Ali Smith – Wem erzähle ich das?

Wem erzähle ich das? ist eines dieser Bücher, denen man nicht so oft über den Weg läuft. Es ist eine Mischung aus Essay und Roman, Abhandlung über Kultur und Sprache, Umgang mit Trauer und die ersten Schritte zurück ins Leben.

Die Ich-Erzählerin hat vor einem Jahr ihre Gefährtin verloren und ist seitdem gelähmt vor Trauer. Nach einem Tag und einem Jahr zieht sie schließlich ein Buch aus dem gemeinsamen Bücherregal – es ist Oliver Twist – und beginnt sich daran zu erinnern, was ihre Geliebte, die Kunst- und Literaturwissenschaftlerin war, ihr dazu gesagt hat. Sie macht den nächsten großen Schritt und verrückt einen Sessel an einen Ort, den ihre Gefährtin nicht mochte und beginnt zu lesen und in deren Gedanken- und ja, auch Lebenswelt, einzutauchen.Dann jedoch kommt die Geliebte zurück – als schwarzer Schatten, der wirres Zeug faselt, jedoch immer an ihrer Seite ist. Die Ich-Erzählerin beginnt, sich mit ihr auseinanderzusetzen, erinnert sich an ihre gemeinsamen Gespräche, aber auch an die Monologe über Bücher und kulturelle Phänomene. Die Vorlesungen, die die tote Gefährtin zurückließ, leiten sie einen Weg entlang, einen Weg der Entdeckungen und der erst zaghaften, dann aber immer intensiveren Auseinandersetzung mit der Welt, zurück ins Leben.

Das Buch ist in vier Teile unterteilt: – Zeit, – Form, – Ränder, und – Angebot und Widerspiegelung. In ihnen setzt die Ich-Erzählerin – anhand der Aufzeichnung von und der Erinnerungen an die Geliebte sich mit diesen Phänomenen auseinander. Sie zieht Literatur, Kunst, Philosophie, Musik und Film zu Rate, zahlreiche Beispiele werden genannt und in Kontext gesetzt. Zudem ist die Ich-Erzählerin Biologin und addiert eine Komponente, die manchmal erstaunliche Einsichten geben.

Und so ist dieser Roman zunächst eine Verarbeitungsgeschichte, aber dann so viel mehr. Ich möchte nicht behaupten, dass ich alles verstanden hätte, jedes Beispiel in einen Kontext setzen konnte oder jeden Kontext auch nur umreißen konnte – dafür müsste man all die Bücher gelesen, Filme gesehen, Kunstwerke besucht, Gespräche geführt und Musik gehört haben, die für das Buch verwendet wurden. Viele Zitate und Gedichte sind jedoch im Text eingebaut, und von vielen Werken hat man zumindest eine Ahnung, selbst wenn man sie nicht persönlich kennt, und so kann man doch das meiste verstehen.

Für die weitere Lektüre befindet sich am Ende ein Quellenverzeichnis, das ich gewiss noch einmal zu Rate ziehen werde. Auch gibt es in der Mitte des Buches einige Abdrucke der besprochenen Bilder, damit man selber sieht, was gemeint ist.

Dieser schmale Band von gerade gut 200 Seiten hat einen Inhalt wie für 1000, und eine einmalige Lektüre kann – zumindest den meisten Lesern – diesem Essay-Roman wohl nicht gerecht werden. Zu vielfältig sind die Ideen, zu komplex die Themen, zu groß die Bandbreite. Und doch: was schon bei der ersten Lektüre an Freude beim Nachvollziehen, beim genußvollen Erkunden der Gedankengänge, beim Nachlesen und Vergleichen aufkommt, lässt den Leser sicherlich noch einige weitere Male zur Lektüre greifen.

Ich habe sehr viel Spaß an diesem Buch gehabt, und ich wünsche ihm noch sehr viele Leser mehr! Vielleicht wird dies aber auch geschehen, da Ali Smith mit ihrem neuen Roman Autumn auf der Short-List des diesjährigen Man Booker Prize steht und somit in den Blickpunkt rückt.

Ali Smith: Wem erzähle ich das? Aus dem Englischen von Silvia Morawetz. Luchterhand Literaturverlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München 2017. OA: Artful. Hamish Hamilton, Penguin Random House UK, London 2012.223 Seiten.

Ich danke Random House für das Leseexemplar.

