Buch #72: Margaret Atwood – alias Grace

„Manchmal flüstere ich es nachts vor mich hin: Mörderin, Mörderin. Es ist wie ein Dreiklang.

Mörder ist nur brutal. Mörder ist wie ein Hammer, oder wie ein Stück Metall. Ich bin lieber eine Mörderin als ein Mörder, wenn die beiden die einzige Wahl sind.“ (S. 35)

Die Geschichte um Grace Marks war eine der populärsten im Kanada des 19. Jahrhunderts. Sie war des Mordes an Nancy Montgomery und Mr. Thomas Kinnear verurteilt. Ihr Mittäter, James McDermott, wurde gehängt, sie selbst bekam lebenslänglich. Der Fall erhitzte die Gemüter, da es so viele Skandale darum gab. Die Zeitungen berauschten sich an ihr, Berichte wurden über sie geschrieben; aber, damals wie heute, wusste man nie, wie weit man sich darauf verlassen konnte. Und so blieb ihre Täterschaft ein Mysterium.

Der Fall machte auch Dr. Simon Jordan neugierig, der sich mit Geisteskrankheiten beschäftigt und feststellen möchte, ob, und falls ja, welche Geisteskrankheit bei Grace vorliegt. Grace „darf“ nach 15 Jahren guter Führung im Haus des Gefängnisdirektors arbeiten, und so wird arrangiert, dass Dr. Jordan sie dort bei der Arbeit befragen darf. Die Handlung verläuft also über zwei Ebenen, die eine befasst sich mit den Umständen zur Zeit der Befragung, die andere ist Grace‘ Geschichte, die sie Dr. Jordan in ihren Sitzungen erzählt.

Es läuft eine Petition, die Grace auf freiem Fuß sehen will, und Dr. Jordan soll dazu beitragen. Dieser jedoch hat ein anderes Motiv, er will einen berühmten Fall von Geisteskrankheit, um sich einen Namen zu machen und sein eigenes Institut zu eröffnen. Grace hingegen will Abwechslung, will aus der Kargheit des Gefängnisses entfliehen, und so entspinnt sich eine Art Katz-und-Maus-Spiel, in dem Grace nach und nach ihre Geschichte erzählt, aber immer genug zurückhält, so dass Dr. Jordan zurückkommen muss, fast wie eine Sheherazade.

Darüber hinaus entfaltet Atwood ein Panorama des Kanada des 19. Jahrhunderts. Sie beschreibt die Gesellschaft und wie sie funktioniert, sie beschreibt Land und Leute und was sie bewegte. Es ist auch eine upstairs-downstairs-story, war Grace doch ein Dienstmädchen, dem nicht viel Intelligenz nachgesagt wurde, das aber genau zu beurteilen weiß, wie die Gesellschaft und ihre Herrschaft funktioniert. Sie kriegt die volle Wucht des Systems zu spüren, das für ungebildete Dienstleute nicht viel übrig hat – außer der Sensation, die sich in ihrer Geschichte verbirgt.

alias Grace ist gut zu lesen, aber dennoch kein einfacher Roman. Man liest über Armut, über das Leben in der Gosse, über Ungerechtigkeit und Vorurteile und Verurteilungen, über Schicksale, die nur in einer Konsequenz münden können und die Hilflosigkeit, nichts daran ändern zu können. Ist Grace wirklich eine kaltblütige Mörderin? Oder ist sie ein Opfer der Umstände?

Man liest aber auch einen überaus spannenden Roman, dessen Spannung durch die Erzählweise stark erhöht wird. Wie Dr. Jordan bekommt der Leser nur Stückchen für Stückchen Grace‘ Geschichte serviert, und die äußeren Umstände, in denen die Begegnungen geschehen, lassen oft genug fürchten, dass man das Ende nicht erfährt. Die Frage, ob Grace schuldig ist, hängt von vielen Faktoren ab, die sich nur nach und nach zeigen. Ob sie schuldig ist? Das empfehle ich, selbst herauszufinden.

Denn dieser Roman ist einmal mehr ein Beweis für Margaret Atwoods Erzählkunst, sie kann nicht nur Zukunft, sie kann auch Vergangenheit. Darüber hinaus bindet Atwood Ausschnitte aus den damaligen Zeitungen, aus den Reports über Grace und aus der Rezeption ihrer Geschichte, z.B. in Gedichten Emily Dickinsons, mit ein, was dem Werk eine zusätzliche Perspektive und auch Faszination verleiht. Also, wieder einmal kann ich ein Werk Atwoods nur empfehlen und wünsche viel Vergnügen bei der Lektüre!

