Textschnipsel zum Montag – 5.12.2016

„Ich weiß, die Poesie ist nicht tot und der dichterische Genius nicht verschwunden; auch hat der schnöde Mammon keine Macht über sie gewonnen, um sie zu knebeln oder zu erschlagen. Beide werden sie eines Tages ihre Existenz, ihre Ausstrahlung, ihre Freiheit und Stärke wieder behaupten. Machtvolle Engel, die im Himmel in Sicherheit sind! Sie lächeln bloß, wenn die niederen Geister triumphieren und die verzagten über ihren Tod jammern. Die Poesie tot? Der Genius verbannt? Nein! Mittelmaß als Ausweg? Nein! Laßt euch nicht durch üble Nachrede zu solchen Gedanken verleiten! Nein, sie leben nicht nur, sondern regieren weiterhin und retten uns auch, und ohne ihren allerorten wirkenden göttlichen Einfluß wärt ihr in der Hölle eurer eigenen Armseligkeit und Niedertracht!“

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Foto: Alex Liivet

Zitat aus: Charlotte Brontë: Jane Eyre. Aus dem Englischen neu übersetzt von Gottfried Röckelein. Deutscher Taschenbuchverlag, München 1998. S.534 f.

Nederlandstalig! Marcel Möring – Im Wald

Marcus Kolpa, den wir bereits aus Der nächtige Ort kennen, hat inzwischen seine große Liebe Chaja geheiratet und mit ihr eine Tochter, Rebecca, bekommen. Doch als Rebecca ein halbes Jahr alt ist, verschwindet Chaja spurlos, von einem Tag auf den anderen ist sie weg.

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Foto: unsplash.com

Als nach Jahren immer noch kein Lebenszeichen von ihr aufgetaucht ist, entschließt sich Marcus, mit seiner Tochter fortzuziehen. Er hat einen sehr erfolgreichen Roman geschrieben, weswegen er sich jetzt eine Art Burg auf einem Hügel – oder Berg, wie die Holländer sagen – leisten kann. Ein großes, düsteres Haus, auf einem Hügel im Wald gelegen, weit weg von allen und jedem. Das ist, was ihm vorschwebt, weg von der Welt, in die Einsamkeit. Die einzige Person, die sie täglich sehen, ist Frau Sanders, die Haushälterin, die eine wichtige Bezugsperson für Rebecca darstellt.

Marcus hingegen schottet sich vollkommen von der Welt ab. Er kann nicht verstehen, was passiert ist, mit Chaja, warum sie so plötzlich spurlos verschwand, und er kann es nicht akzeptieren. Die einzige, die ihn aus seiner eigenen Welt holen kann, ist Rebecca. Als sie zur Schule gehen soll, beschließt sie, es nicht zu tun, weswegen Marcus sie zu Hause unterrichtet, und in diesen Jahren bilden die beiden eine unzertrennliche Einheit.

Doch Rebecca entwickelt früh eine starke, unabhängige Persönlichkeit, Künstlerin will sie sein, und das riesige Haus bietet ihr genug Platz, ihre ersten Versuche zu machen. Ebenso wie der große Wald um sie herum ihr große Freiheit und Selbständigkeit bietet, so dass sie früh unabhängig, aber doch immer noch in einer Einheit mit ihrem Vater lebt.

im-waldAls Rebecca zur Kunstschule geht, stirbt Marcus‘ Mutter. Diese Frau, die immer so weit von ihm entfernt war und vor Jahren nach Israel ging, wirft eine Menge neuer Fragen auf. Und von hier an fängt Marcus‘ so mühsam in festen Bahnen und Riten gehaltenes Leben zu schwanken…

Marcus Kolpa ist eine Grüblerfigur. Er ist sehr gebildet und intelligent, aber all dies hilft ihm nicht, sein Schicksal zu verstehen. Er wendet sein ganzes erworbenes Weltwissen an, testet es, verwirft es, kommt einen Schritt weiter, geht zwei zurück. Er hat nur einige armselige Puzzlestückchen, aus denen sich beim besten Willen kein Bild erkennen lässt, aber er bemüht sich, ein Bild entstehen zu lassen.

