Ali Smith – Wem erzähle ich das?

Wem erzähle ich das? ist eines dieser Bücher, denen man nicht so oft über den Weg läuft. Es ist eine Mischung aus Essay und Roman, Abhandlung über Kultur und Sprache, Umgang mit Trauer und die ersten Schritte zurück ins Leben.

Die Ich-Erzählerin hat vor einem Jahr ihre Gefährtin verloren und ist seitdem gelähmt vor Trauer. Nach einem Tag und einem Jahr zieht sie schließlich ein Buch aus dem gemeinsamen Bücherregal – es ist Oliver Twist – und beginnt sich daran zu erinnern, was ihre Geliebte, die Kunst- und Literaturwissenschaftlerin war, ihr dazu gesagt hat. Sie macht den nächsten großen Schritt und verrückt einen Sessel an einen Ort, den ihre Gefährtin nicht mochte und beginnt zu lesen und in deren Gedanken- und ja, auch Lebenswelt, einzutauchen.Dann jedoch kommt die Geliebte zurück – als schwarzer Schatten, der wirres Zeug faselt, jedoch immer an ihrer Seite ist. Die Ich-Erzählerin beginnt, sich mit ihr auseinanderzusetzen, erinnert sich an ihre gemeinsamen Gespräche, aber auch an die Monologe über Bücher und kulturelle Phänomene. Die Vorlesungen, die die tote Gefährtin zurückließ, leiten sie einen Weg entlang, einen Weg der Entdeckungen und der erst zaghaften, dann aber immer intensiveren Auseinandersetzung mit der Welt, zurück ins Leben.

Das Buch ist in vier Teile unterteilt: – Zeit, – Form, – Ränder, und – Angebot und Widerspiegelung. In ihnen setzt die Ich-Erzählerin – anhand der Aufzeichnung von und der Erinnerungen an die Geliebte sich mit diesen Phänomenen auseinander. Sie zieht Literatur, Kunst, Philosophie, Musik und Film zu Rate, zahlreiche Beispiele werden genannt und in Kontext gesetzt. Zudem ist die Ich-Erzählerin Biologin und addiert eine Komponente, die manchmal erstaunliche Einsichten geben.

Und so ist dieser Roman zunächst eine Verarbeitungsgeschichte, aber dann so viel mehr. Ich möchte nicht behaupten, dass ich alles verstanden hätte, jedes Beispiel in einen Kontext setzen konnte oder jeden Kontext auch nur umreißen konnte – dafür müsste man all die Bücher gelesen, Filme gesehen, Kunstwerke besucht, Gespräche geführt und Musik gehört haben, die für das Buch verwendet wurden. Viele Zitate und Gedichte sind jedoch im Text eingebaut, und von vielen Werken hat man zumindest eine Ahnung, selbst wenn man sie nicht persönlich kennt, und so kann man doch das meiste verstehen.

Für die weitere Lektüre befindet sich am Ende ein Quellenverzeichnis, das ich gewiss noch einmal zu Rate ziehen werde. Auch gibt es in der Mitte des Buches einige Abdrucke der besprochenen Bilder, damit man selber sieht, was gemeint ist.

Dieser schmale Band von gerade gut 200 Seiten hat einen Inhalt wie für 1000, und eine einmalige Lektüre kann – zumindest den meisten Lesern – diesem Essay-Roman wohl nicht gerecht werden. Zu vielfältig sind die Ideen, zu komplex die Themen, zu groß die Bandbreite. Und doch: was schon bei der ersten Lektüre an Freude beim Nachvollziehen, beim genußvollen Erkunden der Gedankengänge, beim Nachlesen und Vergleichen aufkommt, lässt den Leser sicherlich noch einige weitere Male zur Lektüre greifen.

Ich habe sehr viel Spaß an diesem Buch gehabt, und ich wünsche ihm noch sehr viele Leser mehr! Vielleicht wird dies aber auch geschehen, da Ali Smith mit ihrem neuen Roman Autumn auf der Short-List des diesjährigen Man Booker Prize steht und somit in den Blickpunkt rückt.

