Warum ich lese – 40 Liebeserklärungen an die Literatur

Letztes Jahr stellte Sandro vom Blog Novelero sich die Frage, warum er eigentlich liest. Dies inspirierte viele Menschen dazu, das Gleiche zu tun, was in einer großen Anzahl von Beiträgen gipfelte. Auch ich schrieb meine Geschichte dazu.

40 dieser Beiträge hat der Homunculus Verlag nun zu einem wundervollen Buch gestaltet – und mein Beitrag ist auch dabei! Ich freue mich sehr, Teil dieses Projekts zu sein, und hoffe, der Eine oder die Andere interessiert sich für die Geschichten, die „Lesenswege“, und fühlt sich vielleicht inspiriert, über seinen oder ihren Weg zum Lesen nachzudenken. Es sind sehr persönliche Geschichten, unterhaltend, traurig, fröhlich, anregend. Und nach der Lektüre kann es nur einen Weg geben: Den zum Bücherregal!

Erhältlich ist das Buch hier:

Warum ich lese.
40 Liebeserklärungen an die Literatur

Ich wünsche viel Freude mit diesem tollen Buch und hoffe, es möge viele Leser finden!

 

Nederlandstalig! Gerbrand Bakker – Oben ist es still

Nach der Lektüre des tagebuchartigen Jasper und sein Knecht wollte ich unbedingt mehr von dieser ruhigen, lakonischen Sprache, mit der Gerbrand Bakker erzählt. Und so lag unterm Weihnachtsbaum Oben ist es still, Bakkers Debütroman aus dem Jahre 2006, mit dem er den International IMPAC Dublin Literary Award gewann. Meiner Meinung nach völlig zurecht.

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Bild: pixabay

„Merkwürdig: auf einmal so ein Aufhebens davon zu machen, daß ich der letzte van Wonderen bin. Ich erwarte bei mir keine Eigen-Fleisch-und-Blut-Gefühle; ohne Frau, ohne Kinder und mit einem verbrauchten Vater, der meines Wissens nie ein Wort über die Familie verloren hat. Ist es der Hof? Unser Hof, mit allem, was dazugehört, Gebäuden, Tieren, Land – etwas, das ich nicht hatte haben wollen, das mir aufgezwungen wurde, mit dem ich dann vielleicht aber im Lauf der Zeit doch verwachsen bin?“ (S.133)

In Oben ist es still erzählt Bakker die Geschichte von Helmer, einem Bauern in seinen Fünfzigern, der einen großen Schritt in seinem Leben wagt: Er verfrachtet seinen bettlägerigen Vater ins Obergeschoss und übernimmt den Rest des Hauses. Dies ist ein großer Schritt, da der Vater bisher Helmers Leben bestimmt hat, und Helmer bisher nicht viel selbst entschied. Nun kauft er neue Möbel und richtet sich ein, wie er es möchte. Und seinen Vater besucht er „oben“, wenn er Lust darauf hat.

Helmer hat keine Familie, die Nachbarsfrau und ihre beiden Söhne dienen hier ein wenig als Ersatz. Aber im Großen und Ganzen ist es ein eintöniges und einsames Leben, das Helmer führt. Keine Familie, keine Freunde, keine Bekannten. Nur das Versorgen der Tiere, tagein, tagaus, besonders der Einzigen, die ihm wirklich selbst gehören, seine beiden Esel. Die namenlos sind.

In Rückblenden entspannt sich nun Helmers Lebenslauf, vor allem angespornt durch einen unerwarteten Brief: Er soll den jungen Henk bei sich aufnehmen, da seine Mutter nicht mehr mit zurechtkommt. Der junge Mann wirbelt sein Leben ziemlich durcheinander und zwingt ihn, sich Fragen zu stellen, die er vielleicht viel früher hätte stellen sollen… und er gelangt zu Antworten, für die es nun vielleicht zu spät ist.

Oben ist es still ist ein ruhiger Roman, der nicht von der aufregenden Handlung, sondern von dem kargen Tableau lebt, das Bakker entwirft. Ein beschränktes Setting, eine kleine Anzahl an Personal – und so viele große Fragen. Vieles bleibt angedeutet, unausgesprochen, ungewiss – ein Leben wird reflektiert, das andere vielleicht schon längst hätte verzweifeln lassen. Aber was ist das Rezept zum Glück, was ist das Glück, groß oder klein, und bis wann muss man es erlebt haben?

