Rebecca Gablé – Die Fremde Königin

Der neue Roman von Rebecca Gablé, Die Fremde Königin, ist der zweite Teil zur deutschen Geschichte, nach Das Haupt der Welt. Er schließt im Jahre 951 an, ca. zwanzig Jahre nach den Geschehnissen des vorherigen Romans.

„Wenn Ihr leben wollt, müsst Ihr graben“, raunte der Mönch in dem ausgefransten, staubigen Habit.

Adelheid blickte nicht auf und ging weiter zur Kapelle, ohne ihren Schritt zu verlangsamen. Aus dem Augenwinkel sah sie, dass der Mönch seinen Weg in entgegengesetzter Richtung fortsetzte – nicht hastig, nicht gemächlich, aber würdevoll, so wie Mönche eben gingen. Sie wusste trotzdem, dass dieser Mann nicht war, was er zu sein vorgab.

So wie alle Männer in ihrem Leben.“ (13)

Dies sind die ersten Sätze. Adelheid von Burgund, Königin von Italien, wird von einem Widersacher festgehalten, der sie zwingen will, seinen Sohn zu heiraten, um diesen so zum König zu machen. Adelheid weigert sich, weiß jedoch nicht, wie lange sie noch durchhält, ist doch ihre Tochter mitgefangen. Und so nimmt sie den Rat des Mönches an und gräbt. Es folgt eine abenteuerliche Flucht, die sie schließlich an den Hof König Ottos führt. Sie wird seine Frau.

 

Gaidemar, Adelheids Fluchthelfer, ist als Bastard aufgewachsen und weiß nicht, wer seine Eltern waren. Er genoß eine gute Ausbildung und ist nun Mitglied der Panzerreiter, einer Elitetruppe im Heer König Ottos. Ihre gemeinsame Flucht schweißt die beiden zusammen, und er wird Adelheids wichtigster Berater. Doch seine Liebe zu ihr muss er verbergen.

Es ist eine unruhige Zeit, immer wieder versuchen innere und äußere Feinde, König Otto vom Thron zu stoßen oder ihm Teile seines Königreichs abzujagen. Die Ungarn fallen von außen über das Reich her, doch auch im Inneren brodelt es, auch in König Ottos engstem Umfeld werden Intrigen gegen ihn und die seinen gesponnen, die nicht selten mit dem Leben bezahlt werden…

Rebecca Gablé hat mit Die Fremde Königin ein weiteres Mal bewiesen, dass sie ihr Handwerk versteht. Die von meiner Seite lang erwartete Fortsetzung zur deutschen Geschichte (der vorige Roman war ja wieder ein Waringham), schließt nicht unmittelbar an, wo die Geschichte aufhörte, und auch die Personen kommen nur am Rande vor. Wieder entwirft sie jedoch ein opulentes Bild davon, wie es gewesen sein mag, und man kann sich die Welt von damals durchaus so vorstellen.

Und was kann die Frau Schlachten schreiben! Auch hier liest man wieder atemlos, wie die Heere aufeinandertreffen, wie eng Sieg und Niederlage beieinanderliegen und oft gar nicht zu unterscheiden sind. Szenen wie diese haben mich aber diesmal dafür entschädigen müssen, dass ich nie so richtig Zugang zu den Figuren fand. Ich fieberte und litt nicht mit wie damals mit Tugomir, hoffte nicht so, bangte nicht so. Das tut mir immer sehr leid bei einem großen Unterhaltungsroman, der meiner Ansicht nach ja genau davon lebt.

Aber wie immer hat Rebecca Gablé natürlich genau das hingelegt: einen weiteren großen historischen Unterhaltungsroman, der Geschichte so schreibt, wie sie gewesen sein könnte. Sie recherchiert ihre Romane akribisch und die Beschreibungen der Gegebenheiten – sei es Landschaft, sei es Gebäude – vermag sie immer in die damalige Zeit zu transferieren.

Diese historischen Romane sind in meiner Familie so etwas wie Wanderpokale, jeder Gablé wird ebenso wie jeder Follett von einer Hand in die nächste gereicht. Ich belasse es normalerweise bei diesen beiden, habe dieses Jahr aber somit den Jackpot von insgesamt ca. 2000 Seiten gezogen (die Besprechung vom Follett folgt in Kürze). Und auch wenn Die Fremde Königin bei mir nicht so punkten konnte wie Das Haupt der Welt, habe ich mich doch gerne wieder auf ihre Sicht der damaligen Zeit eingelassen und angenehme Lesestunden verbracht. Ich hoffe, sie wird die Reihe weiterführen, denn es folgt ja noch einiges an interessanten Dingen – ich sage nur Barbarossa.

