Nederlandstalig! Tessa de Loo – Die Zwillinge

22052016155[1]Lotte bekommt von ihren Kindern einen Aufenthalt in Spa geschenkt, um ihre Arthrose zu lindern. Dort trifft sie unverhofft auf Anna – ihre Zwillingsschwester, die sie fast ein Leben lang nicht mehr gesehen hat. Anna ist glücklich, sie zu sehen, Lotte jedoch sträubt sich, die Vergangenheit heraufzubeschwören. Doch Anna bleibt konsequent, und unerbittlich entrollen sich zwei Lebensläufe, die vom gleichen Ursprung aus zwei vollkommen verschiedene Richtungen nehmen, einer in Deutschland, einer in den Niederlanden, einer unter den Nazis, einer im Widerstand, einer mit vielen Wunden, einer mit vielen Wunden.

Nachdem Annas und Lottes Vater verstorben ist, die Mutter war schon länger tot, werden die beiden Mädchen getrennt bei Verwandten untergebracht. Anna kommt in ein kleines katholisches Dorf zum Bruder ihres Vaters, Onkel Heinrich, der einen kleinen Bauernhof hat und froh ist, die Hilfe zu bekommen. Lotte, die wie ihr Vater unter Tuberkolose leidet, wird zu holländischen Verwandten gebracht, die sie pflegen können. Die Mädchen warten auf ein Wiedersehen, doch ihre Leben schieben sich vor ihre immer verschwommener werdenden Erinnerungen.

Anna, ein kluges und aufgewecktes Kind, bekommt keine Schulbildung, sie soll von früh bis spät auf dem Hof schuften. Unter der neuen Frau Onkel Heinrichs wird es richtig schlimm, so schlimm, dass irgendwann der Dorfpfarrer einschreitet und sie mitnimmt. Von hier an entspinnt sich ein Lebenslauf, der sie durch ganz Deutschland und nach Österreich führt, immer unter dem Eindruck vom Krieg und den Nazis, wovon sie im Grunde nichts versteht und immer versucht zu helfen.

Lotte hingegen wächst bei Sozialisten auf, und nach dem Überwinden ihrer Krankheit hat sie ein recht normales Leben, zwar mit einem sehr exzentrischen Vater, aber auch einer liebevollen Familie. Ihr Vater, Musikliebhaber, lässt alle möglichen Menschen, die seine Leidenschaft teilen, in ihrem Haus ein- und ausgehen, und so wächst Lotte unter Menschen auf, die etwas gemeinsam haben, das nichts mit Rasse oder Vorurteilen zu tun hat. Bis auch in den Niederlanden der Krieg ankommt und Leute anfangen zu verschwinden, und man sich für eine Seite entscheiden muss.

Vor der Kulisse Spas erzählen sich die Schwestern ihre Lebensläufe, Anna versucht, Lotte verstehen zu lassen, wie es für sie war, aber Lotte gibt sich blind. Für sie ist alleine die Tatsache, dass Anna Deutsche ist, genug, sie zu verurteilen. Aber nach und nach zeigt sich, dass Anna teuer dafür bezahlt hat und vielleicht nicht alles so einfach ist, wie es nach außen hin scheint…

Dies nur ein kurzer Einblick in einen Roman, der zwei komplexe Lebensläufe erzählt, anhand dessen zwei Länder im Krieg dargestellt werden. Das eine sieht sich ausschließlich als Opfer, das andere will die Täterrolle nicht komplett übernehmen, und in langen Gesprächen wird offenbar, dass das Urteil nicht ganz so leicht auszusprechen ist, wie man das gerne hätte.

Tessa de Loo hat mit Die Zwillinge einen wundervollen und wichtigen Roman über Schuld und Vergebung geschrieben, über Aufarbeitung, über Macht und Machtlosigkeit, und wie sehr man Kind der Umstände ist. Was man mit dieser Erkenntnis anstellt, bleibt einem selbst überlassen, aber das Nachdenken ist angestoßen.

Wer nicht nachdenken möchte, bekommt auf jeden Fall einen interessanten und spannenden Roman, in der die Zeit des Zweiten Weltkriegs anschaulich und in interessante Lebensgeschichten verpackt dargestellt wird. Tessa de Loo schildert zwei glaubhafte Lebensläufe, die, obwohl sie sich kaum berühren, doch immer wieder ineinander verschränkt werden. Durch die mehr oder weniger abwechselnde Erzählweise bleibt die Spannung erhalten, man möchte mehr erfahren, und zwar von beiden Geschichten.

Ich kann mir vorstellen, dass dies bei Erscheinen des Buches nicht jedem Leser gepasst haben mag, denn die Vorurteile der beiden Völker sind (oder vielleicht bald waren?) so, wie sie die beiden Figuren verkörpern. Tatsächlich hat der Roman in den Niederlanden viel Aufsehen erregt, und die Reaktionen waren durchaus zwiegespalten.

Dennoch: Nach der Lektüre hat sich vielleicht die eine oder andere Ansicht geändert. Und deshalb möchte ich diesen Roman jedem empfehlen, und sei es auch nur, weil es eine tolle Geschichte ist. Alles weitere möge jeder für sich selbst entdecken.Bild: ad.nl

Tessa de Loo: Die Zwillinge. Deutsch von Waltraud Hüsmert. btb, München. 1997. OA: De Tweeling. Uitgeverij De Arbeiderspers, Amsterdam. 1993. 478 Seiten.

Tessa de Loo wurde als Johanna Tineke Duyvené de Wit am 15. Oktober 1946 in Bussum, Niederlande, geboren. Sie war Lehrerin, bis sie 1983 die Erzählungen Die Mädchen von der Süßwarenfabrik veröffentlichte. Die Zwillinge bekam 1994 den Von-der-Gablentz-Preis und den Publieksprijs. Er wurde 2002 unter der Regie von Ben Sombogaart verfilmt, mit Thekla Reuten, Ellen Vogel, Nadja Uhl und Gudrun Okras in den Hauptrollen. Tessa de Loo lebt heute in Portugal.