Wie weit er zurückgehen muss und wo er letztlich fündig wird, lässt Marcel Möring den Leser hier miterleben. Auch wir bekommen nur Puzzlestückchen, und da der Roman aus Marcus‘ Perspektive geschrieben ist, sind es eingefärbte Stückchen. Im Wald ist kein Spannungsroman, es ist ein verkopfter Roman. Und das habe ich sehr gemocht. Wir haben einen gebildeten, klugen Mann, zu gebildet, klug und verkopft, als es für ihn gut ist, und wir haben ein Schicksal, das mit allem auf ihn eingedroschen hat, ohne ihm die Vorlagen zu geben.

Seine Routine, die er für seine Tochter entwickelt, und die Fürsorge für sie sind oft das Einzige, das ihn dazu bringt, weiterzumachen. Ich habe ihn gemocht, auch wenn er oft in seinen Routinen erstickt, stillsteht, zaudert… Das Schicksal holt sich letztlich doch, was es haben will, oder?

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Marcel Möring, Bild: mustreads.nl

Marcel Möring hat mich bisher immer begeistern können, mit seiner Klugheit, seiner hervorragenden Sprache, aber vor allem mit der Stimmung, die er immer zu kreieren weiß. Seine Bücher lassen einen ganz tief in seine Welt eintauchen, sie sind nicht actionlastig, aber entwickeln einen Sog, und mir persönlich haben seine Figuren bisher immer gut gelegen. Er gibt Denkanstöße, lässt seine Figuren Weltbilder anprobieren und verwerfen, verzweifeln und hoffen, und der Leser ist gefangen in seinem Bann.

Und ich bin gespannt auf den dritten Teil der Trilogie.

Marcel Möring: Im Wald. Aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen. Luchterhand Literaturverlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, 2014. OA: Louteringsberg, De Bezige Bij, Amsterdam 2011.

Ich bedanke mich bei Random House für das Rezensionsexemplar.

Textschnipsel zum Montag – 21.11.2016

 

„Ich war in jener Zeit hungrig nach Erkenntnis und Anerkennung. Und ich war richtungslos. Auch mein Glaube an eine bessere Welt war zusammengebrochen. Das sozialistische Dogma, wonach der Mensch von Natur aus gut ist und es lediglich einer Kombination aus Menschenliebe und real existierendem Sozialismus bedarf, um die Welt zu retten, diese Glaubenssätze der Linken hatte ich nie geteilt. Aber die romantische Vorstellung der Moderne, wonach es einen Fortschritt gibt und dieser Fortschritt Verbesserung bringen wird, die Vorstellung, mit der meine ganze Generation erzogen worden war – ein Gefühl eher als ein Gedanke -, die wollte einfach nicht weichen. Die Idee, wir könnten tatsächlich alles besser machen, wenn wir nur hart genug arbeiteten und tief genug nachdächten… Dass die Geschichte eine Richtung hab, dass die Welt irgendwo hinführe… Dass der Mensch, wenn schon nicht gut, so doch zumindest zum Guten neige… Dass wir Krankheiten ausmerzen, Armut und Hunger und Durst ausschalten, Unterdrückung und Terror für immer zu einer Erinnerung machen könnten… Tod und Elend… Dass alles irgendwann besser würde…“ (S. 349f.)

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Foto: pixabay.com

Marcel Möring: Im Wald. Aus dem Niederländischen von Helga von Beuningen. Luchterhand Literaturverlag München, 2014. OA: Louteringsberg. De Bezige Bij, Amsterdam, 2011.

Textschnipsel zum Montag – 7.11.2016

Meine Lieben,

ich bringe – zumindest für die nächste Zeit – die Textschnipsel zurück. Ich habe im Moment eine kleine Leseflaute, und jeden Montag einen Textschnipsel haben zu müssen, hilft vielleicht.

