Gloria Steinem – Aufbruch

Ich stand also da in der Buchhandlung und hatte bereits fünf Bücher in der Hand, die mir ins Einfinden in die feministische Literatur helfen sollten, da fielen mir ein pinkes Buch ins Auge und dieses hier, das auf den ersten Blick nicht viel damit zu tun haben scheint. Aber ich nahm diese beiden und brachte die anderen wieder an ihren Platz zurück. Zum Glück (erstmal, die anderen sind ja nicht vergessen).

Aufbruch – das soll es wohl auch für mich sein, denn ich denke, ich habe hiermit die beste Wahl getroffen, einen Einstieg zu finden. Gloria Steinem gibt hier einen Bericht über ihr Leben und ihre Reisen ab, von ihrer Kindheit mit einem Vater, der als Antiquitätenhändler durch die Lande tingelte, bis 2015, als dieses Buch erschien.Es umfasst also achtzig Jahre des Reisens, des Kennenlernens von Land und Leuten, der Begegnungen, die sie nachhaltig geprägt haben.

Als Kind, mit einem derart rastlosen Vater, der nie lange an einem Ort sein konnte, wünschte sie sich ein festes Zuhause. Dennoch hat ihr Vater sie so sehr geprägt, dass sie, als sie nach ihrem Studium nach Indien fuhr, dort auch durch die Lande zog, und seitdem zwar ein Heim hat, aber nie lange dort ist. In Indien machte sie ihre ersten Erfahrungen damit, was es bedeutet, durch ein Land zu Reisen, abseits von touristischen Pfaden, Reiseführern, geleiteten Touren, sondern sich auf Land und Leute einzulassen.

Seitdem tut sie genau das: sie reist – hauptsächlich in den USA – durch das Land, und das Wichtigste, was sie von jeder Reise mitnehmen will, sind die Erzählungen der Menschen. So hat sie selten das Flugzeug genommen, sondern fuhr mit dem Zug, Unmengen an Taxis, mit Freiwilligen, die sie abholten und irgendwo hin brachten. Und diese Menschen hat sie nach ihren Geschichten gefragt, nach ihren Erlebnissen, nach Gedanken zu Aktuellem oder Traditionen, nach dem, was für sie wichtig ist.

Diese Berichte trägt sie hier zusammen (es ist natürlich nur ein kleiner Ausschnitt, sie hat wohl so viele Menschen getroffen). Und ich habe sie voller Faszination und, ja, Dankbarkeit gelesen. So viele Stimmen, von denen ich sonst nie gehört hätte, so viele Erfahrungen, von denen ich nie gelesen hätte, so viele neue Gedanken, die ich sonst nie hätte haben können – das hat mir dieses Buch gegeben.

Sie setzt sich nicht nur intensiv mit dem Feminismus auseinander, mit den Menschen, die mit ihr zusammen gekämpft haben und kämpfen, sondern auch mit der Kultur der Ureinwohner, von denen sie viele getroffen hat. Und so viele Menschen haben sich ihr geöffnet, ihre Geschichten erzählt, mit ihr Projekte initiiert, Ungerechtigkeiten bekämpft. Sie muss schon ein bemerkenswerter Mensch sein.

Sie steht für den intersektionalen Feminismus ein, und erzählt von Freunden und Wegbegleitern, die sich nicht wie sie „nur“ mit Diskriminierung aufgrund ihres Geschlechts auseinandersetzen mussten und müssen. Sie berichtet von diesen Menschen und ihren Kämpfen, und bringt sie der Leserin nahe. Sie hat sich immer für eine bessere Welt eingesetzt, und ich denke, sie hat dazu beigetragen.

Außerdem gibt sie zahlreiche Hinweise, sei es zur Literatur, zu Studien, zu Zeitungsartikeln, die zum Weiterlesen animieren, und dies bei dieser Leserin geschafft haben. Das Buch ist in sieben Kapitel aufgeteilt: In den Fußstapfen meines Vaters, Gesprächskreise, Warum ich nicht Auto fahre, Ein großer Campus, Wenn das Politische privat wird, Surrealismus im Alltag, Was einmal war, kann wieder sein.

Ich möchte es jedem ans Herz legen, denn es handelt sich hier nicht nur um eine Geschichte des Feminismus, sondern auch um eine Geschichte der USA der letzten Jahrzehnte, und es werden Perspektiven mit hineingenommen, die nicht selbstverständlich sind und normalerweise eher klein gehalten werden. Nach der Lektüre ist man reicher.

Gloria Steinem: Aufbruch. Aus dem Amerikanischen von Eva Bonné. btb Verlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München 2019. OA: My Life on the Road. Random House, New York 2015. Leider nur 383 Seiten.

Werbeanzeigen

Tara Westover – Befreit

Neulich erreichte mich ein Buchpäckchen (ich liebe das!) und als ich es auspackte, hatte ich „Befreit – Wie Bildung mir die Welt erschloss“ in der Hand. Ich las den Klappentext und war sofort eingenommen, konnte das Wochenende nicht erwarten. Also begann ich Samstag Mittag mit Taras Geschichte und Sonntag Abend legte ich das Buch emotional ausgedörrt und mit Tränenströmen auf meinen Wangen beiseite. Nächtelang habe ich davon geträumt und man sieht – dies ist kein Buch, das einen wieder verlässt.

Aber von vorne. „Befreit“ ist die Autobiographie einer nun 32jährigen Frau. In dem Alter eine Biographie zu schreiben, scheint ein wenig exzentrisch. Aber Tara Westover hat eine Menge zu erzählen. Sie wurde in einem Kaff in Idaho geboren, am Fuß eines Berges, den sie die „Prinzessin“ nennt und der ihr Zeit ihres Lebens Kraft und Ruhe gegeben hat. Anders als ihre Familie.

Sie wächst in einer Mormomenfamilie auf, als jüngstes von sieben Kindern. Ihr Vater ist ein fundamentalistischer Mormone, der glaubt, die Regierung wolle sie einer Gehirnwäsche unterziehen. Und so haben die Kinder weder eine Geburtsurkunde, noch dürfen sie zur Schule gehen. Ihr Vater glaubt, alles, was sie wissen muss, könnten er und seine Frau ihr beibringen. So lernt sie zu lesen und ein wenig Mathematik, aber das war es praktisch.

Ein weiterer Aspekt des Glaubens ihres Vaters ist die tiefe Abneigung gegen die Schulmedizin. Er denkt, alle Medikamente zerstörten den Körper, der doch Gottes Behältnis sei, das man nicht beschmutzen dürfe. Taras Mutter wird auf sein Geheiß hin Hebamme, so dass sie anderen helfen kann, von Krankenhäusern fernzubleiben. Außerdem ist sie gut mit Heilpflanzen und Elixieren, die sie selber macht und so die Familie mit ein wenig Einkommen unterstützt.

Geld – davon ist nicht viel da. Ihr Vater betreibt einen Schrottplatz, die Söhne gehen ihm hier zur Hand. Es ist harte Arbeit, die Metalle zu trennen, und nicht selten geschehen Unfälle. Schwere Unfälle, die dann mit Elixieren behandelt werden. Er ist unter ständigem Zeitdruck, sieht den Profit vor seinen Augen davonwehen, und dementsprechend ist die Arbeitsumgebung. Eines Tages hört er von einem Fall, in dem die Regierung bzw. das FBI mit einer Mormomenfamilie aneinander gerät und projiziert das auf seine Familie, weswegen sie ständig To-go-Rucksäcke bereit stehen haben, sollte die Regierung kommen und sie verfolgen wollen.

Doch Tara wächst damit auf, und da sie so gut wie keinen Kontakt zur Außenwelt hat, ist diese Welt und das Glaubenssystem ihres Vaters alles, was sie kennt. Sie weiß zwar, dass ihre Familie irgendwie anders ist, doch sie denkt, dass ihre Lebensauffassung die einzig richtige sei. Aber Dinge passieren, und sie wird immer mal wieder stutzig, fragt sich, ob das der einzige Weg sei. Mit zehn oder elf hat sie eine Art „Erweckungserlebnis“, als sie bei ihrem Bruder zum ersten Mal professionelle Chormusik hört.

Dieser Bruder ist älter und sieht etwas weiter, er will aufs College und lernt selbständig für die Aufnahmeprüfung. Tara und er sind am engsten unter den Geschwistern, aber das ändert sich, als er aufs College geht und bald darauf ein anderer Bruder, der vor Jahren wegging, wiederkommt: Shawn. Ein Alptraum ganz anderer Art beginnt für Tara.