Ali Smith: Wem erzähle ich das? Aus dem Englischen von Silvia Morawetz. Luchterhand Literaturverlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München 2017. OA: Artful. Hamish Hamilton, Penguin Random House UK, London 2012.223 Seiten.

Ich danke Random House für das Leseexemplar.

 

Ali Smith wurde am 24. August 1962 in Inverness geboren. Sie veröffentlichte mehrere Romane und Erzählbände und erhielt zahlreiche Preise. Sie ist Mitglied der Royal Society of Literature und wurde 2015 zum Commander of the Order of the British Empire ernannt. Ihr Roman „Beides sein“ wurde 2014 mit dem Costa Novel Award, dem Saltire Society Literary Book of the Year Award und dem Goldsmith Prize ausgezeichnet und gewann 2015 den Baileys Women`s Prize for Fiction. Sie lebt mit ihrer Lebenspartnerin Sarah Wood in Cambridge.

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Textschnipsel zum Montag – 11.9.2017

„Direkt über mir saß eine alte Frau ganz adrett auf dem Dach unseres Wagens und aß Erdnüsse aus einer Tüte, sie sah aus wie eine jamaikanische Dame, die im Lord`s-Stadion ein Kricketspiel verfolgt. Als sie mich sah, winkte sie mir zu: „Guten Morgen, wie geht es Ihnen heute Morgen?“ Der gleiche höflich-mechanische Gruß, der mir durch das Dorf folgte, egal, was ich anhatte, egal, mit wem ich unterwegs war, und den ich inzwischen als Zugeständnis an mein Fremdsein verstand, das überall für jeden offensichtlich war. Sie lächelte milde auf die wirbelnden Macheten herab, auf die Jungen, die sich gegenseitig anstachelten, sich dem tanzenden Baum zu nähern, seine wilden Bewegungen aufzugreifen – und dabei die kreisenden Klingen zu umschiffen -, mit dem eigenen schmächtigen Körper das konvulsivische Stampfen, die Drehungen, das Kauern, die hohen Kicks und die gesamte Rhythmuseuphorie nachzuahmen, die von der Gestalt in alle Winkel des Horizonts abstrahlte, auf die Frauen, auf Lamin, auf mich, auf jeden, den ich sah, während das Auto unter uns schlingerte und bebte. Sie deutete auf den Kakurang. „Das ist ein Tänzer“, erklärte sie.“ (230f.)

Zadie Smith: Swing Time. Aus dem Englischen von Tanja Handels. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2017. OA: Swing Time. 2016. 627 Seiten.

 

Bild: SD-Pictures @pixabay

Der Herbst ist da, die Gänse machen sich auf den Weg. Auch hier haben sie sich schon versammelt. Mögen Sie in Frieden ziehen und bald wiederkommen. Ich wünsche eine gute Woche.

Nederlandstalig! J.J.Voskuil – Das Büro. Direktor Beerta

„Ich habe“, sagte er, mit einer kurzen Kopfbewegung, um sein Stottern unter Kontrolle zu bringen, „eine Stelle für dich.“ Er sah ihn ernst an. „Wenn du willst, kannst du sie haben.“ Das Angebot überraschte Maarten. „Ich kann für die Arbeiten am Atlas der Volkskultur einen wissenschaftlichen Beamten einstellen“, sagte Beerta, langsam und präzise. (S.8)

Maarten Koning nimmt also eine Stelle als wissenschaftlicher Beamter bei Direktor Beerta an und geht von nun an jeden Tag ins Büro. Seine erste Aufgabe wird sein, das Vorkommen von Wichtelmännchen in Volkserzählungen zu finden, zu bewerten und aufgrund dessen Kulturgrenzen zwischen Landstrichen festzustellen und auf Karten einzuzeichnen. Maarten hält dies für vollkommen sinnlos, aber irgendetwas muss er ja schließlich tun, da ihm sein voriger Job als Lehrer noch weniger zugesagt hat.