Ich hoffe, sie gefallen Euch, meine Schnipsel. Los geht es heute mit Jane Eyre.

*  *  *  *  *  *  *  *

„Welch ein Lächeln! Ich erinnere mich noch heute daran und weiß jetzt, daß es die Ausstrahlung eines edlen Geistes, von echter Courage war; es erhellte ihre markanten Züge, ihr schmales Gesicht, ihre tiefliegenden, grauen Augen wie der Widerschein vom Anblick eines Engels. Und doch trug Helen Burns in jenem Augenblick gerade das »Schlampigkeitsabzeichen« am Arm; eine knappe Stunde zuvor hatte ich gehört, wie sie von Miss Scatcherd für den nachfolgenden Tag zu Wasser und Brot verurteilt worden war, weil sie beim Abschreiben einer Übung mit der Tinte gepatzt hatte. So ist die unvollkommene Natur des Menschen! So gibt es auch auf der Scheibe des hellsten Planeten Flecken, und Augen wie die einer Miss Scatcherd können einzig und allein dergleichen geringfügige Unvollkommenheiten wahrnehmen und sind blind für die funkelnde Pracht des Gestirns als Ganzem.“

Zitat aus: Charlotte Brontë: Jane Eyre. Aus dem Englischen neu übersetzt von Gottfried Röckelein. Deutscher Taschenbuchverlag, München 1998.  S. 94.

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Duckpool Beach, Cornwall

Tipp für den 3.11.2016: Denis Scheck in der Stadtbibliothek Aachen

Meine Lieben,

hier mal wieder ein kleiner Tipp für Aachen und Umgebung: Am Donnerstag, den 3.11.2016 – ja, überübermorgen – wird Denis Scheck wieder sein alljährliches Präsentieren und Bewerten von Büchern vornehmen. Das Ganze geht um 19.45 Uhr los und findet in der Stadtbibliothek Aachen statt.

Bild: aachener-nachrichten.de

Wer schon einmal daran teilgenommen hat, weiß, dass das eine sehr unterhaltsame und kurzweilige Sache ist. Ich kann es nur empfehlen – also, wer Lust hat, begebe sich Donnerstag nach Aachen und lasse sich von Herrn Scheck über gute und schlechte, neue und alte Bücher informieren. Der Eintritt ist frei!

Alle Infos gibt es hier: scheck_info-hp

Über Idealismus und ein Projekt

Ein Beitrag ein wenig abseits des normalen Blogverkehrs…

Neulich bekam ich eine Mail, in der ein Projekt erklärt und um Unterstützung gebeten wurde (näheres dazu kommt weiter unten). Ich hatte auch schon auf mehreren Blogs davon gelesen, deren Verfasser begeistert waren und ebenfalls um Unterstützung warben.

Mein erster Gedanke dazu war: Wow, das nenn ich mal Idealismus. Ein solches Literaturprojekt, in der heutigen Zeit? Das wird er nicht schaffen.

Dann ging es die nächsten Tage weiter. Warum nicht? Anscheinend ist doch Aufmerksamkeit da. Anscheinend teilen Menschen diesen Idealismus. Und das erste Geld fließt rein, Bewusstsein wird generiert.

Warum bin ich also im ersten Moment so pessimistisch? Das kommt wohl daher, dass ich mich selbst auch als Idealisten bezeichnen würde. Und ich weiß, wie schwer es heutzutage ist, einer zu sein. In einer Welt, in der man für etwas, das richtig, aber lästig ist, abfällig als „Gutmensch“ bezeichnet wird. In der man keinen Respekt bekommt, sondern nur Gegenwehr. In der man ausgelacht wird.

Wann ist es passiert, dass einzig als richtig angesehen wird, was Geld bringt? Dass einzig unterstützt wird, was Geld bringt? Das nur einen unmittelbaren Nutzen hat? Dass Projekte, die auf lange Zeit wirken müssen, nicht mehr unterstützt werden?

