Han Kang – Deine kalten Hände

Der Roman Deine kalten Hände ist ein frühes Werk der Autorin Han Kang, die mit ihren jüngeren Büchern viel Beachtung gefunden hat. Für mich ist es jedoch der erste Roman, den ich von ihr lese, was meinen Eindruck vielleicht etwas anders als den derjenigen macht, die schon mehr von ihr gelesen haben.

Die Schriftstellerin H. hat durch Zufall mehrere Kunstwerke des Künstlers Jang Unhyong erlebt, welche großen Eindruck bei ihr hinterlassen haben. Jang Unhyong nimmt Abdrücke von Körperteilen, um diese als Formen zu verwenden oder neue Kunstwerke daraus zu kreieren. Eines Tages treffen sich die beiden, und H. fragt Unhyong nach seinem Antrieb. Er bleibt die Antwort schuldig. Einige Zeit später kontaktiert seine Schwester H., um ihr mitzuteilen, dass Unhyong vermisst werde, er aber ein Manuskript hinterlassen habe, in dem auch sie erwähnt werde. Sie schickt ihr dieses Manuskript.

Das Manuskript ist in drei Teile unterteilt, von dem das erste seine Kindheit, das zweite seine Begegnung mit L. und das dritte die Begegnung mit E. beschreibt. Schon als kleiner Junge war ihm bewusst, dass wir in einer Welt der Masken leben, jeder, er selbst ebenso.

„Mit der großen, schwarzen, viereckigen Hornbrille sah ich mir selbst nicht mehr ähnlich. Dass mein Gesicht völlig verändert aussah, war befreiend. Wie in einer guten Verkleidung hatte ich den Eindruck, dass mich niemand mehr erkennen konnte.“ (S.51/52)

Er ist sehr einsam, fühlt sich nicht zugehörig, sein liebloses Elternhaus gibt ihm keine Geborgenheit, kann ihm seine Ängste nicht nehmen.

„Ich bekam gute Noten, war gehorsam und tüchtiger als alle anderen. Aus diesem Grund wurde ich nicht im Stich gelassen.“ (68)

Er geht auf die Universität und studiert Kunst. Erste Ausstellungen werden positiv aufgenommen. Er wendet sich von den Masken ab, ist besessen von Händen. Und er begegnet L., die stark übergewichtig ist und die für ihn faszinierendsten Hände hat. Sie wird sein Modell, zuerst für die Hände, später für den ganzen Körper. Es entwickelt sich etwas zwischen ihnen, und sie öffnet sich ihm langsam, und erzählt ihm ihre Geschichte. Und verlässt ihn für einen anderen, ein zerstörerischer Schritt.

Als er E. kennenlernt, übt diese eine ganz andere Faszination auf ihn aus. Er will ihr Gesicht, eine Maske ihres Gesichts. Doch sie will ihre Maske vor ihrem Gesicht behalten, denn auch sie hat eine Geschichte dahinter zu verbergen.

Deine kalten Hände ist ein einfühlsamer, brutaler Roman. Ja, das ist möglich, Han Kang macht es möglich. Viele Themen werden angeschnitten, was manche Rezensenten bemängelt haben, es geht um Gewalt, Körperidentität, Krankheit, und ja, die Masken, die wir alle tragen. Sie behandelt ihre Themen in einer recht kühlen Sprache, sie lässt Unhyong erzählen, aber selten wird er emotional. Was genau diese Emotionalität auf mich zurückgeworfen hat. Der Roman hat mich im Inneren gepackt und in den Magen geboxt, er hat mich hineingesogen und wieder ausgespuckt, er war ekelhaft und so nah an mir dran.

Jeder trägt seine Masken, sie bieten Schutz, man kann sich verstecken, muss der Welt nicht sein Innerstes herausposaunen. Doch dreht man diese Masken um, sieht man, je fester sie auf dem Gesicht gesessen haben, jede Linie, jedes Abzeichen, das das Leben hinterlassen hat, eingeprägt, für immer konserviert. Vielleicht will man sie dann zerschlagen. Bevor jemand sie betrachten kann.

