Haruki Murakami – Die Ermordung des Commentarore II – Eine Metapher wandelt sich

Nun ist er also da, der zweite Teil von Murakamis neuestem Werk. Teil 1 führt in die Geschichte ein, die nun nahtlos fortgeführt wird. Der namenlose Ich-Erzähler fährt damit fort, das Porträt der jungen Marie zu malen und freundet sich mit ihr an. Sie erzählen von ihren Leben und den Menschen, die sie verloren haben, und eine Verbindung entsteht zwischen ihnen.

Er malt aber nicht nur Marie, sondern folgt seinen Eingebungen und malt andere Bilder, in denen er seinen eigenen Stil entwickelt, weg von der Porträtmalerei. Er scheint etwas zuversichtlicher zu werden, doch dann geschehen mehrere Dinge, die ihn aus der Bahn werfen. Sein alter Freund, der Sohn des Malers, offenbart ihm eine Entwicklung, die er nicht kommen sah und die ihn zurückführt zu einem Traum, den er Monate zuvor hatte.

Und dann verschwindet Marie. Ihre Familie, der geheimnisvolle Menshiki und der Maler machen sich auf die Suche nach ihr, haben jedoch keinen Anhaltspunkt. Bis der Commendatore beim Maler auftaucht und ihn in die richtige Richtung lenkt. Der Maler muss ein großes Opfer bringen, um Marie zu retten und lernt dabei viel über sich selbst…

Die Fragen, die Murakami im ersten Teil seiner Geschichte aufwirft, werden – wie immer – nur zum Teil beantwortet. Das Reich des magischen Realismus sieht auch nichts anderes vor, es wirft einen in eine Welt, in der die Grenzen dessen verschwimmen, was real und was nicht real ist. So folgt der Leser der Figur und versucht, mit ihr herauszufinden, wie man sich durch die Welt(en) und somit auch sein Leben kämpfen kann.

Einige von Murakamis anderen Werken streifen die Geschichte, entwickeln sich aber schnell vom bekannten zum neuen Abenteuer, so dass das, was man sich vorher erarbeitet hatte, schnell nichtig wird und neu beantwortet werden muss. Das Reich der Phantasie ist groß bei Murakami, und oft ist und bleibt es genau das, ein Reich, in dem alles möglich scheint und nichts logisch sein muss.

Murakami arbeitet mit Ideen und Metaphern, hier im Bereich der Kunst. Bilder und Sprachbilder, die aus einer Idee heraus entstehen, sich im Erschaffungsprozess, aber auch über die Zeit hinweg wandeln können. Ist das, was wir sehen oder lesen, das, was der Maler oder Autor ausdrücken wollte? Hatte er das im Sinn, als er sein Werk erschuf? Und sieht man es nach Jahren, Jahrzehnten, Jahrhunderten noch genau so? Oder hat sich der Sinn gewandelt, wurde die ursprüngliche Intention verändert, abgetötet, neu erschaffen?

Wie immer liest sich auch der zweite Teil der „Ermordung des Commendatore“ Murakami- und Gräfe-großartig und flüssig, so dass man den Roman nicht aus der Hand legen kann. Ich hatte jedoch auch meine Schwierigkeiten damit, denn er packt eine ganze Menge in seine Geschichte hinein, das nicht so schnell klar wird und ich bin ziemlich sicher, ich habe nicht alles verstanden. Ich denke nun schon seit Tagen darüber nach, und muss sagen, dass das Schreiben darüber geholfen hat, aber ich wohl nie alles verstehen werde.

Aber ich nehme an, das war auch nicht Murakamis Plan.

Haruki Murakami: Die Ermordung des Commendatore II. Eine Metapher wandelt sich. DuMont Buchverlag Köln, 2018. OA: Kishidancho goroshi.Killing Commendatore. Shinchosha, Tokio, 2017. 489 Seiten.

Ich danke dem DuMont Buchverlag für das Rezensionsexemplar.

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David Mitchell – Die Knochenuhren

Meine Lieben,

mir ist etwas passiert, das schon einigen von Euch auch geschehen zu sein scheint, das ich bisher aber immer als „Ich-doch-nicht!“ abgetan habe: Ich habe eine Lese- und vor allen Dingen Schreibflaute gehabt. Ich bin mir noch nicht ganz sicher, ob sich das jetzt wieder gelegt hat, aber ich habe meinen Blog und somit auch Euch schon ziemlich vermisst. Ich habe trotzdem in der Zeit ein paar, wenn auch nicht viele, Bücher gelesen und beabsichtige, diese in den nächsten Wochen zu resensieren. Das erste davon hat mir eine liebe Kollegin geliehen, und es zog mich einigermaßen aus der Flaute heraus. Here we go.

Ich habe damals David Mitchells Wolkenatlas sehr geliebt, und auch sein Roman „Der dreizehnte Monat“ hat mir sehr gut gefallen. Nun bekam ich also die „Knochenuhren“ in die Finger und einmal mehr bin ich überrascht von Mitchells vielschichtiger Schreibe.

Wie der Wolkenatlas auch ist dieser Roman in mehrere Geschichten unterteilt, die in den 1980ern beginnen und bis in die Zukunft im Jahr 2043 reichen. Jede Geschichte wird von einer anderen Person erzählt, ist aber mit den anderen verknüpft. Es beginnt nun also in den 80ern, als ein wütender Teenager namens Holly Sykes von zu Hause wegläuft, weil die Eltern ihren Freund nicht gutheißen. Warum dies so ist, wird Holly schnell herausfinden, und sie läuft einfach weiter. Unterwegs trifft sie einen Bekannten aus der Schule, der ihr weiterhilft, und eine geheimnisvolle ältere Frau, die sie um etwas bittet. Am nächsten Tag jedoch bekommt sie eine schreckliche Nachricht, die ihr für den Rest ihres Lebens Schuldgefühle vermitteln wird…