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Nederlandstalig! Harry Mulisch – Das Attentat

flaggeJanuar 1945. Hungerwinter in Haarlem. Anton Steenwijk sitzt mit seinen Eltern und seinem Bruder Peter im einzig einigermaßen beheizten Zimmer des Hauses und vertreibt sich die Zeit mit lesen. Dann fallen Schüsse. Und Antons Leben verändert sich für immer.

„Anton war zwölf Jahre alt, aber das wußte er auch schon: Fake Ploeg, Polizeioberinspektor, war der größte Mörder und Verräter von Haarlem und Umgebung.“ (23)

Und eben dieser Fake Ploeg liegt nun erschossen vor dem Nachbarshaus. Bis die Nachbarn herauskommen und ihn vor Steenwijks Tür ablegen. Peter rennt raus, um die Leiche zurückzulegen, aber er bekommt nur Ploegs Pistole zu fassen, mit der er davonläuft. Und dann sind die Soldaten da. Sie nehmen Anton mit, setzen ihn in ein Auto und lassen ihn warten, bevor sie ihn auf eine Polizeistation bringen.attentat

Vorher aber wird Antons Haus in Brand gesteckt, er sieht zu, wie es abbrennt. Und dann hört er das Knattern von Maschinengewehren. Er sieht seine Eltern und Peter nie wieder. Auf der Polizeistation wird er zu jemandem in Einzelhaft gesperrt, es handelt sich um eine junge Frau. Sie sagt nie ihren Namen, aber sie tröstet Anton. Als er aus der Zelle geholt wird, hat er ihr Blut an sich.

Anton gelangt schließlich zu seinem Onkel und seiner Tante nach Amsterdam. Bei ihnen wird er aufwachsen, sie geben ihm ein möglichst liebevolles Zuhause. Er geht zur Schule, dann zur Universität. Und blickt nie zurück.

Bis er zu einer Party seines Kommilitonen nach Haarlem eingeladen wird, und den Gesprächen über „damals“ nicht mehr lauschen kann. Und seine alten Nachbarn besucht, die seine Erlebnisse wieder aufrütteln. Es gibt nun ein Denkmal, mit den Namen seiner Eltern. Peters Name fehlt. Und auch nun kehrt Anton nach Amsterdam zurück und blendet seine Vergangenheit aus.

Bis die Studentenunruhen beginnen, und Fake Ploeg Junior vor seiner Tür steht. Er hatte dem Jungen einst beigestanden, unterschätzt aber die Wut, die dieser seit damals aufgebaut hat. Es wird keine schöne, aber eine erhellende Begegnung.

Anton geht seinem Studium nach, er studiert Medizin, und entscheidet sich für die Anästhesie als Spezialisierung. Ein Beruf, der eigentlich alles über ihn aussagt. Er denkt, dass man nichts an den Ereignissen ändern kann, und dass er sich deswegen auch nicht damit beschäftigen braucht. Er setzt sich nie damit auseinander, holt nie Erkundigungen ein. Er lebt einfach weiter.

Doch die Vergangenheit holt auch ihn ein. Und ob er will oder nicht, er begegnet Leuten, er erfährt Dinge, die damals geschehen sind, er begreift Zusammenhänge, ob zufällige oder gewollte. Er erfährt, wer die junge Frau in der Zelle war. Und er erfährt, warum Ploeg ausgerechnet vor ihr Haus gelegt wurde.

„War jeder schuldig und unschuldig? War die Schuld unschuldig und die Unschuld schuldig?“ (204)

Harry Mulisch hat hier auf gut 200 Seiten eine Episodengeschichte verfasst, die eine Episode aus dem Krieg in den Blickpunkt nimmt und ihre Folgen aufzeigt. Pars pro toto, anhand dessen die Situation in den Niederlanden beschrieben wird. Diese waren besetzt, und trotz eines großen Widerstandes machten auch viele begeistert mit. Dann wird die Zeit nach dem Krieg beschrieben, die Scham, die Überlebenden, die Verarbeitung der Ereignisse. Schuld und Verantwortung. Aber als Hauptthema habe ich empfunden, dass der Krieg nie weggeht, dass er in allen Beteiligten stecken bleibt.

Dieser Roman ist meiner Ansicht nach ein ganz wichtiges Stück Nachkriegsliteratur. In einer klaren, präzisen Sprache breitet Mulisch ein Panorama der Nachkriegsniederlande aus, und entfaltet eine Geschichte von Schuld und Verantwortung, von Unschuld und Verarbeitung. Mulisch ist mein meistverehrter niederländischer Schriftsteller, ich habe fast sein ganzes Werk gelesen – nach und nach wird es hier noch vorgestellt werden – und für den Einstieg ist Das Attentat ganz hervorragend geeignet.

Harry Mulisch wurde am 29. Juli 1927 in Haarlem geboren. Sein Vater war Personaldirektor einer Bank, die während der Besetzung für die Arisierung jüdischen Eigentums zuständig war. Seine Mutter hingegen war Jüdin. Durch seine Aufgabe konnte der Vater seine Frau und seinen Sohn schützen, musste jedoch nach dem Krieg in ein Internierungslager, an dessen Folgen er verstarb.

Bild: nrc.nl

Bild: nrc.nl

Diese Situation hat Mulischs ganzes Leben und sein Schreiben geprägt. Er war Berichterstatter beim Eichmann-Prozess und hat sich gegen den Vietnam-Krieg engagiert. Neben Das Attentat von 1982 ist Die Entdeckung des Himmels von 1992 sein bekanntestes Werk, das zu einem späteren Zeitpunkt noch besprochen werden wird. Für die beiden Romane erhielt er das Bundesverdienstkreuz erster Klasse, neben zahlreichen weiteren Auszeichnungen.

