Warum ich lese – 40 Liebeserklärungen an die Literatur

Letztes Jahr stellte Sandro vom Blog Novelero sich die Frage, warum er eigentlich liest. Dies inspirierte viele Menschen dazu, das Gleiche zu tun, was in einer großen Anzahl von Beiträgen gipfelte. Auch ich schrieb meine Geschichte dazu.

40 dieser Beiträge hat der Homunculus Verlag nun zu einem wundervollen Buch gestaltet – und mein Beitrag ist auch dabei! Ich freue mich sehr, Teil dieses Projekts zu sein, und hoffe, der Eine oder die Andere interessiert sich für die Geschichten, die „Lesenswege“, und fühlt sich vielleicht inspiriert, über seinen oder ihren Weg zum Lesen nachzudenken. Es sind sehr persönliche Geschichten, unterhaltend, traurig, fröhlich, anregend. Und nach der Lektüre kann es nur einen Weg geben: Den zum Bücherregal!

Erhältlich ist das Buch hier:

Warum ich lese.
40 Liebeserklärungen an die Literatur

Ich wünsche viel Freude mit diesem tollen Buch und hoffe, es möge viele Leser finden!

 

Double Feature: Stefan Zweig

Buch #67: Der Amokläufer und

Buchmendel & Die unsichtbare Sammlung

Bild: wikipedia.de

Stefan Zweig wurde am 28. November 1881 in Wien geboren. Er lebte von 1919 bis 1935 in Salzburg, von dort emigrierte er nach England und 1940 nach Brasilien. Nachdem er bereits als Übersetzer von Verlaine, Baudelaire und Verhaeren bekannt war, veröffentlichte er 1901 mit „Silberne Seiten“ seine ersten Gedichte. Sein episches Werk machte ihn ebenso berühmt wie seine historischen Miniaturen und die biographischen Arbeiten. 1944 erschienen seine Erinnerungen, in „Die Welt von Gestern“ erzählt er von einer vergangenen Zeit. 1942 schied er freiwillig aus dem Leben, nachdem er sich in seiner neuen Heimat Petropolis, Brasilien, nie ganz zu Hause fühlen konnte und die Angst, die Nationalsozialisten könnten sich die ganze Welt Untertan machen, Überhand nahm.

Bei Der Amokläufer handelt es sich um eine Sammlung von sieben Erzählungen, von denen hier stellvertretend die titelgebende Erzählung vorgestellt wird.

Ein namentlich unbekannter Ich-Erzähler berichtet von einer Schiffspassage von Kalkutta nach Europa im Jahre 1912. Er hat einen der letzten Plätze und somit der schlechtesten Kabinen bekommen, weswegen er seinen Rhythmus umstellt und tagsüber schläft und nachts an Deck geht, um die frische Luft und Ruhe zu genießen.Hier begegnet er eines Nachts im Dunklen einer anderen Person, die zunächst sehr nervös reagiert, sich dann aber an den Erzähler wendet, um seine Geschichte zu erzählen.

Die fremde Person war Arzt in Indien, in einer weit von aller Zivilisation gelegenen Siedlung, und hatte seine Zeit fast abgeleistet. Er war voller Tatkraft angekommen, doch die Hitze und die Einsamkeit haben ihm diese geraubt, und so verbrachte er seine Tage damit, die Zeit herumzubringen. Bis eines Tages ein unvorhergesehenes Ereignis eintrat – eine ihm unbekannte Frau bat ihn um Hilfe. Sie nannte ihren Namen nicht und war sehr bestimmt, eiskalt fast, was den Arzt fast um den Verstand brachte. Das war der Grund, warum er ihre Bitte verwehrte.

Kaum war die Dame gegangen, bereute er seine Härte und setzte ihr nach, doch ohne Erfolg. So forschte er nach und fand tatsächlich heraus, wer sie war, woraufhin er alles stehen und liegen ließ, um der Dame zu folgen und ihr seine Hilfe anzubieten. Worin diese letztlich bestand, und warum der Arzt sich auf dem Schiff befindet, sollte jeder für sich selbst herausfinden.