 

Ali Smith wurde am 24. August 1962 in Inverness geboren. Sie veröffentlichte mehrere Romane und Erzählbände und erhielt zahlreiche Preise. Sie ist Mitglied der Royal Society of Literature und wurde 2015 zum Commander of the Order of the British Empire ernannt. Ihr Roman „Beides sein“ wurde 2014 mit dem Costa Novel Award, dem Saltire Society Literary Book of the Year Award und dem Goldsmith Prize ausgezeichnet und gewann 2015 den Baileys Women`s Prize for Fiction. Sie lebt mit ihrer Lebenspartnerin Sarah Wood in Cambridge.

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Adrian McKinty – Der Katholische Bulle (Zusammenarbeit)

Dieses Wochenende gab es für mich Bücherwurm, die normalerweise ausschließlich Bücher aus Papier liest, etwas Neues: Ich habe ein Hörbuch ausprobiert. Ich hatte so meine Bedenken – wie aufmerksam muss man sein, da ja alles Ablenkung ist von einer Stimme, die schlimmstenfalls monoton einen Text herunterleiert, was für ein Text soll es überhaupt sein – etwas Anspruchsvolles, etwas absolut nicht Anspruchsvolles, kurz, lang, oder sogar ein Hörspiel?

Also setzte ich mich vor die audible.de -Seite und sah mir die Titel an. Super, aus 200.000 einen auswählen? Ich, die ich doch immer so unentschlossen bin? Hm, dachte ich mir, Du willst am Ball bleiben können, also nimmst Du vielleicht am besten einen Thriller, spannend ist immer gut. Was haben denn die ganzen Crime-Blogs für gut befunden? Ah, Adrian McKinty war letztes Jahr ziemlich angesagt, Sean-Duffy-Reihe, na fein, versuch ich es also einmal damit.

Ich löse also meinen Gutschein ein, was problemlos verläuft, klicke auf play und der Sprecher, Peter Lontzek, beginnt. Er erzählt mir von Sean Duffy, der Der Katholische Bulle ist, was im Nordirland Anfang der 80er Jahre nicht gerade einfach ist. Er muss sich inmitten der Troubles als einziger Katholik zwischen seinen protestantischen Kollegen behaupten. Während seines Doktorandenstudiums wurde er unmittelbarer Zeuge des Konflikts, hängte das Studium an den Nagel und wurde Polizist. Seine Bildung macht es ihm unter den Kollegen auch nicht einfacher, doch er weiß sich durchzusetzen.

Einer seiner ersten Fälle ist nun der vorliegende. Eine Leiche wird gefunden, nicht sehr gut versteckt, mit abgetrennter Hand, doch durch Kopfschuss getötet. Niemand erkennt den Mann, die Fingerabdrücke geben keinen Aufschluss, die Recherche dauert. Dann geschieht ein zweiter Mord, und Sean Duffy ahnt Böses – sollte es etwa einen Serienkiller in Nordirland geben? Zusätzlich zur Arbeitslosigkeit, den ganzen Bomben, den Straßenkämpfen, den Hungerstreiks? Und was ist mit der jungen Frau, die sich umgebracht hat? Gehört die etwa auch noch ins Bild?

Adrian McKinty hat mit Sean Duffy einen mir sehr sympathischen Detective geschaffen. Noch recht jung, etwas schroff, mit einem Musik- und Kleidungsgeschmack, der mir zusagt… Und das ist eine große Stärke des Romans: die Atmosphäre wird so eingefangen, dass man sich mitten in der Thatcher-Ära wähnt, in der einem in Nordirland die Bomben um die Ohren fliegen und das große Thema die IRA-Märtyrer im Hungerstreik sind. Sean Duffy ist keiner dieser vollkommen unnahbaren, weltfremden Detectives, die es so häufig gibt, aber auch sein Privatleben läuft nicht unkompliziert.

Und so ist Der Katholische Bulle eine zwar komplexe, doch auch im Hörbuch, wo man nicht kurz mal nachschlagen kann, wie etwas war, nachvollziehbare Story. Das Ende ließ mich leicht unbefriedigt zurück, aber da es sich um den ersten Teil einer Reihe handelt, wird dies vielleicht noch im Laufe der Zeit ins rechte Licht gerückt.

