Bernhard Schlink – Olga

Als ich in der Vorschau den Klappentext zu diesem Roman las, wurde ich neugierig und bestellte ein Exemplar. Ich habe gedacht, es komme eine Geschichte von zwei Menschen, die im letzten Jahrhundert spielt und wie dieses Jahrhundert ihnen mitspielte und wie sie sich gemeinsam durchschlugen. Meine Erwartungen wurden nicht erfüllt.

Denn ich bekam eine vollkommen andere Geschichte als die erwartete. Schlink erzählt in Olga von einer Frau, die in eine schwierige Zeit geboren wird. Als Waise wächst sie bei ihrer Großmutter auf, die keine Liebe für sie hat. Ihre einzigen Freunde sind Herbert und Viktoria, großbürgerlich, die als Kinderfreunde ein Teil ihres Lebens werden, im Aufwachsen jedoch getrennte Wege gehen: Viktoria begibt sich vollkommen in ihren Stand, Herbert verliebt sich in Olga und möchte sie heiraten. Doch die Eltern verbieten es.

Gegen alle Widerstände geht Olga ans Lehrerinnenseminar und bekommt bald eine Stelle an ihrer alten Dorfschule. Von Viktoria verleumdet, von Herbert geliebt, baut sie sich ein Leben auf. Herbert liebt sie, aber er hat keine Ruhe, sich niederzulassen, er will die Welt sehen. Und so beginnen seine zahlreichen Reisen, die ihn immer weiter von Olga fort und doch immer wieder zu ihr zurück bringen. Bis er eines Tages nicht zurückkommt.

Olga gibt die Hoffnung nicht auf, auch als eine Bergungsexpedition nach der anderen zurückkehrt. Sie richtet sich in ihrem Leben ein, gewinnt neue Freunde, vor allem einen kleinen Nachbarsjungen namens Eik. Sie erzählt ihm von Herberts Abenteuern, und wie dieser die ganze Welt erobern wollte. Dabei wollte Olga immer nur eine kleine Welt, eine Welt für sich und Herbert. Sie schuf ein Heim, in das er zurückkehren konnte, unterstützte ihn aber auch in seinen Plänen, da sie ihn liebte.

Ja, Herbert, der gutmütige Herbert, er liebt Olga. Und er ist einer der größten Einfaltspinsel, von denen ich je las. Seine Träume von der großdeutschen Herrlichkeit, von Weite und Ruhm sind ein einziger Humbug. Olga jedoch liebt ihn und ist so froh, wenn er wieder einmal zu ihr zurückkehrt, dass sie keine Fragen stellt. Auch lange nach seinem Verschwinden nicht. Und so vergeht der Erste Weltkrieg, die Jahre dazwischen, bis der Zweite Weltkrieg sie schließlich zwingt, nach Süddeutschland zu fliehen.

Sie ist taub geworden und arbeitet nun als Näherin. So wird sie zur Verbündeten eines anderen kleinen Jungen, der ihre Hilfe braucht und bekommt. Sie wird für ihn zur wichtigsten Ansprechperson, die sein Leben nicht unwesentlich formt…

Dies alles hört sich bruchstückhaft an, aber ich wollte genügend Leerstellen lassen, damit sich potentielle Leser finden und diesen Roman ebenso lieben lernen wie ich nun. Denn als ich mich erstmal von meinen Erwartungen verabschiedet hatte (ja, es dauerte eine Weile), konnte ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen und las atemlos weiter, fast in einem durch.

Denn Schlink hat der Erzählerstimme eine große Zartheit in seinem Bericht über Olga gegeben, sehr viel Liebe hineingelegt. Der Erzähler berichtet in Etappen von Olga, von ihrem Leben mit Herbert und wie es vor den Kriegen war, und ihrem anderen Leben danach. Ergänzend werden am Ende Briefe von Olga an Herbert eingebracht, die einige Lücken füllen. Und so entfaltet sich nach und nach der Lebensbericht über eine außergewöhnliche Frau, die nie im Rampenlicht stand und nie Großes entdeckt oder vollbracht hat.