Hugo Lamb ist College-Student, Schnösel und Schmarotzer. Er hat es in eine Gruppe von reichen Studenten geschafft und ist nun das Anhängsel mitten drin. In den Ferien in den Schweizer Alpen im Haus eines dieser „Freunde“ erlebt er sonderbare Dinge, die sein Leben komplett verändern werden…

Der Kriegsreporter Ed Brubeck war an den gefährlichsten Orten der Welt und hat unglaublich viel Schlimmes gesehen und erlebt. Dennoch kann er nicht von seiner Aufgabe, seiner Berufung lassen. Frau und Kind müssen zurückstecken, doch eines Tages erlebt er etwas, das ihn vollkommen aus der Bahn wirft…

Crispin Hershey ist Schriftsteller, er hatte in jungen Jahren einen Riesenerfolg und jagt diesem Ruhm seitdem hinterher. Er ist kein angenehmer Mensch, was ihn in eine ziemliche Isolation getrieben hat. Nur ein paar Bekannte hat er, die ihm weiterhelfen, aber Schuld und Sühne kann auch er nicht entkommen…

Zwischen all diesen Geschichten bestehen Zusammenhänge, unerklärliche Dinge geschehen, Menschen verschwinden spurlos, andere tauchen auf einmal wieder auf. Marinus, die Figur in der nächsten Geschichte, weiß einiges darüber, und über den großen Kampf, der ihnen bevorsteht…

Das letzte Kapitel schließt dann im Jahr 2043 an und ist etwas anders als die anderen. Zuerst war ich etwas irritiert, aber im Nachhinein hat mich dieses Kapitel am meisten beeindruckt. Tatsächlich gibt es mir immer noch zu denken und macht mich etwas paranoid, was ich unbedingt auf David Mitchells mitreißende Schreibe zurückführe. Dieses Kapitel ist, wie der ganze Roman, mitreißend und spannend geschrieben. Auch, wenn das Thema nicht unbedingt meins ist und ich vieles davon als, sagen wir einmal, „esoterisches Geschwurbel“ ansehe, war es ein spannender und unterhaltsamer Schmöker, der sich rasant weglesen ließ und mit einem Knallerkapitel endete.

Wieder einmal hat David Mitchell mir große Unterhaltung gegeben und gezeigt, dass er schreiben kann. Ich bin gespannt auf seine weiteren Bücher, und weiß, was ich bei einer eventuellen neuerlichen Leseflaute zu tun habe.

David Mitchell: Die Knochenuhren. Aus dem Englischen von Volker Oldenburg.Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg, September 2017. OT: The Bone Clocks. Sceptre, London, 2014. 812 Seiten.

Buch #68: Margaret Atwood – Der Report der Magd

„Glaube ist nur ein Wort, gestickt.“ (389)

„Aber ringsum an den Wänden stehen Bücherregale. Sie sind voller Bücher, Bücher, Bücher, offen sichtbar, keine Schlösser, keine Schränke. Kein Wunder, dass wir hier nicht hereindürfen. Es ist eine Oase des Verbotenen. Ich versuche, nicht hinzustarren.“ (186)

Der Report der Magd – The Handmaid’s Tale – der deutsche Titel ist hier ausnahmsweise der Bessere, weil Angebrachtere. Ein Report ist es, den Desfred uns gibt, ein Report über das Leben in einem Regime, das im späten 20. Jahrhundert in den USA entstand. Viele Faktoren spielten hinein, die Umwelt, die Umweltkatastrophen, die Religionskonflikte, AIDS, der Feminismus.

Nun ist die Welt sehr einfach. Es gibt Männer. Und es gibt drei relevante Kategorien an Frauen. Da sind die „Marthas“, die eine recht gute Stellung als Haushaltshilfe haben. Sie haben keine Rechte, sind aber vor Verfolgung mehr oder weniger sicher. Sie sind im Großen Ganzen irrelevant, nur dazu da, den Handlanger zu geben. Sie tragen grün.

Dann gibt es die Ehefrau. Die höchste Stellung, die eine Frau innehaben kann. Ehefrau. Mutter. Vorstehende des Haushalts. Repräsentation des Haushalts. Die wichtigste Position, die eine Frau haben kann. Die Wichtigste. Sie tragen blau.

Und dann gibt es die Mägde. Sie dienen als Gefäße. Falls ein hochrangiges Ehepaar nicht in der Lage ist, Kinder zu bekommen, dient die Magd als Gebärmutter. Sie trägt rot. Desfred trägt rot.

Desfred lebt als Magd bei dem „Kommandanten“, Fred, und seiner Frau Serena Joy. Sie sind kinderlos, und Desfred soll ihnen helfen. Sie wird gut ernährt und lebt wohlbehütet. Sie hat lange, verhüllende Kleider und eine Haube, die sie hindert, angesehen zu werden. Und außer einem Tunnelblick nichts zulässt. Sie darf keine persönlichen Gegenstände haben. Sie darf das Fenster nicht weiter als einen Spalt öffnen, das Glas ist bruchsicher. Sie darf nicht sprechen, außer die Floskeln, die man sie lehrte. Fromme Sprüche. Und sie darf einmal im Monat das Ritual mit dem Kommandanten vollziehen, im Schoß seiner Frau liegend, in der Hoffnung, für sie empfangen zu können.

Desfred erzählt ihre Geschichte, von ihrem jetzigen Leben, das in völliger Isolation und Abschottung von der ganzen Welt vor sich geht. Informationen zu bekommen, ist fast unmöglich. Interesse an etwas zu zeigen, kann tödlich sein. Wissen zu haben, kann zur Exekution führen.

Aber das System ist nicht vollkommen. Und Desfred gehört zur ersten Generation Frauen, die zu dieser Lebensweise gezwungen werden. Sie erinnert sich daran, wie es vorher war, als Frauen Rechte hatten, Freiheiten, Bildung, Individualität. Und sie erinnert sich daran, wie ihr alles genommen wurde. Und warum sie sich nun in ihre Rolle fügt.