Diese 75 Seiten lange Erzählung liest sich in einem Atemzug weg. Zweig kreiert die tropische Stimmung so intensiv, dass man meint, die Luft höre auf, sich zu bewegen und laste schwer auf der Haut. Man sieht die Szenerie ebenso vor sich wie die eiskalten Augen der Dame, man riecht den Gestank des Schiffsmotors ebenso wie man die Weite des Sternenhimmels in der Nacht über sich sieht. Für meinen Geschmack ist es fast schon zu intensiv, ich bevorzuge ein paar Adjektive weniger, aber er versteht es doch ausgezeichnet, Stimmungen zu schaffen:

„Das Schiff war überfüllt und die Kabine schlecht, ein kleiner gepreßter, rechteckiger Winkel in der Nähe der Dampfmaschine, einzig vom trüben Blick der kreisrunden Glasscheibe erhellt. Die stockende, verdickte Luft roch nach Öl und Moder: nicht für einen Augenblick konnte man dem elektrischen Ventilator entgehen, der wie eine toll gewordene stählerne Fledermaus einem surrend über der Stirn kreiste. Von unten her ratterte und stöhnte wie ein Kohlenträger, der unablässig dieselbe Treppe hinaufkeucht, die Maschine, von oben hörte man unaufhörlich das schlurfende Hin und Her der Schritte vom Promenadendeck.“ (Amok, 71)

Im letzten Jahr brachte der Topalian & Milani Verlag zwei weitere Novellen von Zweig heraus: Buchmendel und Die unsichtbare Sammlung. Die Ausgabe ist ein wundervoller Band, in der jede der Novellen mit Illustrationen versehen ist, Die unsichtbare Sammlung mit Illustrationen von Florian L. Arnold, Buchmendel illustrierte Joachim Brandenberg, ein Nachwort zum Leben Zweigs rundet die Ausgabe ab.

In Die unsichtbare Sammlung berichtet ein Kunstantiquar dem Erzähler von einem Erlebnis, das ihn sehr beeindruckt hat. Im Zuge der Weltwirtschaftskrise, als Geld wertlos geworden war, kauften die Reichen nun Kunst – Bilder, Statuen und auch Stiche. Dies ging so weit, dass kaum noch Gegenstände zum Handeln vorhanden waren, bis er sich an einen alten Kunden erinnerte, der seit 1914 treuer Kunde gewesen war und eine umfassende Sammlung an Stichen zusammengetragen hatte. Er beschloss, diesen Herrn zu besuchen, und nicht wenige Überraschungen erwarteten ihn…

Buchmendel, wie immer von einem Ich-Erzähler ausgehend, berichtet von einem Mann, den der Erzähler vor vielen Jahren in Wien kannte und dessen er sich bei einem Besuch erinnert. Dieser Herr, Buchmendel, verbrachte seine Tage in einem Café, immer dasselbe Café, immer am selben Tisch. Als der Erzähler dort hingeht, findet er jedoch einen neuen Besitzer vor, der Buchmendel nicht kennt. So stellt der Erzähler Nachforschungen an… Dieser Buchmendel war ein Mensch, der jedes Buch kannte, der jedes Buch beschaffen konnte und der jeden Preis wusste. So hatte er sein kleines Auskommen im Beschaffen und Vertreiben von Büchern, für die er ein photographisches Gedächtnis besaß, die er aber nicht las. Auch in normalen, dem Überleben wichtigen Dingen, war er nicht sehr bewandert, und so kam eines Tages eins zum anderen…

Die Illustrationen geben den Novellen einen ganz besonderen zusätzlichen Reiz. Zweig erzählt keine schönen Geschichten, an seinen Erzählungen ist immer etwas faul, und dass der Ich-Erzähler alles entweder selbst erlebt oder aus erster Hand erfährt, bringt die Ereignisse noch näher. Dazu kommen die Zeichnungen, die eine zusätzliche Intensität kreieren, und die Geschichten werden nicht so schnell wieder vergessen. Auch wenn Zweig für mich persönlich vielleicht etwas überladen schreibt, haben die Erzählungen doch einen Eindruck hinterlassen, und jeder, der sich auf einige dieser Geschichten einlässt, wird die große Verzweiflung Zweigs an der Welt erkennen können, selbst wenn sie nirgendwo so eindringlich illustriert wird wie an seiner „Schachnovelle“, die mich seit nunmehr bestimmt 15 Jahren nicht mehr loslässt.