Er teilt sich sein Büro mit Beerta, aber es gibt natürlich eine Reihe an Mitarbeitern, die ein recht breites Spektrum an Menschentypen abstecken – die Ehrgeizige, der Gelangweilte, der Gleichgültige, der Streber usw. Mit all diesen Menschen muss Maarten sich nun auseinandersetzen, und zwischenmenschliche Beziehungen sind nicht seine Stärke.

Er beginnt mit dem Erstellen eines Karteikastensystems, um die Fragebögen, die die Menschen zur Beantwortung eingeschickt haben, in irgendeiner Weise systematisch ordnen zu können. Er sagt sich, dass er nichts davon verstehe, aber hoffe, eines Tages durchblicken zu können. So lange fügt er jeden Tag neue Karten hinzu und vergrößert sein Archiv.

Sein Alltag ist bestimmt von zwischenmenschlichen Konflikten, zumindest empfindet er die meisten Interaktionen so. Beerta liebt seine Arbeit, ist allerdings ein Hans-Dampf-in-allen-Gassen und jongliert seine vielen Beschäftigungen oft wie ein Artist. Maartens Frau Nicolien ist dagegen, dass er im Büro arbeitet, sie hätte ihn lieber für sich allein, was zusätzlich für Konflikte sorgt. So schwankt Maarten zwischen Desinteresse, Desillusionierung, Wut, Gleichgültigkeit und ja, manchmal auch Momenten des Sich-Einfindens.

J.J. Voskuil hat in seinem 7 Bände und über 5000 Seiten umfassenden Epos seinem Dasein als Beamter ein Denkmal gesetzt. Maarten Koning ist sein Alter Ego, und getreulich gibt er den Alltag in seinem Büro wieder, der schließlich 30 Jahre umfassen soll. Direktor Beerta ist der erste der 7 Bände, der seinen Einstieg unter Beertas Regime beschreibt.

Der Roman ist sehr dialoglastig, Voskuils Sprache allerdings ist karg und wurde wohl als „beamtenhaft“ bezeichnet. So vermittelt er den stets gleichen Charakter der aufeinanderfolgenden Tage, der stets gleichen Gespräche, Konflikte, Probleme; viele Dialoge laufen ins Leere, bleiben im Raum hängen, was, wenn man sich dies einmal vor Augen führt, überall so geschieht. Er entlarvt die Leere der zwischenmenschlichen Handlungen, die Vergeblichkeit des Versuchs, Sinnlosem Sinn verleihen zu wollen, die Eiseskälte beim Gedanken, dass das alles gewesen sein sollte, was ein Leben ausmacht.

Doch es ist kein verzweifelter Roman, kein düsterer oder höhnischer, ganz im Gegenteil, er ist unglaublich amüsant. Er deckt schonungslos, doch nicht boshaft die menschlichen Abgründe auf, lässt einen über die Umwege und „Lösungen“ schmunzeln, die für die unterschiedlichsten Probleme gefunden werden, lässt den Leser sich verstanden fühlen, denn wer hat sich die Fragen nach Sinn und Unsinn nicht schon oft gestellt?! Voskuil hat mit Maarten Koning eine Identifikationsfigur geschaffen, was, wie ich mir vorstelle, den großen Erfolg seiner Romane erklärt.

In den Niederlanden wurden – bei einer Bevölkerung von 17 Millionen Menschen – eine halbe Million der Romane verkauft. Menschen fieberten auf den nächsten Roman hin, litten mit Maarten Koning mit, es gab eine Hörspielausgabe des gesamten Zyklus in 475 Folgen, die sogar wegen der hohen Nachfrage wiederholt wurde (mal sehen, ob man da herankommen kann!). Das Büro wird als „Seifenoper für Intellektuelle“ bezeichnet, und auch wenn ich das für etwas despektierlich halte, kann ich mich der Anziehung, des „Suchtfaktors“, nicht erwehren.