Die aber eine erstaunliche Emanzipation vollzieht. Und auch wenn ich mir etwas mehr Geschichte und die beiden letzten Seiten hinweggewünscht hätte, bleibt mir nur zu sagen: Olga ist keine strahlende Heldin, sie ist eine stille, im Hintergrund leuchtende Heldin. Oder nein, eher so: strahlt sie vielleicht nicht vor der Geschichte, so strahlt sie im Leben des Erzählers. Und nun auch in meinem.

Bernhard Schlink: Olga. Diogenes Verlag AG Zürich, 2018. 311 Seiten.

Ich dank dem Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar.

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Haruki Murakami – Die Ermordung des Commendatore I – Eine Idee erscheint

Es ist ein offenes Geheimnis, dass ich einer der zahlreichen Murakami-Verehrer bin und deshalb sofort seinen neuen Roman verschlingen musste (meine Rezension ist etwas spät, da bei Erscheinen jeder darüber schrieb). Also, der neue Roman, erster Teil von zweien, in wunderschöner Aufmachung, zog mich mit diesen Zeilen

„Als ich heute nach einem kurzen Mittagsschlaf erwachte, sah ich den „Mann ohne Gesicht“ vor mir. Er saß auf einem Stuhl gegenüber dem Sofa, auf dem ich geschlafen hatte, und blickte mich aus seinen nicht vorhandenen Augen an.“ (S.7)

sofort in seinen Bann. Wieder einmal ist es ein namenloser Ich-Erzähler, der hier seine Geschichte mit uns teilt. Er ist Maler und wurde gerade von seiner Frau verlassen. Daraufhin packt er seine Sachen und fährt kreuz und quer durch Japan, ziellos, so wenig Kontakt zur Außenwelt eingehend wie möglich.

Schließlich ruft er einen alten Malerfreund an, der ihm eine Hütte in den Bergen anbietet. Es ist eine schlichte Behausung, die seinem Vater gehört hat, der nun in einem Heim lebt. Dieser war ein bekannter Maler, der mit seiner Interpretation des japanischen Nihonga-Stils Berühmtheit erlangt hatte.

Der Ich-Erzähler hingegen ist Porträt-Maler, hauptsächlich porträtiert er höhergestellte Personen in Firmen. Seine Werke sind sehr beliebt, versteht er es doch, die Essenzen der Personen einzufangen. Er betrachtet es jedoch mehr als Handwerk, das seine Miete zahlt, denn als Kunst. Eines Tages bekommt er in seiner selbstgewählten Einsamkeit jedoch einen neuen Auftrag: er soll den geheimnisvollen Menshiki porträtieren, und dafür großzügig entlohnt werden.

Dann findet der Erzähler ein Bild auf dem Dachboden, das der alte Maler dort versteckt haben musste. Es heißt „Die Ermordung des Commendatore“ und ist so ganz anders als die anderen Werke des Meisters. Der Ich-Erzähler verbringt viele Stunden mit dem Bild, kann sich jedoch keinen Reim darauf machen.

Und so beginnt die Murakami-typische Sogentfaltung – ein Mensch, der eigentlich nur in Ruhe vor sich hinleben und seine Wunden lecken möchte, wird in allerhand merkwürdige und unerklärliche Situationen hineingezogen. Und da dies erst Teil 1 der Geschichte ist, bleibt der Leser mit noch mehr Fragen als Antworten zurück, als er es bei Murakami gewohnt ist…

Wer kein Murakami-Fan ist, wird auch mit diesem Roman nicht in sein Werk finden. Wer jedoch etwas für magischen Realismus übrig hat und diese besondere Verbindung von japanischer und westlicher Welt liebt, wird auch hier voll auf seine Kosten kommen. Ich würde den Roman als „typischen Murakami“ bezeichnen, in dem er viele von seinen Motiven aufgreift (wenn auch nicht alle). Dennoch ist er vielleicht leichter zugänglich als z.B. Hardboiled Wonderland  oder IQ84, in denen die erschaffenen Welten viel komplexer sind.

Wie immer ist es die ruhige Erzählweise in seiner hervorragenden Sprache (bzw. Ursula Gräfes wie immer hervorragende Übersetzung und Übertragung), die die Geschichte zu etwas Besonderem macht. Wieder erschafft er Charaktere, die so geheimnisvoll sind, dass man unbedingt mehr wissen will, und dann wirft er seinen Protagonisten in eine Situation, in der niemand wissen kann, wie er damit umgehen soll.