Ich weiß nicht, wie viel meisterlicher Han Kang schreiben kann, bin einerseits gespannt, wie sie sich weiter entwickelt hat, andererseits ein wenig abwartend, weil dieser Roman mir so gut gefallen hat.

Ich danke dem  Aufbau Verlag für das Rezensionsexemplar. Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat meine Meinung in keiner Weise beeinflusst.

Han Kan: Deine kalten Hände. Aus dem Koreanischen von Kyong-Hae Flügel. Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin 2019. OA: Erschienen bei Moonji Publishing, 2002. 312 Seiten.

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Gloria Steinem – Aufbruch

Ich stand also da in der Buchhandlung und hatte bereits fünf Bücher in der Hand, die mir ins Einfinden in die feministische Literatur helfen sollten, da fielen mir ein pinkes Buch ins Auge und dieses hier, das auf den ersten Blick nicht viel damit zu tun haben scheint. Aber ich nahm diese beiden und brachte die anderen wieder an ihren Platz zurück. Zum Glück (erstmal, die anderen sind ja nicht vergessen).

Aufbruch – das soll es wohl auch für mich sein, denn ich denke, ich habe hiermit die beste Wahl getroffen, einen Einstieg zu finden. Gloria Steinem gibt hier einen Bericht über ihr Leben und ihre Reisen ab, von ihrer Kindheit mit einem Vater, der als Antiquitätenhändler durch die Lande tingelte, bis 2015, als dieses Buch erschien.Es umfasst also achtzig Jahre des Reisens, des Kennenlernens von Land und Leuten, der Begegnungen, die sie nachhaltig geprägt haben.

Als Kind, mit einem derart rastlosen Vater, der nie lange an einem Ort sein konnte, wünschte sie sich ein festes Zuhause. Dennoch hat ihr Vater sie so sehr geprägt, dass sie, als sie nach ihrem Studium nach Indien fuhr, dort auch durch die Lande zog, und seitdem zwar ein Heim hat, aber nie lange dort ist. In Indien machte sie ihre ersten Erfahrungen damit, was es bedeutet, durch ein Land zu Reisen, abseits von touristischen Pfaden, Reiseführern, geleiteten Touren, sondern sich auf Land und Leute einzulassen.

Seitdem tut sie genau das: sie reist – hauptsächlich in den USA – durch das Land, und das Wichtigste, was sie von jeder Reise mitnehmen will, sind die Erzählungen der Menschen. So hat sie selten das Flugzeug genommen, sondern fuhr mit dem Zug, Unmengen an Taxis, mit Freiwilligen, die sie abholten und irgendwo hin brachten. Und diese Menschen hat sie nach ihren Geschichten gefragt, nach ihren Erlebnissen, nach Gedanken zu Aktuellem oder Traditionen, nach dem, was für sie wichtig ist.

Diese Berichte trägt sie hier zusammen (es ist natürlich nur ein kleiner Ausschnitt, sie hat wohl so viele Menschen getroffen). Und ich habe sie voller Faszination und, ja, Dankbarkeit gelesen. So viele Stimmen, von denen ich sonst nie gehört hätte, so viele Erfahrungen, von denen ich nie gelesen hätte, so viele neue Gedanken, die ich sonst nie hätte haben können – das hat mir dieses Buch gegeben.

Sie setzt sich nicht nur intensiv mit dem Feminismus auseinander, mit den Menschen, die mit ihr zusammen gekämpft haben und kämpfen, sondern auch mit der Kultur der Ureinwohner, von denen sie viele getroffen hat. Und so viele Menschen haben sich ihr geöffnet, ihre Geschichten erzählt, mit ihr Projekte initiiert, Ungerechtigkeiten bekämpft. Sie muss schon ein bemerkenswerter Mensch sein.

Sie steht für den intersektionalen Feminismus ein, und erzählt von Freunden und Wegbegleitern, die sich nicht wie sie „nur“ mit Diskriminierung aufgrund ihres Geschlechts auseinandersetzen mussten und müssen. Sie berichtet von diesen Menschen und ihren Kämpfen, und bringt sie der Leserin nahe. Sie hat sich immer für eine bessere Welt eingesetzt, und ich denke, sie hat dazu beigetragen.

