Ranglistenupdate 13

Herzlichen Willkommen zu einer neuen Ausgabe der von mir persönlich erstellten, absolut subjektiven und radikal Ich-bezogenen Ausgabe für die Rangliste der nächsten fünf Bücher!

Die komplette Liste findet Ihr wie immer am oberen Seitenrand. Und nun: Viel Vergnügen! 😉

Diesmal mit dabei:

Kazuo Ishiguro: Alles, was wir geben mussten. Neu auf Platz 69. Ich habe hinlänglich erklärt, warum dieser Roman in meinen persönlichen Charts ganz nach unten gehört.

 

Stefan Zweig – Der Amokläufer. Neu auf Platz 48. Die Sammlung von Erzählungen bietet einen guten Einblick in die Schreibweise und Sprache von Stefan Zweig. Interessant, lesenswert, wenn auch nicht exakt meine Wellenlänge.

 

Margaret Atwood – Der Report der Magd. Neu auf Platz 1. Es gehörte schon immer zu den besten Büchern, die ich je las, und das Wiederlesen hat mich hierin bestärkt.

 

James Baldwin – Giovannis Zimmer. Neu auf Platz 22. Eine für mich neue Themenwelt, gut geschrieben, sehr lesenswert.

 

Zora Neale Hurston – Und ihre Augen schauten Gott. Neu auf Platz 12. Die Emanzipationsgeschichte einer Frau in den USA der 30er Jahre. Bitte lesen!

 

Buch #70: Zora Neale Hurston – Und ihre Augen schauten Gott

„Tja, so war dat alles gewesen, Pheoby, genau so, wie ich dir dat erzählt hab. Jetz bin ich also wieder zu Hause, un ich bin froh, dat ich hier bin. Ich bin bis nachen Horizont un wieder zurück, un jetz kann ich beruhigt hier in mein Haus leben un mich an meine eigne Erfahrungen halten.“ (273/274)

Dies sagt Janie Crawford zu ihrer Freundin Pheoby, als sie nach eineinhalb Jahren nach Hause zurück kommt und ihrer Freundin über diese Zeit Bericht erstattet hat. Doch nicht nur von dieser Zeit erzählt sie, sie berichtet von ihrem ganzen Leben und wie sie an dem Punkt angelangt ist, an dem sie sich jetzt befindet.

Ihre Großmutter, die sie aufgezogen hat, erlebte noch die Sklaverei. Sie wollte ihre Enkelin sicher verheiratet und versorgt wissen, weswegen Janie mit sechzehn Logan Killicks heiratet, einen wesentlich älteren Mann, der eine eigene Farm besitzt und Janie ehrlich mag, aber nicht in der Lage ist, ihr dies zu zeigen. Janie ist unglücklich in dieser arrangierten Ehe, hat sie doch immer gehofft, dass die Liebe sich einstellen würde, wenn sie verheiratet sei, und sie muss einsehen, dass eine Ehe nicht automatisch Liebe mit sich bringt.

Dann trifft sie eines Tages an ihrem Gartenzaun Joe Starks, der nach Eatonville will, eine Stadt, die von Schwarzen gegründet wurde und in der nur Schwarze leben. Sie treffen sich regelmäßig, Joe Starks ist von ihrer Anmut und ihrem besonderen Haar hingerissen, und er bietet ihr an, sie mitzunehmen und sie zu heiraten. Janie hofft, in Joe endlich die Liebe ihres Lebens zu finden, ebenso wie ein aufregenderes Leben als ihr die Farm jemals hätte bringen können, und so willigt sie ein.

Sie treffen als Ehepaar in Eatonville ein, und da sich niemand um die Belange der Stadt zu kümmern scheint, macht Joe sich zum Bürgermeister und leitet die Angelegenheiten fortan, ebenso wie seinen eigenen Laden, den jedoch mehr Janie führt. Und so wird Janie zur angesehensten Frau vor Ort, doch Joe ist eifersüchtig, und so muss sie ihr Haar verstecken und darf nicht mit den anderen reden. Sie leben sich auseinander, bis Joe eines Tages stirbt.

Janie, nun eine reiche Witwe, weiß nicht so recht, was sie mit ihrem Leben anfangen soll, ihre Träume hat sie begraben, und, obschon man ihr ihr Alter nicht ansieht, ist sie keine junge Frau mehr, der die Welt offensteht. Doch dann kommt eines Tages Tea Cake in ihren Laden, ein wesentlich jüngerer Mann, der von Janie hingerissen ist und sie fortan umwirbt. Sie hat mit den Konventionen zu kämpfen, dem Gerede, den schiefen Blicken. Doch Tea Cake gibt ihr etwas, das keiner vor ihm ihr geben konnte, und so trifft Janie eine Entscheidung…

Ich weiß, die ganzen Tagediebe un Maulhelden drüben auf der Veranda, die wern fast platzen vor Neugier, datse endlich rauskriegen, von wat wir zwei beide am Reden warn. Soll mir recht sein, Pheoby, kannsdse ruich alles erzähln. Die wern sich wundern, weil meine Liebe nich so funktioniert hat wie ihre Liebe, wennse überhaupt welche erlebt ham. Dann muß duse erzähln, dat Liebe eem nich wien Mühlstein is, war rundrum gleich is un mit alles, wat er berührt, dat gleiche macht. Liebe is wie die See. Immer in Bewegung, un trotz alledem krichtse ihr Form von der Küste, wo se drauf trifft, bei jeder Küste wieder ne andre.“ (274)

Der Buchumschlag sagt, „Zora Neale Hurston erzählt […] in der Sprache der Veranda, in den dunklen Vokalen des Südens. Die Übersetzerin Barbara Henninges hat eine Sprache erfunden, die die Synkopen und Blue-notes des Slangs im Deutschen zum Klingen bringt“. Die Dialoge sind in diesem „Slang“ verfasst, in den man sich, wenn man sich erst einmal eingelesen hat, ein wenig verliebt, der Singsang entwickelt einen eigenen Sog und eine Intensität, die nicht so schnell loslässt. Die Textpassagen sind in „normalem Englisch“ verfasst, aber ich kann mir vorstellen, dass es nicht so leicht ist, diesen Roman im Original zu lesen und denke, die Übersetzerin hat hier einen außergewöhnlichen Job gemacht.

Aber lesen sollte man Und ihre Augen schauten Gott, von dem Alice Walker sagte: „Es gibt kein wichtigeres Buch für mich.“, auf jeden Fall. Dies ist eine Geschichte einer außergewöhnlichen Emanzipation, von der ich nicht gedacht hätte, dass sie in diesen Umständen überhaupt möglich sei. Die Sklaverei ist vorbei, doch ist Janie eine junge schwarze Frau in den zwanziger, dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Es bilden sich „schwarze Städte“, doch viele Menschen bleiben nach wie vor Wanderarbeiter. Jedoch geht von dem Roman insgesamt eine positive Aufbruchsstimmung aus, und die Wanderarbeiter wissen sich ihr Leben – unter den Umständen – doch gut zu gestalten.

Der Roman entstand 1937 und ist ein Klassiker der schwarzen Literatur Amerikas. Ich kann ihn unbedingt empfehlen, denn nicht nur die Geschichte, die erzählte wie auch die der Umstände, ist es wert, erlesen zu werden, auch sprachlich ist er sehr außergewöhnlich, etwas, das man nicht alle Tage findet.

Zora Neale Hurston: Und ihre Augen schauten Gott. Aus dem Amerikanischen übersetzt und mit einem Glossar versehen von Barbara Henninges. Ammann Verlag AG, Zürich, 1993. OA: Their Eyes Were Watching God. J.B.Lippincott, Inc., Philadelphia 1937.

Zora Neale Hurston, Fotograf Carl van Vechten, 3. April 1938. Foto: wikipedia.de

Zora Neale Hurston wurde am 7. Januar 1891 in Alabama geboren. Sie wuchs in Eatonville, Florida, auf. Sie besuchte die Howard University in Washington, D.C. und lernte die Schriftsteller der Harlem Renaissance kennen, zu der auch sie gezählt wird. Ab 1927 sammelte sie in den Südstaaten Folklore, Geschichten, Lieder, Tänze und Gebete der schwarzen Bevölkerung, die sie vorstellte und verarbeitete. Sie gehörte in den 1930er Jahren zu den wichtigsten Autoren der afroamerikanischen Literatur. In den 50er Jahren war ihr Ruhm jedoch verblasst, sie starb in Armut an einem Herzleiden am 28. Januar 1960 in Fort Pierce, Florida.

1973 spürte Alice Walker das Grab von Hurston auf und begann mit dem Artikel „In Search of Zora Neale Hurston“ die Wiederentdeckung von Werk und Person.

Maja Lunde – Die Geschichte der Bienen

In Die Geschichte der Bienen werden drei Lebensläufe erzählt, die um Bienen kreisen. Eine Geschichte wird daraus, wenn man anhand dieser Lebensläufe verfolgen kann, wie die Menschen und die Bienen zusammenwirken bzw. zusammenwirkten.

Bild: randomhouse.de

Die erste Person ist William, ein Wissenschaftler, der seine Karriere zugunsten der Familie aufgab und sich nun als gescheiterte Person ansieht. Er leidet unter Depressionen, kann sein Bett nicht mehr verlassen und seinem Beruf als Samenhändler nicht mehr nachgehen. Seine Familie leidet, bis er schließlich etwas (er)findet, was ihm wieder Mut macht: Einen Bienenstock. Doch wann ist es zu spät für eine wissenschaftliche Karriere? Und wie kann man sich behaupten in einer Zeit, in der die Forschung einen Höhepunkt nach dem anderen erreicht?

Der zweite Protagonist ist George, ein Imker in den USA. Er hat viele Bienenstöcke, verdient seinen Lebensunterhalt mit den Bienen, ist Tag und Nacht um sie besorgt und wünscht sich nichts sehnlicher, als eines Tages seinen Hof Tom, seinem Sohn, zu vermachen. Doch Tom geht aufs College, hat mehr Interesse an Sprache und Journalismus und hilft seinem Vater nur widerwillig – bis eines Tages etwas geschieht, das Vater und Sohn gleichermaßen betrifft…

Die dritte Geschichte ist in der Zukunft angesiedelt, im China des Jahres 2098. Die Bienen sind verschwunden, Obstbäume werden mühsam von Menschen mit der Hand bestäubt, die Weltbevölkerung ist drastisch zurückgegangen, überall herrscht Lebensmittelknappheit. Tao, eine der Bestäuberinnen, und ihr Mann nehmen eines Tages an einem freien Tag ihren Sohn Wei-Wen mit zu einem Ausflug, und dort geschieht ein Unglück. Doch niemand sagt ihr, was genau geschehen ist…

Maja Lunde verwebt diese drei Geschichten miteinander, in schnellem Tempo wechseln sie sich ab, so dass insgesamt ein gewisser Sog entsteht. Nun ist keine der drei Stories sehr anspruchsvoll, was dem Roman auch schon oft vorgeworfen wurde. Vor allem die Geschichte um William war mir doch etwas einfach gestrickt. Doch das Tempo hält den Lesefluss aufrecht, wenn es zu sehr in eine Geschichte abdriftet, wechselt sie mit der nächsten ab.

So bekommt man also Teilchen für Teilchen serviert, die sich ganz am Ende zu einem Bild zusammensetzen. Und dieses Bild ist es, das es lohnenswert macht, diesen Roman zu lesen. Ich nehme an, den meisten Menschen geht es so wie mir, sie haben sich nie viele Gedanken um unsere kleinen Freunde gemacht, die schon seit Jahren in einem Überlebenskampf verstrickt sind. Dieses Buch ist ein Augenöffner.

Auch wenn es sich um einen Roman für ein breites Publikum handelt, der in Norwegen zum Bestseller wurde, und der Anspruch an die Geschichte nicht so hoch liegt, wie man es sich vielleicht wünschen würde: Ich spreche eine unbedingte Leseempfehlung aus. Denn der Roman handelt nicht von William, George und Tao, der Roman handelt von den Bienen, und diese sollten in unser aller Leben eine größere Rolle spielen.

Das Problem sollte präsenter sein, Menschen sollten überlegen, bevor sie wieder „Unkraut“ entfernen, oder die Ecke in der Wiese, wo alles wild wächst, beseitigen, oder die Ränder der Felder abmähen, oder alles mit Unkrautvernichter vollspritzen. Und dieser Roman mag da einiges bewirken. Bei mir sind die Bienen mehr denn je auf dem Schirm. Ich hoffe, dieser Roman findet viele Leser – er ist ein schönes Geschenk – und den ein oder anderen Menschen, der einige Dinge ändert. Denn die Bienen gehen uns alle an.

Maja Lunde: Die Geschichte der Bienen. Aus dem Norwegischen von Ursel Allenstein. btb in der Verlagsgruppe Random House Gmbh, München, 2017. OA: Bienes Historie, H. Aschehoug & Co., Oslo, 2015. 510 Seiten.

Ich bedanke mich bei btb via Randomhouse für das Leseexemplar.

Bild: ndr.de

Klappentext zur Autorin: Maja Lunde wurde 1975 in Oslo geboren, wo sie auch heute noch mit ihrer Familie lebt. Sie ist eine bekannte Drehbuch- sowie Kinder- und Jugendbuchautorin. Die Geschichte der Bienen ist ihr erster Roman für Erwachsene, der zunächst national und schließlich auch international für Furore sorgte. Er stand monatelang auf der norwegischen Bestsellerliste und wurde mit dem Norwegischen Buchhändlerpreis ausgezeichnet.

Textschnipsel zum Montag – 22.5.2017

„Es lag nicht allein an den Spritzmitteln. Auch die Varroamilbe, ein winziger Parasit, der die Bienen angriff, trug eine Mitschuld. Sie setzte sich wie ein großer Ball auf dem Körper der Biene fest, saugte die Hämolymphe aus ihnen heraus und verbreitete Viren, die häufig erst viel später entdeckt wurden.

Hinzu kamen die extremen Wetterlagen. Allmählich veränderte sich das Klima auf der Welt. Ab dem Jahr 2000 ging es immer schneller. Trockene, warme Sommer ohne Blüten und Nektar töteten die Bienen. Harte Winter töteten die Bienen. Und Regen. Wenn es regnete, hielten die Bienen sich genau wie der Mensch lieber drinnen auf. Nasse Sommer bedeuteten einen langsamen Tod.

Ein weiterer Faktor war die Monokultur. Für die Bienen war die Erde eine grüne Wüste. Kilometerweit nur Felder, auf denen immer dieselben Nutzpflanzen angebaut wurden, und ein Mangel an unberührten Flächen. Der Mensch entwickelte sich rasant, und die Bienen kamen nicht hinterher. Und verschwanden.

Ohne die Bienen lagen mit einem Mal tausende Hektar bewirtschaftete Felder brach. Blühende Büsche ohne Beeren, Bäume ohne Obst. Plötzlich wurden landwirtschaftliche Erzeugnisse, die früher alltäglich gewesen waren, zur Mangelware: Äpfel, Mandeln, Apfelsinen, Zwiebeln, Brokkoli, Karotten, Blaubeeren, Nüsse und Kaffeebohnen.“ (415f.)

Bild: pixabay

Maja Lunde: Die Geschichte der Bienen. Aus dem Norwegischen von Ursel Allenstein. btb in der Verlagsgruppe Random House Gmbh, München, 2017. OA: Bienes Historie, H. Aschehoug & Co., Oslo, 2015. 510 Seiten.

Paul Auster – 4 3 2 1

Viel wurde schon über diesen Roman geschrieben, aber auch ich muss mein Loblied loswerden über diesen Roman.

Alles beginnt mit dem Zusammenfinden von Rose Adler und Stanley Ferguson, das in der Zeugung von Archibald gipfelt, dem Helden des Romans. Ausgehend von Archies Geburt ändert Paul Auster den Lauf der Dinge und kreiert so vier verschiedene Lebensläufe, vier verschiedene Archies, die sich ab den 50er Jahren durch die Geschichte Amerikas kämpfen.

Archies Vater, Stanley, wird zunächst in eine sehr schwierige Situation gebracht, und aufgrund seiner Reaktionen darauf werden die Weichen für Archies weiteres Leben gestellt. Diese vier Möglichkeiten unterscheiden sich von Grund auf, und so werden die Leben sehr unterschiedlich verlaufen, auch wenn er im Grunde der gleiche Junge ist.

Archie ist ein aufgewecktes Kind, sportbegeistert, intelligent, mit einer ausgeprägten Liebe zu Literatur und Filmen. Doch die Umstände, in denen er aufwächst, werden diese Fähigkeiten beeinflussen, und sie verschieden stark in seinem Leben gewichten. Dies führt dazu, dass der Leser viele Einblicke in die Kultur Amerikas ab den 50er Jahren erhält, anhand von Archies Bildungswegen werden zum Beispiel Filmgeschichte und Archies Weg vom Liebhaber der Laurel-und-Hardy-Filme zum Filmkritiker verfolgt.

Ebenso verhält es sich mit der Literatur, wobei diese in allen vier Lebensläufen eine große Rolle spielt. Und so erhält der Leser mit Archies Bildung eine ganz eigene Bildung, aus den Leselebensläufen ergibt sich ein aus vielen Puzzleteilen zusammengesetztes großes Bild, über das zumindest diese Leserin sehr gerne verfügen würde, bzw. das zu erhalten sie in Angriff nehmen wird.

Keiner der Archies wird jedoch vom Verlauf der Geschichte verschont bleiben, und diese wiederum wird im Laufe der Zeit ebenfalls großen Einfluss auf die Wege der Archies nehmen. Und so vermittelt Auster nicht nur Literatur und Film, sondern auch Zeitgeschichte, vor allem des Amerika der 60er Jahre, die sehr prägend für den Helden sein werden. Er muss sich mit dem Vietnam-Krieg auseinandersetzen, der Bedrohung, eingezogen zu werden, die ständig wie ein Damoklesschwert über den Köpfen der jungen Männer hing, den Rassenunruhen, den Studentenunruhen. Ich habe viel darüber gelernt, und auch hier weitere Puzzlestücke zu meinem Bild hinzugewonnen. (Kurze Bemerkung am Rande: Man kann auch viel darüber in Jeffrey Eugenides‘ Middlesex erfahren, der Bilder schafft, die mir bis heute im Kopf geblieben sind, ebenso wie die von Auster hier es tun werden).

4 3 2 1 ist ein gewaltiger Schinken von 1259 Seiten, aber für mich hätten es nochmal so viele sein dürfen. Auster erschafft ein gewaltiges Bild vom Amerika der 50er und 60er Jahre, und was es bedeutete, jung zu sein und künstlerisch veranlagt, oder wie es war, in bestimmten Kreisen zu verkehren oder diese Zeit gar nicht in den USA zu verbringen und alles aus der Distanz zu beobachten.

Natürlich haben alle Archies damit zu kämpfen, ihren Weg zu finden, was durch die Umstände begünstigt oder erschwert wird, in denen jeder einzelne lebt. Aber jeder entwickelt sich nachvollziehbar zu dem, was in ihm veranlagt ist, auch wenn der Weg manchmal sehr hart ist und um Ecken und über steinige Passagen führt. Ich habe manchmal überlegt, ob ich eine der Geschichten bevorzuge, aber ich kann entschieden sagen, dass ich alle vier Versionen liebe, die sich vielleicht aber auch ergänzen und so einen einzigen sehr facettenreichen Archie ergeben.

Dieser Roman ist mit das Beste, was ich je in meinem Leben gelesen habe. Und ich weiß, dies kommt hier jetzt wie eine weitere dieser Lobhudeleien daher, aber das macht mir nichts, denn ich würde mich am liebsten sofort wieder hineinbegeben in Austers und Archies Welten, ich möchte noch einmal die Möglichkeit haben, alles kennenzulernen und die Entwicklungen zu verfolgen, mit zu Bangen und zu Hoffen. Und somit empfehle ich denjenigen, die Archie noch nicht kennen, dies so schnell wie möglich nachzuholen.

Man geht mit viel Wissen aus dieser Lektüre heraus, über Film, über Geschichte, und vor allem über Literatur. Die Begeisterung und tiefe Liebe für die Literatur, die Auster durch Archie vermittelt, hat mich überwältigt und tief ins Herz getroffen, und das werde ich Herrn Auster nie vergessen. Einige der von Archie gelesenen Werke liegen schon bereit, und 4 3 2 1 wird immer einen Ehrenplatz in meinem Regal und meinem Herzen behalten.

Paul Auster: 4 3 2 1. Aus dem Englischen von Thomas Gunkel, Werner Schmitz, Karsten Singelmann und Nikolaus Stingl. Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg, 2017. Die OA erschien bei Henry Holt and Company, New York, 2017. 1259 Seiten.

Ich danke dem Rowohlt Verlag für das Rezensionsexemplar.

Paul Benjamin Auster wurde am 3 Februar 1947 in Newark, New Jersey, geboren. Viele Eckpunkte seines Lebens sind in diesem Roman verarbeitet. Bekanntheit erlangte Auster 1987 mit seiner New-York-Trilogie. Für viele der Autoren, die ihn beeinflusst haben, findet er auch in 4 3 2 1 Raum. Neben seiner Tätigkeit als Autor arbeitet er auch als Regisseur, Kritiker, Übersetzer und Herausgeber. Er ist in zweiter Ehe mit Siri Hustvedt verheiratet und lebt in Brooklyn.

Buch #69: James Baldwin – Giovannis Zimmer

In Giovannis Zimmer erzählt James Baldwin die Geschichte von David, einem jungen, weißen Amerikaner, der nach Paris geht, um sich selbst zu finden. Die Geschichte beginnt mit Davids Abschied aus einem Haus in Südfrankreich, seine Freundin Hella ist abgereist, er denkt über Giovanni nach. Und breitet in Retrospektive seine Geschichte vor dem Leser aus.

Er erzählt von seiner Kindheit und Jugend, von seinem Vater, der ihn nach dem Tod seiner Mutter aufzieht und starker Trinker ist und ihn nie verstand. Und von einem Erlebnis, das er mit einem seiner Freunde hatte, und das ihn so sehr verwirrte, dass er nie mehr davon sprach.

In Paris angekommen, geht Davids Geld schnell zur Neige, und so wendet er sich an einen älteren Freund um Hilfe. Dieser gewährt sie ihm und nimmt ihn mit in eine Kneipe, wohl hoffend, David sei unter dem Einfluss von Alkohol zu mehr bereit. Doch David begegnet Giovanni, dem neuen Barmann. Sie sehen sich an und beiden ist klar, was geschehen wird. Davids Freundin ist in Spanien, und so zieht er zu Giovanni, wo die beiden in einem Zimmer zusammen leben. Es ist eine Zeit voller Glück, für Giovanni jedoch mehr als für ihn. Und je mehr Giovanni an ihm hängt, umso mehr fragt David sich, was er tun soll.

Die Geschichte spielt in den (nehme ich an) 50er Jahren, und obwohl Homosexualität in Frankreich nicht unter Strafe stand, war es doch gesellschaftlich nicht akzeptiert. Ganz zu schweigen von den USA. Und so schwankt David, kann sich nicht für oder gegen seine Freundin entscheiden, kann sich nicht für oder gegen Giovanni entscheiden. Und er geht schließlich den vermeintlich leichteren Weg, der in einer Katastrophe endet…

Mit Giovannis Zimmer hat James Baldwin bei Erscheinen 1956 für großes Aufsehen gesorgt. Die Geschichte der Beziehung der beiden jungen Männer muss damals sehr die Gemüter erhitzt haben, und wenn auch keine explizite Sprache gebraucht wird, muss es einem Skandal gleichgekommen sein. Heute ist die Schockwirkung nicht mehr so groß, so dass die Geschichte der Hin- und Hergerissenheit Davids, dem Schwanken zwischen Mut und Feigheit, zwischen Selbstaufgabe oder Ächtung von großen Teilen der Gesellschaft, und der Suche nach dem vermeintlich leichteren oder richtigen Weg eine größere Bedeutung bekommen sollten.

Giovannis Zimmer ist ein Selbstfindungsroman, und David, der die Geschichte Revue passieren lässt, wird am Ende eine Entscheidung treffen. Ich kann mir vorstellen, dass der Roman im Laufe der Jahre viele Menschen berührt, ihnen geholfen, sie aber vielleicht auch mehr verwirrt hat. Ich habe noch nicht viele Romane dieser Art gelesen, aber ich kann mich in Davids Kampf hineinfühlen, und mit dem Wissen vom Hintergrund des Schriftstellers wird es noch einmal um einiges intensiver. Es ist ein Bildungsroman, und manchmal möchte man David feste schütteln und ihm eine Ohrfeige geben, aber unter den Umständen weiß man, dass man dazu kein Recht hat. Und so ist Giovannis Zimmer einer dieser Romane, die zu denken geben, und die noch lange nachhallen.

James Baldwin: Giovannis Zimmer. Aus dem Englischen von Axel Kaum und Hans-Heinrich Wellmann. Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg 1963.

James Baldwin. photo: de.wikipedia.org/wiki/James_Baldwin

Aufgrund des Umfangs von James Baldwins Biographie zitiere ich die Wikipedia:

James Baldwin (* 2. August 1924 in Harlem, New York City, New York, Vereinigte Staaten; + 1.Dezember 1987 in Seint-Paul de Vence, Provence-Alpes-Côte d’Azur, Frankreich) war einer der bedeutendsten afroamerikanischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, der weit über die Grenzen der Vereinigten Staaten hinaus bekannt wurde. Viele seiner Arbeiten behandeln Themen wie Rassimus und Sexualität. Seine Erzählungen sind berühmt für den persönlichen Stil, in dem Frangen der Identität von Schwarzen und Homosexuellen und damit verbundener sozialer und psychologischer Druck zur Sprache kommen, lange bevor die soziale, kulturelle oder politische Gleichstellung dieser Gruppen erkämpft wurde. Weiter geht es hier.

Textschnipsel zum Montag – 17.4.2017

„Vor mir steht ein Tablett, und auf dem Tablett sind ein Glas Apfelsaft, eine Vitamintablette, ein Löffel, ein Teller mit drei Scheiben braunem Toast, ein Schüsselchen, das Honig enthält, und noch ein Teller mit einem Eierbecher darauf von der Sorte, die wie ein Frauentorso aussehen, mit Rock. Unter dem Rock ist das zweite Ei und wird dort warm gehalten. Der Eierbecher ist aus weißem Porzellan mit einem blauen Streifen.

Das erste Ei ist weiß. Ich verrücke den Eierbecher ein wenig, sodass er jetzt im wässrigen Sonnenlicht steht, das durch das Fenster kommt und, heller werdend, verblassend und wieder heller werdend, auf das Tablett fällt. Die Eierschale ist glatt und zugleich körnig; kleine Kiesel von Kalzium werden vom Sonnenlicht herausgearbeitet wie Krater auf dem Mond. Es ist eine kahle Landschaft, und doch ist sie perfekt; es ist eine Wüste wie jene, in die die Heiligen sich begaben, auf dass ihr Geist nicht vom Überfluss abgelenkt würde. Ich denke, so müsste Gott aussehen: wie ein Ei. Das Leben des Mondes ist vielleicht nicht an der Oberfläche, sondern innen.

Das Ei glüht jetzt, als hätte es seine eigene Energie. Das Ei anzusehen erfüllt mich mit intensivem Vergnügen.

Die Sonne geht fort, und das Ei verblasst.“ (148/149)

Margaret Atwood: Der Report der Magd. Aus dem kanadischen Englisch von Helga Pfetsch. Neuauflage im Piper Verlag GmbH, München/Berlin 2017. OA: The Handmaid’s Tale. MCClelland & Stewart, Houghton Mifflin, 1985; Cape 1985. 412 Seiten.