Margaret Atwood: alias Grace. Deutsch von Brigitte Walitzek. btb, 1996. OA: alias Grace. McClelland & Steward Inc., Toronto, 1996. 637 Seiten.

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Ken Follett – Das Fundament der Ewigkeit

[Diese Rezension wurde in der Annahme verfasst, dass dem werten Leser gewisse historische Fakten vertraut sind und deshalb keine Spoiler vorliegen.]

Wir sind wieder zurück in Kingsbridge – zehn Jahre nach Die Tore der Welt und 27 Jahre nach Die Säulen der Erde legt Ken Follett mit Das Fundament der Ewigkeit seinen dritten Kingsbridge-Roman vor. Zweihundert Jahre sind vergangen, Mary Tudor ist gerade gestorben und ihre Nachfolge teilt die Bevölkerung Englands – soll die protestantische Elizabeth England regieren, oder die katholische Maria Stuart, Königin von Schottland?

Von dieser Ausgangssituation aus führt Ken Follett seine Leser wieder nach Kingsbridge, wo die Kathedrale langsam verfällt, seit Heinrich VIII. den Katholizismus abschaffte und auch die führenden katholischen Familien einiges an Einfluss eingebüßt haben. Zum Vorteil jedoch der Protestanten und den nach beiden Seiten hin offenen Menschen, wie Ned Willard, Kaufmannssohn einer der führenden Familien, die nicht ohne Neider auskommen. Es kommt, wie es kommen muss, Ned, der zu Hause so viel verliert, bekommt ein Angebot, in die Dienste Elizabeths zu treten und wird einer ihrer engsten Vertrauten.

Er wird ihr Spion, in ganz Europa. Und so entrollt Follett wieder einmal ein Panorama eines Jahrhunderts, diesmal des 16., und zeigt an verschiedenen Stellen und Personen die Verwicklungen der damaligen Zeit. Da sind Pierre Aumande de Guise und Sylvie Palot, die am eigenen Leib die Religionswirren in Frankreich erleben, da ist die Familie Cruz in Spanien, die mit der Inquisition konfrontiert wird, da ist die Familie Wolman in den Niederlanden, die in den Krieg um die Spanische Niederlande hereingezogen wird, und da ist Bella, die wir auf Hispaniola kennenlernen, Ebrima, der aus Afrika stammt und natürlich Schotten und Engländer beider Religionen.

Es ist ein aufregendes, gewalttätiges Jahrhundert, und wer denkt, Glaubenskriege seien etwas Neues, möge hier darüber lesen, wie Christen sich gegenseitig abgeschlachtet haben. Elizabeth führte eine Politik der Toleranz ein, aber diese war von beiden Seiten unerwünscht, da jede sich im absoluten Recht sah. Die vielen Toten auf beiden Seiten sprechen eine andere Sprache.

Wiederum hat Follett Figuren geschaffen, die mehrdimensional sind, was die Zerrissenheit der handelnden Personen widerspiegelt. (Fast) niemand ist als ganz gut oder böse einzuordnen, viele werden Opfer ihrer Zeit und Umstände, die an den Figuren aufgearbeitet werden. Und so ist man auch hier wieder nach der Lektüre um einiges klüger, kann Zusammenhänge einordnen, kann Handlungen nachvollziehen oder in einen zeitlichen Kontext stellen.

Das mag ich so an diesen historischen Romanen – Follett schreibt unterhaltsame Geschichtsstunden, hält sich aber meistens aus der Wertung heraus. Der Leser muss hier für sich selbst entscheiden, ob und auf welche Seite er sich stellt (diese Leserin hält sich auch raus). War es richtig oder wenigstens nachvollziehbar, warum Maria Stuart ihren Kopf verlieren musste, wie konnte die Bartholomäusnacht geschehen – welche Ereignisse konnten zu solch einer Grausamkeit hinführen?

Aber auch einfache Dinge wie das alltägliche Leben, Neid und Gier und Stellung in der Bevölkerung, die Arbeit eines Spions oder den Alltag auf einem (Piraten)Schiff lernt man kennen – man wird hier um ein paar Jahrhunderte zurückversetzt. Mein persönliches Highlight war die Schlacht gegen die Spanische Armada, aber es gab so viele „Höhepunkte“ in diesem Jahrhundert, der Leser möge sich seinen Favoriten selbst herauspicken.

Denn ja, wieder einmal empfehle ich Ken Follett, der Geschichte so anschaulich und unterhaltsam verpackt, dass man atemlos aus einem anderen Jahrhundert auftaucht und nicht aus einer Geschichtsstunde. Wagen Sie sich in den dunklen, langen Winternächten wieder nach Kingsbridge und fiebern Sie mit den Figuren mit in diesem düsteren, schwierigen 16. Jahrhundert.