Außerdem gibt sie zahlreiche Hinweise, sei es zur Literatur, zu Studien, zu Zeitungsartikeln, die zum Weiterlesen animieren, und dies bei dieser Leserin geschafft haben. Das Buch ist in sieben Kapitel aufgeteilt: In den Fußstapfen meines Vaters, Gesprächskreise, Warum ich nicht Auto fahre, Ein großer Campus, Wenn das Politische privat wird, Surrealismus im Alltag, Was einmal war, kann wieder sein.

Ich möchte es jedem ans Herz legen, denn es handelt sich hier nicht nur um eine Geschichte des Feminismus, sondern auch um eine Geschichte der USA der letzten Jahrzehnte, und es werden Perspektiven mit hineingenommen, die nicht selbstverständlich sind und normalerweise eher klein gehalten werden. Nach der Lektüre ist man reicher.

Gloria Steinem: Aufbruch. Aus dem Amerikanischen von Eva Bonné. btb Verlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München 2019. OA: My Life on the Road. Random House, New York 2015. Leider nur 383 Seiten.

Einiges neu und: „The Future is Female!“

Liebe Leserinnen,

lange habt Ihr nichts mehr von mir gehört. In den letzten Monaten hat sich sehr viel in meinem Leben verändert, und es war und ist nicht einfach, mit all dem umzugehen. Die erste Konsequenz, nachdem es jetzt soweit ist, dass ich alles ein wenig verarbeiten kann, ist, dass mir aufgefallen ist, wie wenig mir mein Blog noch passt. Nach achteinhalb Jahren und einer Lernkurve für mich und der Entwicklung in der Community fühlt er sich einfach nicht mehr richtig an.

Daher habe ich einiges geändert. Visuell, wie Ihr wohl auf den ersten Blick bemerkt habt. Und inhaltlich: ich habe die ganze Sache mit der Liste herausgenommen, auch die persönliche Rangliste. Dort ist so lange nichts mehr passiert, dass ich mir denke, niemand wird es vermissen. Nichtsdestotrotz habe ich sie noch und werde sie weiterhin abarbeiten, nur eben nicht mehr als erstes Ziel.

Das erste Ziel wird von nun an sein, alles zu lesen, wovon ich denke, dass es mir hilft: mich weiterbringt, mich tröstet, mich aufregt, mich zum Lachen bringt… Ihr wisst schon. Und dann werde ich ein neues Fass aufmachen: feministische Literatur. Ich möchte mich da weiter bilden. Es ist ja nicht so, als habe ich bisher nicht viel Literatur von und für Frauen gelesen (mehr als ein Drittel der besprochenen Bücher), aber ich möchte mehr in die Theorie gehen, so dass ich in bestimmten Situationen mehr Rüstzeug habe.

Ich hoffe, Ihr werdet mich alle weiterhin begleiten (so viel wird sich ja nicht ändern) und freue mich, wenn Ihr weiter dabei seid. Und nun zu meinem ersten, nicht so ganz gelungenen Versuch:

Hrsg.: Scarlett Curtis: „The Future is Female!“

Diesen wunderschön pinken Band (die Farbe heißt ‚Baker-Miller-Pink‘, was es damit auf sich hat, berichtet einer der Beiträge) habe ich mir zugelegt in der Hoffnung, hier einen Einstieg in die feministische Literatur zu bekommen. Es handelt sich um einen Band, der aus zahlreichen Beiträgen von hauptsächlich jungen Frauen besteht, und was Feminismus für sie bedeutet.

Er ist in mehrere Teile unterteilt: Erleuchtung, Zorn, Freude, Zeit für ein bisschen Poesie, Aktion, Bildung, abgerundet von einer Lektüreempfehlung von Emma Watson und einem „Was als nächstes kommt“ der Herausgeberin Scarlett Curtis.