Dass Politiker nichts tun können, weil sie nur eine begrenzte Zeit haben, in der sie sich jeden verf*ten Tag mit Anfeindungen auseinandersetzen müssen, anstatt Weichen zu stellen, die das Land verbessern?

Dass Forscher für Konzerne forschen und nicht für die Menschheit? Dass sie so oft nicht frei sind in dem, was sie tun, sondern nur in einem kleinen begrenzten Bereich, von dem sich der Konzern Profit verspricht, forschen dürfen?

Dass Menschen, die in einem Land leben, in denen sie ärztlich versorgt werden, selbst wenn sie keine Versicherung bezahlen, die, obwohl sie nichts tun, Geld bekommen, die, wenn sie möchten, sich weiterbilden können, in einem Land, in dem es Kindergärten, Schulen für alle, Polizei, Feuerwehr, Krankenhäuser, Straßen, Radwege, Bibliotheken und noch so viel mehr gibt, was von einem kleinen Anteil, den jeder leisten soll, bezahlt wird, wie kommt es, dass so viele Menschen so unzufrieden sind? Dass Geld das einzig wichtige ist? Nicht Bildung, nicht vernünftig zu leben, nicht, die Welt zu verbessern. Nein, der andere hat (oder könnte eventuell vielleicht unter Umständen haben!) einen Euro mehr als ich. Das geht nicht. Dafür muss die Politik sorgen, dass ich das Meiste habe. Ob ich dafür etwas tat? Irrelevant.

Warum ist es nicht am Wichtigsten, dass man versucht, die Welt zu verbessern? Warum ist es z.B. nicht wichtiger für Pharmakonzerne, neue Medikamente zu entwickeln, als Profit zu machen? Warum ist es wichtiger, Banken (Geld, Geld, Geld) oder Automobilkonzerne (die über kurz oder lang ebenfalls irrelevant sein werden, ob sie wollen oder nicht), zu unterstützen, als Geld in die Bildung und Weiterentwicklung zu stecken?

Warum wird Status nicht an der Bildung und am „Gutmenschentum“ gemessen? Ist der Gedanke für so viele Menschen so unerträglich, in einer Welt zu leben, in der man sich nicht täglich mit irgendeinem Konflikt auseinandersetzen oder auf jemanden herabsehen muss? Einer Welt, in der man Empathie und gegebenenfalls sogar Mitleid mit anderen hat? In der man zusammenarbeitet, um Großes zu schaffen? In der es allen gut geht? Warum ist das so?

Das Projekt, von dem ich eben sprach, ist nur ein kleines Rädchen im Getriebe. Aber es ist ein Rädchen, das mich zu diesem Artikel brachte. Es handelt sich um eine Literaturzeitschrift, „Fünf. Zwei. Vier. Neun.“ Hier wird die Zeit der Weimarer Republik unter die Lupe genommen, jede Ausgabe soll einen anderen Aspekt, eine andere Fragestellung beleuchten. Jörg Mielczarek, der Kopf hinter dem Projekt, braucht Unterstützung, weswegen er ein Crowdfunding-Projekt gestartet hat. Es handelt sich um ein Projekt, das mich sehr interessiert, zumal es auch zu jeder Ausgabe ein Taschenbuch mit vertiefenden Texten geben soll. Und ich die Befürchtung habe, dass unsere Jetzt-Zeit später einmal mit der Weimarer Zeit verglichen werden wird. Und wir vielleicht so viel darüber lernen sollten, wie möglich. Und weil es einfach eine faszinierende Zeit war, mit einzigartigen Menschen und Werken, die zu entdecken sich lohnt.

Ich habe nicht viel Geld, aber ich werde etwas geben. Und ich ziehe meinen Hut vor jemandem, der ein solches Projekt mit so viel Enthusiasmus und Idealismus betreibt. Möge er ein Vorbild sein. Vielleicht kann der eine oder die andere sich beteiligen (ich weiß, ironisch, Geld, Geld, Geld soll es sein, aber vielleicht bringt das Geld hier einen Nutzen, einen Fortschritt?).