Mehr von Ken Follett auf diesem Blog gibt es hier.

Ken Follett: Das Fundament der Ewigkeit. Übersetzung aus dem Englischen von Dietmar Schmidt und Rainer Schumacher. Bastei Lübbe AG, Köln. 2017. OA: A Column of Fire. Viking, 2017. 1162 Seiten.

Ich danke Bastei Lübbe für das Rezensionsexemplar.

Rebecca Gablé – Die Fremde Königin

Der neue Roman von Rebecca Gablé, Die Fremde Königin, ist der zweite Teil zur deutschen Geschichte, nach Das Haupt der Welt. Er schließt im Jahre 951 an, ca. zwanzig Jahre nach den Geschehnissen des vorherigen Romans.

„Wenn Ihr leben wollt, müsst Ihr graben“, raunte der Mönch in dem ausgefransten, staubigen Habit.

Adelheid blickte nicht auf und ging weiter zur Kapelle, ohne ihren Schritt zu verlangsamen. Aus dem Augenwinkel sah sie, dass der Mönch seinen Weg in entgegengesetzter Richtung fortsetzte – nicht hastig, nicht gemächlich, aber würdevoll, so wie Mönche eben gingen. Sie wusste trotzdem, dass dieser Mann nicht war, was er zu sein vorgab.

So wie alle Männer in ihrem Leben.“ (13)

Dies sind die ersten Sätze. Adelheid von Burgund, Königin von Italien, wird von einem Widersacher festgehalten, der sie zwingen will, seinen Sohn zu heiraten, um diesen so zum König zu machen. Adelheid weigert sich, weiß jedoch nicht, wie lange sie noch durchhält, ist doch ihre Tochter mitgefangen. Und so nimmt sie den Rat des Mönches an und gräbt. Es folgt eine abenteuerliche Flucht, die sie schließlich an den Hof König Ottos führt. Sie wird seine Frau.

 

Gaidemar, Adelheids Fluchthelfer, ist als Bastard aufgewachsen und weiß nicht, wer seine Eltern waren. Er genoß eine gute Ausbildung und ist nun Mitglied der Panzerreiter, einer Elitetruppe im Heer König Ottos. Ihre gemeinsame Flucht schweißt die beiden zusammen, und er wird Adelheids wichtigster Berater. Doch seine Liebe zu ihr muss er verbergen.

Es ist eine unruhige Zeit, immer wieder versuchen innere und äußere Feinde, König Otto vom Thron zu stoßen oder ihm Teile seines Königreichs abzujagen. Die Ungarn fallen von außen über das Reich her, doch auch im Inneren brodelt es, auch in König Ottos engstem Umfeld werden Intrigen gegen ihn und die seinen gesponnen, die nicht selten mit dem Leben bezahlt werden…

Rebecca Gablé hat mit Die Fremde Königin ein weiteres Mal bewiesen, dass sie ihr Handwerk versteht. Die von meiner Seite lang erwartete Fortsetzung zur deutschen Geschichte (der vorige Roman war ja wieder ein Waringham), schließt nicht unmittelbar an, wo die Geschichte aufhörte, und auch die Personen kommen nur am Rande vor. Wieder entwirft sie jedoch ein opulentes Bild davon, wie es gewesen sein mag, und man kann sich die Welt von damals durchaus so vorstellen.

Und was kann die Frau Schlachten schreiben! Auch hier liest man wieder atemlos, wie die Heere aufeinandertreffen, wie eng Sieg und Niederlage beieinanderliegen und oft gar nicht zu unterscheiden sind. Szenen wie diese haben mich aber diesmal dafür entschädigen müssen, dass ich nie so richtig Zugang zu den Figuren fand. Ich fieberte und litt nicht mit wie damals mit Tugomir, hoffte nicht so, bangte nicht so. Das tut mir immer sehr leid bei einem großen Unterhaltungsroman, der meiner Ansicht nach ja genau davon lebt.

Aber wie immer hat Rebecca Gablé natürlich genau das hingelegt: einen weiteren großen historischen Unterhaltungsroman, der Geschichte so schreibt, wie sie gewesen sein könnte. Sie recherchiert ihre Romane akribisch und die Beschreibungen der Gegebenheiten – sei es Landschaft, sei es Gebäude – vermag sie immer in die damalige Zeit zu transferieren.