Margaret Atwoods Roman aus dem Jahre 1985 ist damals ihr Durchbruch gewesen. Diese finstere Dystopie hat beim ersten Mal, als ich sie vor vielen Jahren las, so vieles bei mir ausgelöst: Ich habe eine ungeheure Faszination für Dystopien entwickelt, Margaret Atwood ist meine verehrteste Schriftstellerin, und der Anteil meiner Lektüre von Frauen liegt bei ca. 33 Prozent. All dies hat sich nun beim Wiederlesen bestätigt.

Der Report der Magd ist ein ungeheuer intensiver Roman, der perfekt kalkuliert ist. Passt man die Gegebenheiten von vor 30 Jahren an die heutigen an, ist er, gerade mit Sicht auf das letzte Jahr, wieder erschreckend aktuell. Und erschreckend ist genau das Adjektiv, das ich meine. Er nimmt einem den Atem, lässt Seite um Seite verfliegen auf der Suche nach einer Lösung, nach einem Ausweg aus dieser Situation, aus der es keinen Ausweg gibt.

Der Gedanke, dass man diese – eigentlich als Abschreckung zu verstehende – Geschichte als Handbuch nehmen könnte, hat sich mir wieder tief ins Hirn gegraben und mir einen Schlag in die Magengrube verpasst. Es darf nicht sein. Für viele Frauen ist es aber so, an so vielen Orten auf der Welt, täglich, ohne Ausweg. Man sollte dies immer vor Augen haben, immer daran denken, und dieser Roman ist eine Anmahnung all dessen.

Wie ich immer wieder zu meinem Erstaunen vernehme oder lese, gibt es anscheinend einige Menschen, die sich schwer tun mit von Frauen verfasster Lektüre. Ich kann mir beim besten Willen keinen Grund dafür vorstellen, doch scheint es so zu sein. Denjenigen möchte ich eines raten: Wenn Sie nur einen Roman, der von einer Frau geschrieben wurde, ausprobieren möchten, nehmen Sie diesen.

Denn es handelt sich auch schlicht um eine äußerst spannende Geschichte. Wie die jetzige Situation mit der damaligen und der Entwicklung zusammengebracht wird, wie stückchenweise die Welt aufgebaut und ineinander verkeilt wird, wie Desfred sich der Umstände nicht erwehren und von den Ereignissen mitgerissen wird, das ergibt einen Pageturner.

Ich weiß, das alles ist eine Menge Lobhudelei, aber ich bin diesem Roman verfallen, seit vielen Jahren schon. Er wird wohl die neue Spitzenposition in meiner Rangliste einnehmen, und mich auf jeden Fall für den Rest meines Lebens begleiten.

Ich habe den Roman ausgerechnet jetzt wiedergelesen, da ich ihn bei der Bingereaderin gewonnen habe (danke nochmal!), die ähnlich begeistert war, und weil er mit Elizabeth Moss und Joseph Fiennes als Serie verfilmt wurde, die am 26. April 2017 in den USA Premiere hat. Ich kann es kaum abwarten, jetzt noch weniger.

Margaret Atwood: Der Report der Magd. Aus dem kanadischen Englisch von Helga Pfetsch. Neuauflage im Piper Verlag GmbH, München/Berlin 2017. OA: The Handmaid’s Tale. MCClelland & Stewart, Houghton Mifflin, 1985; Cape 1985. 412 Seiten.

Buch #66: Kazuo Ishiguro – Alles, was wir geben mussten

Vor dem Lesen dieser Rezension: Sie enthält Spoiler und könnte eventuell die Leselust auf den Roman verderben.

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Tja, nun. Selten habe ich mich so schwer getan, etwas über einen Roman zu schreiben. Vor allem, da ich nach der Lektüre von Was vom Tage übrig blieb sehr gespannt auf dieses Buch war, dessen Verfilmung ja auch eher positiv besprochen wurde. Zudem eine Dystopie, was konnte also groß schiefgehen? Nun, so ziemlich alles.

Die Geschichte in Alles, was wir geben mussten wird von Kathy B. erzählt, einer, wie anzunehmen ist, jungen Frau, die in einem Internat aufwuchs. Sie erzählt von dieser Zeit und ihrem täglichen Leben dort, von der Schule und von ihren Freunden, insbesondere von Ruth und Tommy. Kathy und Ruth sind beste Freundinnen, Tommy ist ein jähzorniger Junge, der sich aber im Laufe der Zeit fängt und mit Ruth zusammenkommt.

Kathy erzählt von ihrer Kindheit und Jugend in dem Institut, Hailsham, von ihren „Aufsehern“, von ihren Tauschmärkten, auf denen sie ihre eigenen „Kunstwerke“ gegen andere tauschen, von „Madame“, die regelmäßig vorbeikommt und „Kunstwerke“ für ihre Galerie mitnimmt. Sie wundern sich darüber, bekommen sie doch keinen Gegenwert, und Madame ist ihnen auch unheimlich, sieht sie sie doch eher an, als seien sie wilde Tiere.

Im Laufe der Erzählung gibt es also einen kleinen Hinweis nach dem anderen, aber es dauert sehr lange, bis der Leser weiß, was los ist. Der Roman ist in drei Teile geteilt, der erste erzählt von der Schulzeit, der zweite von der Zeit danach, und der dritte dürfte Kathys unmittelbare Vergangenheit darstellen. Langsam, sehr langsam entziffert sich der Leser also, was Kathy sagen will, nämlich dass sie alle Klone sind, die nur dem Zweck dienen sollen, ihre Organe zu spenden. Diese Spenden erfolgen anscheinend Stück für Stück, wobei manche nach der zweiten „abschließen“, manche bis zur vierten durchhalten, wonach ihnen alle bleibenden Organe entnommen werden und sie dann „abschließen“.