Peter Lontzeck liest ganz hervorragend, gibt den verschiedenen Charakteren unterschiedliche „Stimmen“ und wird zu keiner Zeit meiner Befürchtung der Monotonie und Langeweile gerecht. Ich habe das Hörbuch gerne gehört, und mit gut zehn Stunden war es das Richtige für ein Wochenende. Doch auch wenn ich vielleicht in Zukunft bestimmt gerne mal wieder ein Hörbuch hören werde, bleibe ich doch bei meinen papiernen Exemplaren – da liest man, und beim Hören braucht man doch noch eine andere Beschäftigung, es sei denn, man liegt krank im Bett.

Bild: adrianmckinty.com

 

Insgesamt empfehle ich Der Katholische Bulle, und ich werde den Detective auf jeden Fall weiter verfolgen.

Adrian McKinty: Der Katholische Bulle. Aus dem Englischen von Peter Torberg. ©2014 Suhrkamp Verlag AG (P)2016 Audible GmbH. OA: The Cold Cold Ground, Serpent`s Tail, London.

Adrian McKinty führt auch einen Blog.

Dieser Beitrag entstand in freundlicher Zusammenarbeit mit audible.de.

Maja Lunde – Die Geschichte der Bienen

In Die Geschichte der Bienen werden drei Lebensläufe erzählt, die um Bienen kreisen. Eine Geschichte wird daraus, wenn man anhand dieser Lebensläufe verfolgen kann, wie die Menschen und die Bienen zusammenwirken bzw. zusammenwirkten.

Bild: randomhouse.de

Die erste Person ist William, ein Wissenschaftler, der seine Karriere zugunsten der Familie aufgab und sich nun als gescheiterte Person ansieht. Er leidet unter Depressionen, kann sein Bett nicht mehr verlassen und seinem Beruf als Samenhändler nicht mehr nachgehen. Seine Familie leidet, bis er schließlich etwas (er)findet, was ihm wieder Mut macht: Einen Bienenstock. Doch wann ist es zu spät für eine wissenschaftliche Karriere? Und wie kann man sich behaupten in einer Zeit, in der die Forschung einen Höhepunkt nach dem anderen erreicht?

Der zweite Protagonist ist George, ein Imker in den USA. Er hat viele Bienenstöcke, verdient seinen Lebensunterhalt mit den Bienen, ist Tag und Nacht um sie besorgt und wünscht sich nichts sehnlicher, als eines Tages seinen Hof Tom, seinem Sohn, zu vermachen. Doch Tom geht aufs College, hat mehr Interesse an Sprache und Journalismus und hilft seinem Vater nur widerwillig – bis eines Tages etwas geschieht, das Vater und Sohn gleichermaßen betrifft…

Die dritte Geschichte ist in der Zukunft angesiedelt, im China des Jahres 2098. Die Bienen sind verschwunden, Obstbäume werden mühsam von Menschen mit der Hand bestäubt, die Weltbevölkerung ist drastisch zurückgegangen, überall herrscht Lebensmittelknappheit. Tao, eine der Bestäuberinnen, und ihr Mann nehmen eines Tages an einem freien Tag ihren Sohn Wei-Wen mit zu einem Ausflug, und dort geschieht ein Unglück. Doch niemand sagt ihr, was genau geschehen ist…

Maja Lunde verwebt diese drei Geschichten miteinander, in schnellem Tempo wechseln sie sich ab, so dass insgesamt ein gewisser Sog entsteht. Nun ist keine der drei Stories sehr anspruchsvoll, was dem Roman auch schon oft vorgeworfen wurde. Vor allem die Geschichte um William war mir doch etwas einfach gestrickt. Doch das Tempo hält den Lesefluss aufrecht, wenn es zu sehr in eine Geschichte abdriftet, wechselt sie mit der nächsten ab.

So bekommt man also Teilchen für Teilchen serviert, die sich ganz am Ende zu einem Bild zusammensetzen. Und dieses Bild ist es, das es lohnenswert macht, diesen Roman zu lesen. Ich nehme an, den meisten Menschen geht es so wie mir, sie haben sich nie viele Gedanken um unsere kleinen Freunde gemacht, die schon seit Jahren in einem Überlebenskampf verstrickt sind. Dieses Buch ist ein Augenöffner.

Auch wenn es sich um einen Roman für ein breites Publikum handelt, der in Norwegen zum Bestseller wurde, und der Anspruch an die Geschichte nicht so hoch liegt, wie man es sich vielleicht wünschen würde: Ich spreche eine unbedingte Leseempfehlung aus. Denn der Roman handelt nicht von William, George und Tao, der Roman handelt von den Bienen, und diese sollten in unser aller Leben eine größere Rolle spielen.