In Jasper und sein Knecht schreibt Bakker auch über diesen Roman, und ich bin mit mehr Wissen in die Lektüre gegangen, als mir eigentlich zugestanden hätte. So war vieles nicht ganz so offen, wie es dem Roman zugedacht war, da Bakker über die gestrichenen Szenen spricht und über das Ende. Ich bin froh, dass es so war, ich hätte mit den Andeutungen leben können, aber mit der Szene im Kopf war doch einiges klarer. oben-ist-es-still

Ein Roman, eine Art Tagebuch – Bakker von zwei Seiten. Er ist kein fröhlicher Schriftsteller, kein reißerischer, kein Mann der schnellen Handlung (zumindest erwarte ich bei seinen anderen Romanen nicht das Gegenteil), er ist ein Schriftsteller des Details und der Atmosphäre. Hier fühle ich mich abgeholt und aufgehoben, und ich könnte ewig weiterlesen. Sein Stil liegt bestimmt nicht jedermann, aber bei mir trifft er ins Schwarze. Ich liebe seine Art zu schreiben, und ich hoffe, dass er doch noch weitere Romane in Angriff nimmt. Derweil werde ich mit der Zeit seine anderen Bücher erkunden und freue mich schon sehr darauf.

Oben ist es still wurde unter dem englischen Titel „The Twin“ verfilmt.

Weitere Besprechungen gibt es bei buchpost und ZeichenundZeiten und im Bücherwurmloch.

Gerbrand Bakker: Oben ist es still. Aus dem Niederländischen von Andreas Ecke. Suhrkamp Verlang Frankfurt am Main, 2008. OA: Boven is het stil. Uitgeverij Cossee BV, Amsterdam, 2006. 316 Seiten.

Buch #66: Kazuo Ishiguro – Alles, was wir geben mussten

Vor dem Lesen dieser Rezension: Sie enthält Spoiler und könnte eventuell die Leselust auf den Roman verderben.

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Tja, nun. Selten habe ich mich so schwer getan, etwas über einen Roman zu schreiben. Vor allem, da ich nach der Lektüre von Was vom Tage übrig blieb sehr gespannt auf dieses Buch war, dessen Verfilmung ja auch eher positiv besprochen wurde. Zudem eine Dystopie, was konnte also groß schiefgehen? Nun, so ziemlich alles.

Die Geschichte in Alles, was wir geben mussten wird von Kathy B. erzählt, einer, wie anzunehmen ist, jungen Frau, die in einem Internat aufwuchs. Sie erzählt von dieser Zeit und ihrem täglichen Leben dort, von der Schule und von ihren Freunden, insbesondere von Ruth und Tommy. Kathy und Ruth sind beste Freundinnen, Tommy ist ein jähzorniger Junge, der sich aber im Laufe der Zeit fängt und mit Ruth zusammenkommt.

Kathy erzählt von ihrer Kindheit und Jugend in dem Institut, Hailsham, von ihren „Aufsehern“, von ihren Tauschmärkten, auf denen sie ihre eigenen „Kunstwerke“ gegen andere tauschen, von „Madame“, die regelmäßig vorbeikommt und „Kunstwerke“ für ihre Galerie mitnimmt. Sie wundern sich darüber, bekommen sie doch keinen Gegenwert, und Madame ist ihnen auch unheimlich, sieht sie sie doch eher an, als seien sie wilde Tiere.

Im Laufe der Erzählung gibt es also einen kleinen Hinweis nach dem anderen, aber es dauert sehr lange, bis der Leser weiß, was los ist. Der Roman ist in drei Teile geteilt, der erste erzählt von der Schulzeit, der zweite von der Zeit danach, und der dritte dürfte Kathys unmittelbare Vergangenheit darstellen. Langsam, sehr langsam entziffert sich der Leser also, was Kathy sagen will, nämlich dass sie alle Klone sind, die nur dem Zweck dienen sollen, ihre Organe zu spenden. Diese Spenden erfolgen anscheinend Stück für Stück, wobei manche nach der zweiten „abschließen“, manche bis zur vierten durchhalten, wonach ihnen alle bleibenden Organe entnommen werden und sie dann „abschließen“.