Er verstarb am 30.10.2010 mit 83 Jahren an einer Krebserkrankung in seinem Haus in Amsterdam.

Das Attentat (OT De Aanslag) wurde 1986 verfilmt und erhielt den Oscar für den besten fremdsprachigen Film.

Harry Mulisch: Das Attentat. Aus dem Niederländischen von Annelen Habers. Süddeutsche Zeitung Bibliothek, 2004. Beruhend auf der Ausgabe vom Carl Hanser Verlag München Wien, 1986. OA: Uitgeverij De Bezige Bij Amsterdam, 1982. 205 Seiten.

Nederlandstalig! Maarten t’Hart – Die Netzflickerin

Maarten t'Hart, Bildquelle: Wikipedia

Maarten t’Hart, Bildquelle: Wikipedia

Maarten t’Hart wurde am 25. November 1944 in Maassluis geboren. Er wuchs in einem streng calvinistischen Haushalt auf. Von 1962 bis 1968 studierte er an der Universität Leiden Biologie und arbeitete später als Dozent für Verhaltensbiologie. Seine Doktorarbeit behandelt das Verhalten von Ratten. Sein Romandebüt erschien 1971, 1975 erhielt er für seinen ersten Band Erzählungen den Multatuli-Literaturpreis, seinen Durchbruch hatte er 1978 mit Een vlucht regenwulpen (Ein Schwarm Regenbrachvögel). Maarten t’Hart schreibt in der realistischen Tradition des 19. Jahrhunderts, er legt vor allem Wert auf die genau Beschreibung von Land und Leuten. Es gibt viele autobiographische Elemente, und häufig benutzt er einen Ich-Erzähler. Er ist einer der beliebtesten Schriftsteller der Niederlande und lebt in Warmond bei Leiden.

Die Netzflickerin ist ein Roman in drei Teilen. Erzählt wird die Geschichte von Simon Minderhout, der 1914 als Nachzügler geboren wird. Sein Vater hat eine Witwe geheiratet und zusammen ziehen sie in das Dorf Anloo. Hier verlebt Simon eine recht unbeschwerte Kindheit, und wächst in einer wunderschönen Landschaft auf, die von kauzigen Menschen bewohnt wird. Er wird Zeit seines Lebens eine sehr enge Verbindung zu seinem Vater haben.

Der zweite Abschnitt ist der Zeit der Besatzung gewidmet. Simon ist Apotheker, ein Eigenbrötler. Er hat an keiner Widerstandsgruppe teil, da die Leute ihm gegenüber misstrauisch sind. Dies belastet ihn sehr, möchte er doch seinen Teil beitragen. Er ist ein großer Musikliebhaber und fährt regelmäßig nach Delft, um das Philharmonieorchester zu hören. Hierbei trifft er einen Deutschen, der sich genauso für Musik begeistert wie er, aber das wirft natürlich kein gutes Licht auf ihn.

Dann scheint eine Kehrtwende einzutreten: Hillegonda betritt seine Apotheke und bittet um Medizin. Er ist hingerissen von ihr, die keine klassische Schönheit ist, aber jeden mit ihrem Lachen mitreißt. Sie nimmt die Medizin und verschwindet spurlos. Simon geht seiner Arbeit nach und wartet. Und eines Tages steht sie wieder vor seiner Tür. Er folgt ihr nach Hause, kann sich aber den Weg nicht ganz merken. So fährt er immer wieder in den Ort, in dem sie lebt, und kann sie nicht finden. Er findet jedoch ein paar junge Männer, die Kontakt zu ihr haben, und folgt diesen, in der Hoffnung, sie mögen ihn zu ihr führen.

Der dritte Teil handelt von Simon als altem Mann. Er war verheiratet, aber seine Ehe hat nicht gehalten. Seine Liebe zur Musik hat er erhalten, und ein enger Freund ist ein jüdischer Musiker. Dann wird er Opfer einer Erpressung: ein junger Mann tritt an ihn heran und droht, an die Öffentlichkeit zu bringen, was Simon während der Besatzung getan hat. Dieser hält das für lächerlich und provoziert ihn quasi dazu. Und dann geht ein medialer Lynchmob los, wie er leider nur allzu bekannt ist. Simon wird beschuldigt, die jungen Männer verraten zu haben, was zu ihrer Tötung führte.  Auf einmal tauchen eine ganze Menge Menschen auf, die etwas über ihn zu sagen haben. In Tv-Shows werden Dinge diskutiert, die so weit hergeholt sind, dass man eigentlich lachen sollte, wäre es nicht so traurig.

rehart01Simon, der Einzelgänger, hat kein Netz, das ihn auffängt. Nur sein jüdischer Freund hält ironischerweise zu ihm. Das Bedürfnis nach einem Sündenbock ist aber anscheinend so groß, dass die Angelegenheit nicht zur Ruhe kommt. Nach und nach stellt sich heraus, dass der junge Mann, der die Sache angestoßen hat, Hillegondas Enkel war. Er trifft sie nach all den Jahren wieder und versucht sich zu erklären – aber wird er sie überzeugen können, nachdem sie fünfzig Jahre an seine Schuld geglaubt hat?