Es waren einige interessante Beiträge dabei. Doch ich muss für mich sagen, ich hätte genauer hingucken sollen. Dieser Band richtet sich an junge Frauen, die sich vielleicht noch gar nicht mit dem Thema auseinander gesetzt haben. Die Beiträge haben mir sicherlich ein wenig geholfen, aber im Großen und Ganzen war ich nicht die Zielgruppe.

Daher werde ich Folgendes tun: Ich werde ihn in der nächsten Woche zu unserer kleinen Bibliothek tragen und die Damen und Herren dort bitten, es in ihren Bestand aufzunehmen, damit er hoffentlich der einen oder anderen jungen Dame oder dem ein oder anderen jungen Herrn helfen möge, sich neue Gedanken zu machen, sich nicht allein zu fühlen, neue Projekte zu finden oder was auch immer er inspirieren mag.

Hrsg.: Scarlett Curtis: „The Future is female!“. Erweiterte deutsche Erstausgabe. Verlagsgruppe Random House GmbH, München, 2018. OA: „Feminists don’t wear pink and other lies. Amazing women on what the F-word means to them.“ Penguin Books UK, 2018. 414 Seiten.

Michelle Obama – Becoming

Michelle Obama hat mit ihrer Autobiographie den Jahresbestseller 2018 geschrieben, und auch bei mir lag das Buch unter dem Weihnachtsbaum. Ich wollte mehr über diese Frau wissen, die sich so vielen Anfeindungen ausgesetzt sah und ihre Zeit als First Lady doch mit so viel Integrität, Würde und anscheinend auch Freude durchlebte.

Michelle Robinson wuchs in einem Vorort von Chicago auf, in einer Familie, die nicht reich an Geld, aber doch reich an Liebe war. Das betont sie immer wieder. Ihr Vater war sehr krank, beklagte sich jedoch nie und ging zur Arbeit, so lange es irgendwie ging. Ihre Mutter blieb zu Hause bei den Kinder, Michelle und ihrem älteren Bruder Craig, und focht so manchen Kampf mit ihnen und für sie aus. So z.B. als man Michelle in der zweiten Klasse in eine Abstellkammer von Schulklasse steckte mit der Prämisse, es lohne sich nicht, ihr Bildung zu verschaffen. Michelle wurde dann in eine andere Klasse versetzt.

So zog es sich durch ihre Schulkarriere, bis ihr eine Collegeberaterin sagte, sie sei kein Material für ein Ivy-League-College. Auch hier setzte sie sich durch, studierte Jura und fing dann schließlich in einer Kanzlei in Chicago an. Michelle war und ist eine ordnungsliebende Frau, die gerne plant und weiß, was auf sie zukommt. Unordnung und Spontaneität bereiten ihr Unbehagen. Zudem plagt sie sich seit ihrer Schulzeit immer mit der Frage herum, ob sie gut genug ist. Nun ist sie in einer großen Kanzlei, als schwarze Frau, und ist stolz auf ihren Erfolg.

Und dann lernt sie einen Mann kennen – Barack Obama. Barack, der Spontane, der Belesene, der Chaotische, der Menschenfreund. Es dauert einige Zeit, doch es ist klar, dass er der Mann ihres Lebens ist. Und er wird dieses Leben gewaltig durcheinander wirbeln. Und der erste schwarze Präsident der USA werden, mit ihr an seiner Seite, und all der Kontroverse, die das mit sich bringt.

Michelle Obama berichtet in einem angenehmen, unaufgeregten Stil über ihr Leben. Sie beschreibt, wie ihre liebende Familie ihr immer das Gefühl gegeben hat, dass sie alles schaffen kann, auch wenn die äußeren Umstände oft dagegen sprachen. Sie beschreibt die schwierigen Dinge klar, aber nicht mitleidheischend, sie spricht über die Verwirrungen und über die Fortschritte, und die immer zugrunde liegende Angst, nicht gut genug zu sein.

Barack und sie führen von Beginn an eine Ehe, in der sie sich nicht oft sehen, da er früh in die Politik geht und oft mehrere Tage die Woche unterwegs ist. Dennoch halten sie sich immer „Paarzeit“ frei, in der sie nur für sich da sind und ihre Woche rekapitulieren. Und als die Kinder kommen, wird es für Michelle schwierig, doch mit der Unterstützung ihrer Mutter, und auch mit Eheberatung, finden die beiden einen Weg.