Nun braucht man aber nicht zu denken, dass irgendeiner der Klone damit größere Probleme zu haben scheint. Sie nehmen alles hin, wie es ist, und tun das, was sie tun sollen. Gerade Kathy ist sehr ergeben, nicht nur ihrer Zukunft, sondern ihrer ganzen Welt gegenüber. Ihr Erzählstil ist äußerst ruhig, emotionslos, wie ein Bericht. Und so berichtet sie, wie sie Ruth und Tommy hilft, wie sie sie wieder zusammenbringt, wie sie emotionale Momente mit Tommy verbringt, aber auch, wie sie nie etwas sagt, bis Ruth den beiden schließlich die Erlaubnis gibt, zusammen zu sein, sehr spät erst allerdings, als Tommy schon angefangen hat zu spenden. Nun ja, dann haben sie halt dann eine schöne Zeit.

Ebensowenig stellt Kathy jemals eine Frage zu ihrer „Aufgabe“. Sicher, sie wundern sich alle, wissen unterbewußt, dass mit ihnen etwas anders ist, aber sie graben lieber nicht zu tief. Zufällige Bemerkungen ihrer „Aufseher“ werden zwar registriert, aber nicht weiter hinterfragt. Als sie aus der Schule entlassen werden, erfahren sie gerüchteweise, dass Paare, die nachweisen können, dass sie sich wirklich lieben (wie auch immer das funktionieren soll), sich zurückstellen lassen können. Aber auch da forschen sie nie nach, bis Ruth ihnen sagt, sie sollen es tun. Auch das wieder viel später. Als sie dann schließlich hinter einige Geheimnisse von Hailsham kommen, auch das eher zufällig, wissen sie zwar mehr, nehmen aber auch das hin.

So ist dies ein Roman über „Schafe“, die sich willig zur Schlachtbank führen lassen, im wahrsten Sinne des Wortes. Denn die Organspende wird hier in diesem Sinne dargestellt. Ich weiß allerdings beim besten Willen nicht, warum man ihnen ein Organ nach dem anderen entnimmt und sie sich dann erholen lässt, wobei, wenn man es so betrachten wollte, es sicherlich besser wäre, wenn schon, dann alle auf einmal zu entnehmen und den Körper keiner Regeneration auszusetzen, zumal es ja auch nicht lange weitergehen kann und dann doch alle entnommen werden.

So hat diese ganze Sache natürlich einen Beigeschmack, der sich, wie ich mir vorstelle, doch in dem einen oder anderen Kopf festsetzt und Menschen davon abhält, einen Ausweis auszufüllen. Als ein Mensch, der in unmittelbarem Umfeld eine Spende miterlebt hat, kann ich das absolut nicht nachvollziehen. Ich habe den Ausweis, seit ich 18 bin, und wenn ich tot bin, können sie gerne alles von mir haben, ich brauche es dann nicht mehr. Aber andere Menschen schon. Andere Menschen können dann weiterleben. Andere Menschen können bei ihren Familien bleiben, oder welche gründen, oder ihre Leben weiterleben. Würden mehr Menschen so denken, bräuchte man sich über solche Szenarien keine Gedanken zu machen. So einfach ist das.

Ich habe, als ich das Buch zuschlug, andere Meinungen darüber gelesen, weil ich so unglaublich erzürnt war und wissen wollte, wie es ankam (tatsächlich hauptsächlich positiv). Viele sprechen von einer Parabel auf die Gesellschaft, die Menschen, die sich nicht wehren, die ihr Leben tagein, tagaus leben ohne eine Nachfrage. Das mag ja sein, aber ich bezweifle, dass diese Menschen das Buch erreicht und sie aufrüttelt. Oder geht es vielmehr darum, dass Gentechnik die Ausgeburt der Hölle ist? Dass aber gezeigt werden soll, dass Klone auch menschliche Menschen sind, und man sich deshalb viele Gedanken darüber machen sollte, ob man sie erschafft? Geschenkt. Ich weiß wirklich nicht, was ich über diesen Roman sagen soll, außer, dass ich es für eine riesige Zeitverschwendung halte, dieses Manifest des Übersichergehenlassens zu lesen, und für eine riesige Unverschämtheit, das vor einem Thema auszubreiten, das Menschen davon abhalten könnte, Menschenleben zu retten.

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Das einzig Gute war, dass ich bemerkt habe, dass ich nach meinem Umzug keinen aktuellen Ausweis mehr hatte. Man bekommt sie beim Arzt, in Apotheken, beim Blutspenden, als Download.

