Buch #46: Philip Roth – Verschwörung gegen Amerika

Philip Milton Roth wurde am 19. März 1933 in Newark, New Jersey, geboren. Er schreibt Romane, Essays und Erzählungen, und wird seit Jahren als Kandidat für den Literaturnobelpreis gehandelt.

Roth schreibt größtenteils autobiographisch geprägte Werke, in denen er sich mit seiner jüdischen Herkunft, seiner Jugend in seiner Geburtsstadt Newark, seinen Wohnsitzen und seinen beiden Ehen befasst. Sein erstes Buch, Goodbye, Columbus, wurde positiv besprochen, zehn Jahre später schrieb er mit Portnoy`s Complaint einen Skandalroman. Später war die Figur des Nathan Zuckerman Protagonist in zwei Trilogien, am bekanntesten wohl in Der menschliche Makel, das mit Anthony Hopkins in der Hauptrolle verfilmt wurde. Roth gab im Oktober 2012 bekannt, dass er sich vom Schreiben zurückziehe.

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In Verschwörung gegen Amerika beschreibt Roth seine Kindheit in seiner Geburtsstadt Newark. Doch verbindet er diese Autobiographie mit einem Setting, dass die Nazifizierung Amerikas als Hintergrund hat und sich dementsprechend anders darstellt als tatsächlich passiert. Norman Mailer hat hierfür den Begriff der „faction“ geprägt, eine Mischung aus „fact“ und „fiction“.

Wir beginnen mit den facts.  Es ist 1940, Philip Roth ist sieben Jahre alt und lebt mit seinen Eltern und seinem fünf Jahre älteren Bruder Sandy in Newark. Sie sind nicht reich, kommen aber gut über die Runden, da sein Vater einen Job als Versicherungsvertreter bei einer großen Firma hat. Roth erzählt aus seiner kindlichen Sicht (nicht jedoch mit einer kindlichen Stimme), wie sein wertvollster Besitz seine Briefmarkensammlung ist, dass sein Bruder einiges Zeichentalent besitzt, er beschreibt die Familienabende vor dem Radio, an denen sie gemeinsam die Sendung von Walter Winchell hören, einem Juden, der Millionen Hörer hat, und der kein Blatt vor den Mund nimmt. Sein Cousin, der früh verwaiste Alvin, macht sich auf, gegen die Nazis zu kämpfen. Er verpflichtet sich bei der kanadischen Armee und verschwindet erstmal aus Philips Leben.

Doch gleichzeitig wird die fiction hineingemischt. Denn im Roman ist im Juni 1940 Charles Lindbergh als Präsidentschaftskandidat für die Republikaner nominiert wurden. Lindbergh hat im Jahre 1938 den Deutschen Adlerorden verliehen bekommen, eine Goldmünze mit vier kleinen Hakenkreuzen, die Ausländern für Verdienste um das Deutsche Reich erhalten (fact). Vor diesem Hintergrund ist die jüdische Gemeinde in Newark natürlich sehr besorgt, vor allem nachdem Lindbergh sich in Island mit Hitler trifft und dort einen Nichtangriffspakt unterschreibt. Lindbergh hatte die Wahlen nämlich nur gewinnen können, da er sich vehement dafür eingesetzt hatte, Amerika aus jeglichem Krieg herauszuhalten. Für die Juden jedoch bedeutet dies, dass Hitler erstmal Ruhe mit Amerika haben will, um sich ihm später zuzuwenden.

Die Verwirrung ist groß, denn als zuerst einmal das Leben normal weitergeht, weiß niemand so recht, wie die Lage tatsächlich aussieht. Dann kommt Alvin nach Hause, er hat in der Normandie sein Bein verloren. Für Philip bekommt die Angst dadurch eine völlig neue Dimension, da er erstmals eine konkrete Folge sieht. Philips Mutter fängt an zu arbeiten, damit sie Geld für eine eventuelle Flucht beiseite legen kann. Philip ist unbeaufsichtigt, was einerseits bedeutet, dass er seine Welt durch Streifgänge vergrößert, andererseits ist er jedoch mit seinen Ängsten komplett allein.