Ich bin gespannt, wie es weitergeht, wie der Ich-Erzähler zurechtkommt und was noch auf den Leser wartet. Es ist wiederum ein gelunger Murakami, und ich fühlte mich sofort zu Hause. Das fordert mich als Leser vielleicht nicht so sehr heraus, aber es macht mich glücklich. Und ich denke, man braucht beide Arten der Lektüre, um ein rundes Leseleben zu haben.

Haruki Murakami: Die Ermordung des Commendatore I. Eine Idee erscheint. Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe. DuMont Buchverlag Köln, 2018. OA: Kishidancho goroshi. Killing Commendatore. Shinchosha, Tokio, 2017. 477 Seiten.

Ich danke dem DuMont Buchverlag für das Rezensionexemplar.

Ken Follett – Das Fundament der Ewigkeit

[Diese Rezension wurde in der Annahme verfasst, dass dem werten Leser gewisse historische Fakten vertraut sind und deshalb keine Spoiler vorliegen.]

Wir sind wieder zurück in Kingsbridge – zehn Jahre nach Die Tore der Welt und 27 Jahre nach Die Säulen der Erde legt Ken Follett mit Das Fundament der Ewigkeit seinen dritten Kingsbridge-Roman vor. Zweihundert Jahre sind vergangen, Mary Tudor ist gerade gestorben und ihre Nachfolge teilt die Bevölkerung Englands – soll die protestantische Elizabeth England regieren, oder die katholische Maria Stuart, Königin von Schottland?

Von dieser Ausgangssituation aus führt Ken Follett seine Leser wieder nach Kingsbridge, wo die Kathedrale langsam verfällt, seit Heinrich VIII. den Katholizismus abschaffte und auch die führenden katholischen Familien einiges an Einfluss eingebüßt haben. Zum Vorteil jedoch der Protestanten und den nach beiden Seiten hin offenen Menschen, wie Ned Willard, Kaufmannssohn einer der führenden Familien, die nicht ohne Neider auskommen. Es kommt, wie es kommen muss, Ned, der zu Hause so viel verliert, bekommt ein Angebot, in die Dienste Elizabeths zu treten und wird einer ihrer engsten Vertrauten.

Er wird ihr Spion, in ganz Europa. Und so entrollt Follett wieder einmal ein Panorama eines Jahrhunderts, diesmal des 16., und zeigt an verschiedenen Stellen und Personen die Verwicklungen der damaligen Zeit. Da sind Pierre Aumande de Guise und Sylvie Palot, die am eigenen Leib die Religionswirren in Frankreich erleben, da ist die Familie Cruz in Spanien, die mit der Inquisition konfrontiert wird, da ist die Familie Wolman in den Niederlanden, die in den Krieg um die Spanische Niederlande hereingezogen wird, und da ist Bella, die wir auf Hispaniola kennenlernen, Ebrima, der aus Afrika stammt und natürlich Schotten und Engländer beider Religionen.

Es ist ein aufregendes, gewalttätiges Jahrhundert, und wer denkt, Glaubenskriege seien etwas Neues, möge hier darüber lesen, wie Christen sich gegenseitig abgeschlachtet haben. Elizabeth führte eine Politik der Toleranz ein, aber diese war von beiden Seiten unerwünscht, da jede sich im absoluten Recht sah. Die vielen Toten auf beiden Seiten sprechen eine andere Sprache.

Wiederum hat Follett Figuren geschaffen, die mehrdimensional sind, was die Zerrissenheit der handelnden Personen widerspiegelt. (Fast) niemand ist als ganz gut oder böse einzuordnen, viele werden Opfer ihrer Zeit und Umstände, die an den Figuren aufgearbeitet werden. Und so ist man auch hier wieder nach der Lektüre um einiges klüger, kann Zusammenhänge einordnen, kann Handlungen nachvollziehen oder in einen zeitlichen Kontext stellen.

Das mag ich so an diesen historischen Romanen – Follett schreibt unterhaltsame Geschichtsstunden, hält sich aber meistens aus der Wertung heraus. Der Leser muss hier für sich selbst entscheiden, ob und auf welche Seite er sich stellt (diese Leserin hält sich auch raus). War es richtig oder wenigstens nachvollziehbar, warum Maria Stuart ihren Kopf verlieren musste, wie konnte die Bartholomäusnacht geschehen – welche Ereignisse konnten zu solch einer Grausamkeit hinführen?