Ich kann es kaum erwarten, Band 2 in die Hände zu bekommen, wie auch die übrigen Bände, und möchte jedem, der nach guter Unterhaltung sucht, diesen ersten Roman ans Herz legen – der Rest, denke ich, erledigt sich dann von selbst!

Weitere Voskuil-Fans kann man bei literaturleuchtet, Wolfgang Schiffer und natürlich bei Gerbrand Bakker finden. Einen Textschnipsel findet Ihr hier.

Diejenigen unter Euch, die Niederländisch können, finden hier das Hörspiel.

J.J.Voskuil: Das Büro. Direktor Beerta. Aus dem Niederländischen von Gerd Busse. C.H.Beck oHG, München 2012. OA: Het Bureau I: Meneer Beerta. Uitgeverij G.A. von Oorschot, Amsterdam, 1996. 848 Seiten.

Bild: Wikipedia.de

Johannes Jacobus Voskuil, 1926-2008, war als Beamter an einem volkskundlichen Institut in Amsterdam beschäftigt. Seinen Durchbruch als Schriftsteller erlebte er mit seinem Roman Het Bureau, der in den Jahren 1996 bis 2000 in sieben Bänden erschien. Der Bestseller mit Kultstatus wurde u.a. mit dem F. Bordewijk-Preis und dem Libris-Literaturpreis ausgezeichnet. (Klappentext)

 

Textschnipsel zum Montag – 4.9.2017

„Hendrik streckte seine Beine etwas weiter vor und stieß gegen den Karton. Die Katze sah erschrocken hoch. „Entschuldige, Jonas“, sagte er. „Das wollte ich nicht.“ Maarten bückte sich und zog den Karton etwas zu sich heran. Die Katze legte sich wieder hin. Hendrik streckte seine Beine aus und bewegte seine bestrumpften Füße in der Wärme des Ofens behaglich hin und her. „Ich denke, dass Menschen gerade so viel Macht über einen ausüben können, wie man es ihnen erlaubt“, sagte er träge.

„Es ist natürlich Angst“, gab Maarten zu. „Feigheit.“

„Feigheit würde ich es nicht nennen wollen.“

„Dann Ohnmacht. Sie schreiben eine Doktorarbeit, um einen Titel zu haben, und sie benutzen den Titel, um Macht auszuüben. Es geht nicht um die Qualität, es geht um das System, denn so eine Doktorarbeit stellt doch nichts dar. Und gegen das System ist man machtlos. Wenn man keine Doktorarbeit schreibt, hat man nicht das Recht mitzureden, und wenn man eine geschrieben hat, gehört man dazu. Wenn ich darüber nachdenke, werde ich rasend vor Wut. Vor Ohnmacht.“

„Wollt ihr vielleicht einen Cognac dazu?“, fragte Nicolien, die mit dem Kaffee hereinkam.“ (S. 507)

J.J.Voskuil: Das Büro. Direktor Beerta. Aus dem Niederländischen von Gerd Busse. C.H.Beck oHG, München 2012. OA: Het Bureau I: Meneer Beerta. Uitgeverij G.A. von Oorschot, Amsterdam, 1996. 848 Seiten.

Photo: jackmac34 @pixabay.com

Ich wünsche Euch allen einen schönen Einstieg in den Herbst, mit vielen gemütlichen Lesestunden! Ich hoffe, hier wird es nun auch wieder etwas reger zugehen!