Die Netzflickerin ist ein sehr vielschichtiges Buch. Zuerst einmal vermag Maarten t’Hart es mit seiner wundervollen Sprache, den Leser in dieses Land und diese Landschaft zu versetzen, als habe er niemals woanders gelebt (und leben wollen). Im zweiten Teil, zum Beispiel, geht Simon jeden Tag ein hoofdje picken, was bedeutet, dass er einen Spaziergang zum Hafen und durch die Dünen macht. Allein dieser Ausdruck wird mich immer begleiten, ich werde ab jetzt auch hoofdjes picken, auch wenn ich keine Dünen zur Verfügung habe.

t’Hart erzählt die Geschichte eines Außenseiters, der von allen misstrauisch beäugt wird, und der im Grunde genommen nie eine Chance hatte. Er war als Hinzugezogener und introvertierter Mann von vornherein nicht involviert, und als die ganze Geschichte ins Rollen kommt, wird er mit Freuden hervorgeholt und als Sündenbock präsentiert. Und das ist der Teil der Geschichte, der mich wirklich beeindruckt hat. Dieser mediale Kreuzzug, der leider nur allzu alltäglich geworden ist, zieht los, einen Menschen zu verurteilen, und es ist vollkommen egal, was für Beweise existieren. Was wichtig ist, ist, dass es interessant ist, dass es dreckige Wäsche ist, dass es Quote bringt. Die Art und Weise, wie Maarten t’Hart dies darstellt, bleibt eine Zeit lang bei einem, lässt einen nachdenken, und vor allem unterstützt es bei vorzeitigen Verurteilungen. Und das ist, wie die letzten Tage gezeigt haben, mal wieder aktueller denn je.

Maarten t’Hart: Die Netzflickerin. Aus dem Niederländischen von Marianne Holberg. Piper, München/Zürich 2000.

Buch #52: Kurt Vonnegut – Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuzzug

Kurt Vonnegut wurde am 11. November 1922 in Indianapolis geboren. Seine Eltern entstammten beide deutschen Einwandererfamilien. Kurt arbeitete schon für die Schülerzeitung, neben seinem Studium der Biochemie arbeitete er an der College-Zeitung  der Cornell University als Redakteur und Kolumnist. Er meldete sich 1943 freiwillig zur US Army und diente in der Ardennenoffensive als Soldat in einer Aufklärungseinheit, in der 106. Infanteriedivision, die dabei teilweise aufgerieben wurde. Er geriet in deutsche Kriegsgefangenschaft und erlebte die durch alliierte Bomber geführten Luftangriffe auf Dresden und die Zerstörung der Stadt mit. Diese Erlebnisse beschreibt und verarbeitet er in Slaughterhouse 5.

Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitete er als Reporter, und als Schriftsteller verfasste er hauptsächlich Kurzgeschichten. In seinen letzten Lebensjahren wurde er zum bitteren Gegner von Präsident Bushs Kriegspolitik. Kurt Vonnegut starb am 11. April 2007 in New York an den Folgen einer Kopfverletzung.

kurt„Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuzzug von Kurt Vonnegut jr., einem Deutsch-Amerikaner der vierten Generation, der jetzt in angenehmen Verhältnissen in Cape Cod lebt (und zuviel raucht), der vor langer Zeit als Angehöriger eines Infanterie-Spähtrupps kampfunfähig als Kriegsgefangener Zeuge des Luftangriffs mit Brandbomben auf Dresden, „dem Elb-Florenz“, war und ihn überlebte, um die Geschichte zu erzählen. Dies ist ein Roman, ein wenig in der telegraphisch-schizophrenen Art von Geschichten von dem Planeten Tralfamadore, von wo die Fliegenden Untertassen herkommen. Friede.“

 

Diese Worte sind dem Roman vorangestellt. Es handelt sich bei Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuzzug um eine Geschichte in der Geschichte. Der Erzähler, Kurt Vonnegut, berichtet von seiner über 20 Jahre währenden Unfähigkeit, einen Roman über seine Kriegserlebnisse zu schreiben. Dann, 1967 (es war mitten im Vietnam-Krieg), fuhr er noch einmal mit einem alten Kriegskameraden nach Dresden. Er schreibt von seiner Unfähigkeit, seine Erlebnisse in Worte zu fassen; auch wusste kein Amerikaner viel über diesen Angriff auf Dresden, und wie verheerend er gewesen war. Jedenfalls beschließt Vonnegut, seinen alten Kriegskameraden aufzusuchen und ihn nach Erinnerungen zu fragen, und stößt bei dessen Frau auf entschiedenen Widerwillen.

„‚Ihr wart nur kleine Kinder im Krieg – genau wie die im oberen Stockwerk!‘

Ich nickte zustimmend. Wir waren törichte, jungfräuliche Männer im Krieg gewesen, gerade am Ende der Kindheit angelangt.

‚Aber Sie werden es nicht so schreiben, nicht wahr!‘ Das war keine Frage. Es war eine Anklage.

‚Ich – ich weiß nicht‘, sagte ich.

‚Nun, aber ich weiß es‘, sagte sie. ‚Ihr werdet vorgeben, Männer statt Kinder gewesen zu sein, und eure Rolle wird in den Filmen von Frank Sinatra und John Wayne oder einem anderen dieser bezaubernden, kriegsbegeisterten, dreckigen alten Männer gespielt werden. Und der Krieg wird einfach wundervoll aussehen, so daß wir eine Menge anderer Kriege haben werden. Und sie werden von Kindern wie unsere Kinder oben ausgefochten werden.‘ […]

‚Wenn ich es jedoch jemals fertig schreibe, gebe ich Ihnen mein Ehrenwort: Es wird keine Rolle für Frank Sinatra oder John Wayne enthalten… Ich sage Ihnen etwas‘, setze ich hinzu. ‚Ich werde es ‚Der Kinderkreuzzug‘ nennen.'“

Und daran hält er sich. Er erzählt die Geschichte von Billy Pilgrim, der 1922 geboren wurde und ein komisch aussehender, komisch gewachsener junger Mann ist. Er soll als Diener eines Feldpredigers wirken, hat keine Waffen und keinen Einfluss auf jedwedes Kriegsgeschehen. Als er in Luxemburg ankommt, wird in der Ardennen-Offensive alles vernichtet und Billy irrt daraufhin durch Deutschland. Er gerät in Kriegsgefangenschaft, und wird Zeuge von Not und Elend, er kommt in Lager, wird in überfüllten Zügen dorthin und später nach Dresden transportiert und schließlich sitzt er im Keller des Schlachthofs Nummer Fünf, als Dresden bombardiert und in eine „Mondlandschaft“ verwandelt wird. So geht das.