Nun braucht man aber nicht zu denken, dass irgendeiner der Klone damit größere Probleme zu haben scheint. Sie nehmen alles hin, wie es ist, und tun das, was sie tun sollen. Gerade Kathy ist sehr ergeben, nicht nur ihrer Zukunft, sondern ihrer ganzen Welt gegenüber. Ihr Erzählstil ist äußerst ruhig, emotionslos, wie ein Bericht. Und so berichtet sie, wie sie Ruth und Tommy hilft, wie sie sie wieder zusammenbringt, wie sie emotionale Momente mit Tommy verbringt, aber auch, wie sie nie etwas sagt, bis Ruth den beiden schließlich die Erlaubnis gibt, zusammen zu sein, sehr spät erst allerdings, als Tommy schon angefangen hat zu spenden. Nun ja, dann haben sie halt dann eine schöne Zeit.

Ebensowenig stellt Kathy jemals eine Frage zu ihrer „Aufgabe“. Sicher, sie wundern sich alle, wissen unterbewußt, dass mit ihnen etwas anders ist, aber sie graben lieber nicht zu tief. Zufällige Bemerkungen ihrer „Aufseher“ werden zwar registriert, aber nicht weiter hinterfragt. Als sie aus der Schule entlassen werden, erfahren sie gerüchteweise, dass Paare, die nachweisen können, dass sie sich wirklich lieben (wie auch immer das funktionieren soll), sich zurückstellen lassen können. Aber auch da forschen sie nie nach, bis Ruth ihnen sagt, sie sollen es tun. Auch das wieder viel später. Als sie dann schließlich hinter einige Geheimnisse von Hailsham kommen, auch das eher zufällig, wissen sie zwar mehr, nehmen aber auch das hin.

So ist dies ein Roman über „Schafe“, die sich willig zur Schlachtbank führen lassen, im wahrsten Sinne des Wortes. Denn die Organspende wird hier in diesem Sinne dargestellt. Ich weiß allerdings beim besten Willen nicht, warum man ihnen ein Organ nach dem anderen entnimmt und sie sich dann erholen lässt, wobei, wenn man es so betrachten wollte, es sicherlich besser wäre, wenn schon, dann alle auf einmal zu entnehmen und den Körper keiner Regeneration auszusetzen, zumal es ja auch nicht lange weitergehen kann und dann doch alle entnommen werden.

So hat diese ganze Sache natürlich einen Beigeschmack, der sich, wie ich mir vorstelle, doch in dem einen oder anderen Kopf festsetzt und Menschen davon abhält, einen Ausweis auszufüllen. Als ein Mensch, der in unmittelbarem Umfeld eine Spende miterlebt hat, kann ich das absolut nicht nachvollziehen. Ich habe den Ausweis, seit ich 18 bin, und wenn ich tot bin, können sie gerne alles von mir haben, ich brauche es dann nicht mehr. Aber andere Menschen schon. Andere Menschen können dann weiterleben. Andere Menschen können bei ihren Familien bleiben, oder welche gründen, oder ihre Leben weiterleben. Würden mehr Menschen so denken, bräuchte man sich über solche Szenarien keine Gedanken zu machen. So einfach ist das.

Ich habe, als ich das Buch zuschlug, andere Meinungen darüber gelesen, weil ich so unglaublich erzürnt war und wissen wollte, wie es ankam (tatsächlich hauptsächlich positiv). Viele sprechen von einer Parabel auf die Gesellschaft, die Menschen, die sich nicht wehren, die ihr Leben tagein, tagaus leben ohne eine Nachfrage. Das mag ja sein, aber ich bezweifle, dass diese Menschen das Buch erreicht und sie aufrüttelt. Oder geht es vielmehr darum, dass Gentechnik die Ausgeburt der Hölle ist? Dass aber gezeigt werden soll, dass Klone auch menschliche Menschen sind, und man sich deshalb viele Gedanken darüber machen sollte, ob man sie erschafft? Geschenkt. Ich weiß wirklich nicht, was ich über diesen Roman sagen soll, außer, dass ich es für eine riesige Zeitverschwendung halte, dieses Manifest des Übersichergehenlassens zu lesen, und für eine riesige Unverschämtheit, das vor einem Thema auszubreiten, das Menschen davon abhalten könnte, Menschenleben zu retten.

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Das einzig Gute war, dass ich bemerkt habe, dass ich nach meinem Umzug keinen aktuellen Ausweis mehr hatte. Man bekommt sie beim Arzt, in Apotheken, beim Blutspenden, als Download.

Und wenn Ishiguro Eindruck hätte machen wollen, hätte er eine Heldin kreieren sollen, die um sich, ihr Leben, ihre Liebe kämpft, damit man beim Zuschlagen des Buches wenigstens nicht das Gefühl hat, in einen dumpfen Wattebausch gesteckt worden zu sein, und sich feste schütteln will, damit irgendeine Bewegung entsteht. Wie gesagt, mir ist klar, dass viele Leser diesen Roman für unglaublich gut und unglaublich weise halten, aber ich weiß nicht warum. Und, mich wird auch keiner vom Gegenteil überzeugen können, deswegen bitte ich darum, mir dies zu ersparen.

Kazuo Ishiguro: Alles, was wir geben mussten. Aus dem Englischen von Barbara Schaden. Wilhelm Heyne Verlag, München. Verlagsgruppe Random House. 2016. OA: Never let me go. Faber and Faber Ltd., London. 349 Seiten.

Ich danke Random House für das Rezensionexemplar.

Stephen King – Der Anschlag

Stephen King wurde am 21. September 1947 in Portland, Maine, geboren. Bereits mit sieben Jahren fing er an, seine ersten Geschichten zu schreiben, seinen ersten Erfolg hatte er 1974 mit dem Roman Carrie. Insgesamt hat er bisher über 40 Romane, 100 Kurzgeschichten, Novellen und Drehbücher veröffentlicht, und zusätzlich noch Essays, Gedichte, Kolumnen und Sachbücher, vieles davon unter Pseudonym.  Der Anschlag erschien im Original im Jahr 2011.