Textschnipsel zum Montag – 31.7.2017

„Und sie [die Form] zeigt eine Wahrheit über den Schnittpunkt von ästhetischen Formen und menschlichem Geist auf: Denn sogar wenn wir plötzlich heimatlos wären, in einem fremden Land, nichts mehr hätten, was uns gehört – weil wir alles verloren haben-, fänden wir Heimat noch in der ästhetischen Form, in der Vertrautheit, der unveränderlichen Sicherheit, die ein Rhythmus, den wir kennen, eine Linie, die wir schon mal gesehen haben, die Form einer Geschichte, die uns geläufig ist, die eine Melodie oder Zeile, eine Wendung oder ein Satz uns jedes Mal wieder vermitteln, sogar wenn sie uns längst entfallen waren. I placed a jar in Tennessee. Sobald wir von dem Krug in Tennessee wissen, wissen wir nie mehr nicht davon. Rough winds do shake the darling buds of May (Des Maies Lieblinge jagt Sturmwind von den Zweigen). Das wir er immer. Der Rhythmus selbst ist in gewisser Weise eine Form und wird, ob in der Poesie oder in der Prosa, für uns zur Wohnstatt. (S.85)

Bild: pixabay.com

Ali Smith: Wem erzähle ich das? Aus dem Englischen von Silvia Morawetz. Luchterhand Literaturverlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München, 2017. OA: Artful. Hamish Hamilton, Penguin Random House UK, London. 2012. 223 Seiten.

Buch #71: Muriel Spark – Die Blütezeit der Miss Jean Brodie

„Gebt mir ein Mädchen im beeinflußbaren Alter, und es ist mein fürs Leben.“ (S.13)

Miss Jean Brodie tritt in die „Blütezeit ihres Lebens“ ein, als sie Lehrerin von Sandy, Jenny, Rose, Mary, Monica und Eunice wird, die zu diesem Zeitpunkt zehn Jahre alt sind. In den späten 20er und frühen 30er Jahren des letzten Jahrhunderts ist sie eine der vielen englischen Frauen, die aufgrund des Ersten Weltkriegs keinen Mann haben und sich einen anderen Sinn im Leben suchen mussten, als eine Familie zu gründen. Miss Brodie wurde Lehrerin.

Sie interessiert sich für fast alles, und ihr Unterricht ist den anderen Lehrern ein Dorn im Auge, da sie nichts auf den Lehrplan gibt, sondern die Mädchen zur crème de la crème formen will, gebildete junge Damen, die Einfluss haben. Und so erzählt sie ihnen von den Dingen, die in der Welt passieren, auch wenn es nicht das ist, was die Mädchen eigentlich lernen sollen.

Doch auch ihr persönliches Leben wird von ihr vor den Mädchen ausgebreitet. Als sie jung sind, sehen diese in Miss Brodie eine schöne, tragische Heldin, eben so, wie Miss Brodie sich inszeniert. Sie verzichtet großmütig und tragisch auf ihre verheiratete große Liebe, um dann großzügig und tragisch für einen Mann zu sorgen, der sie nicht interessiert. All dies erzählt sie großartig und tragisch „ihren“ Mädchen, ebenso wie die großangelegte und tragische Verschwörung gegen ihre Person, die sie im Endeffekt ihren Job kosten soll.

Dies ist kein Spoiler, denn der Roman ist in einer nicht chronologischen Technik erzählt, die Vor- und Rückblenden vornimmt. Er wurde erstmals im The New Yorker veröffentlicht, was Muriel Spark eine breite öffentliche Aufmerksamkeit verschuf. Er ist Sparks bekanntestes Werk und wurde mit Maggie Smith verfilmt, die dafür einen Oscar erhielt (ich muss diese Verfilmung unbedingt sehen!).Tatsächlich war er der Grundstein für Sparks Karriere.

Der Roman ist nicht ganz einfach einzuordnen. Sparks Sprache ist sehr einfach und nüchtern, sie verwendet kein Wort zu viel. Dies und die nicht chronologische Handlung führen dazu, dass man beim Lesen ein Puzzle zusammensetzt, dessen Teile jedoch klar an ihre Plätze zu legen sind. Auch die Charakterisierung der einzelnen Personen ist recht schablonenhaft – Sandys „kleine Augen“ gingen mir nach der Hälfte doch sehr auf die Nerven – ja, sie hat kleine Augen, das braucht man nicht jedesmal dazuzuschreiben. Und ja, Mary ist nicht der hellste Stern am Firmament, we get it. Natürlich stehen sowohl die kleinen Augen als auch die Einfalt für etwas, aber etwas weniger penetranter Holzhammer hätte es für mich sein dürfen.