Die Schwester seiner Mutter, Evelyn, lässt sich mit einem älteren Rabbiner ein, der ganz opportunistisch Lindbergh unterstützt, und quasi bei ihm ein- und ausgeht. Die Regierung richtet ein Programm ein, das jüdische Kinder in den Sommermonaten auf Farmen bringt, damit sie Neues kennenlernen und von zu Hause getrennt sind. Sandy hat Glück, er kommt zu einer netten Familie und fühlt sich sehr wohl, doch als er zurückkommt, ist er nicht mehr der Gleiche. Dann sollen Familien umgesiedelt werden, und als sein Vater seinen Job verliert, weil er sich weigert, und Philip seiner Tante vom ungeliebten Nachbarsjungen erzählt, der daraufhin tatsächlich umgesiedelt wird, ist er komplett verwirrt.

Dann geht Walter Winchell auf Sendung und spricht über die Umsiedelungen, will seine Zuhörer aufwecken, und beschwört einen Streit zwischen Alvin und Philips Vater herauf. Dies alles bringt Philip dazu, von zu Hause wegzulaufen, er denkt, wenn er anonym in ein Kloster gehe, könne ihn niemand wegen seiner Herkunft verurteilen. Der ungeliebte Nachbarsjunge rettet ihn, als er im Dunkeln von einem Pferd getreten wird, und zu allem Überfluß verliert er seine Briefmarken.

Walter Winchell verliert aufgrund der Sendung seinen Sponsor, und schließlich auch seinen Job als Moderator. Er kandidiert gegen Lindbergh. Und nun zeigt sich, was wirklich los ist: Pogrome brechen los, Krawalle in vielen Städten, ganz, wie man es aus Europa kennt. Viele Juden lassen ihr Leben, auch die Mutter des Nachbarjungen. Doch als Winchell getötet wird, und Lindbergh sich nicht dazu äußert, kommt die Frage auf, „Wo ist Lindbergh?“. Kümmert es ihn nicht, was in seinem Volk passiert? Läßt er die Leute sich einfach abschlachten? Oder ist er tatsächlich nicht mehr da?!

9783499240874Es ist ziemlich schwierig, ein solches Buch wiederzugeben, wie ich gerade bemerke. Dagegen war es eigentlich ziemlich einfach zu verstehen, grob weiß man ja, was damals los war, und deshalb auch, wo die Fakten aufhören und wo die Fiktion anfängt. Mir hat das Buch eigentlich ganz gut gefallen, da ich gerne solche Gedankenexperimente mag. Dennoch muss ich dann auch sagen, dass mir die Auflösung des Experiments nicht glaubhaft erschien, aber wahrscheinlich gab es nicht viele Wege, einen anderen Abschluss zu erreichen. Hm, vielleicht hätte er es dann überhaupt nicht auflösen sollen.

Ebenfalls war es einerseits schön, dass die Perspektive die des kleinen Jungen war, von Philip Roth selbst, dem der Verlust seiner Briefmarken auch heute noch sehr nahe gehen muss, der aber auch eine einzigartige Perspektive auf die damalige Zeit ist. Dann ist diese Perspektive durch den Blickwinkel natürlich auch wieder sehr beschränkt, man ist nie so ganz sicher, was sich jetzt in der Phantasie eines Kindes zu etwas ungeheurem aufbläht und was nicht.

Insgesamt kann ich sagen, dass es sich bei Verschwörung gegen Amerika um ein spannendes Gedankenexperiment handelt, das man durchaus einmal durchspielen kann, und das durch seine Nähe zu den tatsächlichen Geschehnissen zeigt, dass es vielleicht haarscharf war, dass es nicht anders verlaufen ist. Die Perspektive des Kindes und das Ende des Buches allerdings sind etwas schwach, aber das mag auch persönlicher Geschmack sein.

Am Ende des Buches hat Roth noch die Biographien einiger seiner handelnden Personen und einige Ausschnitte aus den Reden Lindberghs zusammengestellt, die das Verständnis erleichtern.

Philip Roth: Verschwörung gegen Amerika. Aus dem Amerikanischen von Werner Schmitz. Carl Hanser Verlag. 431 Seiten.