Aber auch einfache Dinge wie das alltägliche Leben, Neid und Gier und Stellung in der Bevölkerung, die Arbeit eines Spions oder den Alltag auf einem (Piraten)Schiff lernt man kennen – man wird hier um ein paar Jahrhunderte zurückversetzt. Mein persönliches Highlight war die Schlacht gegen die Spanische Armada, aber es gab so viele „Höhepunkte“ in diesem Jahrhundert, der Leser möge sich seinen Favoriten selbst herauspicken.

Denn ja, wieder einmal empfehle ich Ken Follett, der Geschichte so anschaulich und unterhaltsam verpackt, dass man atemlos aus einem anderen Jahrhundert auftaucht und nicht aus einer Geschichtsstunde. Wagen Sie sich in den dunklen, langen Winternächten wieder nach Kingsbridge und fiebern Sie mit den Figuren mit in diesem düsteren, schwierigen 16. Jahrhundert.

Mehr von Ken Follett auf diesem Blog gibt es hier.

Ken Follett: Das Fundament der Ewigkeit. Übersetzung aus dem Englischen von Dietmar Schmidt und Rainer Schumacher. Bastei Lübbe AG, Köln. 2017. OA: A Column of Fire. Viking, 2017. 1162 Seiten.

Ich danke Bastei Lübbe für das Rezensionsexemplar.

Rebecca Gablé – Die Fremde Königin

Der neue Roman von Rebecca Gablé, Die Fremde Königin, ist der zweite Teil zur deutschen Geschichte, nach Das Haupt der Welt. Er schließt im Jahre 951 an, ca. zwanzig Jahre nach den Geschehnissen des vorherigen Romans.

„Wenn Ihr leben wollt, müsst Ihr graben“, raunte der Mönch in dem ausgefransten, staubigen Habit.

Adelheid blickte nicht auf und ging weiter zur Kapelle, ohne ihren Schritt zu verlangsamen. Aus dem Augenwinkel sah sie, dass der Mönch seinen Weg in entgegengesetzter Richtung fortsetzte – nicht hastig, nicht gemächlich, aber würdevoll, so wie Mönche eben gingen. Sie wusste trotzdem, dass dieser Mann nicht war, was er zu sein vorgab.

So wie alle Männer in ihrem Leben.“ (13)

Dies sind die ersten Sätze. Adelheid von Burgund, Königin von Italien, wird von einem Widersacher festgehalten, der sie zwingen will, seinen Sohn zu heiraten, um diesen so zum König zu machen. Adelheid weigert sich, weiß jedoch nicht, wie lange sie noch durchhält, ist doch ihre Tochter mitgefangen. Und so nimmt sie den Rat des Mönches an und gräbt. Es folgt eine abenteuerliche Flucht, die sie schließlich an den Hof König Ottos führt. Sie wird seine Frau.

 

Gaidemar, Adelheids Fluchthelfer, ist als Bastard aufgewachsen und weiß nicht, wer seine Eltern waren. Er genoß eine gute Ausbildung und ist nun Mitglied der Panzerreiter, einer Elitetruppe im Heer König Ottos. Ihre gemeinsame Flucht schweißt die beiden zusammen, und er wird Adelheids wichtigster Berater. Doch seine Liebe zu ihr muss er verbergen.

Es ist eine unruhige Zeit, immer wieder versuchen innere und äußere Feinde, König Otto vom Thron zu stoßen oder ihm Teile seines Königreichs abzujagen. Die Ungarn fallen von außen über das Reich her, doch auch im Inneren brodelt es, auch in König Ottos engstem Umfeld werden Intrigen gegen ihn und die seinen gesponnen, die nicht selten mit dem Leben bezahlt werden…

Rebecca Gablé hat mit Die Fremde Königin ein weiteres Mal bewiesen, dass sie ihr Handwerk versteht. Die von meiner Seite lang erwartete Fortsetzung zur deutschen Geschichte (der vorige Roman war ja wieder ein Waringham), schließt nicht unmittelbar an, wo die Geschichte aufhörte, und auch die Personen kommen nur am Rande vor. Wieder entwirft sie jedoch ein opulentes Bild davon, wie es gewesen sein mag, und man kann sich die Welt von damals durchaus so vorstellen.