Viele, viele Dinge geschehen, bis Tara, mit siebzehn Jahren, selbst aufs College geht. Sie ist eine krasse Außenseiterin, hat keine Ahnung von der wirklichen Welt (soweit ein mormonisches College diese widerspiegelt), und hat große Bildungsdefizite. Doch mit jedem Schritt, jedem Häppchen Bildung, das sie sich aneignet, wird sie mehr und mehr zu einer selbständigen Person, die in der Lage ist, Fragen zu stellen.

Diese Fragen werden ihr gesamtes Leben auf den Kopf stellen, vor allem, als ein schlimmer Unfall geschieht, der ihren Vater noch tiefer in seinen Glauben treibt. Und er will sie retten, vor der Gehirnwäsche, der bösen Welt, vor sich selbst. Doch Tara ist nicht mehr das kleine Mädchen, das sie war, und bekommt von unerwarteten Seiten Hilfe.

Taras Geschichte ist klar und relativ emotionslos geschrieben, sie erzählt, wie es war, hält sich jedoch mit ihren Gefühlen einigermaßen zurück. Dadurch bekommt dieses Buch eine große emotionale Kraft, man wird so tief in ihre Geschichte hineingezogen, wird beteiligt, möchte durch die Tür stürmen und das Mädel da rausholen, man leidet mit und weiß nicht, wie man mit diesem Wahnsinn umgehen soll.

Es ist eine beeindruckende Geschichte über einen Menschenschlag, mit dem man hier in Europa nicht unbedingt vertraut ist. Man stellt sich etwa Trumps Stammwähler in dieser Art vor, wobei Taras Vater wohl niemals wählen würde. Ich weiß nicht, warum die Regierung dort nicht mal nachschaut, zumindest sieht, ob es den Kindern gut geht. Aber es gibt wahrscheinlich keinen Grund, sie weiß ja lange Zeit nicht einmal, dass diese Kinder überhaupt existieren. Und das alles geschieht nicht vor wie vielen Jahren, sondern immer noch, heute, in unserer „modernen“ Welt.

Ich möchte jedem, der nicht ganz zartbesaitet ist, dieses Buch ans Herz legen. Es ist eine Emanzipationsgeschichte, die beide Seiten zeigt, und die herausstellt, dass das Leben nicht schwarz oder weiß ist, sondern viele Facetten hat, und dass das Verurteilen nicht so einfach ist, wie es auf den ersten Blick scheint. Es sollte – zumindest in Auszügen – in Schulen gelesen werden, denn es wird so deutlich, wie wichtig Bildung ist, wenn man sein Leben mündig leben und nicht irgendjemandem nach dem Mund reden will, weil man es nicht besser weiß. Das würde vielen Menschen guttun.

Tara Westover wurde 1986 in Idaho, USA, geboren und lebt heute in Großbritannien. 2008 erwarb sie den Bachelor of Arts and der Brigham Young University. Am Trinity College, Cambridge, machte sie 2009 einen Abschluss als Master of Philosophy und promovierte 2014, nach einem Abstecher an die Harvard University, in Cambridge in Geschichte. „Befreit“ ist ihr erstes Buch. (Klappentext)

Tara Westover: Befreit. Aus dem amerikanischen Englisch von Eike Schönfeld. Verlag Kiepenheuer & Witsch, 2018. OA: Educated. Second Sally, Ltd., 2018. 444 Seiten.

Ich danke Kiepenheuer & Witsch für das Rezensionsexemplar.

Bettina Baltschev – Hölle und Paradies. Amsterdam, Querido und die deutsche Exilliteratur

Für Hölle und Paradies. Amsterdam, Querido und die deutsche Exilliteratur hat sich Bettina Baltschev auf die Spuren eines Verlages begeben, der 1933 von Emanuel Querido und Fritz Landshoff gegründet wurde. Querido, Amsterdamer Jude, und Landshoff, deutscher Flüchtling, wollten die deutschsprachige Literatur veröffentlichen, die die Nazis für verboten erklärt hatten, sie wollten all den anderen Exilanten eine Stimme geben.