Doch Billy ist anders als andere Menschen. Er überlebt den Krieg und gerät 1967 in einen Flugzeugabsturz, den er ebenfalls überlebt. Kurz nach dem Absturz wird er von Außerirdischen entführt, die ihn zum Planeten Tralfamador bringen. Hier leben Wesen, die in vier Dimensionen denken. Und Billy lernt, dass Zeit keine chronologische Abfolge ist, sondern alle Zeit ist immer. Und so wird seine Geschichte auch erzählt. Er springt von seinen Erlebnissen als Kind zu denen kurz vor seinem Tod, von Dresden zu Tralfamadore, von seiner Hochzeit zum Flugzeugabsturz und so fort. Von all diesen Erlebnissen berichtet er recht objektiv. Und beendet viele Sequenzen mit der kurzen Feststellung: So geht das.

Billy Pilgrim ist also ein Beobachter, ein Pilger durch die Zeit. Dadurch, dass er jederzeit seiner momentanen Zeit und guten wie schlechten Erlebnissen entrissen werden kann, verliert vieles seine Bedrohlichkeit. Man könnte ihn nun als einen Dummkopf sehen, als einen unbeteiligten Beobachter, der immer nur neben den Ereignissen steht und sie an sich vorüberziehen lässt. Das Wandern ohne Schuhe durch den Schnee ist beschwerlich, aber Billy wandert einfach weiter, was soll er sonst schon tun?! So geht das.

Dieser Fatalismus kann aber ebenso sehr eine Überlebensstrategie sein. Billy lässt all diese schrecklichen Erlebnisse an sich abperlen. Er befindet sich eben auf einmal mit einer sehr attraktiven Frau auf Tralfamadore, wo die Tralfamadorianer das menschliche Paarungsverhalten beobachten möchten. Oder er läuft in zusammengewürfelten Kleidungsstücken herum, die ihn wie einen absurden Clown aussehen lassen, aber es ist doch die Hauptsache, dass er Kleidungsstücke hat. So geht das.

Schlachthof 5 ist ein Anti-Kriegs-Roman. Er gewinnt seine Eindringlichkeit durch die Beschreibung der Schrecknisse des Krieges durch die Brille eines naiven Sonderlings, der nicht weiß, wie ihm geschieht, der die Grausamkeiten hilflos naiv mitansieht. Dass dies den meisten Kriegsteilnehmern so gehen dürfte, ist eine Ahnung, die den Leser schleichend befällt. Dresden wird zwar als Ereignis beschrieben, aber die „Mondlandschaft“, die die Stadt nach der Bombardierung ist, könnte genauso gut in Vietnam oder an einem anderen Kriegsschauplatz liegen.

Offiziell war Schlachthof 5 wegen der Beschreibungen fluchender Soldaten und sexueller Inhalte auf dem Index, und wurde von den Lehrplänen verbannt. Dies ist jedoch schlicht keine Literatur, die kriegsführende Staatsoberhäupter in den Köpfen haben wollen. Weil die Grausamkeiten, die Menschen Menschen antun, in den Köpfen bleiben. Weil die Hilflosigkeit zum Nachdenken anregt. Und wer will schon nachdenkende Soldaten. Sie sollen wie Billy alles hinnehmen. So geht das.

Kurt Vonnegut: Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuzzug. Deutsch von Kurt Wagenseil. Rowohlt Taschenbuch Verlag, 1972

Ken Follett – Winter der Welt

Zweiter Teil der Jahrhundertsaga

Zum ersten Teil, Sturz der Titanen, geht es hier.

Winter der Welt schließt nicht sofort, sondern einige Jahre später an Sturz der Titanen an. Die handelnden Familien bleiben die gleichen, auch wenn die Perspektiven sich ändern, da die nächste Generation herangewachsen ist.

Winter-der-WeltEs beginnt langsam, in Deutschland, mit der beginnenden Machtergreifung der Nazis. Ethel ist mit ihrem Sohn Lloyd bei Maud, Walter und ihren beiden Kindern Carla und Erik zu Besuch. Maud arbeitet als Journalistin, und alle werden Zeugen davon, wie die Nazis die Freie Presse verhindern und dann eine Sitzung der SPD brutal auflösen.

Derweil ist Gus Dewars Sohn in Amerika, das noch nicht viel davon mitbekommt, was in Europa geschieht, zum ersten Mal verliebt, wird aber von seinem Vater auch in eine politische Karriere geleitet.

Daisy, die Tochter von Gus Dewars erster großer Liebe und Lew Peschkow, sucht währenddesssen einen standesgemäßen Mann, da ihr Vater aber der windigen Sorte angehört, gestaltet sich dies schwierig. So reist sie denn nach England, und auf einer College-Party lernt sie Lloyd kennen, den sie zwar sympathisch findet, der aber nicht ihren Ansprüchen genügt. Bei seinem Halbbruder Boy, dem Sohn von Earl Fitzherbert, sieht das allerdings schon ganz anders aus.

Derweil arbeitet Wolodja, der Sohn von Grigori, inzwischen als russischer Spion in Berlin. Er sieht mit an, wie sich die Lage dort langsam zuspitzt, während die Nazis immer mehr Macht an sich raffen. Doch auch, als er nach Russland zurückkehrt, ist dort bei Weitem nicht alles so, wie er es für sein Vaterland erhofft.