Und was kann die Frau Schlachten schreiben! Auch hier liest man wieder atemlos, wie die Heere aufeinandertreffen, wie eng Sieg und Niederlage beieinanderliegen und oft gar nicht zu unterscheiden sind. Szenen wie diese haben mich aber diesmal dafür entschädigen müssen, dass ich nie so richtig Zugang zu den Figuren fand. Ich fieberte und litt nicht mit wie damals mit Tugomir, hoffte nicht so, bangte nicht so. Das tut mir immer sehr leid bei einem großen Unterhaltungsroman, der meiner Ansicht nach ja genau davon lebt.

Aber wie immer hat Rebecca Gablé natürlich genau das hingelegt: einen weiteren großen historischen Unterhaltungsroman, der Geschichte so schreibt, wie sie gewesen sein könnte. Sie recherchiert ihre Romane akribisch und die Beschreibungen der Gegebenheiten – sei es Landschaft, sei es Gebäude – vermag sie immer in die damalige Zeit zu transferieren.

Diese historischen Romane sind in meiner Familie so etwas wie Wanderpokale, jeder Gablé wird ebenso wie jeder Follett von einer Hand in die nächste gereicht. Ich belasse es normalerweise bei diesen beiden, habe dieses Jahr aber somit den Jackpot von insgesamt ca. 2000 Seiten gezogen (die Besprechung vom Follett folgt in Kürze). Und auch wenn Die Fremde Königin bei mir nicht so punkten konnte wie Das Haupt der Welt, habe ich mich doch gerne wieder auf ihre Sicht der damaligen Zeit eingelassen und angenehme Lesestunden verbracht. Ich hoffe, sie wird die Reihe weiterführen, denn es folgt ja noch einiges an interessanten Dingen – ich sage nur Barbarossa.

Eines ist mir jedoch bitter aufgestoßen, und das ist das Nachwort. Ich finde es erschreckend und verstörend, dass eine Autorin historischer Romane sich davon distanzieren muss, von bestimmten Gruppen vereinnahmt zu werden. Sie schreibt über einen König, der ein großes Reich unter sich hatte, was anscheinend von nationalistischen Wirrköpfen dazu missbraucht wird, als Beleg für die Überlegenheit des deutschen Volkes zu dienen. Mir wäre dieser Gedanke mal wieder nicht im entferntesten gekommen, dienen solche Romane für mich doch zur Unterhaltung, die mir ein paar historische Fakten liefert zusammen mit einem Bild, wie es gewesen sein könnte. Nicht mehr und nicht weniger. Ich hoffe, Frau Gablé lässt sich sich nicht davon abschrecken und schreibt diese Reihe weiter, damit sich um so mehr Menschen ein eigenes Bild machen und eine eigene Meinung bilden können – oder zumindest einen Ansatz dazu finden.

Rebecca Gablé: Die Fremde Königin. Bastei Lübbe AG, Köln, 2017. 763 Seiten.

Hier geht es zu der Besprechung von Der Palast der Meere von Rebecca Gablé.

Bernhard Blöchl – Im Regen erwartet niemand, dass dir die Sonne aus dem Hintern scheint

Wenn im Leben mal viel los ist, was den Kopf nicht so ganz in Ruhe lässt, ist es manchmal etwas schwierig mit sperriger Lektüre. Dann kann eines dieser Feel-Good-Bücher helfen, eine Story, die mit Irrungen und Wirrungen spielt, bei der man aber doch immer weiß, wohin sie führen wird, ein Pendant zu einer RomCom.

Im Regen erwartet niemand, dass dir die Sonne aus dem Hintern scheint ist eines dieser Bücher. Die Story handelt von Knoppke, einem Mann in seinen Vierzigern, der sich und sein Leben aufgegeben hat. Er arbeitet bei einer Security-Firma, was bedeutet, dass er Fußballspiele mit dem Rücken sieht. Seine Freundin sieht er auf dem Rücken liegen, aber unter jemand anderem. Und da platzt ihm der Kragen. Er setzt sich in seinen Fast-Bulli, lässt sein Fast-Leben hinter sich und fährt los. Sein Ziel: die Highlands, wo er auf Ruhe hofft.