Dann kandidiert Barack für die Präsidentschaft, und Michelle findet ganz neue Seiten an sich. Sie steigt voll in den Wahlkampf ein, will keine Puppe an der Seite ihres Mannes sein, jedoch auch die Kinder nicht vernachlässigen, und stellt sich immer weiter die Frage, ob sie allen und allem gerecht wird.

Sie schaffen es ins White House, und auch hier will Michelle nicht, wie so manch andere Präsidentengattin, einfach da sein, sondern den neuen Einfluss, den sie nun gewonnen hat, auch nutzen. Sie gründet insgesamt vier Initiativen, mehr als jede andere First Lady, hauptsächlich für Kinder, aber auch für Veteranen.

Aber immer wieder und immer deutlicher zeigt sich der Riss, der durch das Land geht. Von Anfang an sind die Republikaner rasend, sie stellen sich gegen alles, was der Präsident vorschlägt, einfach nur um dagegen zu sein. Es ist egal, ob es allen Menschen nützen würde, sie sagen einfach nein. Man sieht, wohin diese Entwicklung geführt hat. Heute sind so viele Menschen überall damit beschäftigt, dagegen zu sein. Will man jedoch eine andere Lösung, einen Weg hören, den sie beschreiten möchten, dann herrscht große Stille. Obama hatte Visionen, er wollte, dass jeder Amerikaner krankenversichert ist, er wollte, dass kein Amerikaner, schon gar keine Kinder, wahllos erschossen wird, und noch so vieles mehr. Man siehe, wohin das Dagegen-Geschrei geführt hat, man betrachte, wie gut es den Menschen im Moment geht.

Und das ist es auch, was mich am meisten beschäftigt nach dem Lesen der Autobiographie: wie viele Menschen es gibt, die einfach nur gegen alles sein wollen. Hier ist mal jemand, der wirklich versuchen will, etwas zu verbessern, der Lösungen anbietet (natürlich nicht immer und ausschließlich, aber es waren welche da), und alles, was als Reaktion kommt, ist: „Es gibt ja gar kein Problem“ oder „Nein, das ist ja alles so falsch“. Gestern las ich die Reaktionen im Spiegel auf Greta Thunberg, und hier ist es das gleiche Geschrei: „Es gibt keinen Klimawandel“, „So ein Mädchen hat doch keine Ahnung, die soll spielen gehen“ und „Ich möchte auf absolut gar nichts verzichten, es geht hier nur um mich, und Zukunftsangst ist irrational“. Der gleiche Vorgang: Sie schreien nieder, sie belächeln, sie machen klein, und fühlen sich selbst so groß.

Das hat jetzt nicht mehr viel mit dem Buch an sich zu tun, aber doch vieles mit der Botschaft, die bei mir hängen geblieben ist: Es ist nicht einfach, sich gegen andere zu stellen, und wenn du wirklich Lösungen hast und klug bist, dann werden sie dich wegen deines Körpers oder sonstiger Dinge klein machen. Lass es nicht zu. Denn (und das ist für mich der wichtigste Satz, den Michelle Obama je sagte): „When they go low, we go high.“

Hierzu kann und sollte man sich inspirieren lassen.

Michelle Obama: Becoming. Aus dem amerikanischen Englisch von Harriet Fricke, Tanja Handels, Elke Link, Andrea O’Brien, Jan Schönherr und Henriette Zeltner. Wilhelm Goldmann Verlag, München, 2018. OA: Becoming. Crown Publishing Group, 2018. 543 Seiten.

Mark Thompson – El Greco und ich

Es ist 1968. J.J. ist zehn, und er hat einen besten Freund: Tony Papadakis, den er „El Greco“ nennt. Die beiden machen alles zusammen und, falls mal etwas schief läuft, wie zum Beispiel die Auswirkungen einer heimlich gerauchten Zigarette, dann halten sie zusammen wie Pech und Schwefel. Echte Freunde, Buddies, die Art, die man nur einmal im Leben hat.