Und wenn Ishiguro Eindruck hätte machen wollen, hätte er eine Heldin kreieren sollen, die um sich, ihr Leben, ihre Liebe kämpft, damit man beim Zuschlagen des Buches wenigstens nicht das Gefühl hat, in einen dumpfen Wattebausch gesteckt worden zu sein, und sich feste schütteln will, damit irgendene Bewegung entsteht. Wie gesagt, mir ist klar, dass viele viele Leser diesen Roman für unglaublich gut und unglaublich weise halten, aber ich weiß nicht warum. Und, mich wird auch keiner vom Gegenteil überzeugen können, deswegen bitte ich darum, mir dies zu ersparen.

Kazuo Ishiguro: Alles, was wir geben mussten. Aus dem Englischen von Barbara Schaden. Wilhelm Heyne Verlag, München. Verlagsgruppe Random House. 2016. OA: Never let me go. Faber and Faber Ltd., London. 349 Seiten.

Ich danke Random House für das Rezensionexemplar.

Nederlandstalig! Gerbrand Bakker – Jasper und sein Knecht

„Ich habe eine Theorie. Psychologen und Psychiater werden mich bestimmt tüchtig auslachen. Sie lautet, dass es grob gesagt zwei Arten von Depressiven gibt. Die Ängstlichen und die Ich-leg-mich-ins-Bett-und-steh-nie-wieder-auf-Depressiven. Die Ängstlichen leiden öfter an allerlei »Begleiterscheinungen« wie Zwangsgedanken, Phobien und noch viel mehr. Sie wollen von dieser Angst befreit sein, sie wollen keine Zwangsgedanken haben, sie wollen nicht immer leise gegen ein unsichtbares Etwas kämpfen müssen.“ (S. 270)

Gerbrand Bakker hat mit Jasper und sein Knecht ein sehr persönliches Buch geschrieben, eine Art Tagebuch, das etwas mehr als ein Jahr in seinem Leben erfasst und am 3. Dezember 2014 beginnt. Bakker ist ein niederländischer Schriftsteller, der mit seinem Debütroman Oben ist es still und den darauf folgenden große Erfolge feiern konnte. jasper

Nun hat er sich ein Haus in der Eifel gekauft, ein altes Haus, an dem es eine Menge zu tun gibt. Außerdem hat er sich einen Hund zugelegt, Jasper, ein Findelkind von der Insel Thassos. Und so leben die beiden nun in dem Haus und versuchen, gemeinsam zurecht zu kommen. Dies ist oft nicht einfach, Bakker hat keine Ahnung, was Jasper in seinem früheren Leben erlebt hat, und der Hund hat einige merkwürdige und schwierige Eigenheiten, ebenso wie sein Herrchen.

Und wie das Haus. Vieles wird renoviert oder umgebaut, und vor allem der Garten ist Bakkers Leidenschaft, mit seiner Vogelfutterstelle. Vor den Romanen hat er schon ethnologische Bücher geschrieben, er kennt sich also aus und liebt es, die Vögel in seinem Garten zu beobachten, kann auch ganz freudig aufgeregt werden, wenn seltene Besucher vorbeischauen.

In Jasper und sein Knecht schildert Bakker nun sein Leben in diesem Jahr, sein Leben in der Eifel, in seinem zweiten Haus in Amsterdam (man hat ja Verpflichtungen als Autor), in seiner Umgebung mit den Menschen in ihr. Dies tut er in einer ganz speziellen, unaufgeregten Art. So beschreibt er etwas, das geschehen ist, und von dort lässt er seine Gedanken schweifen… zu seiner Jugend, seiner Familie, den Dingen, die sein Leben geprägt haben.

Und so entsteht ein ganz intimes Portrait eines Mannes, der Schwierigkeiten hat, und lange Zeit nicht wusste, was das ist, was ihn quält, wie er damit umgehen soll, was er dagegen tun kann. Er stand immer außerhalb, sah den anderen Menschen zu, unfähig, teilzuhaben. Und unfähig, diese Unfähigkeit zu benennen. Bis es irgendwann klar ist, was viel und genauso nicht viel nützt, da es nie weggehen wird. Man kann nur damit leben.

Dies alles ist aber keineswegs eine deprimierende oder depressive Lektüre. Sie ist ehrlich, manchmal heiter, manchmal melancholisch, und sehr erhellend. Hier gibt jemand seinen Lesern zu verstehen, wie es ist, und ich denke mir, dass er entweder erreicht, dass Menschen, die ähnliche Probleme haben, fühlen, dass sie vielleicht nicht die einzigen sind mit den schwarzen Strudeln und dem immerwährenden Kampf. Oder dass Menschen, die es nicht kennen, sich ein wenig einfühlen können, es ein wenig nachvollziehen können, verstehen können, wie es diesen Menschen geht.