Er ist noch nicht weit gekommen, als sich Sam, Anfang zwanzig, von ihm absolut ungewollt zu ihm gesellt. Doch alles Sträuben nützt Knoppke nichts, Sam ist da und bleibt. Und so machen sich die beiden auf den Weg, Richtung Schottland. Und eine Geschichte mit buchstäblich vielen Höhen und Tiefen nimmt ihren Lauf. Ob der knorrige Knoppke und die lebenslustige Sam sich am Ende zusammenraufen und welche Erkenntnisse auf ihrem Weg auf die beiden warten, das mag jeder für sich herausfinden.

Als ich bei Birgit von Sätze&Schätze von diesem Roman las, dachte ich mir schon, dass er was für mich sein könnte, wenn ich meine Gedanken nicht ganz so fokussiert bekomme. Ein Unterhaltungsroman, ein Road Movie, jemand, der nach Antworten sucht? Aber bitte, her damit!

Und ich bin gut unterhalten worden. Es waren vielleicht einige Hin- und Hers zu viel, und auch die Sprache war nicht ganz meine Kragenweite in dem Sinne, dass es manchmal vielleicht etwas zu ausschweifend für mich persönlich war – aber darum geht es ja nicht. Es geht darum, abschalten zu können, in einen Roman einzutauchen, der einen schmunzeln lässt und vielleicht sogar das ein oder andere Mal zum Nachdenken anregt. Das ist Bernhard Blöchl hier gelungen. Und manchmal ist das ja auch genau richtig bzw. das, was man gerade braucht. Wer also etwas gute Unterhaltung braucht, ist hier an der richtigen Adresse.

Bernhard Blöchl: Im Regen erwartet niemand, dass dir die Sonne aus dem Hintern scheint. Piper Verlag GmbH, München/Berlin 2017. 272 Seiten.

Ich danke dem Piper-Verlag für das Rezensionsexemplar.

Bild: Alexandra Pilz via piper.de

Bernhard Blöchl, Jahrgang 1976, ist Autor und Journalist aus München. Als Redakteur der Süddeutschen Zeitung befasst er sich mit Kultur in München und Bayern, seine Themen sind Film, Literatur und Pop- Blöchl schreibt Unterhaltungsromane und betreibt unter lieblingssaetze.de ein virtuelles Museum der schönen Sätze. (Klappentext)

Zadie Smith – Swing Time

„Der eigentliche Text war nur ein einziger Satz: Jetzt weiß endlich jeder, wer du wirklich bist. Eine Nachricht, wie man sie von einer gehässigen Siebenjährigen mit einer klaren Vorstellung von Gerechtigkeit bekommt. Und wenn man einmal ausblendet, wie viel Zeit dazwischen lag, dann war es ja auch genau das.“ (15)

Die namenlose Protagonistin ist in ihren Dreißigern, als sie sich in einer Londoner Wohnung wiederfindet, ohne Job, ohne Aussichten, ohne zu verstehen, was mit ihr geschehen ist. Und so rekapituliert sie ihre Lebensgeschichte, fängt klein an, bei dem Tag, als sie Tracey zum ersten Mal traf, auf dem Weg zu ihrer ersten Ballettstunde. Beide Mädchen verbindet ihre Hautfarbe, die sie wie ein unsichtbares Band aneinanderknüpft. Sie wachsen in einer Londoner Sozialsiedlung auf, Traceys Mutter alleinerziehend, die Eltern der Erzählerin zwar zusammen, die Mutter aber mit Ambitionen, die den Horizont des Vaters bald übersteigen sollen.

Ihre Mutter hält nichts von Traceys Mutter und somit auch nichts von Tracey, sie missbilligt die Freundschaft der beiden, was die Erzählerin jedoch nur näher zu ihr treibt. Beide lieben sie den Tanz, schauen stundenlang Videos von Tanzfilmen, Tanzaufnahmen, Musicals, doch nur Tracey hat Talent. Dieses wird vehement von ihrer Mutter gefördert, und irgendwann trennen sich die Wege der beiden Mädchen, Tracey geht an eine Tanzschule, die Erzählerin in eine Einsamkeit hinein, in der sie nicht weiß, was sie mit sich anfangen soll.