Die schillernde Hauptperson ist Miss Brodie, deren Facetten mit und mit auftauchen, und irgendwann versteht man Sandys Verhalten besser. Jede weitere Facette ließ mich doch die Nase krausziehen und überlegen, dass ich dieser Person wohl längst den Rücken zugekehrt hätte. Aber wir haben es mit jungen Mädchen zu tun, die sich in der wichtigsten Zeit ihrer Entwicklung befinden. Aufgrund der Bevorzugung durch Miss Brodie erleben sie Ablehnung durch den Rest der Welt, was sie zu einer Gruppe zusammenschweißt, aus der es schwierig ist, sich zu befreien.

Zu keiner Zeit habe ich Miss Brodie – und auch keines der Mädchen – als Sympathieträger empfunden, dort, wo ihre Charakterisierung über mehr als eine Schablone hinausging, kam nie viel Positives zustande. Und so lege ich diesen kurzen Roman mit gemischten Gefühlen weg – ich mochte ihn nicht, er hat mir nicht viel Freude bereitet, und doch: Ich denke, dass er mich noch eine Zeit lang beschäftigen wird, und ist es dies nicht am Ende, was gute Literatur ausmacht?!

Muriel Spark: Die Blütezeit der Miss Jean Brodie. Aus dem Englischen von Peter Naujack. Diogenes Verlag AG Zürich,1983. OA: The Prime of Miss Jean Brodie. Macmillan Publishers Ltd., London, 1961. 231 Seiten.

Bild: literaryramblings.com

Dame Muriel Spark wurde am 1. Februar 1918 in Edinburgh als Muriel Sarah Camberg geboren. Sie gilt als eine der bedeutendsten britischen Schriftstellerinnen. 1961 erschien ihr Roman Die Blütezeit der Miss Jean Brodie, der zu einem Klassiker der englischsprachigen Literatur im Jahrhundert wurde. Sie starb am 13. April 2006 in Florenz. Sehr ausführlich kann man ihren Lebenslauf hier nachlesen.

Textschnipsel zum Montag – 24.7.2017

Und sie fügte hinzu: „Die Kunst ist erhabener als die Naturwissenschaft. Erst kommt die Kunst, und dann die Naturwissenschaft.“

Die große Karte hing über der Wandtafel, denn die Geographiestunde hatte gerade begonnen. Miss Brodie wandte sich ihr zu, um mit dem Zeigestock auf Alaska zu deuten. Aber sie drehte sich noch einmal zu den Mädchen um und sagte: „Kunst und Religion kommen zuerst; dann Philosophie, und zum Schluss die Naturwissenschaften. Das ist die Reihenfolge der großen Dinge im Leben, die Reihenfolge nach ihrer Wichtigkeit.“

Dies war der erste Winter der zwei Jahre, in denen diese Klasse von Miss Brodie unterrichtet wurde. Das Jahr neunzehnhunderteinunddreißig hatte inzwischen begonnen. Miss Brodie hatte bereits ihre Lieblingsschülerinnen ausgewählt, beziehungsweise diejenigen, denen sie vertrauen konnte; oder besser gesagt diejenigen, deren Eltern sie vertrauen konnte, keine Beschwerden über die fortgeschrittenen und umstürzlerischen Ansichten ihrer Erziehungsmethode zu führen. (S. 42/43)

Muriel Spark: Die Blütezeit der Miss Jean Brodie. Aus dem Englischen von Peter Naujack. Diogenes Verlag AG Zürich,1983. OA: The Prime of Miss Jean Brodie. Macmillan Publishers Ltd., London, 1961. 231 Seiten.