Ich gebe es zu: bis auf Stephen King’s Das Leben und das Schreiben habe ich bisher nichts von ihm gelesen. Ich bin absolut kein Horror-Fan, weder in Buch-, noch in Film- oder Serienform. Konsequenterweise ist denn nun auch mein erster Roman von King kein Horror, sondern Fantasy. Der Anschlag (eindeutiger wäre wohl „Das Attentat“ gewesen), im Original unter dem Titel 11/22/63 erschienen, hat als Aufhänger das Attentat auf John F. Kennedy, das am 22. November 1963 verübt wurde.

anschlagJake Epping ist Lehrer, der auch eine Klasse für Erwachsene unterrichtet. Dort lässt er einen Aufsatz schreiben mit dem Titel „Der Tag, der mein Leben veränderte“. Der Hausmeister Harry, einer seiner Schüler, schreibt seine Geschichte auf, wie er als Kind fast von seinem Vater ermordet wurde, und dies tut er so eindringlich, dass er eine Eins bekommt und Jake die Geschichte nicht mehr loslässt. Als Harry seinen Abschluss besteht, nimmt Jake ihn mit in ein Diner, das seinem Freund Al gehört und unglaublich gute und unglaublich billige Burger anbietet.

Zwei Jahre später bekommt Jake einen Anruf von Al, der ihn bittet, schnellstens im Diner vorbeizukommen. Als er Al sieht, ist dieser ein alter, kranker Mann, der nicht mehr lange Zeit hat. Und Jake hat nicht viel Zeit, sich zu wundern, denn Al erzählt ihm etwas Unglaubliches: wenn er durch seine Vorratskammer geht, gelangt er direkt ins Jahr 1958, und wenn er zurückkehrt, sind nur zwei Minuten vergangen. Und er hat einen Plan, den er aber aufgrund seiner Krankheit nicht mehr ausführen kann, denn jede Rückkehr rebootet die vorherigen Ereignisse. Nun hat er Jake dazu auserkoren, seine Mission zu erfüllen: Jake soll ins Jahr 1958 zurückgehen und sich an Lee Harvey Oswalds Fersen heften, damit dieser Kennedy nicht erschießt. Al denkt, wenn Kennedy nicht erschossen wird, wird der Korea-Krieg nicht stattfinden und somit eine Menge Leid der Welt erspart bleiben.

Jake wehrt sich, geht aber probeweise einmal hinüber. Er ist fasziniert, hält die Mission aber für nicht durchführbar und Al für verrückt. Doch da Jake nun gezeigt hat, wie es funktioniert, bringt Al sich um und Jake bleibt mit seinem Wissen allein zurück. Er fasst einen anderen Plan, nämlich, Harrys Vater daran zu hindern, seine Familie umzubringen und den kleinen Harry zum Krüppel zu machen.

Er geht also zurück und beginnt dort quasi ein „neues Leben“. Doch es gibt einen großen Haken:  die Vergangenheit will nicht geändert werden, und so wehrt sie sich gegen die Eingriffe. Doch Jake schafft es. Als er wieder ins Jetzt zurückkehrt, hat sich das Leben von Harrys Familie geändert, doch nicht unbedingt zum Guten. So geht Jake wieder zurück, rebootet die Ereignisse und nimmt sich dieses Mal zum Vorsatz, Als Originalplan durchzuführen. Doch es sind fünf Jahre bis 1963, und in dieser Zeit baut sich Jake ein Leben auf, findet Freunde und lernt sogar eine Frau kennen. Dennoch verfolgt er auch Oswald, wovon er natürlich niemandem etwas erzählen kann.

Auch wenn fünf Jahre eine lange Zeit sind, rückt der Tag unerbittlich näher, und ein Attentat zu verhindern, das die Weltgeschichte verändert hat, ist eine ganz andere Sache als die Geschichte einer einzelnen Familie zu ändern, und dementsprechend wehrt die Vergangenheit sich ganz gewaltig…

Wird Jake es schaffen? Und was ist, wenn er es schafft? Was passiert mit seinen Freunden, seiner Freundin, der Welt? Dies alles breitet King genüsslich auf über 1000 Seiten aus. Sprachlich mag Stephen King nicht auf der oberen Bandbreite mitspielen, aber er versteht es absolut, spannend zu erzählen. Und so habe ich, als die Geschichte ins Rollen kam, nichts anderes getan als zu lesen, zu verschlingen, rastlos eine Seite nach der anderen umzublättern, denn diese Geschichte ist das Spannendste, was ich seit langer Zeit gelesen habe.

Und sollte es noch andere Menschen geben wie mich, die nichts mit Horror anfangen können, sich aber gerne auf ein Gedankenexperiment einlassen, so kann ich dieses Buch besten Gewissens empfehlen. Vielleicht nicht unbedingt als Urlaubslektüre, denn dann hat man nichts von seinen Ferien, die 1000 Seiten brauchen Zeit.

Stephen King: Der Anschlag. Aus dem Amerikanischen von Wulf Bergner. Heyne, 2001. Original unter dem Namen 11/22/63 bei Scribner. 1056 Seiten.

Haruki Murakami – 1Q84

Haruki Murakami wurde am 12. Januar 1949 in Kyoto geboren. Er wuchs in einem Vorort der Stadt Kobe auf, seine Eltern unterrichteten beide japanische Literatur. Harukis Interesse galt aber mehr der westlichen Literatur, was bis heute in Japan kritisch beurteilt wird. Ab 1968 studierte er Theaterwissenschaft, nach Abschluss des Studiums heiratete er seine Frau Yoko, mit der er bis heute zusammen ist. 1974 eröffnete er eine Jazzbar, Peter Cat, und mehrere seiner Bücher haben den Namen von Song-Titeln, zum Beispiel ist Norwegian Wood (Naokos Lächeln) nach einem Song der Beatles benannt. Er hat 1978 mit dem Schreiben begonnen, auch wenn er sich von seinen ersten beiden Romanen distanziert. Er reiste durch Italien und Griechenland, 1991 wurde er Gastprofessor in Princeton, 1993 an der Tufts University in Medfort, Massachusetts. Seit 2001 lebt er in seiner Heimat in Oiso. Seine Romane spielen in Japan, enthalten oft surrealistische Elemente oder magischen Realismus und viele Anspielungen auf die westliche Popkultur. Murakami hat zahlreiche Literaturpreise erhalten, und er hat viele Werke ins Japanische übersetzt.