Diese historischen Romane sind in meiner Familie so etwas wie Wanderpokale, jeder Gablé wird ebenso wie jeder Follett von einer Hand in die nächste gereicht. Ich belasse es normalerweise bei diesen beiden, habe dieses Jahr aber somit den Jackpot von insgesamt ca. 2000 Seiten gezogen (die Besprechung vom Follett folgt in Kürze). Und auch wenn Die Fremde Königin bei mir nicht so punkten konnte wie Das Haupt der Welt, habe ich mich doch gerne wieder auf ihre Sicht der damaligen Zeit eingelassen und angenehme Lesestunden verbracht. Ich hoffe, sie wird die Reihe weiterführen, denn es folgt ja noch einiges an interessanten Dingen – ich sage nur Barbarossa.

Eines ist mir jedoch bitter aufgestoßen, und das ist das Nachwort. Ich finde es erschreckend und verstörend, dass eine Autorin historischer Romane sich davon distanzieren muss, von bestimmten Gruppen vereinnahmt zu werden. Sie schreibt über einen König, der ein großes Reich unter sich hatte, was anscheinend von nationalistischen Wirrköpfen dazu missbraucht wird, als Beleg für die Überlegenheit des deutschen Volkes zu dienen. Mir wäre dieser Gedanke mal wieder nicht im entferntesten gekommen, dienen solche Romane für mich doch zur Unterhaltung, die mir ein paar historische Fakten liefert zusammen mit einem Bild, wie es gewesen sein könnte. Nicht mehr und nicht weniger. Ich hoffe, Frau Gablé lässt sich sich nicht davon abschrecken und schreibt diese Reihe weiter, damit sich um so mehr Menschen ein eigenes Bild machen und eine eigene Meinung bilden können – oder zumindest einen Ansatz dazu finden.

Rebecca Gablé: Die Fremde Königin. Bastei Lübbe AG, Köln, 2017. 763 Seiten.

Hier geht es zu der Besprechung von Der Palast der Meere von Rebecca Gablé.

Rebecca Gablé – Der Palast der Meere

Ich gebe es offen zu: Ich habe eine Schwäche. Und zwar für die historischen Romane von Rebecca Gablé. In meiner Familie werden viele historische Romane gelesen, aber ich greife nur ab und an zu einem – und diese sind dann meistens von ihr. So verfolge ich nun schon seit Jahren die Waringham-Familie auf ihrer Reise durchs Mittelalter, und die schön dunkle Kuschelzeit zwischen den Jahren gab mir die Gelegenheit, ins 16. Jahrhundert vorzustoßen, ins England Elizabeths I. und in eine Welt der neuen Entdeckungen.

gabléIn Der Palast der Meere folgen wir abwechselnd zwei Hauptfiguren: Eleanor of Waringham, die „das Auge“ der Königin ist, ihre Spionin und seit frühester Kindheit ihre engste Vertraute. Sie lebt am Hof, ist das illegitime Kind des Earls of Waringham und wäre unter Heinrichs VIII. Raserei fast dem Henkersbeil zum Opfer gefallen. All dies zusammen mit Elizabeth, weswegen die beiden eine fast blinde Freundschaft verbindet.

Ihr Halbbruder Isaac, der einmal Waringham führen soll, fühlt sich zu nichts weniger berufen. Und so geht er, mit 14 Jahren, heimlich an Bord von Jim Hawkins, der ihn nach Entdeckung als Schiffsjungen nimmt, ihn dann jedoch als Sklaven verkauft. Doch die Waringham wären natürlich nicht die Waringham, wenn sie sich entmutigen ließen. Und so befährt Isaac schließlich fast die ganze Welt, bis er schließlich für Elizabeth fährt.

Diese braucht seine Hilfe bei den während ihrer gesamten Regentschaft schwelenden Religionskriegen, wobei Mary Stuart stets droht, ihr den Thron streitig zu machen. Hier bekommt sie ebenfalls Unterstützung von Eleanor, die so manche Intrige aufdeckt und ihre Königin vor Attentaten schützt. Aber durch ihre Liebe zum „König der Diebe“ macht sie sich angreifbar. ..

Wiederum ist Rebecca Gablé ein Historienepos gelungen, das Figuren einführt, denen man gerne folgt, und anhand deren fiktiver Lebenslinien man ein Stück Weltgeschichte erfährt. Denn das ist Gablés große Stärke – ihre Figuren erzählen, wie es vielleicht war. Nun bin ich ein großer Mittelalter-Fan, und wir befinden uns mit der Entdeckung der neuen Welt an dessen Ende, aber wie in den Romanen zuvor habe ich mich auch hier bestens unterhalten gefühlt.