Stefan Zweig: Der Amokläufer und andere Erzählungen. Fischer Taschenbuch Verlag GmbH, Frankfurt am Main, 1989. 203 Seiten.

Stefan Zweig: Buchmendel. Die unsichtbare Sammlung. Topalian & Milani Verlag, 2016. 152 Seiten.

Ich danke dem Topalian & Milani Verlag für das Rezensionsexemplar.

Rebecca Gablé – Der Palast der Meere

Ich gebe es offen zu: Ich habe eine Schwäche. Und zwar für die historischen Romane von Rebecca Gablé. In meiner Familie werden viele historische Romane gelesen, aber ich greife nur ab und an zu einem – und diese sind dann meistens von ihr. So verfolge ich nun schon seit Jahren die Waringham-Familie auf ihrer Reise durchs Mittelalter, und die schön dunkle Kuschelzeit zwischen den Jahren gab mir die Gelegenheit, ins 16. Jahrhundert vorzustoßen, ins England Elizabeths I. und in eine Welt der neuen Entdeckungen.

gabléIn Der Palast der Meere folgen wir abwechselnd zwei Hauptfiguren: Eleanor of Waringham, die „das Auge“ der Königin ist, ihre Spionin und seit frühester Kindheit ihre engste Vertraute. Sie lebt am Hof, ist das illegitime Kind des Earls of Waringham und wäre unter Heinrichs VIII. Raserei fast dem Henkersbeil zum Opfer gefallen. All dies zusammen mit Elizabeth, weswegen die beiden eine fast blinde Freundschaft verbindet.

Ihr Halbbruder Isaac, der einmal Waringham führen soll, fühlt sich zu nichts weniger berufen. Und so geht er, mit 14 Jahren, heimlich an Bord von Jim Hawkins, der ihn nach Entdeckung als Schiffsjungen nimmt, ihn dann jedoch als Sklaven verkauft. Doch die Waringham wären natürlich nicht die Waringham, wenn sie sich entmutigen ließen. Und so befährt Isaac schließlich fast die ganze Welt, bis er schließlich für Elizabeth fährt.

Diese braucht seine Hilfe bei den während ihrer gesamten Regentschaft schwelenden Religionskriegen, wobei Mary Stuart stets droht, ihr den Thron streitig zu machen. Hier bekommt sie ebenfalls Unterstützung von Eleanor, die so manche Intrige aufdeckt und ihre Königin vor Attentaten schützt. Aber durch ihre Liebe zum „König der Diebe“ macht sie sich angreifbar. ..

Wiederum ist Rebecca Gablé ein Historienepos gelungen, das Figuren einführt, denen man gerne folgt, und anhand deren fiktiver Lebenslinien man ein Stück Weltgeschichte erfährt. Denn das ist Gablés große Stärke – ihre Figuren erzählen, wie es vielleicht war. Nun bin ich ein großer Mittelalter-Fan, und wir befinden uns mit der Entdeckung der neuen Welt an dessen Ende, aber wie in den Romanen zuvor habe ich mich auch hier bestens unterhalten gefühlt.

Es war nicht mein Lieblingsroman dieser Schriftstellerin, diese Position haben immer noch Der König der purpurnen Stadt und Das Haupt der Welt (ich hoffe wirklich, dass sie dies als Reihe fortsetzt!) inne, aber als Abschluss (??) war er durchaus gelungen. Wenn man über die Jahre die Geschichte der Waringham verfolgt hat, fühlt man sich doch mit jeder Generation verbunden, und wenn Frau Gablé sich entschiede, auch von James I. und den weiterführenden Religionskriegen zu erzählen, wäre ich wieder dabei. In der dunklen Winterzeit, wenn man etwas gute Unterhaltung wünscht, mit der man sich nicht allzu sehr auseinandersetzen muss. Manchmal muss das sein.

Rebecca Gablé: Der Palast der Meere. Bastei Lübbe, Köln, 2015. 960 Seiten.

 

Juli Zeh – Corpus Delicti. Ein Prozess

Juli Zeh wurde am 30. Juni 1974 in Bonn geboren, sie ist Juristin und Schriftstellerin.  Sie studierte Rechtswissenschaften in Passau, Krakau, New York und Leipzig, machte ein Praktikum bei der UNO. Schon vor dem Abschluss ihres Jurastudiums begann sie in Leipzig ein Studium am Deutschen Literaturinstitut, das sie 2000 abschloss. Sie engagiert sich gesellschaftlich und politisch, unter anderem ist der Datenschutz ein ihr wichtiges Thema. Zu den Literaturpreisen, die sie erhalten hat, gehören unter anderem der Per-Olov-Enquist-Preis und der Thomas-Mann-Preis.

Bild: Berliner Zeitung, 17.09. 2013

Bild: Berliner Zeitung, 17.09. 2013

Juli Zeh hat Corpus Delicti  im Deutschland des Jahres 2057 angesiedelt. Das Wichtigste ist den Menschen die Gesundheit. Sämtliche Krankheiten sind ausgerottet, Menschen kennen keinen Schmerz (wobei ich doch glauben würde, dass, solange es z.B. Türen und Tische gibt, Menschen sich die Ellenbogen oder Knie stoßen). Dies ist nur möglich, wenn man die Regeln befolgt, was bedeutet, dass man z.B. seinen täglichen vorgegebenen Trainingsplan absolviert. Tut man dies nicht, macht man sich strafbar. Ebenso macht man sich strafbar, wenn man in den Wald geht, der ist nun eine gesperrte Zone (zu gefährlich), am Fluss sitzt (zu gefährlich), und ein Kapitalverbrechen wäre dann das Rauchen einer Zigarette, vor allem im Wald, im Fluss.

Diese Gefahr reizte Moritz Holl, der nicht genug kriegen konnte von der sauberen frischen Lust im Wald, und sogar seine Schwester Mia oft dorthin mitnahm. Moritz, der Draufgänger, zeigte Mia, der rationalen Naturwissenschaftlerin, dass es mehr im Leben gibt als die Regeln zu befolgen, und dass man bei Nichtbefolgen nicht sofort tot umfällt.

Mia, in dem System aufgewachsen, glaubt aber daran. Sie glaubt, dass es den Menschen so besser geht. Auch wenn man dafür auf Dinge verzichten muss, wie Blumen, die nun mit den entsprechenden Duftstoffen angesprühte Plastikblumen sind. Oder dass man sich damit arrangieren muss, nur mit einem Partner zusammenleben zu dürfen, dessen Immunsystem mit dem eigenen kompatibel ist. Sie glaubt, dass seien kleine Preise, kleine Einschränkungen, die man für ein Gesellschaftssystem bezahlt, das schließlich nur das Beste für die Menschen will und tut. Für die „Methode“, die als unfehlbar gilt.

Doch dann bringt Moritz sich um. Er wurde des Mordes für schuldig befunden, seine DNA wurde am Opfer nachgewiesen. Er beteuerte seine Unschuld, doch niemand glaubte ihm. Schließlich folgte er auch nicht immer der „Methode“, sondern ging Risiken ein, und die „Methode“ ist unfehlbar – sowohl bei den Regeln als auch bei den Beweisen, wenn sie seine Schuld feststellt, ist er schuldig.

Doch Mia verzweifelt am Tod ihres Bruders, folgt nicht mehr den Instruktionen, weist nicht ihr Training nach und die Maßnahmen, die sie erfüllen muss. Stattdessen ist sie traurig, abwesend, und, dank ihres Bruders, hat sie eine imaginäre Freundin, an der sie Ideen austestet. Ideen, die der „Methode“ gar nicht gefallen würden. Und so landet Mia vor Gericht, das erste Mal allerdings wegen nicht erfüllter Trainingspläne, sie hat ihre oberste Bürgerpflicht nicht erfüllt.

Aber Mia fordert eine Zeit für sich, eine Zeit zu trauern. Und so landet sie erneut vor Gericht. Sie bekommt einen Anwalt, der ihr wirklich helfen will, da auch er nicht „normal“ ist, liebt er doch eine Frau, deren Immunsystem nicht zu seinem passt. Und er findet eine unglaubliche Wahrheit heraus: Moritz ist unschuldig, da er als Kind eine Knochenmarkstransplantation erhalten hat und somit fremde DNA.

Es ist, als bebe die Welt. Menschen fangen an zu zweifeln, stellen sich auf Mias Seite, das System gerät in Gefahr. Doch das kann auf keinen Fall passieren. Aber dann gibt es ja auch die Menschen, die nach wie vor daran glauben, dass die „Methode“ die beste aller Möglichkeiten sei, und sie deshalb aggressiv verteidigen. Allen voran der attraktive Reporter mit dem sprechenden Namen Heinrich Kramer… g-zeh-corpus

Juli Zeh hat mit Corpus Delicti eine Dystopie verfasst, die nicht in allzu weiter Zukunft liegt, deren Anfang schon in der Gesellschaft implementiert ist. Der Idealkörper ist für viele Menschen das Wichtigste auf der Welt, wer die Idealmaße nicht besitzt, ist zu faul, Sport zu machen. Wer keinen Spaß am Sport hat, ist ja nur zu faul. Wer nicht täglich nur mit den frischesten Sachen kocht, ist nur zu faul. Verbote für alles, was dem Körper schadet, werden diskutiert oder sind schon durchgeführt. Wer sich einmal schadet, braucht kein Mitleid zu erwarten.

Die Überwachung ist nur einen Schritt entfernt. Auch wenn das heute noch als „schick“ angesehen wird, weil man zeigt, dass man sich die Geräte leisten kann, die dann sämtliche Körperfunktionen an einen anonymen Rechner und damit ins Datenparadies sendet. Datenspeicherung ist nicht gewollt, aber jeder soll sehen, wie toll man heute z.B. gelaufen ist. Schicken wirs über Twitter an die Welt.

Die Entwicklung ist beängstigend, und Juli Zeh legt genau den Finger darauf. Sie zwingt dazu, sich damit auseinander zu setzen, was man will. Denn früher oder später muss man eine Entscheidung treffen. Entweder man ist ein gläserner Mensch und sendet alles in die Welt hinaus, und dann muss man mit der Überwachung rechnen. Oder man ist nicht durchsichtig, sendet nicht alles in die Welt, nimmt aber in Kauf, dass man weniger Sicherheit hat. Man kann nicht Beides haben. Und gerade bei den ganzen Diskussionen der letzten Wochen, Monate und Jahre sollte man sich diese Fragen stellen.

Und unbedingt dieses Buch lesen, das man vielleicht in einem Rutsch durchliest, dann aber noch lange mit sich herumträgt. Wenn nicht im Positiven, so doch im aufrüttelnden Sinne.

Juli Zeh: Corpus Delicti. Ein Prozess. Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2009. 264 Seiten.

 

Buch #38: Elias Canetti – Die Blendung

Elias Canetti wurde 1905 in Rustschuk, heute Russe/Bulgarien, in eine Familie mit sephardisch-jüdischem Hintergrund geboren. 1911 zog die Familie nach Manchester, nach des Vaters Tod 1912 nach Wien. 1916 zogen sie in die Schweiz und 1921 nach Deutschland. Ab 1924 studierte Canetti in Wien Chemie, besuchte aber auch Veranstaltungen von Karl Kraus. Ab 1925 widmete er sich dem Massen-Phänomen, das ihn sein Leben lang beschäftigen sollte.

1931 beendete er Die Blendung, die aber erst 1935 erschien. Nach dem Anschluss Österreichs 1938 floh er mit seiner Frau nach London. Er verfasste mehrere Werke, 1960 erschien Masse und Macht, sein anthropologisches Hauptwerk. Er erhielt zahlreiche Preise, darunter den Büchner-Preis, den Nelly-Sachs-Preis, den Pour-le-Mérite-Orden und schließlich 1981 den Literaturnobelpreis. Am 14. August 1994 starb er in Zürich.

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Ich hatte Euch die Rezension schon für Dienstag versprochen. Dass es nun doch bis heute gedauert hat, bis ich mich dazu überwinden konnte, das Buch tatsächlich zu Ende zu lesen, gibt schon den ersten Hinweis auf das Folgende. Die Blendung ist in drei Hauptteile unterteilt, die jeweils mehrere Unterkapitel haben.

Der erste Teil heißt Ein Kopf ohne Welt. Hier lernen wir Peter Kien kennen, der bedeutendste Sinologe seiner Zeit. Er ist durch und durch Wissenschaftler, lebt nur für seine Gedanken und seine Bücher. Sein Leben bestreitet er sehr bescheiden mit Hilfe einer Erbschaft; für seine wissenschaftlichen Arbeiten Geld zu nehmen, findet er geschmacklos. Seit acht Jahren beschäftigt er eine Haushaltshilfe, Therese. Eines Tages wird ihm bewusst, wie gut sie zu seiner umfangreichen Bibliothek ist, und sie bringt ihn dazu, sie zu heiraten.

Dies war der größte Fehler seines Lebens. Er hatte seine kleine Welt, und auch wenn sie niemanden einschloss, hat er niemanden vermisst. Nun hat er Therese und Sorgen um Dinge wie Möbel, ein Testament und dergleichen mehr. Er kann nicht mehr arbeiten und spielt Machtspielchen mit ihr, die er schließlich verliert. Sie setzt ihn vor die Tür.

Hier beginnt Teil zwei, Kopflose Welt. Kien lernt Fischerle kennen, einen schachspielenden Kleinkriminellen, der zwergenwüchsig ist und einen Buckel hat. Fischerle nimmt Kien unter seine Fittiche, hofft er doch, langfristig genug Geld zu bekommen, um aus seinem Elend in einem Wiener Bordell zu entkommen in Richtung einer glänzenden Zukunft als Schachspieler in Amerika. Einerseits hilft Fischerle Kien bei Dingen, die er selber nicht schafft, z.B. regelmäßig zu essen oder zu schlafen. Dann wiederum nimmt er ihn hintenrum aus. Eine ganz große Hilfe ist er Kien auch bei der Aufbewahrung von dessen Kopfbibliothek, die dieser sich anstelle seiner Echten angeschafft hat, die er ja nun verloren hat. Nach und nach vertraut Kien Fischerle immer mehr und Fischerle kommt seinem großen Traum immer näher…

Kiens Bruder Georg, oder nun Georges, kommt im dritten Teil, Welt im Kopf, nach Wien. Er findet Peter als vollkommenes Wrack, dem übel mitgespielt wurde. Georg ist früh nach Frankreich ausgewandert, wo er zunächst Frauenarzt war, bevor er erfolgreich in die Psychiatrie wechselte. Dies hilft ihm nun auch, Peter zu helfen…

Soweit ganz grob die Geschichte. Kien ist ein weltfremder Wissenschaftler, und alle anderen (bis auf seinen Bruder) bemühen sich nach Kräften, ihn auszunutzen. Hier wird ein Schlag Menschen vorgestellt, der einen bis ins Innerste vor Ekel schütteln lässt. Natürlich ist in Kiens Geschichte Therese, die Frau, das Inbild allen Übels. Aber auch bei mir hat sie heftigste Reaktionen ausgelöst, eine so dumme, geldgierige, hinterliste Person…

Dass ich so empfunden habe, möchte ich als das Einzige herausstellen, was mich wirklich an diesem Roman fasziniert hat: die Art der Beschreibung. Man wechselt nämlich von Person zu Person in deren Gedankenstrom, und ihre Taten erscheinen immer als Ergebnis dieses Gedankenstroms. So ist man immer ganz nah bei der Person, und wenn man ganz nah bei Therese ist, bekommt man das dringende Bedürfnis, diese Person von sich abzuwaschen. Das ist genial gemacht, aber nicht weniger abschreckend. Und so ist es bei fast jeder Person, Canetti gibt uns den Abschaum mit allen seinen niederen Gelüsten und stellt dagegen den weltfremden Wissenschaftler, dem eben diese Gelüste fremd sind. So sieht man immer und immer wieder, wie sich Missverständnisse ergeben, Personen aneinander vorbeireden und Konflikte nur noch mehr wachsen, die mit einem einzigen klärenden Wort hätten aus der Welt geräumt werden können.

Mich hat das verstört und abgeschreckt. Ich habe mich geekelt, und teilweise musste ich das Buch weglegen. Insgesamt ist es recht einfach und flüssig zu lesen, das Fordernde ist, dass man die Bereitschaft haben muss, sich so intensiv mit diesen Personen auseinanderzusetzen. Georges Kien nimmt am Ende etwas von dem Schrecken, aber ich werde das Buch in ziemlich schlechter Erinnerung behalten. Es hat ein paar geniale Züge, aber insgesamt fand ich es fürchterlich.

Und nun bin ich auf Eure Reaktion gespannt, denn ich habe ja einige sehr positive und freudige Kommentare erhalten bei den Textschnipseln. Bitte erklärt mir doch, warum Ihr dieses Buch für so großartig haltet! Bei mir hat es leider nur den ganz negativen Nerv getroffen, und ich möchte jedem raten, der es lesen möchte:  Spar Dir die Zeit!

Buch #9: Anna Seghers – Transit

Marseille 1940. Hier ist der Protagonist gestrandet. Frankreich ist noch unbesetzt bzw. rücken die Deutschen gerade vor, und der Hafen ist für viele die letzte Möglichkeit zur Flucht.

Nicht so für den Protagonisten. Er fühlt sich wohl in dieser Stadt, so wohl sich jemand fühlen kann, dem im Grunde genommen alles egal ist. Er hat in seiner Heimat einen SA-Jungen ins Gesicht geboxt, was ihn in ein Lager brachte. Von dort ist er mit einer handvoll Leute geflohen, die immer wieder seinen Weg kreuzen.Transit001

In Paris trifft er einen dieser Bekannten, der ihm einen Brief aushändigt mit der Bitte, diesen an einen Schriftsteller zu überbringen. Als er dort ankommt, erfährt er, dass dieser sich umgebracht hat. Er gelangt in den Besitz des Koffers des Schriftstellers, in dem ein unvollendetes Manuskript und seine Papiere für die Überfahrt nach Mexiko sind. Der Protagonist nimmt den Koffer mit. Über vielfältige Wege, die damals wohl nicht ungewöhnlich waren, ist er nun in Marseille gelandet.

Hier findet er Anschluß an eine kleine Familie, besonders der Sohn liegt ihm am Herzen. Ansonsten lässt er sich treiben, von einem Café ins andere, zum Hafen, hört sich die immer gleichen Geschichte an, von Schiffen, die kommen oder auch nicht, von Transits und Visa, Fahrkarten und dergleichen. Es sind immer andere Menschen, die sie erzählen, aber die Geschichten bleiben gleich.

Als er zum mexikanischen Konsulat geht, um den Koffer abzugeben, wird er dort für den toten Schriftsteller gehalten. Er lässt den Fehler auf sich beruhen und sich weiter treiben.

Doch eines Tages kommt eine Frau in eines der Cafés, augenscheinlich auf der Suche nach jemandem. Er sieht sie wieder und wieder, zu allen möglichen Zeiten in allen möglichen Cafés. Diese Frau rührt ihn an. Er beschließt, ihr zu folgen, doch verliert sie immer wieder aus den Augen.

Dann wird der kleine Junge krank und braucht einen Arzt. Der Protagonist holt einen deutschen Arzt, der auf seine Papiere für die Überfahrt wartet, herbei, und lässt den Jungen von ihm behandeln. Es stellt sich heraus, dass die mysteriöse Frau mit dem Arzt zusammen hier ist. Sie bitten ihn um Hilfe bei der Beschaffung der Papiere. Gewitzt, wie er ist, tut er dies auch.

Irgendwann wird ihm klar, dass die Frau, Marie, die Frau des toten Schriftstellers ist. Nach ihm ist sie auf der Suche, denn sie hat im Konsulat erfahren, dass auch er in der Stadt sei. Der Protagonist spielt daraufhin sein Spiel weiter, er will Marie retten, und erhält als der Schriftsteller schließlich alle nötigen Papiere, die ihm und „seiner Frau“ die Ausreise ermöglichen.

Aber wird er Marie gestehen, was er getan hat? Wird sie auf das Schiff gehen und mit ihm zusammen wegfahren? Das, liebe Leser, empfehle ich euch ganz dringend, selbst herauszufinden.