El Greco liest viel, und er hält J.J. immer mit kleinen Fakten auf dem Laufenden. Der wichtigste Fakt ist, dass der Pazifische Ozean so groß und herrlich ist, dass der Atlantik, den sie von ihrem geheimen Treffpunkt aus sehen, wie eine kleine Pfütze scheint. Den Pazifik zu sehen, da ist er sicher, wäre das Tollste, was ihm im Leben passieren kann.

Die beiden teilen kleine Nöte, wie unfaire Brüder, oder große Nöte, wie unfaire Väter miteinander. Und wenn einer von ihnen in Schwierigkeiten ist, tut der andere alles, um ihm zu helfen. So müssen sie so manche Prüfung bestehen und Probleme überwinden.

Dann, eines Tages, steht eine große Sache an: ein Road-Trip nach Savannah, bei dem die beiden viel von ihrem Land sehen und wo ihnen die Augen geöffnet werden über die Probleme, die das Land beherrschen. Aber nicht nur das bekommen sie zu sehen, auch die Schönheiten des Landes werden offenbar. Am Ende sind sie etwas erwachsener geworden, die beiden Jungs, die sind wie Pech und Schwefel. Und haben doch noch so viele Prüfungen vor sich.

„El Greco und ich“ ist ein kleines Schmuckstück. Der Roman, aus der Sicht des zehnjährigen J.J. erzählt, bleibt in der Perspektive und der Erlebniswelt eben dieses Jungen. Die Freundschaft der beiden, die unbedingte Loyalität, die kleinen und großen Schwierigkeiten, alles wird hautnah an den Leser herangetragen.

Man fühlt sich in seine Kindheit zurückversetzt, als man an heißen Sommertagen im Gras lag und den Wolken hinterherschaute, als man noch große Pläne hatte und die Zukunft unendlich schien. Kleine und große Ereignisse, eigentlich machte alles fast gleich viel Eindruck, war wichtig und aufregend und schwierig und irgendwie absolut.

Und so fiebert man mit den beiden mit, hofft, dass sie davon kommen, wenn sie Mist gebaut haben, hofft, dass sie durchstehen, was ihnen an Prüfungen auferlegt werden und freut sich, wenn ihre Freude sie beherrscht. Und am Ende, ja, da muss man vielleicht eine große Träne verdrücken. Ich bin froh, die beiden nun in meinem Leben zu haben, da man manchmal überlegen sollte, ob das Kleine im Leben wirklich klein und das Große wirklich so groß ist, oder ob wir im Verlauf der Jahre unsere Prioritäten nicht vielleicht ein wenig in die falschen Richtungen verschoben haben.

Und selbst wenn man dies nicht tut, hat man immer noch eine spannende Geschichte über zwei Jungs, die in einer spannenden Zeit leben, eine Geschichte, die bestens unterhält und einen oft glücklich in sich hineinlächeln lässt.

Mark Thompson, 1858 geboren und aufgewachsen ind Stockton-on-Tees, studierte Politikwissenschaft an der London Guildhall University, hat viele Jahre in Spanien verbracht, intensiv die USA bereist und spielt Gitarre in einer Rockband. „El Greco und ich“ ist sein erster Roman. Mark Thompson lebt mit seiner Familie in York. (Klappentext)

Mark Thompson: El Greco und ich. Aus dem Englischen von Katja Scholtz. mareverlag, Hamburg, 2018. OA: Dust. RedDoor Publishing, 2016. 240 Seiten.

Ich danke dem mare Verlag für das Rezensionsexemplar. Meine Meinung wurde in keiner Weise beeinflusst.

Frank Schätzing – Die Tyrannei des Schmetterlings

Vieles schon habe ich von ihm gelesen, angefangen mit seinem Historienroman „Tod und Teufel“ über den „Schwarm“ zu „Limit“. Nun also „Die Tyrannei des Schmetterlings“, Schätzings neuer, wieder sehr umfangreicher Roman, für den er sich in das Gebiet der künstlichen Intelligenz begibt.