Obwohl sie sich fängt, studiert und einen Job findet, geht sie doch immer den Weg des geringsten Widerstandes, immer auf der Suche nach sich selbst oder nach etwas. Bis sie eines Tages Aimée trifft, eine berühmte Sängerin, die Gefallen an ihr findet und sie zu ihrer persönlichen Assistentin macht. Von nun an wird sie vollkommen vereinnahmt von dieser Naturgewalt von Person, sie wird zu einer Verlängerung, zu einem ausführenden Organ.

Aimée kreist um sich selbst, hat jeden Tag eine Million Ideen, und die Protagonistin soll diese dann umsetzen. So kommt Aimée auf die Idee, in einem afrikanischen Dorf eine Mädchenschule zu gründen, und die Erzählerin soll dort alles vorbereiten. Nun in eine für sie vollkommen neue Welt versetzt, beginnt sie, sich zu verändern, sie stellt Fragen, über sich, über Aimée und ihre Allmacht, über ihre Hautfarbe, über ihre Stellung als Frau, als farbige Frau in der Welt. Wohin dies führt, liest man direkt zu Anfang der Geschichte, und doch entpuppt sich nach und nach eine Entwicklung, die man so nicht voraussieht.

Die beiden Mädchen, obwohl lange getrennt und nicht mehr in der jeweils anderen Leben, verlieren sich doch nie ganz aus den Augen. Auch, als sie zwei so grundverschiedene Leben führen, führt das Band, das sie aneinander bindet, sie immer wieder zusammen, ihr Schicksal scheint sie dafür bestimmt zu haben, dass sie einander brauchen.

Zadie Smith arbeitet in Swing Time eine ganze Reihe an Themen und Fragestellungen ab, von Hautfarbe, Armut und Reichtum, Politik zu Moral und den Fragen nach Richtig und Falsch ist alles vertreten. Und das ist auch auf 627 Seiten eine ganze Menge, manchmal vielleicht schon ein wenig viel. Ich wusste an einigen Stellen nicht so ganz, worauf sie hinaus wollte, oder ob weniger nicht vielleicht mehr gewesen wäre. Dann gab es Stellen, die mir ein wenig gewollt erschienen, da hätte ich darauf gehofft, dass dem Leser mehr zugetraut würde.

Nachdem ich mit Von der Schönheit schon meine kleinen Schwierigkeiten hatte, ist das hier leider nicht anders. Zadie Smith lässt mich wieder etwas ratlos zurück. Die Geschichte war eindrücklich, wenn auch etwas überladen, und in ihren Rückblicken so konstruiert, dass man nicht absehen kann, was geschehen wird, was die Entwicklung der Protagonistin nachvollziehbar und tatsächlich auch spannend macht. Ich brauche auch keine sympathische Erzählerin, um ein Buch gut zu finden. Ich kann es nicht genau benennen, ich denke, dass der manchmal etwas geschwungene Holzhammer mich davon abhält, der Geschichte alle Punkte zu geben.

Photo: lithub.com

 

Dennoch habe ich den Roman genossen und so einiges als Denkansatz genommen, was mich immer noch nicht ganz loslässt. Somit empfehle ich Swing Time als einen klugen Roman mit einer interessanten Perspektive, der vieles mitbringt, manches aber vielleicht nicht ganz durchhält. Aber machen Sie sich selbst ein Bild, es lohnt sich auf jeden Fall!

Zadie Smith: Swing Time. Aus dem Englischen von Tanja Handels. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2017. OA: Swing Time. 2016. 627 Seiten.

Ich danke Kiepenheuer&Witsch für das Rezensionsexemplar.

Ali Smith – Wem erzähle ich das?

Wem erzähle ich das? ist eines dieser Bücher, denen man nicht so oft über den Weg läuft. Es ist eine Mischung aus Essay und Roman, Abhandlung über Kultur und Sprache, Umgang mit Trauer und die ersten Schritte zurück ins Leben.