Das Problem sollte präsenter sein, Menschen sollten überlegen, bevor sie wieder „Unkraut“ entfernen, oder die Ecke in der Wiese, wo alles wild wächst, beseitigen, oder die Ränder der Felder abmähen, oder alles mit Unkrautvernichter vollspritzen. Und dieser Roman mag da einiges bewirken. Bei mir sind die Bienen mehr denn je auf dem Schirm. Ich hoffe, dieser Roman findet viele Leser – er ist ein schönes Geschenk – und den ein oder anderen Menschen, der einige Dinge ändert. Denn die Bienen gehen uns alle an.

Maja Lunde: Die Geschichte der Bienen. Aus dem Norwegischen von Ursel Allenstein. btb in der Verlagsgruppe Random House Gmbh, München, 2017. OA: Bienes Historie, H. Aschehoug & Co., Oslo, 2015. 510 Seiten.

Ich bedanke mich bei btb via Randomhouse für das Leseexemplar.

Bild: ndr.de

Klappentext zur Autorin: Maja Lunde wurde 1975 in Oslo geboren, wo sie auch heute noch mit ihrer Familie lebt. Sie ist eine bekannte Drehbuch- sowie Kinder- und Jugendbuchautorin. Die Geschichte der Bienen ist ihr erster Roman für Erwachsene, der zunächst national und schließlich auch international für Furore sorgte. Er stand monatelang auf der norwegischen Bestsellerliste und wurde mit dem Norwegischen Buchhändlerpreis ausgezeichnet.

Paul Auster – 4 3 2 1

Viel wurde schon über diesen Roman geschrieben, aber auch ich muss mein Loblied loswerden über diesen Roman.

Alles beginnt mit dem Zusammenfinden von Rose Adler und Stanley Ferguson, das in der Zeugung von Archibald gipfelt, dem Helden des Romans. Ausgehend von Archies Geburt ändert Paul Auster den Lauf der Dinge und kreiert so vier verschiedene Lebensläufe, vier verschiedene Archies, die sich ab den 50er Jahren durch die Geschichte Amerikas kämpfen.

Archies Vater, Stanley, wird zunächst in eine sehr schwierige Situation gebracht, und aufgrund seiner Reaktionen darauf werden die Weichen für Archies weiteres Leben gestellt. Diese vier Möglichkeiten unterscheiden sich von Grund auf, und so werden die Leben sehr unterschiedlich verlaufen, auch wenn er im Grunde der gleiche Junge ist.

Archie ist ein aufgewecktes Kind, sportbegeistert, intelligent, mit einer ausgeprägten Liebe zu Literatur und Filmen. Doch die Umstände, in denen er aufwächst, werden diese Fähigkeiten beeinflussen, und sie verschieden stark in seinem Leben gewichten. Dies führt dazu, dass der Leser viele Einblicke in die Kultur Amerikas ab den 50er Jahren erhält, anhand von Archies Bildungswegen werden zum Beispiel Filmgeschichte und Archies Weg vom Liebhaber der Laurel-und-Hardy-Filme zum Filmkritiker verfolgt.

Ebenso verhält es sich mit der Literatur, wobei diese in allen vier Lebensläufen eine große Rolle spielt. Und so erhält der Leser mit Archies Bildung eine ganz eigene Bildung, aus den Leselebensläufen ergibt sich ein aus vielen Puzzleteilen zusammengesetztes großes Bild, über das zumindest diese Leserin sehr gerne verfügen würde, bzw. das zu erhalten sie in Angriff nehmen wird.

Keiner der Archies wird jedoch vom Verlauf der Geschichte verschont bleiben, und diese wiederum wird im Laufe der Zeit ebenfalls großen Einfluss auf die Wege der Archies nehmen. Und so vermittelt Auster nicht nur Literatur und Film, sondern auch Zeitgeschichte, vor allem des Amerika der 60er Jahre, die sehr prägend für den Helden sein werden. Er muss sich mit dem Vietnam-Krieg auseinandersetzen, der Bedrohung, eingezogen zu werden, die ständig wie ein Damoklesschwert über den Köpfen der jungen Männer hing, den Rassenunruhen, den Studentenunruhen. Ich habe viel darüber gelernt, und auch hier weitere Puzzlestücke zu meinem Bild hinzugewonnen. (Kurze Bemerkung am Rande: Man kann auch viel darüber in Jeffrey Eugenides‘ Middlesex erfahren, der Bilder schafft, die mir bis heute im Kopf geblieben sind, ebenso wie die von Auster hier es tun werden).