Protagonist des neuen Romans ist Luther Opoku, Sheriff eines kleinen Countys in den USA, zweihundert Meilen vom Silicon Valley entfernt. Er wird zu einem Mord hinzugerufen, eine Mitarbeiterin der Nordvisc Inc., eines großen Internetunternehmens, wird tot aufgefunden. Er beginnt zu ermitteln. Diese Ermittlungen führen ihn zu einer geheimen Forschungsstation des Unternehmens, das jahrelang genau unter seiner Nase verborgen in den Wäldern seines Countys lag. Hier beginnt die nun die Wirklichkeit aufzubrechen…

Er wird freundlich aufgenommen bei Nordvisk, man beantwortet seine Fragen, ist besorgt um die Mitarbeiterin. Aber etwas scheint nicht so wie es sein sollte, und Luther kehrt zurück, nachdem er brisantes Material findet. Nun ist man nicht mehr so freundlich und hilfsbereit, er wird zum Gejagten. Als er über eine geheimnisvolle Brücke läuft, findet er sich in seinem Ort wieder. Same same but different. Etwas ist anders.

Er muss feststellen, dass er in einem Paralleluniversum gelandet ist, aber auch hier ein Gejagter ist. Er wehrt sich, findet Verbündete und Teilchen um Teilchen deckt er eine undenkbare Realität auf, die ihn in Dimensionen führt, die er sich vorher nicht einmal hat vorstellen können…

Frank Schätzing hat in seinem neuen Roman das Thema der Künstlichen Intelligenz aufgegriffen, und tut das gewohnt umfangreich, wobei er Virtual Reality, Paralleluniversen, Datamining, und was nicht noch alles in seine Story mit einbezieht. Das ist eine ganze Menge, da vieles Zukunftsmusik ist und manches Theorie, und mit dem Darstellen und Erklären könnte der Eine oder die Andere, wie ich auch, manchmal einige Probleme bekommen.

Dazu bedient sich Schätzing wieder einer sehr ausufernden Sprache, er nimmt sich viel Zeit, seinen Plot zu entwickeln, schafft es jedoch auch, ihn manchmal filmisch wirken zu lassen – also, sich die Szene entwickeln zu lassen und dann, wie in einem Actionfilm, die Handlung in den Zeitraffer zu werfen. Diese Teile lesen sich auch ratzfatz weg. Die anderen muss man mögen, das langsame Ausbreiten des Panoramas, die umfangreichen Erklärungen der handelnden Personen, die daraufhin manchmal nicht soo überraschenden Entwicklungen.

Ich bin ein wenig zwiegespalten. Ich mochte vor allem den „Schwarm“ sehr gerne, hat er mir doch damals eine Gedankenwelt eröffnet, die mir nicht präsent war, mich aber seitdem begleitet. Auch seine Landung auf dem Mond in „Limit“ habe ich gerne gelesen, obwohl ich mich auch hier an so einiges Langwierige erinnere. Hier nun war ich des Öfteren kurz davor, das Buch beiseite zu legen, da die Story nicht vorankam. Die ausschweifenden Beschreibungen sind meines auch nicht, ich hätte gerne etwas mehr Tempo gehabt.

Die Story jedoch hat mich interessiert, genug, um am Ball zu bleiben. Ich wollte wissen, worauf er hinauswill, ich wollte herausfinden, was es mit allem auf sich hatte, ich wollte sehen, wie es den (verschiedenen) handelnden Personen ergeht. So muss ich am Ende sagen, dass ich dieses Buch einigermaßen zwiegespalten beiseite lege.

Frank Schätzing: Die Tyrannei des Schmetterlings. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln. 2018. 734 Seiten.

Ich danke Kiepenheuer & Witsch für das Rezensionsexemplar. Meine Meinung wurde in keiner Weise beeinflusst.

Dennis Lehane – Der Abgrund in dir

**Ich habe mich bemüht, die Spoiler so gering wie möglich zu halten, aber alle potentiellen Leser seien bitte trotzdem gewarnt, ganz ohne kommt die Besprechung nicht aus**

Dennis Lehanes neues Werk „Der Abgrund in dir“ kommt als zweigeteilter Roman zu seinen Lesern. Ist der erste Teil eine Art Charakterstudie, wandelt der zweite Teil diese in eine Art Actiongeschichte um. Ein Teil gefiel mir, einer nicht.