Eines ist mir jedoch bitter aufgestoßen, und das ist das Nachwort. Ich finde es erschreckend und verstörend, dass eine Autorin historischer Romane sich davon distanzieren muss, von bestimmten Gruppen vereinnahmt zu werden. Sie schreibt über einen König, der ein großes Reich unter sich hatte, was anscheinend von nationalistischen Wirrköpfen dazu missbraucht wird, als Beleg für die Überlegenheit des deutschen Volkes zu dienen. Mir wäre dieser Gedanke mal wieder nicht im entferntesten gekommen, dienen solche Romane für mich doch zur Unterhaltung, die mir ein paar historische Fakten liefert zusammen mit einem Bild, wie es gewesen sein könnte. Nicht mehr und nicht weniger. Ich hoffe, Frau Gablé lässt sich sich nicht davon abschrecken und schreibt diese Reihe weiter, damit sich um so mehr Menschen ein eigenes Bild machen und eine eigene Meinung bilden können – oder zumindest einen Ansatz dazu finden.

Rebecca Gablé: Die Fremde Königin. Bastei Lübbe AG, Köln, 2017. 763 Seiten.

Hier geht es zu der Besprechung von Der Palast der Meere von Rebecca Gablé.

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Rebecca Gablé – Der Palast der Meere

Ich gebe es offen zu: Ich habe eine Schwäche. Und zwar für die historischen Romane von Rebecca Gablé. In meiner Familie werden viele historische Romane gelesen, aber ich greife nur ab und an zu einem – und diese sind dann meistens von ihr. So verfolge ich nun schon seit Jahren die Waringham-Familie auf ihrer Reise durchs Mittelalter, und die schön dunkle Kuschelzeit zwischen den Jahren gab mir die Gelegenheit, ins 16. Jahrhundert vorzustoßen, ins England Elizabeths I. und in eine Welt der neuen Entdeckungen.

gabléIn Der Palast der Meere folgen wir abwechselnd zwei Hauptfiguren: Eleanor of Waringham, die „das Auge“ der Königin ist, ihre Spionin und seit frühester Kindheit ihre engste Vertraute. Sie lebt am Hof, ist das illegitime Kind des Earls of Waringham und wäre unter Heinrichs VIII. Raserei fast dem Henkersbeil zum Opfer gefallen. All dies zusammen mit Elizabeth, weswegen die beiden eine fast blinde Freundschaft verbindet.

Ihr Halbbruder Isaac, der einmal Waringham führen soll, fühlt sich zu nichts weniger berufen. Und so geht er, mit 14 Jahren, heimlich an Bord von Jim Hawkins, der ihn nach Entdeckung als Schiffsjungen nimmt, ihn dann jedoch als Sklaven verkauft. Doch die Waringham wären natürlich nicht die Waringham, wenn sie sich entmutigen ließen. Und so befährt Isaac schließlich fast die ganze Welt, bis er schließlich für Elizabeth fährt.

Diese braucht seine Hilfe bei den während ihrer gesamten Regentschaft schwelenden Religionskriegen, wobei Mary Stuart stets droht, ihr den Thron streitig zu machen. Hier bekommt sie ebenfalls Unterstützung von Eleanor, die so manche Intrige aufdeckt und ihre Königin vor Attentaten schützt. Aber durch ihre Liebe zum „König der Diebe“ macht sie sich angreifbar. ..

Wiederum ist Rebecca Gablé ein Historienepos gelungen, das Figuren einführt, denen man gerne folgt, und anhand deren fiktiver Lebenslinien man ein Stück Weltgeschichte erfährt. Denn das ist Gablés große Stärke – ihre Figuren erzählen, wie es vielleicht war. Nun bin ich ein großer Mittelalter-Fan, und wir befinden uns mit der Entdeckung der neuen Welt an dessen Ende, aber wie in den Romanen zuvor habe ich mich auch hier bestens unterhalten gefühlt.

Es war nicht mein Lieblingsroman dieser Schriftstellerin, diese Position haben immer noch Der König der purpurnen Stadt und Das Haupt der Welt (ich hoffe wirklich, dass sie dies als Reihe fortsetzt!) inne, aber als Abschluss (??) war er durchaus gelungen. Wenn man über die Jahre die Geschichte der Waringham verfolgt hat, fühlt man sich doch mit jeder Generation verbunden, und wenn Frau Gablé sich entschiede, auch von James I. und den weiterführenden Religionskriegen zu erzählen, wäre ich wieder dabei. In der dunklen Winterzeit, wenn man etwas gute Unterhaltung wünscht, mit der man sich nicht allzu sehr auseinandersetzen muss. Manchmal muss das sein.

Rebecca Gablé: Der Palast der Meere. Bastei Lübbe, Köln, 2015. 960 Seiten.