es geht um „normale Menschen“, die in die Situationen geraten, und die mit ihrem Gewissen ausmachen müssen, was sie tun oder getan haben. Das Buch konfrontiert einen mit vielen Fragen, auf die es vielleicht keine Antworten gibt, die man sich aber – meiner Meinung nach – durchaus einmal stellen sollte. Ich habe dieses Buch als beklemmend, aber auch als bereichernd wahrgenommen; und ich denke, dass es nicht schaden kann, wenn man mal sein Gewissen prüft, auch wenn das keine angenehme Sache ist. Man lernt auf jeden Fall etwas über sich.

Informationen zu Ernest Hemingway stammen aus dem gleichnamigen Wikipedia-Artikel, abgerufen am 3.3.2013

Ernest Hemingway: Wem die Stunde schlägt. Deutsche Übertragung von Paul Baudisch.

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