Es war nicht mein Lieblingsroman dieser Schriftstellerin, diese Position haben immer noch Der König der purpurnen Stadt und Das Haupt der Welt (ich hoffe wirklich, dass sie dies als Reihe fortsetzt!) inne, aber als Abschluss (??) war er durchaus gelungen. Wenn man über die Jahre die Geschichte der Waringham verfolgt hat, fühlt man sich doch mit jeder Generation verbunden, und wenn Frau Gablé sich entschiede, auch von James I. und den weiterführenden Religionskriegen zu erzählen, wäre ich wieder dabei. In der dunklen Winterzeit, wenn man etwas gute Unterhaltung wünscht, mit der man sich nicht allzu sehr auseinandersetzen muss. Manchmal muss das sein.

Rebecca Gablé: Der Palast der Meere. Bastei Lübbe, Köln, 2015. 960 Seiten.

 

Buch #55: Hella S. Haasse – Die Teebarone

Zählt auch zu Nederlandstalig! flagge

Hella Serafia Haasse wurde am 2. Februar 1918 in Batavia, Niederländisch Indien (heute Indonesien), geboren. Niederländisch Indien war eine Kolonie der Niederlande, und Hella Haasse wuchs sowohl hier als auch in Amsterdam auf. Das Leben in der Kolonie ist aber Mittelpunkt von zahlreichen ihrer Werke. Ein anderer Schwerpunkt ihres Werkes sind historische Romane. Die Teebarone gehört zu beiden Kategorien. Hella Haasse hat zahlreiche Literaturpreise erhalten, unter anderen den P.C.Hooft-prijs und der Prijs der Nederlandse Letteren, außerdem eine Ehrendoktorwürde der Universität Utrecht. Drei ihrer Bücher waren Buchwochengeschenke. Sie ist eine der meistgelesenen niederländischen Autoren. Sie starb am 20. September 2011 in Amsterdam.

Bild: hellahaasse.nl

Bild: hellahaasse.nl

Im Quellennachweis des Romans schreibt Hella S. Haasse, dass Die Teebarone zwar ein Roman, aber keine Fiktion sei. Ihr wurden von einer Stiftung Briefe und andere Dokumente zur Verfügung gestellt, die diese von den Nachkommen der Personen im Roman erhielt. Hätte ich dies vorher gewusst, wäre ich anders an die Lektüre herangegangen. Die Hauptperson des Romans ist Rudolf Kerkhoven, der zu Beginn der Geschichte, Mitte des 19. Jahrhunderts, in Delft ein Ingenieursstudium absolviert, es aber eigentlich kaum erwarten kann, nach Westjava auf die Plantage seiner Eltern zu reisen und in das Familiengeschäft einzusteigen: der Handel mit Tee, Kaffee und Gewürzen.

Er steht in stetem Briefkontakt mit seinen Eltern, kümmert sich um die Geschwister, die in die Niederlande zur Schule geschickt wurden, bekommt aber nur halbherzige Antworten und Anweisungen. Auch nach Ende seines Studiums sagt ihm niemand, dass er die Reise und seine Stelle antreten soll. Schließlich erreicht er jedoch in Niederländisch Indien und fängt an, den Anbau von der Pike auf zu lernen. Er ist sehr ehrgeizig und will alles genau wissen und können. Schließlich ist es soweit: mit familiärer Unterstützung bekommt er seine eigene Plantage. Er arbeitet von morgens früh bis abends spät, das Land muss gerodet, Grenzen müssen gezogen, Gebäude gebaut und Maschinen in Betrieb genommen werden. Dann ist da die Schwierigkeit mit der Landessprache, die zu lernen Zeit braucht. Und er muss die vollkommen andere Lebens- und Arbeitsweise seiner Angestellten, der einheimischen Bevölkerung, verstehen.

Der Angang ist hart und steinig, mit Fortschritten und mehr Rückschlägen, aber langsam entwickelt die Plantage sich. Er erhält gute Produkte und seine Experimente laufen auch gut. Bei einem Besuch in der Stadt lernt er Jenny kennen, und für beide steht sofort fest, dass sie heiraten wollen. Jenny erhofft sich ein mondänes Leben auf einer Plantage, und als sie als Braut Gambung, Rudolfs Plantage, erreicht, ist sie entsetzt: ein schäbiges Haus mitten im Nirgendwo. Rudolf und Jenny bekommen Kinder, leben aber in absoluter Armut.