4 3 2 1 ist ein gewaltiger Schinken von 1259 Seiten, aber für mich hätten es nochmal so viele sein dürfen. Auster erschafft ein gewaltiges Bild vom Amerika der 50er und 60er Jahre, und was es bedeutete, jung zu sein und künstlerisch veranlagt, oder wie es war, in bestimmten Kreisen zu verkehren oder diese Zeit gar nicht in den USA zu verbringen und alles aus der Distanz zu beobachten.

Natürlich haben alle Archies damit zu kämpfen, ihren Weg zu finden, was durch die Umstände begünstigt oder erschwert wird, in denen jeder einzelne lebt. Aber jeder entwickelt sich nachvollziehbar zu dem, was in ihm veranlagt ist, auch wenn der Weg manchmal sehr hart ist und um Ecken und über steinige Passagen führt. Ich habe manchmal überlegt, ob ich eine der Geschichten bevorzuge, aber ich kann entschieden sagen, dass ich alle vier Versionen liebe, die sich vielleicht aber auch ergänzen und so einen einzigen sehr facettenreichen Archie ergeben.

Dieser Roman ist mit das Beste, was ich je in meinem Leben gelesen habe. Und ich weiß, dies kommt hier jetzt wie eine weitere dieser Lobhudeleien daher, aber das macht mir nichts, denn ich würde mich am liebsten sofort wieder hineinbegeben in Austers und Archies Welten, ich möchte noch einmal die Möglichkeit haben, alles kennenzulernen und die Entwicklungen zu verfolgen, mit zu Bangen und zu Hoffen. Und somit empfehle ich denjenigen, die Archie noch nicht kennen, dies so schnell wie möglich nachzuholen.

Man geht mit viel Wissen aus dieser Lektüre heraus, über Film, über Geschichte, und vor allem über Literatur. Die Begeisterung und tiefe Liebe für die Literatur, die Auster durch Archie vermittelt, hat mich überwältigt und tief ins Herz getroffen, und das werde ich Herrn Auster nie vergessen. Einige der von Archie gelesenen Werke liegen schon bereit, und 4 3 2 1 wird immer einen Ehrenplatz in meinem Regal und meinem Herzen behalten.

Paul Auster: 4 3 2 1. Aus dem Englischen von Thomas Gunkel, Werner Schmitz, Karsten Singelmann und Nikolaus Stingl. Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg, 2017. Die OA erschien bei Henry Holt and Company, New York, 2017. 1259 Seiten.

Ich danke dem Rowohlt Verlag für das Rezensionsexemplar.

Paul Benjamin Auster wurde am 3 Februar 1947 in Newark, New Jersey, geboren. Viele Eckpunkte seines Lebens sind in diesem Roman verarbeitet. Bekanntheit erlangte Auster 1987 mit seiner New-York-Trilogie. Für viele der Autoren, die ihn beeinflusst haben, findet er auch in 4 3 2 1 Raum. Neben seiner Tätigkeit als Autor arbeitet er auch als Regisseur, Kritiker, Übersetzer und Herausgeber. Er ist in zweiter Ehe mit Siri Hustvedt verheiratet und lebt in Brooklyn.

Warum ich lese – 40 Liebeserklärungen an die Literatur

Letztes Jahr stellte Sandro vom Blog Novelero sich die Frage, warum er eigentlich liest. Dies inspirierte viele Menschen dazu, das Gleiche zu tun, was in einer großen Anzahl von Beiträgen gipfelte. Auch ich schrieb meine Geschichte dazu.

40 dieser Beiträge hat der Homunculus Verlag nun zu einem wundervollen Buch gestaltet – und mein Beitrag ist auch dabei! Ich freue mich sehr, Teil dieses Projekts zu sein, und hoffe, der Eine oder die Andere interessiert sich für die Geschichten, die „Lesenswege“, und fühlt sich vielleicht inspiriert, über seinen oder ihren Weg zum Lesen nachzudenken. Es sind sehr persönliche Geschichten, unterhaltend, traurig, fröhlich, anregend. Und nach der Lektüre kann es nur einen Weg geben: Den zum Bücherregal!