 

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Buch #11: Haruki Murakami – Mister Aufziehvogel

Als ich das Buch gestern Abend zuschlug, blieb ich glücklich, traurig, ein wenig verwirrt und mit dem Gefühl, beschenkt worden zu sein, zurück. Dieser Roman ist locker-leicht und kompliziert, die Geschichte zieht einen in ihren Bann und erfordert gleichzeitig eine Menge Denkarbeit. Kurz: der Roman ist wundervoll.

Die Geschichte wiederzugeben ist fast unmöglich, ohne sie nachzuerzählen. Es ist mir unbegreiflich, wie jemand ein solches Feuerwerk der Phantasie erschaffen kann, aber Haruki Murakami hat es geschafft.

Toru Okado, der Protagonist, hat seinen Job in einer Anwaltskanzlei an den Nagel gehängt und überlegt, was er mit seinem Leben anfangen soll. Er ist seit sechs Jahren glücklich mit Kumiko verheiratet. Eines Tages verschwindet ihr Kater, und auf der Suche nach ihm wird Toru  langsam, aber sicher in eine andere Welt gezogen. Er lernt viele Frauen kennen, die ihm aber andererseits alle bekannt vorkommen; diese scheinen ihm helfen zu wollen, geben aber nur kryptische Hinweise, die ihn nicht weiterbringen.

Und dann passiert es:  Kumiko verschwindet ebenfalls spurlos. Angeblich hat sie eine Affäre und will sich von ihm trennen. Doch Toru, in Verbindung mit den Hinweisen, kann das nicht so hinnehmen. Auf der Suche nach ihr, während er versucht, das Rätsel zu lösen, geschehen allerhand merkwürdige Dinge. Er wird zunehmend in eine andere Realität gezogen, und irgendwann weiß er nicht mehr, was wirklich ist und was nicht.

Haruki Murakami hat ein wundervolles Bild geschaffen, in dem er alle wichtigen männlichen Personen einen Vogel hören lässt: den Aufziehvogel. Dieser wird nie gesehen, nur gehört. Das Geräusch, das er macht, erinnert an eines dieser Spielzeuge, die man aufziehen muss, und beim Aufziehvogel hört es sich so an, als würde er die Welt aufziehen, damit sie sich weiter dreht. Er erscheint jedoch nur in wichtigen Situationen, die das Leben der Handelnden verändern.

Die Frauen hingegen sind allesamt mysteriöse Wesen, die nie ganz greifbar sind. Sie helfen oder verwirren, geben Rat und verschwinden. Und doch sind alle Handelnden, auch durch die Geschichte hinweg, die zur Zeit des zweiten Weltkriegs beginnt, miteinander verbunden.

Wie schon in meinem Artikel zum magischen Realismus beschrieben, verschwimmen die Welten, die „reale“ und die „hinter allem liegende“ miteinander. Es geschieht etwas – oder doch nicht. Personen sind real oder nicht. Zusammenhänge finden zueinander und driften wieder auseinander. Und all dies macht diesen Roman zu einem der spannendsten, die ich je gelesen habe.

Dies ist nur eine sehr grobe Zusammenfassung. Ich möchte ich auch nicht mehr ins Detail gehen, denn ich hoffe, dass jeder, ausnahmlos jeder, dieses Buch liest und es für sich selbst entdeckt.

Es war auch schön, etwas darüber zu lernen, wie der zweite Weltkrieg von der anderen Seite der Welt erlebt wurde, die Schlachten in der Mandschurei, die russischen Kriegsgefangenenlager, aus einer Sicht, die mir bisher unbekannt war.

In Japan wirft man Haruki Murakami oft vor, zu „westlich“ zu sein. Er ist mit westlichen Büchern aufgewachsen und mit westlicher Musik. Meiner Meinung nach schlägt er mit diesen Einflüssen eine Brücke zwischen einer mir fremden und einer mir bekannten Welt, genauso wie er eine Brücke schlägt zwischen dem Realen und dem Unbekannten, Dunklen, das in uns allen schlummert.

Ich freue mich, dass noch mehr seiner Bücher auf der Liste sind und ich weiterhin das Vergnügen haben werde, in Haruki Murakamis Gedankenwelt einzutauchen. Dieser Roman wird jedenfalls an die Spitze meiner Rangliste springen.