Nach Jahren hat Rudolf genug Geld zusammen, dass er Gambung den Miteigentümern abkaufen kann. Doch die wollen mehr, als er zu zahlen bereit ist. Ein Familienstreit entspinnt sich, der Rudolfs Ehrgeiz und Trotz noch mehr ankurbelt und Jenny noch mehr Zugeständnisse abverlangt. Hat Rudolf mit seinem Ehrgeiz alles zerstört, oder hatte er keine andere Wahl, um am Ende zu Wohlstand zu gelangen? Wird sein Projekt und damit die Jahrzehnte harter Arbeit Erfolg hat haben, oder bleibt nur ein zerbrochenes Leben? teebarone

Wie ich oben bereits andeutete, hätte ich vorher gewusst, wie der Roman entstanden ist, wäre ich anders an die Geschichte herangegangen. Die Schilderung Rudolfs lässt nicht viel Sympathie zu, dennoch fiebert man mit, ob es ihm gelingt, Erfolg zu haben. Dann kommt Jenny ins Spiel, und auch ihre Perspektive wird geschildert, die eine gänzlich andere Sicht bietet als diejenige Rudolfs. Ebenso kommen diverse Familienmitglieder zur Sprache, was das Bild noch weiter verwirrt. Doch im Allgemeinen kann man der Story gut folgen, nur dass eben ein Sympathieträger fehlt.

Ab dem letzten Drittel des Buches wird es jedoch wirklich schwierig, denn dann werden ganze Briefwechsel wiedergegeben, zu bestimmten Themen, zwischen bestimmten Personen, und da hätte ich mir eigentlich denken können, dass es sich um echte Briefe handelt. Wer diese Familienfehden nicht kennt, sei es in Wort oder Schrift, kann sich glücklich schätzen. Mir kam das alles leider sehr bekannt vor. Und wie es meistens ist mit der Wahrheit: jede Perspektive hat ihren Anteil daran. Das ist dem Roman aber leider nicht zuträglich, da man als Leser nun vollends verwirrt ist. Man weiß nicht, wer die Wahrheit sagt, wer übertreibt, wer sich hineinsteigert…

Aus meiner Sicht ist das dann auch der große Nachteil des Romans. Eine interessante Entwicklungsgeschichte verlagert sich in eine Familienfehde, die leider am Ende auch nicht aufgeklärt wird (es sei denn, ich habe etwas missverstanden). Das liegt dann wohl am realen Hintergrund. Aber die Mixtur von realem Material und Fiktion hat hier nicht funktioniert, sie hat mich äußerst unbefriedigt zurückgelassen. Dennoch, wer auf erzählerische Weise etwas über die Niederlande, die Menschen und die Kolonien erfahren möchte, ist hier gut aufgehoben, denn hier funktioniert das Konzept.

Hella S. Haasse: Die Teebarone. Aus dem Niederländischen von Maria Csollány. Wunderlich, Reinbek 1995. 351 Seiten.

Ken Follett – Kinder der Freiheit

713jq09haXL._SL1500_Dritter Teil der Jahrhundertsaga

Mit Kinder der Freiheit schließt Ken Follett seine großangelegte Saga ab. Diese begann mit Sturz der Titanen, das zur Zeit des Ersten Weltkriegs spielt, und wurde fortgeführt mit Winter der Welt, das die Zeit um den Zweiten Weltkrieg behandelt. Inzwischen sind die Mitglieder der Enkelgeneration die handelnden Personen.

 

Kinder der Freiheit beginnt 1961 mit dem Bau der Mauer. Es sind wiederum vier Familien, die in Russland, England, den USA und Deutschland leben und deren Geschichten anhand der großen politischen Ereignisse berichtet werden. Hier sind das in Deutschland die Nachkommen von Maud und Walter, Carla, deren Adoptivtochter Rebecca, Lilli und Walli. Sie werden durch den Bau der Mauer in Ostberlin eingeschlossen. Rebecca hat einen Stasioffizier geheiratet, was sich allerdings erst nach dem Bau der Mauer herausstellt, woraufhin sie ihn verlässt und in den Westen flieht. Hans wird ihr dies nie verzeihen und ihre zurückgebliebene Familie dafür bestrafen.

Walli flieht ebenfalls über die Mauer, nicht ahnend, dass seine Freundin, die nicht zum Treffpunkt erschienen ist, schwanger ist. Sie bleibt in der DDR, und die Mauer wird die Familie für lange Zeit trennen.

In England sind die Nachkommen der Williams-Familie in der Moderne angekommen, Evie, die Tochter, macht Karriere als Schauspielerin, während Dave, der Sohn, eine Popgruppe gründet, in der auch Walli Mitglied wird. Sie sind beide sehr erfolgreich, haben aber die Probleme, die Berühmtheit mit sich bringt, seien es Drogen, sei es soziale Verantwortung.