Auch der zweite Teil der Jahrhundertsaga ist zu komplex, um mehr als einen Abriss über den Inhalt zu geben. Es handelt sich um eine Zeit, in der unglaublich viel geschehen ist, und Follett nimmt uns zu meisten Stationen mit. Dies beginnt mit dem Spanischen Bürgerkrieg, in dem Lloyd kämpft, geht weiter mit der Machtergreifung der Nazis, den Faschisten in anderen Ländern, vor allem in England und den USA, dann wird Pearl Harbor beschrieben, der daraufhin entbrennende Krieg zwischen den USA und Japan, der Bau der Atombombe und vieles, vieles mehr, bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs.

Man könnte nun meinen, dass all das zuviel Stoff für einen einzigen Roman ist, aber hier muss ich entschieden sagen: ist es nicht. Denn durch den Kniff der verschiedenen handelnden Personen aus verschiedenen Ländern bleibt immer klar, um wen es gerade geht, und zu jedem Ereignis entsteht dadurch eine nachvollziehbare Geschichte, die klar getrennt und verständlich ist.

Auch wenn jemand sich mit den Ereignissen dieser Zeit gut auskennt, kann er hier immer noch Neues erfahren. Follett gibt Zusammenhänge, indem er die Personen interagieren lässt, und selbst wenn sie nicht selbst agieren, zeigt er diese Zusammenhänge an ihrem Beispiel auf. So ist es zum Beispiel eigentlich ein schöner Familienausflug, anhand dessen Pearl Harbor beschrieben wird.

Erstaunlicherweise hat mich die Phase im Spanischen Bürgerkrieg mehr beeindruckt als die Schilderungen der Nazis, was aber vielleicht daran liegt, dass ich mehr über Nazi-Deutschland und seine Greuel weiß als über den Spanischen Bürgerkrieg (obwohl Hemingway schon eindrucksvoll war). Ich muss auch sagen, dass Follett nicht Partei ergreift, viele Menschen haben Fehler gemacht, und Follett beschönigt nichts.

Insgesamt ist auch der zweite Teil seiner Saga eine beeindruckende, hervorragend recherchierte und außerordentlich spannend geschriebene Geschichtsstunde. Der Roman funktioniert absolut als eigenständiges Werk, ich würde allerdings dennoch empfehlen, Sturz der Titanen zuerst zu lesen, da es viel mehr Spaß macht, die Schicksale der Menschen weiter zu verfolgen und zu sehen, wie die nächste Generation in  den Umständen lebt, die ihre Eltern ihnen geschaffen haben. Und ich muss sagen, es gibt mehr als eine Überraschung, denn die Umstände dieser Jahre  ändern Menschen…

Ken Follett: Winter der Welt. Aus dem Englischen von Dietmar Schmidt und Rainer Schumacher. Lübbe 2012. 1023 Seiten.

Der dritte Teil, Kinder der Freiheit, ist für September 2014 angekündigt.

Buch #46: Philip Roth – Verschwörung gegen Amerika

Philip Milton Roth wurde am 19. März 1933 in Newark, New Jersey, geboren. Er schreibt Romane, Essays und Erzählungen, und wird seit Jahren als Kandidat für den Literaturnobelpreis gehandelt.

Roth schreibt größtenteils autobiographisch geprägte Werke, in denen er sich mit seiner jüdischen Herkunft, seiner Jugend in seiner Geburtsstadt Newark, seinen Wohnsitzen und seinen beiden Ehen befasst. Sein erstes Buch, Goodbye, Columbus, wurde positiv besprochen, zehn Jahre später schrieb er mit Portnoy`s Complaint einen Skandalroman. Später war die Figur des Nathan Zuckerman Protagonist in zwei Trilogien, am bekanntesten wohl in Der menschliche Makel, das mit Anthony Hopkins in der Hauptrolle verfilmt wurde. Roth gab im Oktober 2012 bekannt, dass er sich vom Schreiben zurückziehe.

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In Verschwörung gegen Amerika beschreibt Roth seine Kindheit in seiner Geburtsstadt Newark. Doch verbindet er diese Autobiographie mit einem Setting, dass die Nazifizierung Amerikas als Hintergrund hat und sich dementsprechend anders darstellt als tatsächlich passiert. Norman Mailer hat hierfür den Begriff der „faction“ geprägt, eine Mischung aus „fact“ und „fiction“.

Wir beginnen mit den facts.  Es ist 1940, Philip Roth ist sieben Jahre alt und lebt mit seinen Eltern und seinem fünf Jahre älteren Bruder Sandy in Newark. Sie sind nicht reich, kommen aber gut über die Runden, da sein Vater einen Job als Versicherungsvertreter bei einer großen Firma hat. Roth erzählt aus seiner kindlichen Sicht (nicht jedoch mit einer kindlichen Stimme), wie sein wertvollster Besitz seine Briefmarkensammlung ist, dass sein Bruder einiges Zeichentalent besitzt, er beschreibt die Familienabende vor dem Radio, an denen sie gemeinsam die Sendung von Walter Winchell hören, einem Juden, der Millionen Hörer hat, und der kein Blatt vor den Mund nimmt. Sein Cousin, der früh verwaiste Alvin, macht sich auf, gegen die Nazis zu kämpfen. Er verpflichtet sich bei der kanadischen Armee und verschwindet erstmal aus Philips Leben.