Wem das noch nicht genug ist: Neben wundervollen Naturbeschreibungen, in denen seine Liebe für Flora und Fauna offensichtlich wird, ist Bakker in seinem Buch radikal ehrlich, und das beinhaltet nicht nur seine Befindlichkeiten zu sich selbst oder seinem nächsten Umfeld, sondern auch seine Gedanken über Gott und die Welt, genauer gesagt, z. B. den Literaturbetrieb in den Niederlanden und im Allgemeinen, seine Landsleute, seine neuen Landsleute, Meinungen zu Fernsehsendungen und Artikeln und dergleichen mehr. Und das sind keineswegs immer freundliche Gedanken. Ich frage mich, mit wem er alles Ärger bekommen hat, auch wenn das Lesen diebische Freude bereitet.

Vielleicht sollte er dies in einem nächsten Buch, das vielleicht das Jahr 2016 bzw. nun 2017 umfasst, niederschreiben. Ich könnte jedenfalls ewig weiterlesen, und bin Gerbrand Bakker sehr dankbar für viele neue Gedanken, die sehr tröstend waren. Dies ist eine Liebeserklärung an ein Buch, das eines meines beiden Highlights im vergangenen Jahr war, und bestimmt noch lange, lange Zeit bleiben wird.

Gerbrand Bakker: Jasper und sein Knecht. Aus dem Niederländischen von Andreas Ecke. Suhrkamp Verlag Berlin 2016. OA: Jasper en zijn knecht, De Arbeiderspers, Amsterdam 2016. 446 Seiten.

Vielen Dank an den Suhrkamp Verlag für das Rezensionsexemplar.

Weitere Besprechungen gibt es bei literaturleuchtet und Herrn Hund und ZeichenundZeiten.

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Bild: suhrkamp.de

Gerbrand Bakker wurde am 28. April 1962 in Wieringerwaard geboren. Er studierte Sozialwissenschaften in Leeuwarden, und Sprach- und Literaturwissenschaft in Amsterdam, außerdem hat er ein Diplom als Gärtner. Sein erstes Buch war ein Jugendbuch, Birnbäume blühen weiß. Mit seinem ersten Roman, Oben ist es still (2006) gelang ihm der Durchbruch. Seither hat er noch drei Romane und Jasper und sein Knecht veröffentlicht. Er hat zahlreiche Preise erhalten, unter anderem den hochdotierten IMPAC Dublin Literary Award.

Nederlandstalig! Marcel Möring – Im Wald

Marcus Kolpa, den wir bereits aus Der nächtige Ort kennen, hat inzwischen seine große Liebe Chaja geheiratet und mit ihr eine Tochter, Rebecca, bekommen. Doch als Rebecca ein halbes Jahr alt ist, verschwindet Chaja spurlos, von einem Tag auf den anderen ist sie weg.

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Foto: unsplash.com

Als nach Jahren immer noch kein Lebenszeichen von ihr aufgetaucht ist, entschließt sich Marcus, mit seiner Tochter fortzuziehen. Er hat einen sehr erfolgreichen Roman geschrieben, weswegen er sich jetzt eine Art Burg auf einem Hügel – oder Berg, wie die Holländer sagen – leisten kann. Ein großes, düsteres Haus, auf einem Hügel im Wald gelegen, weit weg von allen und jedem. Das ist, was ihm vorschwebt, weg von der Welt, in die Einsamkeit. Die einzige Person, die sie täglich sehen, ist Frau Sanders, die Haushälterin, die eine wichtige Bezugsperson für Rebecca darstellt.

Marcus hingegen schottet sich vollkommen von der Welt ab. Er kann nicht verstehen, was passiert ist, mit Chaja, warum sie so plötzlich spurlos verschwand, und er kann es nicht akzeptieren. Die einzige, die ihn aus seiner eigenen Welt holen kann, ist Rebecca. Als sie zur Schule gehen soll, beschließt sie, es nicht zu tun, weswegen Marcus sie zu Hause unterrichtet, und in diesen Jahren bilden die beiden eine unzertrennliche Einheit.