In Russland arbeitet Dimka, Grigoris und Katharinas Enkel, direkt für die Regierung. Seine Schwester, Tanja, arbeitet für eine Zeitung, was ihr Gelegenheit gibt, oft an Informationen aus erster Hand zu gelangen, aber auch gegen das System zu arbeiten. Hier bekommen wir quasi aus nächster Nähe die russische Perspektive des Kalten Krieges veranschaulicht, und dies ist oft genug mehr als gruselig, lässt die Kehle sich zusammenziehen, wenn man bedenkt, wie oft die Welt kurz vor einem Atomkrieg war.

Die andere Seite wird geschildert anhand von George Jakes, der Sohn, den Greg Peschkow mit der Schwarzen Jacky Jakes hatte. Dass er schwarz ist, ist wichtig, da die Rassenunruhen in den USA mit seiner Geschichte geschildert werden. Auch hier stehen einem oft Tränen in den Augen, wenn man bedenkt, was Menschen dafür unternommen haben, dass Schwarze nicht die gleiche Toilette benutzen oder an der gleichen Bar eine Cola bestellen dürften. George arbeitet für die Regierung, und somit wird die Geschichte von John F. Kennedy und Bobby Kennedy, dem Kalten Krieg, Martin Luther King, Richard Nixon und wie sie alle heißen, aus seiner Perspektive verfolgt.

Kinder der Freiheit komplettiert die Jahrhundertsaga, umfasst aber im Gegensatz zu den Vorgängern einen sehr großen Zeitraum. Und genau dies wird dem Roman zum Verhängnis. Nahm Follett sich in den ersten beiden Bänden Zeit, seine Figuren liebevoll zu entwickeln und die Ereignisse zu erklären und zu entwickeln, hatte ich nun den Eindruck, dass nur erzählt werden sollte, was geschah. Dies war wohl auch nötig, bedenkt man den langen Zeitraum. Aber keine der Figuren konnte mich für sich gewinnen. Hatte ich in den früheren Bänden noch mit den Figuren gehofft und gebangt, blieben mir hier alle Personen fern. Und so berührte mich außer dem kurz vor knapp abgewendeten Atomkrieg und der Geschichte der Rassenunruhen nichts und niemand so richtig.

Ich bin froh, einen Abschluss für die Geschichte bekommen zu haben, aber ich muss leider sagen, dass der erste Band der Trilogie mich am Meisten beeindruckt hat, dieser war wirklich gut. Ich denke, man sollte den Abschluss unbedingt lesen, aber seine Hoffnungen auf einem nicht so hohen Niveau halten, dann wird man auch nicht enttäuscht.

Ken Follett: Kinder der Freiheit. Aus dem Englischen von Dietmar Schmidt und Rainer Schumacher. Bastei Lübbe, 2014.1211 Seiten.

Buch # 49: Rose Tremain – Die Farbe der Träume

Rose Tremain wurde am 2. August 1943 als Rose Thomson in London geboren. Sie studierte an der Sorbonne Anglistik und schloss ihr Studium 1967 an der University of East Anglia ab. Von 1988 bis 1995 war sie dort Dozentin für Creative Writing. Neben ihren Romanen veröffentlicht sie Kurzgeschichten, Hörspiele und Drehbücher für Fernsehfilme. Sie hat zahlreiche Preise erhalten, unter anderem den Orange Prize for Fiction. Sie lebt mit dem Biographen Richard Holmes in Norfolk.

die_farbe_der_traeume-9783458357025_xlDie Farbe der Träume ist ein historischer Roman, der 2003 erschienen ist. Er handelt vom englischen Ehepaar Joseph und Harriet, die im 19. Jahrhundert mit Josephs Mutter nach Neuseeland auswandern, um dort ihr Glück zu finden. In Neuseeland gibt es günstiges Land, und sie wären nicht die Ersten, die dort durch harte Arbeit zu Wohlstand, und, wie sie hoffen, zu ihrem Glück kommen.

Joseph war in England Viehauktionator, ein Beruf, den er von seinem Vater übernahm, für den ihm jedoch jegliches Talent fehlte. Er war nicht glücklich, doch eines Tages traf er Rebecca, und diese eröffnete ihm eine völlig neue Welt. Doch nun, als er in Neuseeland ankommt, wird er von seinen Schuldgefühlen Rebecca und ihrer Familie gegenüber geplagt. Er will zu Geld kommen, um eine Schuld zu begleichen.

Harriet war lange Jahre als Gouvernante tätig, fast hätte sie ihren Traum von Freiheit, Eigenständigkeit und Unabhängigkeit aufgegeben. Dann traf sie Joseph, und sie heiratete ihn, in der Hoffnung, Liebe und ein neues Leben zu finden.