Die Protagonistin in „Der Abgrund in dir“ ist Rachel Childs. Sie wächst nur mit ihrer Mutter auf, die ihr nie verrät, wer ihr Vater ist. Selbst ist die Mutter Autorin eines Bestsellers über Beziehungen; wo sie jedoch ihr Wissen hernahm, war Rachel stets ein Rätsel. Als die Mutter bei einem Autounfall stirbt, nimmt sie ihr Geheimnis mit ins Grab. Doch Rachel gibt die Suche nach ihrem Vater nicht auf. Hier findet sie Verbündete, doch es ist fast unmöglich, auch nur eine Spur von ihm zu finden, vor allem mit den äußerst dürftigen Informationen, die Rachel besitzt.

Sie wird Journalistin, und sie arbeitet hart, um eine der führenden Reporterinnen zu werden. Schließlich schickt man sie nach dem verheerenden Erdbeben nach Haiti. Dort erlebt sie die Hölle auf Erden und wird nie wieder dieselbe sein. Sie erleidet vor laufender Kamera eine Panikattacke und zieht sich daraufhin völlig zurück. Ihre Ehe zerbricht, sie verlässt kaum noch das Haus, bis sie eines Tages durch Zufall einen alten Bekannten wiedertrifft: Brian Delacroix, der ihr bei der Suche nach ihrem Vater half.

Die beiden kommen sich näher, und Brian versucht, Rachel langsam wieder ins Leben zurück zu helfen… Hier beginnt nun der zweite Teil, von dem ich nicht viel erzählen kann, ohne zu spoilern. Die Ereignisse nehmen eine Wendung, die die ganze Geschichte auf den Kopf stellt. Es ist sozusagen der „Spannungsteil“ des Romans, der verfilmt wohl einige gute Actionszenen hergeben würde.

Doch mir hat gerade der erste Teil sehr gut gefallen, ich fand den langsamen Aufbau von Rachels Lebensgeschichte und ihren Problemen äußerst gelungen. Lehane betreibt, wie immer in einer sehr feinen und unaufdringlichen Sprache, eine behutsame Charakterstudie einer zerbrochenen Frau. Mich hätte jetzt interessiert, wie sie wieder ins Leben zurückfindet, wie sie ihre Traumata überkommen kann, ob und wie sie ihre Erlebnisse produktiv verarbeiten kann.

Doch die Wendung im Roman findet einen anderen Weg für Rachel, und mich persönlich hat dieser Weg überhaupt nicht angesprochen. Ich fand, Lehane macht gewissermaßen alles lächerlich, was er vorher so behutsam aufgebaut hat. Klar, die Geschichte liest sich knallerschnell weg, man will sicher wissen, wie es weitergeht, was einen guten Spannungsroman ja auch ausmacht. Aber will man dies, warum dann der ausgedehnte erste Teil?

Für mich beweist der erste Teil wieder einmal, was für ein feiner Schriftsteller Dennis Lehane ist, genau wie schon in Mystic River gefällt mir auch hier sein Schreibstil sehr gut. Auch den Aufbau seiner Figur, mit der ganzen Hintergrundgeschichte über ihre Familie und ihre Traumata, fand ich äußerst gelungen. Doch die Lösung, die er für sie findet, war für mich absolut enttäuschend, das hat die Figur nicht verdient.

So bleibt bei mir ein enttäuschtes Gefühl zurück und der Roman als Empfehlung für eine Abwechslung zwischendurch, aber nicht als Must-read. Schade, Mr. Lehane, da hätten Sie viel mehr draus machen können.

Dennis Lehane: Der Abgrund in dir. Aus dem Amerikanischen von Steffen Jacobs und Peter Torberg. Diogenes, 2018. OA: Since we fell. HarperCollins, New York, 2017. 525 Seiten.

Ich danke dem Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar.