Bettina Baltschev – Hölle und Paradies. Amsterdam, Querido und die deutsche Exilliteratur

Für Hölle und Paradies. Amsterdam, Querido und die deutsche Exilliteratur hat sich Bettina Baltschev auf die Spuren eines Verlages begeben, der 1933 von Emanuel Querido und Fritz Landshoff gegründet wurde. Querido, Amsterdamer Jude, und Landshoff, deutscher Flüchtling, wollten die deutschsprachige Literatur veröffentlichen, die die Nazis für verboten erklärt hatten, sie wollten all den anderen Exilanten eine Stimme geben.

Anhand ausgesuchter Plätze in Amsterdam (mit Foto!) erzählt Bettina Baltschev nun die Ereignisse, die zur Gründung des Querido Verlages führten, stellt die Personen vor und verfolgt die Geschichte des Verlages und somit die Geschichte der Exilanten. Nach einem Prolog im heutigen Amsterdam beginnt sie mit Amsterdam Centraal, der für die Ankunft Landshoffs in den Niederlanden steht. Er hatte bereits den Gustav Kiepenheuer Verlag in Berlin mitgeleitet, somit das Wissen und die Verbindungen zu vielen Autoren.Also wird er derjenige, der für die Autorenacquisition zuständig ist; er reist durch ganz Europa und verhandelt mit z.B. Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger, Arnold Zweig, Anna Seghers oder Joseph Das Roth, die alle bei ihm veröffentlichen wollen.

Das Verlagsgebäude in der Keizersgracht 333, das Café Américain, Zandvoort, das Café Scheltema, das Concertgebouw, der Waterlooplein, Laren, die Hollandsche Schouwburg und der Spui sind die Orte, anhand derer Bettina Baltschev ihre Rekonstruktion der Ereignisse aufbereitet.

So lernen wir Emanuel Querido kennen, der schon ein erfolgreicher Verleger ist und sich nun einen Namen als internationaler Verleger machen möchte. Wir verkehren mit Klaus Mann, der ein enger Freund Landshoffs ist, im Café Américain, in dem sie viele weitere Exilanten trafen, sich mit ihnen berieten, sich von ihren Ängsten erzählten oder einfach nur schweigend tranken. Zandvoort, der nahe gelegene Strand, bringt ein paar Stunden oder Tage der Erleichterung vor der Angst, die ständig in ihrem Nacken saß.

Das Café Scheltema, exemplarisch ausgewählt für die Geschichte Joseph Roths, folgt. Danach folgen das Concertgebouw, das einer anderen Kunstform Platz gibt, und der Waterlooplein, der die Geschichte der Amsterdamer Juden verkörpert. Und wir begeben uns nach Laren, einem Ort in der Nähe Amsterdams, in dem Querido wohnt und viele Besucher empfängt.

Dann muss die Stimmung natürlich irgendwann kippen, und die Hollandsche Schouwburg wird zum „Theater des Grauens“, zur Sammelstelle der Amsterdamer Juden, von der aus sie in die Lager weitergeleitet werden. Anhand des Spui wird die Geschichte des Verlages nach dem Krieg weitererzählt, bis in die heutigen Tage.

Hölle und Paradies, ein wirklich gelungener Titel, denn beides muss Amsterdam für die Exilanten bedeutet haben. Paradies in den ersten Jahren, da man sich mehr oder weniger frei bewegen und seine Werke schreiben und veröffentlichen konnte. Amsterdam als liberale, offene Stadt bot eine Zuflucht an, als die Welt in ihrem Osten dunkel zu werden begann. Doch die Exilanten hatten die Dunkelheit in sich, konnten ihr nicht entfliehen. Bis auch Amsterdam zur Hölle wurde.

Baltschev schreibt ein Sachbuch, das sich wie ein Roman liest. Sie streut ihre heutigen Spaziergänge und die Lektüre ein, wodurch man sich ganz nah an der Stadt und den Ereignissen fühlt. Die vielen Zitate, vor allem aus den Briefwechseln der Exilanten, geben die Möglichkeit, sich ganz in die Geschehnisse hereinzuversetzen. Und so ist dieses Buch eine bittersüße Ode über eine dunkle Zeit, die mit einigen hellen Flecken gesprenkelt ist, an mutige Menschen und eine wundervolle Stadt.

Im Anhang gibt es noch eine von Bettina Baltschev verwendete Literaturliste und die Bücher, die im Querido Verlag veröffentlicht wurden. Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich zwar von vielen der Schriftsteller gehört, aber noch erstaunlich wenig davon gelesen habe. Tatsächlich sind der Mephisto und Anna Seghers Transit und Das siebte Kreuz die einzigen echten deutschen Exilromane, die ich in meinem Regal gefunden habe. Oder zählen alle Romane von Schriftstellern, die im Exil waren, dazu? So wie Das Kunstseidene Mädchen von Irmgard Keun, welches 1932 veröffentlicht wurde, sie ging jedoch 1933 ins Exil? Genau wie beim Radetzkymarsch von Joseph Roth? Oder Arc de Triomphe von Erich Maria Remarque, das 1946 veröffentlicht wurde, er aber wurde 1947 amerikanischer Staatsbürger?!

Genug Fragen also, um sich weiter mit dieser Literatur zu beschäftigen! Was ich auch tun werde, Bettina Baltschev sei dank!

Bettina Baltschev, geboren 1973 in Berlin, studierte Kulturwissenschaften, Journalistik und Philosophie in Leipzig und Groningen. Sie ist Autorin und Redakteurin beim Hörfunk der ARD und pendelt zwischen ihrem Wohnort Leipzig und ihrer zweiten Heimat Amsterdam. 2008 erschien „Ein Jahr in Amsterdam. Reise in den Alltag.“ (Herder) (Verlagsinformation)

Am 28. Juli und am 4. August veranstaltet Bettina Baltschev im Rahmen des Literarischen Sommers jeweils einen Spaziergang in Amsterdam, auf den Spuren ihres Buches. Ich hoffe, ich werde an einem der beiden Termine teilnehmen können!

Ich danke dem Berenberg Verlag ganz herzlich für die Überlassung eines Rezensionsexemplars!

Eine weitere Besprechung findet sich bei ZeichenundZeiten.

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Bernhard Schlink – Olga

Als ich in der Vorschau den Klappentext zu diesem Roman las, wurde ich neugierig und bestellte ein Exemplar. Ich habe gedacht, es komme eine Geschichte von zwei Menschen, die im letzten Jahrhundert spielt und wie dieses Jahrhundert ihnen mitspielte und wie sie sich gemeinsam durchschlugen. Meine Erwartungen wurden nicht erfüllt.

Denn ich bekam eine vollkommen andere Geschichte als die erwartete. Schlink erzählt in Olga von einer Frau, die in eine schwierige Zeit geboren wird. Als Waise wächst sie bei ihrer Großmutter auf, die keine Liebe für sie hat. Ihre einzigen Freunde sind Herbert und Viktoria, großbürgerlich, die als Kinderfreunde ein Teil ihres Lebens werden, im Aufwachsen jedoch getrennte Wege gehen: Viktoria begibt sich vollkommen in ihren Stand, Herbert verliebt sich in Olga und möchte sie heiraten. Doch die Eltern verbieten es.

Gegen alle Widerstände geht Olga ans Lehrerinnenseminar und bekommt bald eine Stelle an ihrer alten Dorfschule. Von Viktoria verleumdet, von Herbert geliebt, baut sie sich ein Leben auf. Herbert liebt sie, aber er hat keine Ruhe, sich niederzulassen, er will die Welt sehen. Und so beginnen seine zahlreichen Reisen, die ihn immer weiter von Olga fort und doch immer wieder zu ihr zurück bringen. Bis er eines Tages nicht zurückkommt.

Olga gibt die Hoffnung nicht auf, auch als eine Bergungsexpedition nach der anderen zurückkehrt. Sie richtet sich in ihrem Leben ein, gewinnt neue Freunde, vor allem einen kleinen Nachbarsjungen namens Eik. Sie erzählt ihm von Herberts Abenteuern, und wie dieser die ganze Welt erobern wollte. Dabei wollte Olga immer nur eine kleine Welt, eine Welt für sich und Herbert. Sie schuf ein Heim, in das er zurückkehren konnte, unterstützte ihn aber auch in seinen Plänen, da sie ihn liebte.