Haruki Murakami. In meiner Zeit als Bloggerin ist er mir schon häufig begegnet, und ich habe festgestellt, dass er die Menschheit in zwei Teile zu spalten scheint: es gibt einen Teil, der ihn verehrt, und einen Teil, der absolut nichts mit ihm anfangen kann. Ich gehöre nun eindeutig zum ersten Teil, würde sogar so weit gehen, ihn als einen meiner Lieblingsautoren zu bezeichnen. Mein bisher liebster Roman war Heartboiled Wonderland oder das Ende der Welt, diesen fand ich so ungemein großartig, dass auch 1Q84 daran nicht vorbeigezogen ist.

haruki-murakami-IQ84Nun zu 1Q84. Ich habe mir viele Gedanken gemacht, wie diese Besprechung aussehen soll. Der Roman besteht aus drei Teilen, von denen die ersten beiden imDezember 2010 in Deutschland veröffentlicht wurden, und der dritte im Oktober 2011 folgte. Insgesamt umfassen die drei Teile knapp 1600 Seiten. Und im Gegensatz zu den Schinken von z.B. David Foster Wallace oder Thomas Pynchon haben wir eine durchgehende, chronologisch erzählte Geschichte (ja, es kommen Rückblenden vor, die jedoch nicht den Erzählfluss stören oder beeinflussen). Deswegen werde ich die Ausgangssituation schildern, damit die eine Hälfte der Menschheit gerade genug in Versuchung geführt wird, und die andere Hälfte einen kurzen Überblick bekommt.

Wie so oft bedient sich Murakami auch in 1Q84 der zweistrangigen Erzähltechnik, wir haben also zwei Protagonisten, deren Geschichte abwechselnd weitererzählt wird. Das ist dem Lesefluss unbedingt zuträglich, da man immer ein Häppchen mehr präsentiert bekommt, bevor man zum anderen Protagonisten wechselt, und wieder umgekehrt, was eine große Spannung erzeugt.

Ein Erzählstrang verfolgt die Geschichte von Tengo, einem 31-jährigen Mathematiklehrer. Tengo galt seit der Grundschule als mathematisches Wunderkind, war ihm die Mathematik doch immer eine Fluchtmöglichkeit aus seiner Welt in die klare Welt der Zahlen. Seine Mutter starb, als er ein Baby war, und sein Vater, ein Gebühreneintreiber für einen Rundfunkdienst, hat sich nur um seinen Beruf gekümmert, da dieser ihm ein geregeltes Leben verschaffte. Tengo nahm er immer mit, da die Leute eher zahlen, wenn ein Kind dabei ist. Mit zehn Jahren läuft Tengo von zu Hause weg, wird aber zurückgebracht, braucht von nun an jedoch nicht mehr mitzugehen. Sein Verhältnis zum Vater, bei dem er sich nicht sicher ist, ob er sein richtiger Vater ist, kühlt dermaßen ab, dass sie eigentlich nicht mehr miteinander reden und Tengo so früh wie möglich auszieht. Sein Studium finanziert er mit Ringen, er ist sehr sportlich, aber den Ehrgeiz, die Mathematik ernster zu verfolgen, hat er nicht. So arbeitet er drei Tage an einer Hochschule, und nebenbei in einem Verlag, da er eine zweite Leidenschaft hat, die Literatur. Diese ist für ihn ebenfalls ein Ausweg aus der realen Welt, aber nicht wie die Mathematik klar strukturiert, sondern undurchsichtig und rätselhaft.

Eines Tages tritt sein Vorgesetzter im Verlag an ihn heran. Eine junge Schriftstellerin, die sich Fukaeri nennt, hat eine vielversprechende Geschichte geschrieben, die einen Preis erhalten könnte. Leider ist sie sprachlich nicht ganz auf der Höhe, weshalb Tengo die Geschichte überarbeiten und in eine geeignete Form bringen soll. Trotz einiger Bedenken willigt Tengo ein, und auch Fukaeri ist einverstanden. Das Mädchen, das ein tiefes Trauma durchgemacht zu haben scheint und sich sehr rätselhaft verhält, wird nach und nach zu einer Art Freundin für Tengo.

Der zweite Erzählstrang folgt Aomame. Sie wuchs bei den Zeugen Jehovas auf, musste mit ihrer Mutter von Tür zu Tür wandern und Mitglieder werben, in der Schule laut vor dem Essen beten und war vollkommen isoliert von den anderen Kindern. Bis es eines Tages zu einem Zwischenfall kommt, bei dem Tengo sie beschützt. Sie hält daraufhin seine Hand und sieht ihm tief in die Augen, ein Ereignis, das beider Leben nachhaltig prägen sollte. Im Alter von elf Jahren läuft sie von zu Hause weg und wächst bei Verwandten auf, muss die Schule wechseln und ist für ihre Familie gestorben. Sie findet aber erste Freundschaften, es stellt sich heraus, dass sie sehr sportlich ist, und sie wird eine angesehene Trainerin, die sich mit jedem Muskel im Körper eines Menschen sehr genau auskennt. Sie erleidet herbe Verluste in ihrem Leben, das doch eher von Einsamkeit geprägt ist, lernt aber als Trainerin eine alte Dame kennen, der sie dabei hilft, ihre körperlichen Beschwerden zu verringern. Eine Freundschaft bahnt sich an, als die beiden Frauen feststellen, dass sie beide Verluste erlitten haben, die Männer verursacht haben.

Aomame hat durch die genaue Kenntnis des menschlichen Körpers die Fähigkeit, bei jedem Körper einen Punkt zu finden, in den man eine Nadel stich, wodurch derjenige sofort stirbt. So arbeitet sie also nebenher als Killerin, als Rächerin der Schwachen, die keine Spuren hinterlässt außer Körpern, bei denen keine Todesursache feststellbar ist. Hier arbeitet sie der alten Dame zu, die die Opfer aufnimmt und die Täter je nach Schwere ihrer Tat bestrafen lässt.

Eines Tages führt Aomame einen Auftrag aus, nach dem etwas anders ist. Es sind zunächst nur Kleinigkeiten, verpasste Ereignisse, die groß in den Nachrichten waren, eine gemeinsame Raumstation der USA und von Russland, also Dinge, die sie eigentlich wissen sollte, aber die ihr vollkommen neu sind. Und dann sind da auf einmal zwei Monde: der große, normale Mond hat einen kleinen dazu bekommen, und niemandem außer Aomame scheint das aufzufallen. Sie nennt diese Welt, die ihr bekannt und fremd zugleich ist, 1Q84, ein Paralleljahr zu ihrem 1984.

Dann liest Aomame eine Geschichte, die „Puppe aus Luft“, in der eine Welt beschrieben wird, die diesem 1Q84 recht nahe kommt. Auch hier gibt es zwei Monde. Und es gibt die „Little People“, die Puppen aus Luft spinnen. Und die konkret in das Leben der Menschen eingreifen. Diese Geschichte wurde von Fukaeri geschrieben und von Tengo überarbeitet, und die Little People sind überhaupt nicht begeistert darüber, wurden sie doch der Öffentlichkeit bekannt gemacht.1q84_buch_3

Wie es kommt, dass sich auch Tengo in einer merkwürdigen Welt wiederfindet, wie und ob man überhaupt aus dieser Welt wieder entkommen kann und welche Hürden es dafür zu nehmen gilt, entspinnt sich in einer komplexen Geschichte, für die sich Murakami alle Zeit der Welt nimmt. Und das ist genau richtig so. Natürlich, es braucht Zeit, sich hindurchzulesen, aber man ist nie gelangweilt, da die Geschichte stetig voranschreitet, und man verliert auch nie den Faden, da sie in sich so stimmig ist. Neue Personen werden behutsam eingeführt, die unterschiedlichen Welten nachvollziehbar entwickelt und auch die Absurditäten scheinen so absurd gar nicht. Wie immer spielt er gerne und ausgiebig mit der Intertextualität, was in meinen Augen eine Bereicherung ist und mir großen Spaß gemacht hat.

Wollte ich vielleicht etwas bemäkeln, dann würde das den dritten Teil betreffen. Vielleicht ist dies so, da die Bücher ein Jahr auseinander veröffentlicht wurden, aber nun, da sie veröffentlicht sind und für den Rest der Zeit sein werden, besteht eigentlich kein Grund, sie nicht hintereinander wegzulesen. Im dritten Teil gibt es immer mal wieder kleinere Rückgriffe zum Verständnis, die aber nicht unbedingt stören, man kann über sie hinweglesen. Was mich jedoch gestört hat, ist, dass Murakami (nehme ich zumindest an, dass er es war und nicht die Übersetzerin), dass er mehrmals in die Geschichte eingreift. Nach über tausend Seiten geht er auf einmal hin und bringt die Ereignisse in eine Reihenfolge, eine Leistung, die der Leser durchaus alleine hätte vollbringen können. Das hat mich doch geärgert, da ich mich als Leser dann auf einmal nicht für voll genommen fühle.

Insgesamt kann ich sagen, dass ich hier nur einen winzigkleinen Einblick gegeben habe – und schaut, wie lang der Artikel schon ist. Wer also gerne Murakami mag, oder auf magischen Realismus steht, oder einfach eine großzügig angelegte, spannende Geschichte lesen möchte, dem sei 1Q84 unbedingt ans Herz gelegt. Ich habe es sehr gern gelesen, und auch wenn es nicht mein neuer Liebling ist, ist es doch ziemlich hoch angesiedelt.

Haruki Murakami: 1Q84. Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe. Dumont.

 

Buch #46: Philip Roth – Verschwörung gegen Amerika

Philip Milton Roth wurde am 19. März 1933 in Newark, New Jersey, geboren. Er schreibt Romane, Essays und Erzählungen, und wird seit Jahren als Kandidat für den Literaturnobelpreis gehandelt.

Roth schreibt größtenteils autobiographisch geprägte Werke, in denen er sich mit seiner jüdischen Herkunft, seiner Jugend in seiner Geburtsstadt Newark, seinen Wohnsitzen und seinen beiden Ehen befasst. Sein erstes Buch, Goodbye, Columbus, wurde positiv besprochen, zehn Jahre später schrieb er mit Portnoy`s Complaint einen Skandalroman. Später war die Figur des Nathan Zuckerman Protagonist in zwei Trilogien, am bekanntesten wohl in Der menschliche Makel, das mit Anthony Hopkins in der Hauptrolle verfilmt wurde. Roth gab im Oktober 2012 bekannt, dass er sich vom Schreiben zurückziehe.

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In Verschwörung gegen Amerika beschreibt Roth seine Kindheit in seiner Geburtsstadt Newark. Doch verbindet er diese Autobiographie mit einem Setting, dass die Nazifizierung Amerikas als Hintergrund hat und sich dementsprechend anders darstellt als tatsächlich passiert. Norman Mailer hat hierfür den Begriff der „faction“ geprägt, eine Mischung aus „fact“ und „fiction“.

Wir beginnen mit den facts.  Es ist 1940, Philip Roth ist sieben Jahre alt und lebt mit seinen Eltern und seinem fünf Jahre älteren Bruder Sandy in Newark. Sie sind nicht reich, kommen aber gut über die Runden, da sein Vater einen Job als Versicherungsvertreter bei einer großen Firma hat. Roth erzählt aus seiner kindlichen Sicht (nicht jedoch mit einer kindlichen Stimme), wie sein wertvollster Besitz seine Briefmarkensammlung ist, dass sein Bruder einiges Zeichentalent besitzt, er beschreibt die Familienabende vor dem Radio, an denen sie gemeinsam die Sendung von Walter Winchell hören, einem Juden, der Millionen Hörer hat, und der kein Blatt vor den Mund nimmt. Sein Cousin, der früh verwaiste Alvin, macht sich auf, gegen die Nazis zu kämpfen. Er verpflichtet sich bei der kanadischen Armee und verschwindet erstmal aus Philips Leben.