Weitere Informationen gibt es hier: https://www.facebook.com/literaturweimar

Auch Petra und Birgit und Constanze haben darüber geschrieben.

Buch #64: Sylvia Plath – Die Glasglocke

Esther Greenwood ist 19, als sie für einen Monat ein Praktikum bei einer bekannten Modezeitschrift in New York macht. Die eigentliche Arbeit bei der Zeitschrift steht dabei eher im Hintergrund, vielmehr gehen sie und die anderen Praktikantinnen von einem social event zum nächsten, Mode, Make-up, Männer treffen. Es ist 1953, und auch wenn Esther an einem bekannten College studiert, sind das die Dinge, die sich ihr bieten.glasglocke

Sie hat einen Freund, Buddy, der sie nach Jahren des Anhimmelns endlich erhört und eine Zukunft mit ihr planen will. Diese Zukunft besteht in einer Familie mit Kindern, und einem Buddy, der stets gönnerhaft auf das kleine Liebchen herabsieht, das solche albernen Träumchen hat wie Dichterin zu werden. Aber, und das weiß auch Esther, Dichterin und Familie, das passt nicht zusammen.

„Ich sah, wie sich mein Leben vor mir verzweigte, ähnlich dem grünen Feigenbaum in der Geschichte.

Gleich dicken, purpurroten Feigen winkte und lockte von jeder Zweigspitze eine herrliche Zukunft. Eine der Feigen war ein Ehemann, ein glückliches Zuhause und Kinder, eine andere Feige war eine berühmte Dichterin, wieder eine andere war eine brillante Professorin, die nächste war Ee Gee, die tolle Redakteurin, die übernächste war Europa und Afrika und Südamerika (…).

Ich wollte sie alle, aber eine von ihnen nehmen bedeutete, alle anderen verlieren, und während ich dasaß, unfähig, mich zu entscheiden, begannen die Feigen zu schrumpfen und schwarz zu werden und plumpsten eine nach der anderen auf den Boden unter mir.“

Seit Buddy ihr das Geständnis gemacht hat, nicht mehr „rein“ für sie zu sein, fühlt sie sich von ihm betrogen, fängt an, ihn zu verachten. Warum sollte es für ihn richtig sein, und für sie nicht? Eine Frage, die sich etliche Generationen stellten und wohl noch stellen werden.

„Und ich wußte, trotz aller Rosen und Küsse und Essen im Restaurant, mit denen der Mann die Frau überschüttete, bevor er sie heiratete, war er insgeheim darauf aus, daß sie sich nach der Hochzeit unter seinen Füßen flach machte wie Mrs. Willards Küchenmatte.“

Esther ist ohne Vater aufgewachsen, hat aber immer A`s bekommen und sich so einen Preis und ein Stipendium nach dem anderen erarbeitet. Sie hat nach dem Praktikum noch ein Jahr am College vor sich, doch zuerst stehen die Sommerferien bevor. Auf die Frage des Magazins, was sie denn einmal werden wolle, hat sie keine Antwort bereit – im Hinterkopf aber die Möglichkeit, einen Ferienkurs bei einem berühmten Schriftsteller zu machen. Als sie nach Hause kommt, findet sie jedoch eine Absage vor.

Und nun beginnt sie auseinanderzufallen. Sie hat bis dahin alles „richtig“ gemacht, hat gut gelernt, besucht ein gutes College, bekommt Stipendien und ein Praktikum, doch wozu? Im Grunde genommen geht es doch darum, die gesellschaftliche Pflicht zu erfüllen. Man wird irgendwohin geboren, und dann hat man dem Umfeld entsprechend zu sein. Esther verweigert sich dem. Sie hört auf zu duschen, sich frisch anzuziehen, zu schlafen, und sinnt auf die verschiedensten Arten, sich umzubringen.