Es ist ein sehr eindringliches Buch. Der Protagonist hat alles verloren und scheut sich, sein Herz an etwas zu hängen, sei es an einen Ort, an einen Freund, oder an eine Frau. Er lässt alles geschehen und wartet ab. Es ist von viel Langeweile die Rede, Zeit, die einfach mit Warten verbracht wird, wobei niemand weiß, worauf gewartet wird oder sich zu warten lohnt.

Man erfährt nie den Namen des Protagonisten, was den Eindruck erweckt, er könne eine beliebige Person sein. Vielleicht ist er das auch, ich habe nicht genug Einblick in diese Zeit. Aber mit der Flucht aus Deutschland und dem anschließenden „Spiel“ als der Schriftsteller gibt er auch Teile seiner Identität auf. Vielleicht möchte er auch keine Identität als Deutscher mehr haben, weiß aber auch nicht so genau, was oder wer er sein möchte.

„Inzwischen näherte sich der Tag meiner endgültigen Voladung auf das Konsulat der Vereinigten Staaten. Ich war fest entschlossen, mir das Transit zu sichern. Für mich war das damals alles ein Spiel. Doch die Gesichter der Menschen, die in der Vorhalle warteten, um in die höhere Vorhalle hinaufgelassen zu werden, waren bleich vor Furcht und Hoffnung. Ich wußte, die heute mit mir vorgelassenen Männer und Frauen hatten ihr bestes Zeug geschont und gebürstet, sie hatten auch ihre Kinder zu gutem Verhalten ermahnt, als ob sie zur ersten Kommunion sollten. (…)

Ich aber, ganz elend von dem Transitgeflüster, ich staunte sehr, wenn ich derer gedachte, die in den Flammen der Bombardements und in den rasenden Einschlägen des Blitzkrieges zugrunde gegangen waren, zu Tausenden, zu Hunderttausenden, und viele waren daselbst auch zur Welt gekommen, ganz ohne Kenntnisnahme der Konsuln. Die waren keine Transitäre gewesen, keine Visenantragsteller. Die waren auch hier nicht zuständig. Und selbst wenn von diesen Unzuständigen einige sich bis hierher gerettet hatten, an Leib und Seele noch blutend, sich in dieses Haus hier doch noch geflüchtet hatten, was konnte es einem Riesenvolk schaden, wenn einige dieser geretteten Seelen zu ihm stießen, würdig, halbwürdig, unwürdig, was konnte es einem großen Volk schaden?“

(Anna Seghers: Transit, S. 132/133)

Anna_SeghersDie Langeweile findet ihre Entsprechung in der fast kafkaesk anmutenden Hetze nach den Papieren. Ohne Transit kein Visa, ohne Visa keine Fahrkarte, dann braucht man noch einen Schein, um in der Stadt bleiben zu dürfen, damit man sich die Papiere zusammensammeln kann, und einen, um die Stadt zu verlassen, ganz zu Schweigen von Schiffen, die dann nicht abfahren. Ist ein Schein abgelaufen, beginnt die ganze Sache von vorne, oder endet in einem Lager. Es ist verrückt, es ist zermürbend, und viele gehen daran (fast) zugrunde.

Die Frauen, die im Leben des Protagonisten eine Rolle spielen, werden alle beim Namen genannt. Sie scheinen also einen Eindruck auf ihn zu machen. Ein Freund, der sein Bein verlor und dem trotzdem die Flucht gelang, ebenso wie ein Mitflüchtling, der sich noch besser als der Protagonist durchfuchst, haben Namen. Die restlichen Personen haben beschreibende Namen, das Kapellmeisterlein, der Mittransitair, dergleichen. Sie sind Teil der ständig wechselnden und doch immer gleichen Masse an Flüchtlingen, sie sind austauschbar.

Wie man schon meinem vorherigen Artikel entnehmen kann, hat mich dieses Buch nicht kalt gelassen. Die Entwurzelung, nicht mehr zu wissen, wer man ist, die ständige Furcht auf der einen Seite und die vollkommene Abstumpfung auf der anderen, das alles ist schwer zu begreifen und doch so nachvollziehbar.

Ich möchte dieses schmale Buch jedem ans Herz legen, denn es ist auch noch sehr spannend geschrieben, ich konnte es kaum aus der Hand legen.