Doch gleichzeitig wird die fiction hineingemischt. Denn im Roman ist im Juni 1940 Charles Lindbergh als Präsidentschaftskandidat für die Republikaner nominiert wurden. Lindbergh hat im Jahre 1938 den Deutschen Adlerorden verliehen bekommen, eine Goldmünze mit vier kleinen Hakenkreuzen, die Ausländern für Verdienste um das Deutsche Reich erhalten (fact). Vor diesem Hintergrund ist die jüdische Gemeinde in Newark natürlich sehr besorgt, vor allem nachdem Lindbergh sich in Island mit Hitler trifft und dort einen Nichtangriffspakt unterschreibt. Lindbergh hatte die Wahlen nämlich nur gewinnen können, da er sich vehement dafür eingesetzt hatte, Amerika aus jeglichem Krieg herauszuhalten. Für die Juden jedoch bedeutet dies, dass Hitler erstmal Ruhe mit Amerika haben will, um sich ihm später zuzuwenden.

Die Verwirrung ist groß, denn als zuerst einmal das Leben normal weitergeht, weiß niemand so recht, wie die Lage tatsächlich aussieht. Dann kommt Alvin nach Hause, er hat in der Normandie sein Bein verloren. Für Philip bekommt die Angst dadurch eine völlig neue Dimension, da er erstmals eine konkrete Folge sieht. Philips Mutter fängt an zu arbeiten, damit sie Geld für eine eventuelle Flucht beiseite legen kann. Philip ist unbeaufsichtigt, was einerseits bedeutet, dass er seine Welt durch Streifgänge vergrößert, andererseits ist er jedoch mit seinen Ängsten komplett allein.

Die Schwester seiner Mutter, Evelyn, lässt sich mit einem älteren Rabbiner ein, der ganz opportunistisch Lindbergh unterstützt, und quasi bei ihm ein- und ausgeht. Die Regierung richtet ein Programm ein, das jüdische Kinder in den Sommermonaten auf Farmen bringt, damit sie Neues kennenlernen und von zu Hause getrennt sind. Sandy hat Glück, er kommt zu einer netten Familie und fühlt sich sehr wohl, doch als er zurückkommt, ist er nicht mehr der Gleiche. Dann sollen Familien umgesiedelt werden, und als sein Vater seinen Job verliert, weil er sich weigert, und Philip seiner Tante vom ungeliebten Nachbarsjungen erzählt, der daraufhin tatsächlich umgesiedelt wird, ist er komplett verwirrt.

Dann geht Walter Winchell auf Sendung und spricht über die Umsiedelungen, will seine Zuhörer aufwecken, und beschwört einen Streit zwischen Alvin und Philips Vater herauf. Dies alles bringt Philip dazu, von zu Hause wegzulaufen, er denkt, wenn er anonym in ein Kloster gehe, könne ihn niemand wegen seiner Herkunft verurteilen. Der ungeliebte Nachbarsjunge rettet ihn, als er im Dunkeln von einem Pferd getreten wird, und zu allem Überfluß verliert er seine Briefmarken.

Walter Winchell verliert aufgrund der Sendung seinen Sponsor, und schließlich auch seinen Job als Moderator. Er kandidiert gegen Lindbergh. Und nun zeigt sich, was wirklich los ist: Pogrome brechen los, Krawalle in vielen Städten, ganz, wie man es aus Europa kennt. Viele Juden lassen ihr Leben, auch die Mutter des Nachbarjungen. Doch als Winchell getötet wird, und Lindbergh sich nicht dazu äußert, kommt die Frage auf, „Wo ist Lindbergh?“. Kümmert es ihn nicht, was in seinem Volk passiert? Läßt er die Leute sich einfach abschlachten? Oder ist er tatsächlich nicht mehr da?!

9783499240874Es ist ziemlich schwierig, ein solches Buch wiederzugeben, wie ich gerade bemerke. Dagegen war es eigentlich ziemlich einfach zu verstehen, grob weiß man ja, was damals los war, und deshalb auch, wo die Fakten aufhören und wo die Fiktion anfängt. Mir hat das Buch eigentlich ganz gut gefallen, da ich gerne solche Gedankenexperimente mag. Dennoch muss ich dann auch sagen, dass mir die Auflösung des Experiments nicht glaubhaft erschien, aber wahrscheinlich gab es nicht viele Wege, einen anderen Abschluss zu erreichen. Hm, vielleicht hätte er es dann überhaupt nicht auflösen sollen.

Ebenfalls war es einerseits schön, dass die Perspektive die des kleinen Jungen war, von Philip Roth selbst, dem der Verlust seiner Briefmarken auch heute noch sehr nahe gehen muss, der aber auch eine einzigartige Perspektive auf die damalige Zeit ist. Dann ist diese Perspektive durch den Blickwinkel natürlich auch wieder sehr beschränkt, man ist nie so ganz sicher, was sich jetzt in der Phantasie eines Kindes zu etwas ungeheurem aufbläht und was nicht.

Insgesamt kann ich sagen, dass es sich bei Verschwörung gegen Amerika um ein spannendes Gedankenexperiment handelt, das man durchaus einmal durchspielen kann, und das durch seine Nähe zu den tatsächlichen Geschehnissen zeigt, dass es vielleicht haarscharf war, dass es nicht anders verlaufen ist. Die Perspektive des Kindes und das Ende des Buches allerdings sind etwas schwach, aber das mag auch persönlicher Geschmack sein.

Am Ende des Buches hat Roth noch die Biographien einiger seiner handelnden Personen und einige Ausschnitte aus den Reden Lindberghs zusammengestellt, die das Verständnis erleichtern.

Philip Roth: Verschwörung gegen Amerika. Aus dem Amerikanischen von Werner Schmitz. Carl Hanser Verlag. 431 Seiten.