Erhältlich ist das Buch hier:

Warum ich lese.
40 Liebeserklärungen an die Literatur

Ich wünsche viel Freude mit diesem tollen Buch und hoffe, es möge viele Leser finden!

 

Nederlandstalig! Gerbrand Bakker – Oben ist es still

Nach der Lektüre des tagebuchartigen Jasper und sein Knecht wollte ich unbedingt mehr von dieser ruhigen, lakonischen Sprache, mit der Gerbrand Bakker erzählt. Und so lag unterm Weihnachtsbaum Oben ist es still, Bakkers Debütroman aus dem Jahre 2006, mit dem er den International IMPAC Dublin Literary Award gewann. Meiner Meinung nach völlig zurecht.

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Bild: pixabay

„Merkwürdig: auf einmal so ein Aufhebens davon zu machen, daß ich der letzte van Wonderen bin. Ich erwarte bei mir keine Eigen-Fleisch-und-Blut-Gefühle; ohne Frau, ohne Kinder und mit einem verbrauchten Vater, der meines Wissens nie ein Wort über die Familie verloren hat. Ist es der Hof? Unser Hof, mit allem, was dazugehört, Gebäuden, Tieren, Land – etwas, das ich nicht hatte haben wollen, das mir aufgezwungen wurde, mit dem ich dann vielleicht aber im Lauf der Zeit doch verwachsen bin?“ (S.133)

In Oben ist es still erzählt Bakker die Geschichte von Helmer, einem Bauern in seinen Fünfzigern, der einen großen Schritt in seinem Leben wagt: Er verfrachtet seinen bettlägerigen Vater ins Obergeschoss und übernimmt den Rest des Hauses. Dies ist ein großer Schritt, da der Vater bisher Helmers Leben bestimmt hat, und Helmer bisher nicht viel selbst entschied. Nun kauft er neue Möbel und richtet sich ein, wie er es möchte. Und seinen Vater besucht er „oben“, wenn er Lust darauf hat.

Helmer hat keine Familie, die Nachbarsfrau und ihre beiden Söhne dienen hier ein wenig als Ersatz. Aber im Großen und Ganzen ist es ein eintöniges und einsames Leben, das Helmer führt. Keine Familie, keine Freunde, keine Bekannten. Nur das Versorgen der Tiere, tagein, tagaus, besonders der Einzigen, die ihm wirklich selbst gehören, seine beiden Esel. Die namenlos sind.

In Rückblenden entspannt sich nun Helmers Lebenslauf, vor allem angespornt durch einen unerwarteten Brief: Er soll den jungen Henk bei sich aufnehmen, da seine Mutter nicht mehr mit zurechtkommt. Der junge Mann wirbelt sein Leben ziemlich durcheinander und zwingt ihn, sich Fragen zu stellen, die er vielleicht viel früher hätte stellen sollen… und er gelangt zu Antworten, für die es nun vielleicht zu spät ist.

Oben ist es still ist ein ruhiger Roman, der nicht von der aufregenden Handlung, sondern von dem kargen Tableau lebt, das Bakker entwirft. Ein beschränktes Setting, eine kleine Anzahl an Personal – und so viele große Fragen. Vieles bleibt angedeutet, unausgesprochen, ungewiss – ein Leben wird reflektiert, das andere vielleicht schon längst hätte verzweifeln lassen. Aber was ist das Rezept zum Glück, was ist das Glück, groß oder klein, und bis wann muss man es erlebt haben?

In Jasper und sein Knecht schreibt Bakker auch über diesen Roman, und ich bin mit mehr Wissen in die Lektüre gegangen, als mir eigentlich zugestanden hätte. So war vieles nicht ganz so offen, wie es dem Roman zugedacht war, da Bakker über die gestrichenen Szenen spricht und über das Ende. Ich bin froh, dass es so war, ich hätte mit den Andeutungen leben können, aber mit der Szene im Kopf war doch einiges klarer. oben-ist-es-still

Ein Roman, eine Art Tagebuch – Bakker von zwei Seiten. Er ist kein fröhlicher Schriftsteller, kein reißerischer, kein Mann der schnellen Handlung (zumindest erwarte ich bei seinen anderen Romanen nicht das Gegenteil), er ist ein Schriftsteller des Details und der Atmosphäre. Hier fühle ich mich abgeholt und aufgehoben, und ich könnte ewig weiterlesen. Sein Stil liegt bestimmt nicht jedermann, aber bei mir trifft er ins Schwarze. Ich liebe seine Art zu schreiben, und ich hoffe, dass er doch noch weitere Romane in Angriff nimmt. Derweil werde ich mit der Zeit seine anderen Bücher erkunden und freue mich schon sehr darauf.