Als Josephs Vater stirbt, brechen sie nun nach Neuseeland auf, im Schlepptau seine Mutter Lilian, die unter dem Verlust ihres Mannes und der Verpflanzung in eine neue, unbekannte Welt sehr leidet.

Joseph erwirbt Land und baut eine Hütte für die drei darauf, wobei er Ratschläge der Einheimischen in den Wind schlägt und sie auf einer Anhöhe errichtet. Als die Hütte fertig ist, holt er die Frauen, wobei Lilian einen Plan nach dem anderen schmiedet, um wieder in die Stadt zurückzugehen. Harriet hingegen geht voller Elan ihre neuen Aufgaben an: sie legt einen großen Gemüsegarten an, und kümmert sich um die Kuh.

Bald zeigt sich, dass der Platz auf der Anhöhe ein schlechter Platz war, den Elementen jederzeit ausgesetzt, und als einmal überraschend Schnee fällt, verlieren sie die Kuh, was für die Darbenden ein herber Verlust ist.

Doch eines Tages scheint sich das Blatt zu wenden: Joseph findet einen Schimmer Gold. Von nun an ist er besessen – wenn er nur Gold finden würde, wären alle seine Probleme wie fortgeblasen. Er könnte seiner Mutter endlich zeigen, dass er ein Mann ist, der für sie sorgen kann, er könnte Harriet ein richtiges Haus bauen und er könnte seine Schuld begleichen. Und so begibt er sich in den Westen des Landes, an die Goldschürferorte, und hofft auf sein Glück.

Harriet bleibt derweil beim Haus und versorgt Lilian, die jedoch eines Tages stirbt. Um dies Joseph mitzuteilen, reist sie ihm hinterher. Doch sie findet einen ausgezehrten, besessenen Mann vor, der an nichts anders mehr denken kann als an Gold. Doch das Wunder geschieht – Harriet findet Gold. Aber das Land ist unberechenbar, und ob es sein Gold einfach so hergibt, und ob ein Mann mit so einer Schuld es verdient, sein Glück zu finden, sind ganz andere Fragen…

Zuerst einmal muss ich sagen, dass ich sehr gerne historische Romane lese. Aber dieses Genre ist inzwischen ein riesiger Markt, und somit gibt es eine ganze Menge interessanter, spannender und gut zu lesender historischer Romane. Dieser gehört meiner Meinung nach nicht unbedingt dazu. Die Hauptfigur ist mit einem heulenden Waschlappen besetzt worden, dessen einziger Verdienst darin besteht, Harriet nach Neuseeland gebracht zu haben. Harriet ist eine recht gut gelungene Figur, die ihre Chancen dort ergreift, wo sie sich ihr bieten, die harte Arbeit nicht ablehnt, und Versprechen nicht bricht, selbst wenn es bedeutet, sich in Lebensgefahr zu begeben.

Wovon der Roman aber im Grunde lebt, das sind die Nebenfiguren. Hier ist die Maori-Frau Pare, die, als sie jung ist, als Kindermädchen arbeitet und dort in Konflikt mit ihrer Geisterwelt gerät. Dieser Konflikt hält ihr Leben lang an und belastet nicht nur sie, sondern auch den Jungen, den sie damals gehütet hat. Oder der Chinese Pao Yi, der Gemüse an die Goldgräber verkauft und ebenfalls eine Schuld gegenüber seiner Familie hat, der jedoch auch Harriet ein großes Geschenk macht. Diese Figuren sind fein gezeichnet und geben der Glückssuche-Geschichte einen eigenen Anstrich, der es für mich dann noch ein wenig herausgerissen hat.

Doch auch sprachlich ist alles sehr steif, die Figuren werden insgesamt wenig empathisch gezeichnet und bleiben sehr blass, was ich von historischen Romanen wirklich anders erwarte. Hier erwarte ich, in eine andere Zeit und eine andere Welt einzutauchen und dort eine Zeitlang zu leben, doch Die Farbe der Träume war für mehr wie das Betrachten einiger Photographien. Insgesamt kann ich sagen, dass der Roman sich gut lesen lässt, aber es nicht unbedingt ein Verlust ist, wenn man dies nicht tut.

Rose Tremain: Die Farbe der Träume. Aus dem Englischen von Christel Dormagen. Insel Verlag Berlin 2010. 456 Seiten.

Wer das Buch käuflich erwerben möchte, sollte sich selbst und seiner Buchhandlung um die Ecke einen Gefallen tun und seine Kondition ein wenig trainieren, indem er sich dorthin bewegt.