Hier beginnt ein langer Leidensweg, der mit einem dieser Ärzte, die sich selbst für den Mittelpunkt der Welt halten und für die Dämchen schnellstmöglich eine Elektroschockbehandlung anordnen, eingeläutet wird. Sie durchläuft von hier an viele Stationen, und nimmt den Leser immer mit. Es ist eine Leidensgeschichte, aber auch eine Emanzipationsgeschichte.

Esther weiß, dass sie nicht in ein gesellschaftliches Schema zu pressen ist. Sie hat Angst, weiß nicht, wie sie ihren Weg gehen soll, versinkt in Ohnmacht:

„Ich wußte, dass ich Mrs. Guinea dankbar sein mußte, und trotzdem empfand ich nichts. Hätte sie mir eine Fahrkarte nach Europa oder eine Kreuzfahrt rund um die Welt geschenkt, so hätte sich für mich nicht das geringste verändert, denn egal, wo ich saß – ob auf dem Deck eines Schiffes oder in einem Straßencafé in Paris oder Bangkok-, immer saß ich unter der gleichen Glasglocke in meinem eigenen sauren Dunst.“

Es ist schwer, da wieder hinauszufinden. Und es ist harte Arbeit. Immer wieder von Neuem. Doch Esther lernt dazu. Lernt, dass sie wichtig ist, und nicht, was andere denken. Auch nicht ihre Mutter.

„Mir fiel das Gesicht ein, das meine Mutter bei ihrem ersten und letzten Besuch in der Anstalt seit meinem zwanzigsten Geburtstag gemacht hatte, ein blasser, vorwurfsvoller Mond. Die Tochter in einer Anstalt! Das hatte ich ihr angetan.“

Wird es Esther am Ende besser gehen? Oder wird sie wie ihre Erschafferin enden? Man weiß es nicht. Es ist schwer, anders zu sein als die anderen. Nicht in sein Umfeld zu passen. Immer wieder einzustecken, wie albern und idealistisch man doch ist. Ein Kampf, der manchmal, wenn man nicht weiß, warum man ihn kämpft, unter einer Glasglocke endet. Esther ist sich darüber im Klaren, dass der Rest ihres Lebens diesen Kampf beinhalten wird. Aber sie nimmt ihn an. Erstmal.

Die Glasglocke ist ein ungeheuer intensives Portrait einer jungen Frau, die in der Gesellschaft verloren geht. Sie schildert schonungslos ihren Weg und nimmt den Leser mit auf jedem Schritt. Obwohl 1963 erschienen, und obwohl vielleicht einige der Ansprüche heute andere sind, ist die Lektüre immer noch blitzaktuell. Sie lässt verzweifeln und gibt doch Hoffnung. Und könnte Menschen, die keine Glasglocken kennen, zeigen, wie es ist und vielleicht ein wenig Verständnis entlocken.

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Sylvia Plath Bild: biography.com

Sylvia Plath wurde am 27. Oktober 1932 in Jamaica Plain bei Boston, MS, geboren. Sie nahm sich am 11. Februar 1963 das Leben. Ihre Literatur wird meist im Kontext ihrer Lebensgeschichte gelesen.

Ihre Gedichte werden als Confessional Poetry gewertet, als Bekenntnislyrik, und auch in ihrem Roman Die Glasglocke, der ihr einziger geblieben ist, verarbeitete sie ihre Erlebnisse, wie einen Suizidversuch oder ihre Beziehung zu Ted Hughes, ihrem Ehemann. Ihren Durchbruch hatte sie erst postum, nachdem ihr Roman und einige nachgelassene Gedichte veröffentlicht wurden. Ihr Leben und ihr Tod wurden zum Gegenstand des öffentlichen Interesses, Plath zu einer Symbolfigur für die Frauenbewegung.

Sylvia Plath: Die Glasglocke. Aus dem Englischen von Reinhard Kaiser. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1997. OA: The Bell Jar. 1963. 262 Seiten.