Ja, Herbert, der gutmütige Herbert, er liebt Olga. Und er ist einer der größten Einfaltspinsel, von denen ich je las. Seine Träume von der großdeutschen Herrlichkeit, von Weite und Ruhm sind ein einziger Humbug. Olga jedoch liebt ihn und ist so froh, wenn er wieder einmal zu ihr zurückkehrt, dass sie keine Fragen stellt. Auch lange nach seinem Verschwinden nicht. Und so vergeht der Erste Weltkrieg, die Jahre dazwischen, bis der Zweite Weltkrieg sie schließlich zwingt, nach Süddeutschland zu fliehen.

Sie ist taub geworden und arbeitet nun als Näherin. So wird sie zur Verbündeten eines anderen kleinen Jungen, der ihre Hilfe braucht und bekommt. Sie wird für ihn zur wichtigsten Ansprechperson, die sein Leben nicht unwesentlich formt…

Dies alles hört sich bruchstückhaft an, aber ich wollte genügend Leerstellen lassen, damit sich potentielle Leser finden und diesen Roman ebenso lieben lernen wie ich nun. Denn als ich mich erstmal von meinen Erwartungen verabschiedet hatte (ja, es dauerte eine Weile), konnte ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen und las atemlos weiter, fast in einem durch.

Denn Schlink hat der Erzählerstimme eine große Zartheit in seinem Bericht über Olga gegeben, sehr viel Liebe hineingelegt. Der Erzähler berichtet in Etappen von Olga, von ihrem Leben mit Herbert und wie es vor den Kriegen war, und ihrem anderen Leben danach. Ergänzend werden am Ende Briefe von Olga an Herbert eingebracht, die einige Lücken füllen. Und so entfaltet sich nach und nach der Lebensbericht über eine außergewöhnliche Frau, die nie im Rampenlicht stand und nie Großes entdeckt oder vollbracht hat.

Die aber eine erstaunliche Emanzipation vollzieht. Und auch wenn ich mir etwas mehr Geschichte und die beiden letzten Seiten hinweggewünscht hätte, bleibt mir nur zu sagen: Olga ist keine strahlende Heldin, sie ist eine stille, im Hintergrund leuchtende Heldin. Oder nein, eher so: strahlt sie vielleicht nicht vor der Geschichte, so strahlt sie im Leben des Erzählers. Und nun auch in meinem.

Bernhard Schlink: Olga. Diogenes Verlag AG Zürich, 2018. 311 Seiten.

Ich dank dem Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar.

Rebecca Gablé – Die Fremde Königin

Der neue Roman von Rebecca Gablé, Die Fremde Königin, ist der zweite Teil zur deutschen Geschichte, nach Das Haupt der Welt. Er schließt im Jahre 951 an, ca. zwanzig Jahre nach den Geschehnissen des vorherigen Romans.

„Wenn Ihr leben wollt, müsst Ihr graben“, raunte der Mönch in dem ausgefransten, staubigen Habit.

Adelheid blickte nicht auf und ging weiter zur Kapelle, ohne ihren Schritt zu verlangsamen. Aus dem Augenwinkel sah sie, dass der Mönch seinen Weg in entgegengesetzter Richtung fortsetzte – nicht hastig, nicht gemächlich, aber würdevoll, so wie Mönche eben gingen. Sie wusste trotzdem, dass dieser Mann nicht war, was er zu sein vorgab.

So wie alle Männer in ihrem Leben.“ (13)

Dies sind die ersten Sätze. Adelheid von Burgund, Königin von Italien, wird von einem Widersacher festgehalten, der sie zwingen will, seinen Sohn zu heiraten, um diesen so zum König zu machen. Adelheid weigert sich, weiß jedoch nicht, wie lange sie noch durchhält, ist doch ihre Tochter mitgefangen. Und so nimmt sie den Rat des Mönches an und gräbt. Es folgt eine abenteuerliche Flucht, die sie schließlich an den Hof König Ottos führt. Sie wird seine Frau.

 

Gaidemar, Adelheids Fluchthelfer, ist als Bastard aufgewachsen und weiß nicht, wer seine Eltern waren. Er genoß eine gute Ausbildung und ist nun Mitglied der Panzerreiter, einer Elitetruppe im Heer König Ottos. Ihre gemeinsame Flucht schweißt die beiden zusammen, und er wird Adelheids wichtigster Berater. Doch seine Liebe zu ihr muss er verbergen.

Es ist eine unruhige Zeit, immer wieder versuchen innere und äußere Feinde, König Otto vom Thron zu stoßen oder ihm Teile seines Königreichs abzujagen. Die Ungarn fallen von außen über das Reich her, doch auch im Inneren brodelt es, auch in König Ottos engstem Umfeld werden Intrigen gegen ihn und die seinen gesponnen, die nicht selten mit dem Leben bezahlt werden…

Rebecca Gablé hat mit Die Fremde Königin ein weiteres Mal bewiesen, dass sie ihr Handwerk versteht. Die von meiner Seite lang erwartete Fortsetzung zur deutschen Geschichte (der vorige Roman war ja wieder ein Waringham), schließt nicht unmittelbar an, wo die Geschichte aufhörte, und auch die Personen kommen nur am Rande vor. Wieder entwirft sie jedoch ein opulentes Bild davon, wie es gewesen sein mag, und man kann sich die Welt von damals durchaus so vorstellen.

Und was kann die Frau Schlachten schreiben! Auch hier liest man wieder atemlos, wie die Heere aufeinandertreffen, wie eng Sieg und Niederlage beieinanderliegen und oft gar nicht zu unterscheiden sind. Szenen wie diese haben mich aber diesmal dafür entschädigen müssen, dass ich nie so richtig Zugang zu den Figuren fand. Ich fieberte und litt nicht mit wie damals mit Tugomir, hoffte nicht so, bangte nicht so. Das tut mir immer sehr leid bei einem großen Unterhaltungsroman, der meiner Ansicht nach ja genau davon lebt.

Aber wie immer hat Rebecca Gablé natürlich genau das hingelegt: einen weiteren großen historischen Unterhaltungsroman, der Geschichte so schreibt, wie sie gewesen sein könnte. Sie recherchiert ihre Romane akribisch und die Beschreibungen der Gegebenheiten – sei es Landschaft, sei es Gebäude – vermag sie immer in die damalige Zeit zu transferieren.

Diese historischen Romane sind in meiner Familie so etwas wie Wanderpokale, jeder Gablé wird ebenso wie jeder Follett von einer Hand in die nächste gereicht. Ich belasse es normalerweise bei diesen beiden, habe dieses Jahr aber somit den Jackpot von insgesamt ca. 2000 Seiten gezogen (die Besprechung vom Follett folgt in Kürze). Und auch wenn Die Fremde Königin bei mir nicht so punkten konnte wie Das Haupt der Welt, habe ich mich doch gerne wieder auf ihre Sicht der damaligen Zeit eingelassen und angenehme Lesestunden verbracht. Ich hoffe, sie wird die Reihe weiterführen, denn es folgt ja noch einiges an interessanten Dingen – ich sage nur Barbarossa.

Eines ist mir jedoch bitter aufgestoßen, und das ist das Nachwort. Ich finde es erschreckend und verstörend, dass eine Autorin historischer Romane sich davon distanzieren muss, von bestimmten Gruppen vereinnahmt zu werden. Sie schreibt über einen König, der ein großes Reich unter sich hatte, was anscheinend von nationalistischen Wirrköpfen dazu missbraucht wird, als Beleg für die Überlegenheit des deutschen Volkes zu dienen. Mir wäre dieser Gedanke mal wieder nicht im entferntesten gekommen, dienen solche Romane für mich doch zur Unterhaltung, die mir ein paar historische Fakten liefert zusammen mit einem Bild, wie es gewesen sein könnte. Nicht mehr und nicht weniger. Ich hoffe, Frau Gablé lässt sich sich nicht davon abschrecken und schreibt diese Reihe weiter, damit sich um so mehr Menschen ein eigenes Bild machen und eine eigene Meinung bilden können – oder zumindest einen Ansatz dazu finden.

Rebecca Gablé: Die Fremde Königin. Bastei Lübbe AG, Köln, 2017. 763 Seiten.

Hier geht es zu der Besprechung von Der Palast der Meere von Rebecca Gablé.

Bernhard Blöchl – Im Regen erwartet niemand, dass dir die Sonne aus dem Hintern scheint

Wenn im Leben mal viel los ist, was den Kopf nicht so ganz in Ruhe lässt, ist es manchmal etwas schwierig mit sperriger Lektüre. Dann kann eines dieser Feel-Good-Bücher helfen, eine Story, die mit Irrungen und Wirrungen spielt, bei der man aber doch immer weiß, wohin sie führen wird, ein Pendant zu einer RomCom.

Im Regen erwartet niemand, dass dir die Sonne aus dem Hintern scheint ist eines dieser Bücher. Die Story handelt von Knoppke, einem Mann in seinen Vierzigern, der sich und sein Leben aufgegeben hat. Er arbeitet bei einer Security-Firma, was bedeutet, dass er Fußballspiele mit dem Rücken sieht. Seine Freundin sieht er auf dem Rücken liegen, aber unter jemand anderem. Und da platzt ihm der Kragen. Er setzt sich in seinen Fast-Bulli, lässt sein Fast-Leben hinter sich und fährt los. Sein Ziel: die Highlands, wo er auf Ruhe hofft.

Er ist noch nicht weit gekommen, als sich Sam, Anfang zwanzig, von ihm absolut ungewollt zu ihm gesellt. Doch alles Sträuben nützt Knoppke nichts, Sam ist da und bleibt. Und so machen sich die beiden auf den Weg, Richtung Schottland. Und eine Geschichte mit buchstäblich vielen Höhen und Tiefen nimmt ihren Lauf. Ob der knorrige Knoppke und die lebenslustige Sam sich am Ende zusammenraufen und welche Erkenntnisse auf ihrem Weg auf die beiden warten, das mag jeder für sich herausfinden.

Als ich bei Birgit von Sätze&Schätze von diesem Roman las, dachte ich mir schon, dass er was für mich sein könnte, wenn ich meine Gedanken nicht ganz so fokussiert bekomme. Ein Unterhaltungsroman, ein Road Movie, jemand, der nach Antworten sucht? Aber bitte, her damit!

Und ich bin gut unterhalten worden. Es waren vielleicht einige Hin- und Hers zu viel, und auch die Sprache war nicht ganz meine Kragenweite in dem Sinne, dass es manchmal vielleicht etwas zu ausschweifend für mich persönlich war – aber darum geht es ja nicht. Es geht darum, abschalten zu können, in einen Roman einzutauchen, der einen schmunzeln lässt und vielleicht sogar das ein oder andere Mal zum Nachdenken anregt. Das ist Bernhard Blöchl hier gelungen. Und manchmal ist das ja auch genau richtig bzw. das, was man gerade braucht. Wer also etwas gute Unterhaltung braucht, ist hier an der richtigen Adresse.

Bernhard Blöchl: Im Regen erwartet niemand, dass dir die Sonne aus dem Hintern scheint. Piper Verlag GmbH, München/Berlin 2017. 272 Seiten.

Ich danke dem Piper-Verlag für das Rezensionsexemplar.

Bild: Alexandra Pilz via piper.de

Bernhard Blöchl, Jahrgang 1976, ist Autor und Journalist aus München. Als Redakteur der Süddeutschen Zeitung befasst er sich mit Kultur in München und Bayern, seine Themen sind Film, Literatur und Pop- Blöchl schreibt Unterhaltungsromane und betreibt unter lieblingssaetze.de ein virtuelles Museum der schönen Sätze. (Klappentext)

Warum ich lese – 40 Liebeserklärungen an die Literatur

Letztes Jahr stellte Sandro vom Blog Novelero sich die Frage, warum er eigentlich liest. Dies inspirierte viele Menschen dazu, das Gleiche zu tun, was in einer großen Anzahl von Beiträgen gipfelte. Auch ich schrieb meine Geschichte dazu.

40 dieser Beiträge hat der Homunculus Verlag nun zu einem wundervollen Buch gestaltet – und mein Beitrag ist auch dabei! Ich freue mich sehr, Teil dieses Projekts zu sein, und hoffe, der Eine oder die Andere interessiert sich für die Geschichten, die „Lesenswege“, und fühlt sich vielleicht inspiriert, über seinen oder ihren Weg zum Lesen nachzudenken. Es sind sehr persönliche Geschichten, unterhaltend, traurig, fröhlich, anregend. Und nach der Lektüre kann es nur einen Weg geben: Den zum Bücherregal!

Erhältlich ist das Buch hier:

Warum ich lese.
40 Liebeserklärungen an die Literatur

Ich wünsche viel Freude mit diesem tollen Buch und hoffe, es möge viele Leser finden!

 

Double Feature: Stefan Zweig

Buch #67: Der Amokläufer und

Buchmendel & Die unsichtbare Sammlung

Bild: wikipedia.de

Stefan Zweig wurde am 28. November 1881 in Wien geboren. Er lebte von 1919 bis 1935 in Salzburg, von dort emigrierte er nach England und 1940 nach Brasilien. Nachdem er bereits als Übersetzer von Verlaine, Baudelaire und Verhaeren bekannt war, veröffentlichte er 1901 mit „Silberne Seiten“ seine ersten Gedichte. Sein episches Werk machte ihn ebenso berühmt wie seine historischen Miniaturen und die biographischen Arbeiten. 1944 erschienen seine Erinnerungen, in „Die Welt von Gestern“ erzählt er von einer vergangenen Zeit. 1942 schied er freiwillig aus dem Leben, nachdem er sich in seiner neuen Heimat Petropolis, Brasilien, nie ganz zu Hause fühlen konnte und die Angst, die Nationalsozialisten könnten sich die ganze Welt Untertan machen, Überhand nahm.

Bei Der Amokläufer handelt es sich um eine Sammlung von sieben Erzählungen, von denen hier stellvertretend die titelgebende Erzählung vorgestellt wird.

Ein namentlich unbekannter Ich-Erzähler berichtet von einer Schiffspassage von Kalkutta nach Europa im Jahre 1912. Er hat einen der letzten Plätze und somit der schlechtesten Kabinen bekommen, weswegen er seinen Rhythmus umstellt und tagsüber schläft und nachts an Deck geht, um die frische Luft und Ruhe zu genießen.Hier begegnet er eines Nachts im Dunklen einer anderen Person, die zunächst sehr nervös reagiert, sich dann aber an den Erzähler wendet, um seine Geschichte zu erzählen.

Die fremde Person war Arzt in Indien, in einer weit von aller Zivilisation gelegenen Siedlung, und hatte seine Zeit fast abgeleistet. Er war voller Tatkraft angekommen, doch die Hitze und die Einsamkeit haben ihm diese geraubt, und so verbrachte er seine Tage damit, die Zeit herumzubringen. Bis eines Tages ein unvorhergesehenes Ereignis eintrat – eine ihm unbekannte Frau bat ihn um Hilfe. Sie nannte ihren Namen nicht und war sehr bestimmt, eiskalt fast, was den Arzt fast um den Verstand brachte. Das war der Grund, warum er ihre Bitte verwehrte.

Kaum war die Dame gegangen, bereute er seine Härte und setzte ihr nach, doch ohne Erfolg. So forschte er nach und fand tatsächlich heraus, wer sie war, woraufhin er alles stehen und liegen ließ, um der Dame zu folgen und ihr seine Hilfe anzubieten. Worin diese letztlich bestand, und warum der Arzt sich auf dem Schiff befindet, sollte jeder für sich selbst herausfinden.

Diese 75 Seiten lange Erzählung liest sich in einem Atemzug weg. Zweig kreiert die tropische Stimmung so intensiv, dass man meint, die Luft höre auf, sich zu bewegen und laste schwer auf der Haut. Man sieht die Szenerie ebenso vor sich wie die eiskalten Augen der Dame, man riecht den Gestank des Schiffsmotors ebenso wie man die Weite des Sternenhimmels in der Nacht über sich sieht. Für meinen Geschmack ist es fast schon zu intensiv, ich bevorzuge ein paar Adjektive weniger, aber er versteht es doch ausgezeichnet, Stimmungen zu schaffen:

„Das Schiff war überfüllt und die Kabine schlecht, ein kleiner gepreßter, rechteckiger Winkel in der Nähe der Dampfmaschine, einzig vom trüben Blick der kreisrunden Glasscheibe erhellt. Die stockende, verdickte Luft roch nach Öl und Moder: nicht für einen Augenblick konnte man dem elektrischen Ventilator entgehen, der wie eine toll gewordene stählerne Fledermaus einem surrend über der Stirn kreiste. Von unten her ratterte und stöhnte wie ein Kohlenträger, der unablässig dieselbe Treppe hinaufkeucht, die Maschine, von oben hörte man unaufhörlich das schlurfende Hin und Her der Schritte vom Promenadendeck.“ (Amok, 71)

Im letzten Jahr brachte der Topalian & Milani Verlag zwei weitere Novellen von Zweig heraus: Buchmendel und Die unsichtbare Sammlung. Die Ausgabe ist ein wundervoller Band, in der jede der Novellen mit Illustrationen versehen ist, Die unsichtbare Sammlung mit Illustrationen von Florian L. Arnold, Buchmendel illustrierte Joachim Brandenberg, ein Nachwort zum Leben Zweigs rundet die Ausgabe ab.

In Die unsichtbare Sammlung berichtet ein Kunstantiquar dem Erzähler von einem Erlebnis, das ihn sehr beeindruckt hat. Im Zuge der Weltwirtschaftskrise, als Geld wertlos geworden war, kauften die Reichen nun Kunst – Bilder, Statuen und auch Stiche. Dies ging so weit, dass kaum noch Gegenstände zum Handeln vorhanden waren, bis er sich an einen alten Kunden erinnerte, der seit 1914 treuer Kunde gewesen war und eine umfassende Sammlung an Stichen zusammengetragen hatte. Er beschloss, diesen Herrn zu besuchen, und nicht wenige Überraschungen erwarteten ihn…

Buchmendel, wie immer von einem Ich-Erzähler ausgehend, berichtet von einem Mann, den der Erzähler vor vielen Jahren in Wien kannte und dessen er sich bei einem Besuch erinnert. Dieser Herr, Buchmendel, verbrachte seine Tage in einem Café, immer dasselbe Café, immer am selben Tisch. Als der Erzähler dort hingeht, findet er jedoch einen neuen Besitzer vor, der Buchmendel nicht kennt. So stellt der Erzähler Nachforschungen an… Dieser Buchmendel war ein Mensch, der jedes Buch kannte, der jedes Buch beschaffen konnte und der jeden Preis wusste. So hatte er sein kleines Auskommen im Beschaffen und Vertreiben von Büchern, für die er ein photographisches Gedächtnis besaß, die er aber nicht las. Auch in normalen, dem Überleben wichtigen Dingen, war er nicht sehr bewandert, und so kam eines Tages eins zum anderen…

Die Illustrationen geben den Novellen einen ganz besonderen zusätzlichen Reiz. Zweig erzählt keine schönen Geschichten, an seinen Erzählungen ist immer etwas faul, und dass der Ich-Erzähler alles entweder selbst erlebt oder aus erster Hand erfährt, bringt die Ereignisse noch näher. Dazu kommen die Zeichnungen, die eine zusätzliche Intensität kreieren, und die Geschichten werden nicht so schnell wieder vergessen. Auch wenn Zweig für mich persönlich vielleicht etwas überladen schreibt, haben die Erzählungen doch einen Eindruck hinterlassen, und jeder, der sich auf einige dieser Geschichten einlässt, wird die große Verzweiflung Zweigs an der Welt erkennen können, selbst wenn sie nirgendwo so eindringlich illustriert wird wie an seiner „Schachnovelle“, die mich seit nunmehr bestimmt 15 Jahren nicht mehr loslässt.

Stefan Zweig: Der Amokläufer und andere Erzählungen. Fischer Taschenbuch Verlag GmbH, Frankfurt am Main, 1989. 203 Seiten.

Stefan Zweig: Buchmendel. Die unsichtbare Sammlung. Topalian & Milani Verlag, 2016. 152 Seiten.

Ich danke dem Topalian & Milani Verlag für das Rezensionsexemplar.

Rebecca Gablé – Der Palast der Meere

Ich gebe es offen zu: Ich habe eine Schwäche. Und zwar für die historischen Romane von Rebecca Gablé. In meiner Familie werden viele historische Romane gelesen, aber ich greife nur ab und an zu einem – und diese sind dann meistens von ihr. So verfolge ich nun schon seit Jahren die Waringham-Familie auf ihrer Reise durchs Mittelalter, und die schön dunkle Kuschelzeit zwischen den Jahren gab mir die Gelegenheit, ins 16. Jahrhundert vorzustoßen, ins England Elizabeths I. und in eine Welt der neuen Entdeckungen.

gabléIn Der Palast der Meere folgen wir abwechselnd zwei Hauptfiguren: Eleanor of Waringham, die „das Auge“ der Königin ist, ihre Spionin und seit frühester Kindheit ihre engste Vertraute. Sie lebt am Hof, ist das illegitime Kind des Earls of Waringham und wäre unter Heinrichs VIII. Raserei fast dem Henkersbeil zum Opfer gefallen. All dies zusammen mit Elizabeth, weswegen die beiden eine fast blinde Freundschaft verbindet.

Ihr Halbbruder Isaac, der einmal Waringham führen soll, fühlt sich zu nichts weniger berufen. Und so geht er, mit 14 Jahren, heimlich an Bord von Jim Hawkins, der ihn nach Entdeckung als Schiffsjungen nimmt, ihn dann jedoch als Sklaven verkauft. Doch die Waringham wären natürlich nicht die Waringham, wenn sie sich entmutigen ließen. Und so befährt Isaac schließlich fast die ganze Welt, bis er schließlich für Elizabeth fährt.

Diese braucht seine Hilfe bei den während ihrer gesamten Regentschaft schwelenden Religionskriegen, wobei Mary Stuart stets droht, ihr den Thron streitig zu machen. Hier bekommt sie ebenfalls Unterstützung von Eleanor, die so manche Intrige aufdeckt und ihre Königin vor Attentaten schützt. Aber durch ihre Liebe zum „König der Diebe“ macht sie sich angreifbar. ..

Wiederum ist Rebecca Gablé ein Historienepos gelungen, das Figuren einführt, denen man gerne folgt, und anhand deren fiktiver Lebenslinien man ein Stück Weltgeschichte erfährt. Denn das ist Gablés große Stärke – ihre Figuren erzählen, wie es vielleicht war. Nun bin ich ein großer Mittelalter-Fan, und wir befinden uns mit der Entdeckung der neuen Welt an dessen Ende, aber wie in den Romanen zuvor habe ich mich auch hier bestens unterhalten gefühlt.

Es war nicht mein Lieblingsroman dieser Schriftstellerin, diese Position haben immer noch Der König der purpurnen Stadt und Das Haupt der Welt (ich hoffe wirklich, dass sie dies als Reihe fortsetzt!) inne, aber als Abschluss (??) war er durchaus gelungen. Wenn man über die Jahre die Geschichte der Waringham verfolgt hat, fühlt man sich doch mit jeder Generation verbunden, und wenn Frau Gablé sich entschiede, auch von James I. und den weiterführenden Religionskriegen zu erzählen, wäre ich wieder dabei. In der dunklen Winterzeit, wenn man etwas gute Unterhaltung wünscht, mit der man sich nicht allzu sehr auseinandersetzen muss. Manchmal muss das sein.

Rebecca Gablé: Der Palast der Meere. Bastei Lübbe, Köln, 2015. 960 Seiten.