Oben ist es still wurde unter dem englischen Titel „The Twin“ verfilmt.

Weitere Besprechungen gibt es bei buchpost und ZeichenundZeiten und im Bücherwurmloch.

Gerbrand Bakker: Oben ist es still. Aus dem Niederländischen von Andreas Ecke. Suhrkamp Verlang Frankfurt am Main, 2008. OA: Boven is het stil. Uitgeverij Cossee BV, Amsterdam, 2006. 316 Seiten.

Buch #66: Kazuo Ishiguro – Alles, was wir geben mussten

Vor dem Lesen dieser Rezension: Sie enthält Spoiler und könnte eventuell die Leselust auf den Roman verderben.

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Tja, nun. Selten habe ich mich so schwer getan, etwas über einen Roman zu schreiben. Vor allem, da ich nach der Lektüre von Was vom Tage übrig blieb sehr gespannt auf dieses Buch war, dessen Verfilmung ja auch eher positiv besprochen wurde. Zudem eine Dystopie, was konnte also groß schiefgehen? Nun, so ziemlich alles.

Die Geschichte in Alles, was wir geben mussten wird von Kathy B. erzählt, einer, wie anzunehmen ist, jungen Frau, die in einem Internat aufwuchs. Sie erzählt von dieser Zeit und ihrem täglichen Leben dort, von der Schule und von ihren Freunden, insbesondere von Ruth und Tommy. Kathy und Ruth sind beste Freundinnen, Tommy ist ein jähzorniger Junge, der sich aber im Laufe der Zeit fängt und mit Ruth zusammenkommt.

Kathy erzählt von ihrer Kindheit und Jugend in dem Institut, Hailsham, von ihren „Aufsehern“, von ihren Tauschmärkten, auf denen sie ihre eigenen „Kunstwerke“ gegen andere tauschen, von „Madame“, die regelmäßig vorbeikommt und „Kunstwerke“ für ihre Galerie mitnimmt. Sie wundern sich darüber, bekommen sie doch keinen Gegenwert, und Madame ist ihnen auch unheimlich, sieht sie sie doch eher an, als seien sie wilde Tiere.

Im Laufe der Erzählung gibt es also einen kleinen Hinweis nach dem anderen, aber es dauert sehr lange, bis der Leser weiß, was los ist. Der Roman ist in drei Teile geteilt, der erste erzählt von der Schulzeit, der zweite von der Zeit danach, und der dritte dürfte Kathys unmittelbare Vergangenheit darstellen. Langsam, sehr langsam entziffert sich der Leser also, was Kathy sagen will, nämlich dass sie alle Klone sind, die nur dem Zweck dienen sollen, ihre Organe zu spenden. Diese Spenden erfolgen anscheinend Stück für Stück, wobei manche nach der zweiten „abschließen“, manche bis zur vierten durchhalten, wonach ihnen alle bleibenden Organe entnommen werden und sie dann „abschließen“.

Nun braucht man aber nicht zu denken, dass irgendeiner der Klone damit größere Probleme zu haben scheint. Sie nehmen alles hin, wie es ist, und tun das, was sie tun sollen. Gerade Kathy ist sehr ergeben, nicht nur ihrer Zukunft, sondern ihrer ganzen Welt gegenüber. Ihr Erzählstil ist äußerst ruhig, emotionslos, wie ein Bericht. Und so berichtet sie, wie sie Ruth und Tommy hilft, wie sie sie wieder zusammenbringt, wie sie emotionale Momente mit Tommy verbringt, aber auch, wie sie nie etwas sagt, bis Ruth den beiden schließlich die Erlaubnis gibt, zusammen zu sein, sehr spät erst allerdings, als Tommy schon angefangen hat zu spenden. Nun ja, dann haben sie halt dann eine schöne Zeit.