 

Buch #36: Thomas Pynchon – Die Enden der Parabel

Thomas Pynchon wurde 1937 auf Long Island, New York, geboren. Er studierte Physik und Englisch an der Cornell University und war ein Schüler Nabokovs. Nach Erscheinen seines ersten Romans, V., im Jahre 1963, schottete er sich vollkommen von der Außenwelt ab; er lebt irgendwo an der amerikanischen Westküste. Seit diesem Zeitpunkt sind seine Bücher die einzigen öffentlichen Spuren seiner Existenz. – Das finde ich ziemlich stark von Pynchon, wenn sein Werk draußen ist, kann er ja nichts mehr daran ändern, es liegt dann im Auge des Betrachters, liegt daran, was dieser daraus macht. Und Pynchon entzieht sich der ganzen Interpretiererei, indem er sich dem ganzen Literaturbetrieb entzieht. Er entlässt seine Bücher, und dann sind sie auf sich allein gestellt.-

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Die Enden der Parabel ist 1973 erschienen und gilt heute als Pynchons Opus Magnum. Magnum ist es auf jeden Fall, es umfasst 1200 kleinbedruckte Seiten in der Taschenbuchausgabe, und diese sind nicht so leicht zu verdauen – was man auch an der Zeit ersehen dürfte, die es mich gekostet hat, es mir einzuverleiben. Opus Magnum ist es aber auch in jeder anderen Hinsicht: Mehrere hundert Figuren treten auf, es gibt zahlreiche Handlungsstränge und Nebenschauplätze, chronologisch wird vor- und zurückgesprungen, es gibt Rückblenden in die Zeit der frühen Besiedlung Amerikas und Vorausblenden in die, ich schätze, 70er Jahre. Ihr seht schon, hier ist es nicht einfach, eine Handlung zu erzählen.

Deswegen will ich dies auch nur grob tun. Man könnte als Protagonisten den GI Tyrone Slothrop bezeichnen. Dieser wurde als Kind einer Pawlowschen Konditionierung unterzogen, aufgrund derer er, wenn eine Bombe sich nähert, eine Erektion bekommt. Die Handlung spielt zuerst in London gegen Ende des Zweiten Weltkriegs, weswegen diese Eigenheit sehr nützlich sein konnte, und weiterhin in Deutschland nach Ende des Krieges. Hier sucht Slothrop nach den Gründen seiner Konditionierung, und nach einer bestimmten Rakete, der 00000, die ein Schwarzgerät birgt und von dem Slothrop sich erhofft, einige Antworten zu erfahren.

Hinter dieser Rakete und dem Schwarzgerät sind mehrere Personen her, ein russischer Offizier – Tschitscherin – ebenso wie ein deutscher SS-Mann – Blicero, der Herero (Angehöriger eines afrikanischen Stammes) Enzian und einige Nebenfiguren. Dann gibt es noch die niederländische Agentin Katje, die immer wieder auftaucht und in alles verstrickt zu sein scheint.

Von all diesen Figuren (und noch vielen mehr) werden Geschichten erzählt, persönliche, vor oder während des Krieges, Interaktionen zwischen den Figuren, kurze zufällige Treffen oder lange Vorausbestimmtes. Oft folgt man auch ihren Gedankengängen, die sich nicht selten im Nirgendwo verlieren. Oder es handelt sich um Drogenphantasien, oder manchmal auch Träume, von denen man nicht weiß, ob es sich um Realität oder einen Trip handelt.

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Die Darstellung Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg, die sogenannte Zone, beschreibt ein Land, das seiner Ordnung enthoben wurde und noch keine neue Ordnung gefunden hat. Jeder denkt an seinen Vorteil, ob es sich um die Schmugglerin handelt oder den Jungen, der sein Frettchen sucht. Drogen spielen eine sehr große Rolle, und Geschlechtsverkehr. Hier geht alles, was geht. Pynchon beschreibt Dinge, von denen ich jetzt eigentlich lieber hätte, sie wären meiner lebhaften Phantasie nicht zum Fraß vorgeworfen worden. Jeder mit jedem und jeder mit allem und alles ist möglich. Näher gehe ich nicht darauf ein, um die zarten Seelchen zu schonen, aber es ist teilweise schon harter Tobak.

Dieses Buch ist der reine Wahnwitz. Dies ist das erste Mal, das ich nicht so erfahrenen Lesern abraten möchte. Die Story ist unglaublich komplex, und man darf nicht zu sehr aus der Handlung kommen – was mir fast passiert wäre. Man braucht Zeit und Muße, und oft genug einen guten Magen. Hat man all dies, wird man für die Arbeit jedoch sehr belohnt. Pynchon bedient sich einer unglaublichen Sprache, in ein paar Worten schafft er es, Bilder heraufzubeschwören, die einem den Atem nehmen, gleich, ob im Positiven oder im Negativen. Er beschreibt Zustände, wie das schon kommentierte „Die Zivilisten sind jetzt draußen, die Uniformen innen.“, und trifft es mitten ins Mark. Ich habe sehr oft gedacht, Wahnsinn, wie macht der das bloß?!

Und dies nicht nur bei den Bildern, sondern im Grunde genommen bei dem ganzen Buch. Es ist mir unbegreiflich, wie jemand auf die Idee kommt, ein derartiges Buch zu schreiben, seine Leser derart zu bombadieren mit Personen, Handlungssträngen, Anekdoten, Einwürfen, Einschüben, Gedichten, Liedern, mit Anleihen aus der Wissenschaft, der Musik, der Technik, Religionen, Filme, Märchen und – Schweinen, die wohl Pynchons Lieblingstiere sind. Es ist eine Tour de Force, dieses Buch, und es fordert viel, aber wer sich mal auf einen genialen Trip begeben möchte, dem kann ich es nur ans Herz legen. Allerdings ist es auch ein Buch, das man wohl mehrmals lesen muss, denn vieles wird sich wohl erst nach und nach erschließen. Also, im Großen und Ganzen halte ich das Buch durchaus für lesenswert, aber es ist keine Lektüre zur Entspannung, die man nebenher liest, diese Buch möchte die ganze Aufmerksamkeit.

Thomas Pynchon: Die Enden der Parabel. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Elfriede Jelinek und Thomas Piltz