Doch gleichzeitig wird die fiction hineingemischt. Denn im Roman ist im Juni 1940 Charles Lindbergh als Präsidentschaftskandidat für die Republikaner nominiert wurden. Lindbergh hat im Jahre 1938 den Deutschen Adlerorden verliehen bekommen, eine Goldmünze mit vier kleinen Hakenkreuzen, die Ausländern für Verdienste um das Deutsche Reich erhalten (fact). Vor diesem Hintergrund ist die jüdische Gemeinde in Newark natürlich sehr besorgt, vor allem nachdem Lindbergh sich in Island mit Hitler trifft und dort einen Nichtangriffspakt unterschreibt. Lindbergh hatte die Wahlen nämlich nur gewinnen können, da er sich vehement dafür eingesetzt hatte, Amerika aus jeglichem Krieg herauszuhalten. Für die Juden jedoch bedeutet dies, dass Hitler erstmal Ruhe mit Amerika haben will, um sich ihm später zuzuwenden.

Die Verwirrung ist groß, denn als zuerst einmal das Leben normal weitergeht, weiß niemand so recht, wie die Lage tatsächlich aussieht. Dann kommt Alvin nach Hause, er hat in der Normandie sein Bein verloren. Für Philip bekommt die Angst dadurch eine völlig neue Dimension, da er erstmals eine konkrete Folge sieht. Philips Mutter fängt an zu arbeiten, damit sie Geld für eine eventuelle Flucht beiseite legen kann. Philip ist unbeaufsichtigt, was einerseits bedeutet, dass er seine Welt durch Streifgänge vergrößert, andererseits ist er jedoch mit seinen Ängsten komplett allein.

Die Schwester seiner Mutter, Evelyn, lässt sich mit einem älteren Rabbiner ein, der ganz opportunistisch Lindbergh unterstützt, und quasi bei ihm ein- und ausgeht. Die Regierung richtet ein Programm ein, das jüdische Kinder in den Sommermonaten auf Farmen bringt, damit sie Neues kennenlernen und von zu Hause getrennt sind. Sandy hat Glück, er kommt zu einer netten Familie und fühlt sich sehr wohl, doch als er zurückkommt, ist er nicht mehr der Gleiche. Dann sollen Familien umgesiedelt werden, und als sein Vater seinen Job verliert, weil er sich weigert, und Philip seiner Tante vom ungeliebten Nachbarsjungen erzählt, der daraufhin tatsächlich umgesiedelt wird, ist er komplett verwirrt.

Dann geht Walter Winchell auf Sendung und spricht über die Umsiedelungen, will seine Zuhörer aufwecken, und beschwört einen Streit zwischen Alvin und Philips Vater herauf. Dies alles bringt Philip dazu, von zu Hause wegzulaufen, er denkt, wenn er anonym in ein Kloster gehe, könne ihn niemand wegen seiner Herkunft verurteilen. Der ungeliebte Nachbarsjunge rettet ihn, als er im Dunkeln von einem Pferd getreten wird, und zu allem Überfluß verliert er seine Briefmarken.

Walter Winchell verliert aufgrund der Sendung seinen Sponsor, und schließlich auch seinen Job als Moderator. Er kandidiert gegen Lindbergh. Und nun zeigt sich, was wirklich los ist: Pogrome brechen los, Krawalle in vielen Städten, ganz, wie man es aus Europa kennt. Viele Juden lassen ihr Leben, auch die Mutter des Nachbarjungen. Doch als Winchell getötet wird, und Lindbergh sich nicht dazu äußert, kommt die Frage auf, „Wo ist Lindbergh?“. Kümmert es ihn nicht, was in seinem Volk passiert? Läßt er die Leute sich einfach abschlachten? Oder ist er tatsächlich nicht mehr da?!

9783499240874Es ist ziemlich schwierig, ein solches Buch wiederzugeben, wie ich gerade bemerke. Dagegen war es eigentlich ziemlich einfach zu verstehen, grob weiß man ja, was damals los war, und deshalb auch, wo die Fakten aufhören und wo die Fiktion anfängt. Mir hat das Buch eigentlich ganz gut gefallen, da ich gerne solche Gedankenexperimente mag. Dennoch muss ich dann auch sagen, dass mir die Auflösung des Experiments nicht glaubhaft erschien, aber wahrscheinlich gab es nicht viele Wege, einen anderen Abschluss zu erreichen. Hm, vielleicht hätte er es dann überhaupt nicht auflösen sollen.

Ebenfalls war es einerseits schön, dass die Perspektive die des kleinen Jungen war, von Philip Roth selbst, dem der Verlust seiner Briefmarken auch heute noch sehr nahe gehen muss, der aber auch eine einzigartige Perspektive auf die damalige Zeit ist. Dann ist diese Perspektive durch den Blickwinkel natürlich auch wieder sehr beschränkt, man ist nie so ganz sicher, was sich jetzt in der Phantasie eines Kindes zu etwas ungeheurem aufbläht und was nicht.

Insgesamt kann ich sagen, dass es sich bei Verschwörung gegen Amerika um ein spannendes Gedankenexperiment handelt, das man durchaus einmal durchspielen kann, und das durch seine Nähe zu den tatsächlichen Geschehnissen zeigt, dass es vielleicht haarscharf war, dass es nicht anders verlaufen ist. Die Perspektive des Kindes und das Ende des Buches allerdings sind etwas schwach, aber das mag auch persönlicher Geschmack sein.

Am Ende des Buches hat Roth noch die Biographien einiger seiner handelnden Personen und einige Ausschnitte aus den Reden Lindberghs zusammengestellt, die das Verständnis erleichtern.

Philip Roth: Verschwörung gegen Amerika. Aus dem Amerikanischen von Werner Schmitz. Carl Hanser Verlag. 431 Seiten.