Ebensowenig stellt Kathy jemals eine Frage zu ihrer „Aufgabe“. Sicher, sie wundern sich alle, wissen unterbewußt, dass mit ihnen etwas anders ist, aber sie graben lieber nicht zu tief. Zufällige Bemerkungen ihrer „Aufseher“ werden zwar registriert, aber nicht weiter hinterfragt. Als sie aus der Schule entlassen werden, erfahren sie gerüchteweise, dass Paare, die nachweisen können, dass sie sich wirklich lieben (wie auch immer das funktionieren soll), sich zurückstellen lassen können. Aber auch da forschen sie nie nach, bis Ruth ihnen sagt, sie sollen es tun. Auch das wieder viel später. Als sie dann schließlich hinter einige Geheimnisse von Hailsham kommen, auch das eher zufällig, wissen sie zwar mehr, nehmen aber auch das hin.

So ist dies ein Roman über „Schafe“, die sich willig zur Schlachtbank führen lassen, im wahrsten Sinne des Wortes. Denn die Organspende wird hier in diesem Sinne dargestellt. Ich weiß allerdings beim besten Willen nicht, warum man ihnen ein Organ nach dem anderen entnimmt und sie sich dann erholen lässt, wobei, wenn man es so betrachten wollte, es sicherlich besser wäre, wenn schon, dann alle auf einmal zu entnehmen und den Körper keiner Regeneration auszusetzen, zumal es ja auch nicht lange weitergehen kann und dann doch alle entnommen werden.

So hat diese ganze Sache natürlich einen Beigeschmack, der sich, wie ich mir vorstelle, doch in dem einen oder anderen Kopf festsetzt und Menschen davon abhält, einen Ausweis auszufüllen. Als ein Mensch, der in unmittelbarem Umfeld eine Spende miterlebt hat, kann ich das absolut nicht nachvollziehen. Ich habe den Ausweis, seit ich 18 bin, und wenn ich tot bin, können sie gerne alles von mir haben, ich brauche es dann nicht mehr. Aber andere Menschen schon. Andere Menschen können dann weiterleben. Andere Menschen können bei ihren Familien bleiben, oder welche gründen, oder ihre Leben weiterleben. Würden mehr Menschen so denken, bräuchte man sich über solche Szenarien keine Gedanken zu machen. So einfach ist das.

Ich habe, als ich das Buch zuschlug, andere Meinungen darüber gelesen, weil ich so unglaublich erzürnt war und wissen wollte, wie es ankam (tatsächlich hauptsächlich positiv). Viele sprechen von einer Parabel auf die Gesellschaft, die Menschen, die sich nicht wehren, die ihr Leben tagein, tagaus leben ohne eine Nachfrage. Das mag ja sein, aber ich bezweifle, dass diese Menschen das Buch erreicht und sie aufrüttelt. Oder geht es vielmehr darum, dass Gentechnik die Ausgeburt der Hölle ist? Dass aber gezeigt werden soll, dass Klone auch menschliche Menschen sind, und man sich deshalb viele Gedanken darüber machen sollte, ob man sie erschafft? Geschenkt. Ich weiß wirklich nicht, was ich über diesen Roman sagen soll, außer, dass ich es für eine riesige Zeitverschwendung halte, dieses Manifest des Übersichergehenlassens zu lesen, und für eine riesige Unverschämtheit, das vor einem Thema auszubreiten, das Menschen davon abhalten könnte, Menschenleben zu retten.

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Das einzig Gute war, dass ich bemerkt habe, dass ich nach meinem Umzug keinen aktuellen Ausweis mehr hatte. Man bekommt sie beim Arzt, in Apotheken, beim Blutspenden, als Download.

Und wenn Ishiguro Eindruck hätte machen wollen, hätte er eine Heldin kreieren sollen, die um sich, ihr Leben, ihre Liebe kämpft, damit man beim Zuschlagen des Buches wenigstens nicht das Gefühl hat, in einen dumpfen Wattebausch gesteckt worden zu sein, und sich feste schütteln will, damit irgendeine Bewegung entsteht. Wie gesagt, mir ist klar, dass viele Leser diesen Roman für unglaublich gut und unglaublich weise halten, aber ich weiß nicht warum. Und, mich wird auch keiner vom Gegenteil überzeugen können, deswegen bitte ich darum, mir dies zu ersparen.

Kazuo Ishiguro: Alles, was wir geben mussten. Aus dem Englischen von Barbara Schaden. Wilhelm Heyne Verlag, München. Verlagsgruppe Random House. 2016. OA: Never let me go. Faber and Faber Ltd., London. 349 Seiten.

Ich danke Random House für das Rezensionexemplar.