Doch Rebecca entwickelt früh eine starke, unabhängige Persönlichkeit, Künstlerin will sie sein, und das riesige Haus bietet ihr genug Platz, ihre ersten Versuche zu machen. Ebenso wie der große Wald um sie herum ihr große Freiheit und Selbständigkeit bietet, so dass sie früh unabhängig, aber doch immer noch in einer Einheit mit ihrem Vater lebt.

im-waldAls Rebecca zur Kunstschule geht, stirbt Marcus‘ Mutter. Diese Frau, die immer so weit von ihm entfernt war und vor Jahren nach Israel ging, wirft eine Menge neuer Fragen auf. Und von hier an fängt Marcus‘ so mühsam in festen Bahnen und Riten gehaltenes Leben zu schwanken…

Marcus Kolpa ist eine Grüblerfigur. Er ist sehr gebildet und intelligent, aber all dies hilft ihm nicht, sein Schicksal zu verstehen. Er wendet sein ganzes erworbenes Weltwissen an, testet es, verwirft es, kommt einen Schritt weiter, geht zwei zurück. Er hat nur einige armselige Puzzlestückchen, aus denen sich beim besten Willen kein Bild erkennen lässt, aber er bemüht sich, ein Bild entstehen zu lassen.

Wie weit er zurückgehen muss und wo er letztlich fündig wird, lässt Marcel Möring den Leser hier miterleben. Auch wir bekommen nur Puzzlestückchen, und da der Roman aus Marcus‘ Perspektive geschrieben ist, sind es eingefärbte Stückchen. Im Wald ist kein Spannungsroman, es ist ein verkopfter Roman. Und das habe ich sehr gemocht. Wir haben einen gebildeten, klugen Mann, zu gebildet, klug und verkopft, als es für ihn gut ist, und wir haben ein Schicksal, das mit allem auf ihn eingedroschen hat, ohne ihm die Vorlagen zu geben.

Seine Routine, die er für seine Tochter entwickelt, und die Fürsorge für sie sind oft das Einzige, das ihn dazu bringt, weiterzumachen. Ich habe ihn gemocht, auch wenn er oft in seinen Routinen erstickt, stillsteht, zaudert… Das Schicksal holt sich letztlich doch, was es haben will, oder?

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Marcel Möring, Bild: mustreads.nl

Marcel Möring hat mich bisher immer begeistern können, mit seiner Klugheit, seiner hervorragenden Sprache, aber vor allem mit der Stimmung, die er immer zu kreieren weiß. Seine Bücher lassen einen ganz tief in seine Welt eintauchen, sie sind nicht actionlastig, aber entwickeln einen Sog, und mir persönlich haben seine Figuren bisher immer gut gelegen. Er gibt Denkanstöße, lässt seine Figuren Weltbilder anprobieren und verwerfen, verzweifeln und hoffen, und der Leser ist gefangen in seinem Bann.

Und ich bin gespannt auf den dritten Teil der Trilogie.

Marcel Möring: Im Wald. Aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen. Luchterhand Literaturverlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, 2014. OA: Louteringsberg, De Bezige Bij, Amsterdam 2011.

Ich bedanke mich bei Random House für das Rezensionsexemplar.

Nederlandstalig! Leon de Winter – Geronimo

flagge„Kill or capture“ ist der Auftrag des ST6, des Seals Team Six, in Bezug auf UBL, wie Usama Bin Laden von ihnen genannt wird. Gemeint ist hier aber kill, capture steht außer Frage.

Was soll auch mit diesem Menschen geschehen, der für soviel Unheil gesorgt hat? Soll er an Ground Zero vor Gericht gestellt werden? Soll er in einem Käfig ausgestellt werden, als lebendiger Teufel? Was soll man mit ihm tun? Das fragt sich auch ST6, die sich dennoch wundern: Warum sollte man alles Wissen, das sich in UBLs Gehirn befindet, einfach aufgeben? Warum nicht capture?

Was ST6 nicht weiß, ist, dass UBL belastendes Material gegen Barack Obama hat. Das nie das Licht der Öffentlichkeit erblicken darf. Und aus diesem Unwissen heraus schmieden die Seals einen anderen Plan: capture.

Bild: diogenes.chBei diesem Pläneschmieden ist auch Tom Johnson anwesend, der lange bei der Special Operations Group der CIA tätig war, bevor er schwer verwundet wurde. Große Teile des Romans werden aus seiner Perspektive erzählt, denn Tom ist ein Dreh- und Angelpunkt der Geschichte. Hier nimmt er an diesem Gespräch teil. Vor seiner Verwundung in Afghanistan lernte er Apata kennen, ein junges afghanisches Mädchen, das zu einem Tochterersatz für ihn wurde, da er seine Tochter verloren hat. Und auf der Suche nach ihr begegnet er Jabbar.