Die Ich-Erzählerin hat vor einem Jahr ihre Gefährtin verloren und ist seitdem gelähmt vor Trauer. Nach einem Tag und einem Jahr zieht sie schließlich ein Buch aus dem gemeinsamen Bücherregal – es ist Oliver Twist – und beginnt sich daran zu erinnern, was ihre Geliebte, die Kunst- und Literaturwissenschaftlerin war, ihr dazu gesagt hat. Sie macht den nächsten großen Schritt und verrückt einen Sessel an einen Ort, den ihre Gefährtin nicht mochte und beginnt zu lesen und in deren Gedanken- und ja, auch Lebenswelt, einzutauchen.Dann jedoch kommt die Geliebte zurück – als schwarzer Schatten, der wirres Zeug faselt, jedoch immer an ihrer Seite ist. Die Ich-Erzählerin beginnt, sich mit ihr auseinanderzusetzen, erinnert sich an ihre gemeinsamen Gespräche, aber auch an die Monologe über Bücher und kulturelle Phänomene. Die Vorlesungen, die die tote Gefährtin zurückließ, leiten sie einen Weg entlang, einen Weg der Entdeckungen und der erst zaghaften, dann aber immer intensiveren Auseinandersetzung mit der Welt, zurück ins Leben.

Das Buch ist in vier Teile unterteilt: – Zeit, – Form, – Ränder, und – Angebot und Widerspiegelung. In ihnen setzt die Ich-Erzählerin – anhand der Aufzeichnung von und der Erinnerungen an die Geliebte sich mit diesen Phänomenen auseinander. Sie zieht Literatur, Kunst, Philosophie, Musik und Film zu Rate, zahlreiche Beispiele werden genannt und in Kontext gesetzt. Zudem ist die Ich-Erzählerin Biologin und addiert eine Komponente, die manchmal erstaunliche Einsichten geben.

Und so ist dieser Roman zunächst eine Verarbeitungsgeschichte, aber dann so viel mehr. Ich möchte nicht behaupten, dass ich alles verstanden hätte, jedes Beispiel in einen Kontext setzen konnte oder jeden Kontext auch nur umreißen konnte – dafür müsste man all die Bücher gelesen, Filme gesehen, Kunstwerke besucht, Gespräche geführt und Musik gehört haben, die für das Buch verwendet wurden. Viele Zitate und Gedichte sind jedoch im Text eingebaut, und von vielen Werken hat man zumindest eine Ahnung, selbst wenn man sie nicht persönlich kennt, und so kann man doch das meiste verstehen.

Für die weitere Lektüre befindet sich am Ende ein Quellenverzeichnis, das ich gewiss noch einmal zu Rate ziehen werde. Auch gibt es in der Mitte des Buches einige Abdrucke der besprochenen Bilder, damit man selber sieht, was gemeint ist.

Dieser schmale Band von gerade gut 200 Seiten hat einen Inhalt wie für 1000, und eine einmalige Lektüre kann – zumindest den meisten Lesern – diesem Essay-Roman wohl nicht gerecht werden. Zu vielfältig sind die Ideen, zu komplex die Themen, zu groß die Bandbreite. Und doch: was schon bei der ersten Lektüre an Freude beim Nachvollziehen, beim genußvollen Erkunden der Gedankengänge, beim Nachlesen und Vergleichen aufkommt, lässt den Leser sicherlich noch einige weitere Male zur Lektüre greifen.

Ich habe sehr viel Spaß an diesem Buch gehabt, und ich wünsche ihm noch sehr viele Leser mehr! Vielleicht wird dies aber auch geschehen, da Ali Smith mit ihrem neuen Roman Autumn auf der Short-List des diesjährigen Man Booker Prize steht und somit in den Blickpunkt rückt.

Ali Smith: Wem erzähle ich das? Aus dem Englischen von Silvia Morawetz. Luchterhand Literaturverlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München 2017. OA: Artful. Hamish Hamilton, Penguin Random House UK, London 2012.223 Seiten.

Ich danke Random House für das Leseexemplar.

 

Ali Smith wurde am 24. August 1962 in Inverness geboren. Sie veröffentlichte mehrere Romane und Erzählbände und erhielt zahlreiche Preise. Sie ist Mitglied der Royal Society of Literature und wurde 2015 zum Commander of the Order of the British Empire ernannt. Ihr Roman „Beides sein“ wurde 2014 mit dem Costa Novel Award, dem Saltire Society Literary Book of the Year Award und dem Goldsmith Prize ausgezeichnet und gewann 2015 den Baileys Women`s Prize for Fiction. Sie lebt mit ihrer Lebenspartnerin Sarah Wood in Cambridge.