Er führt Apata in die Welt der Musik ein, genauer in die Welt Bachs. Es entwickelt sich eine Beziehung zwischen ihnen, deren Grundlage die Liebe zur Musik ist. Diese Liebe wird jedoch Apatas Untergang: Es ist verboten, vor allem für ein Mädchen, solche Musik zu hören. Die Taliban üben die volle Macht ihrer Gesetze an ihr aus.

Als Bettlerin, die sie nun ist, berührt sie andere Leben. Unter anderem das von Jabbar und seiner Mutter, die sich ihrer annehmen. Und das von UBL. Dieser hockt nämlich nicht ausschließlich in seinem Bunker von einem Haus, sondern begibt sich auf nächtliche Streiffahrten, verkleidet, unerkannt. Er wird zum Menschen, der seine Frauen liebt, der Eis für sie kauft, und der, als er bemerkt, dass Apata ihn erkannt hat, doch eine menschliche Seite zeigt…

„Geronimo“ ist das Codewort der Navy Seals, das besagen sollte, dass sie Bin Laden gefunden haben. Jeder kennt das Bild, auf dem Obama und Clinton zu sehen sind, als die Operation durchgeführt wurde, das, auf dem Hillary die Hand vor dem Mund hält, schockiert. Bin Laden ist tot, das verkündete Obama später in seiner Rede. De Winter fügt nun den Verschwörungstheorien, die sich um diesen Tag ranken, eine weitere hinzu: Was, wenn UBL nicht tot ist? Was, wenn er gefangen wurde?

Von diesem Ausgangspunkt aus entwickelt er eine Geschichte, die sich wie ein Thriller liest; man kann den Roman kaum aus der Hand legen. Die Geschichte wird kapitelweise zu den Personen erzählt, immer ein Stückchen mehr, und nach und nach ergeben sich die verschiedenen Verbindungen. Die handelnden Personen sind alle in eine große Verschwörung verwickelt, und diese Verwicklungen verlangen einen hohen Preis.

Die Erzählperspektive ist mir nicht immer klar gewesen, erzählt Tom nun die Geschichte, und wenn ja, woher hat er die Möglichkeit, als allwissender Erzähler aufzutreten? Oder erzählt er nur Teile, und die anderen Teile erzählt – wer? Davon abgesehen hat De Winter wieder tief in die Trickkiste gegriffen: Ein was-wäre-wenn-Szenario, das spannender nicht sein könnte. Dieses Buch gleicht einer rasanten Achterbahnfahrt, die Höhen der rasanten Erzählung wechseln sich mit zutiefst menschlichen Schicksalen ab, um dann wieder zum nächsten Höhepunkt hinaufzuklettern.

Man legt den Roman überwältigt aus der Hand, überwältigt von diesem Szenario, das so gekonnt erzählt ist, dass es einem durchaus möglich erscheint. Überwältigt aber auch von den Schicksalen der Menschen, die in diese Geschichte hineingezogen werden. Und davon, wie sehr dieser irre Krieg und die Terroranschläge überall in Leben eingreifen, sie zerstören, Hass schüren. Und manchmal auch Hoffnung bringen. Hoffnung auf ungewöhnliche Freundschaften, ein besseres Leben, auf Verständnis des anderen.

Leon de Winter: Geronimo. Aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers. Diogenes Verlag, Zürich 2016. OA: Geronimo. De Bezige Bij, Amsterdam 2015.

Ich danke dem Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar.

Mehr zu Leon de Winter und weitere Romane gibt es hier.

Nederlandstalig! Niña Weijers – Die Konsequenzen

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„Schreibt man über diesen Roman, klingt es nach Schwerarbeit. Liest man ihn, ist es ganz leicht. Also lesen Sie.“

Diese Worte von Cees Nooteboom sind absolut gerechtfertigt. Es ist nicht leicht, darüber zu schreiben. Dieser Roman über Minnie Panis, Ende zwanzig, Künstlerin, hat so viele Facetten und Wendungen, dass ein Bericht über ihn immer unzureichend wäre.

Minnie Panis ist Künstlerin, „weil man sie als solche bezeichnet“. Sie ist Ende zwanzig und hat schon mehrere erfolgreiche Projekte hinter sich. Diese drehen sich zumeist darum, wie ihr Leben mit der Kunst verschmilzt. Ihre Kunstwerke schocken die Leute, und jeder kann etwas von sich darin sehen. Denn sie sind so persönlich, wie sie nur sein können; Minnie Panis stellt sich selbst in ihren Mittelpunkt und geht an ihre äußersten Grenzen dafür.

Bild: suhrkamp.de

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Und diese erreicht sie auch. Oft ist sie kurz davor, in ihrer Kunst zu verschwinden. Manchmal ist sie selber die Kunst. Ständig reflektiert sie darüber und lässt den Leser daran teilhaben. So wird auch er in ihre Kunst hineingezogen, kann sich ihr nicht entziehen, will das gar nicht.

Nun steht sie vor einem neuen Projekt. Sie will sich heimlich überwachen lassen, weiß aber nicht, ob und wann das wirklich geschieht, und achtet demnach immer darauf. Die Frage entsteht, wer wen überwacht. Und so zieht sich der Bogen zu einem der aktuellsten Themen unserer Zeit: die heimliche und ständige Überwachung, die Aufzeichnung unser aller Leben, die da ist und auch nicht, die man nicht unmittelbar spürt oder sieht.

In diese Geschichte hineingeflochten ist Minnies Lebenslauf. Sie kam viel zu früh auf die Welt und wurde sofort mit der ständigen Überwachung konfrontiert. Da sie ein zartes und auch merkwürdiges Kind war, änderte sich daran nie etwas – immer war sie „überwacht“.

Nun steht sie also vor diesem großen Projekt, und sie bekommt einen Brief – gerade, als etwas Einschneidendes in ihrem Leben passiert, das dieses für immer verändern soll…

Dieser kurze Überblick wird dem Roman in keiner Weise gerecht. Er handelt grob von der Story, aber er beschreibt nicht, wie intensiv sich Minnie mit ihrem Leben und seiner Zurschaustellung auseinandersetzt. Oder ihre Gedanken darüber, ob Leben und Kunst verschmelzen können, oder ob das Leben nicht im Grunde ein einziger Performanceact ist. Oder die vielen Denkanstöße, die sie gibt.

Ganz zu schweigen davon, dass der Roman in eine Welt einführt, die zumindest dieser Leserin unbekannt ist: Die Kunstwelt, mit ihren skurrilen Charakteren und Ritualen, mit ihrer Suche nach etwas, man möchte es etwas „Echtes“ nennen, und ob dies dann Kunst sein kann. Dann führt er auch in eine andere Richtung, mit der ich nicht so viel anfangen kann, aber an die viele Menschen glauben, und der Leser kann für sich selbst entscheiden, ob er das annehmen möchte oder nicht.

Wie man meiner Leseliste entnehmen kann, bin ich nicht der größte Fan neuer Literatur, ich stehe ihr eher skeptisch gegenüber. Doch dieser Roman hat mich tief beeindruckt hinterlassen, und deswegen möchte ich gerne die Worte Cees Nootebooms aufgreifen: Also lesen Sie.

Lesen Sie diesen Roman und lassen Sie sich von dieser jungen Protagonistin und ihrer Geschichte überzeugen. Ich bin sicher, ich bin nicht die Einzige, die sehr glücklich ist, sie kennengelernt zu haben. Genießen Sie die Intensität, mit der Niña Weijers zu schreiben weiß, wie sie Ereignisse und vor allem Begegnungen zu beschreiben weiß, so dass man sich zum Beispiel dabei erwischt, Marina Abramović in die Augen zu schauen und an einem Kunstprojekt teilzunehmen.

Niña Weijers: Die Konsquenzen. Aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen. Suhrkamp Verlag Berlin 2016. OA: De consequenties. Uitgeverij Atlas Contact, Amsterdam 2014. 359 Seiten.

Ich danke dem Suhrkamp Verlag für das Rezensionsexemplar. Ein Video mit der Autorin Lesungstermine findet man auf der Verlagsseite.

Niña Weijers wurde 1987 in Nijmegen geboren. Sie studierte Literaturwissenschaften in Amsterdam und Dublin. Sie

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gewann 2010 den Schreibwettbewerb Write Now! Ihr Debütroman De consequenties gewann mehrere Literaturpreise, 2015 stand er auf der Shortlist für den Libris-Literaturpreis. Niña Weijers schreibt Kolumnen und rezensiert Bücher für De Groene Amsterdammer, bei De Gids arbeitet sie als Redakteurin.