Anhand ausgesuchter Plätze in Amsterdam (mit Foto!) erzählt Bettina Baltschev nun die Ereignisse, die zur Gründung des Querido Verlages führten, stellt die Personen vor und verfolgt die Geschichte des Verlages und somit die Geschichte der Exilanten. Nach einem Prolog im heutigen Amsterdam beginnt sie mit Amsterdam Centraal, der für die Ankunft Landshoffs in den Niederlanden steht. Er hatte bereits den Gustav Kiepenheuer Verlag in Berlin mitgeleitet, somit das Wissen und die Verbindungen zu vielen Autoren.Also wird er derjenige, der für die Autorenacquisition zuständig ist; er reist durch ganz Europa und verhandelt mit z.B. Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger, Arnold Zweig, Anna Seghers oder Joseph Das Roth, die alle bei ihm veröffentlichen wollen.

Das Verlagsgebäude in der Keizersgracht 333, das Café Américain, Zandvoort, das Café Scheltema, das Concertgebouw, der Waterlooplein, Laren, die Hollandsche Schouwburg und der Spui sind die Orte, anhand derer Bettina Baltschev ihre Rekonstruktion der Ereignisse aufbereitet.

So lernen wir Emanuel Querido kennen, der schon ein erfolgreicher Verleger ist und sich nun einen Namen als internationaler Verleger machen möchte. Wir verkehren mit Klaus Mann, der ein enger Freund Landshoffs ist, im Café Américain, in dem sie viele weitere Exilanten trafen, sich mit ihnen berieten, sich von ihren Ängsten erzählten oder einfach nur schweigend tranken. Zandvoort, der nahe gelegene Strand, bringt ein paar Stunden oder Tage der Erleichterung vor der Angst, die ständig in ihrem Nacken saß.

Das Café Scheltema, exemplarisch ausgewählt für die Geschichte Joseph Roths, folgt. Danach folgen das Concertgebouw, das einer anderen Kunstform Platz gibt, und der Waterlooplein, der die Geschichte der Amsterdamer Juden verkörpert. Und wir begeben uns nach Laren, einem Ort in der Nähe Amsterdams, in dem Querido wohnt und viele Besucher empfängt.

Dann muss die Stimmung natürlich irgendwann kippen, und die Hollandsche Schouwburg wird zum „Theater des Grauens“, zur Sammelstelle der Amsterdamer Juden, von der aus sie in die Lager weitergeleitet werden. Anhand des Spui wird die Geschichte des Verlages nach dem Krieg weitererzählt, bis in die heutigen Tage.

Hölle und Paradies, ein wirklich gelungener Titel, denn beides muss Amsterdam für die Exilanten bedeutet haben. Paradies in den ersten Jahren, da man sich mehr oder weniger frei bewegen und seine Werke schreiben und veröffentlichen konnte. Amsterdam als liberale, offene Stadt bot eine Zuflucht an, als die Welt in ihrem Osten dunkel zu werden begann. Doch die Exilanten hatten die Dunkelheit in sich, konnten ihr nicht entfliehen. Bis auch Amsterdam zur Hölle wurde.

Baltschev schreibt ein Sachbuch, das sich wie ein Roman liest. Sie streut ihre heutigen Spaziergänge und die Lektüre ein, wodurch man sich ganz nah an der Stadt und den Ereignissen fühlt. Die vielen Zitate, vor allem aus den Briefwechseln der Exilanten, geben die Möglichkeit, sich ganz in die Geschehnisse hereinzuversetzen. Und so ist dieses Buch eine bittersüße Ode über eine dunkle Zeit, die mit einigen hellen Flecken gesprenkelt ist, an mutige Menschen und eine wundervolle Stadt.

Im Anhang gibt es noch eine von Bettina Baltschev verwendete Literaturliste und die Bücher, die im Querido Verlag veröffentlicht wurden. Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich zwar von vielen der Schriftsteller gehört, aber noch erstaunlich wenig davon gelesen habe. Tatsächlich sind der Mephisto und Anna Seghers Transit und Das siebte Kreuz die einzigen echten deutschen Exilromane, die ich in meinem Regal gefunden habe. Oder zählen alle Romane von Schriftstellern, die im Exil waren, dazu? So wie Das Kunstseidene Mädchen von Irmgard Keun, welches 1932 veröffentlicht wurde, sie ging jedoch 1933 ins Exil? Genau wie beim Radetzkymarsch von Joseph Roth? Oder Arc de Triomphe von Erich Maria Remarque, das 1946 veröffentlicht wurde, er aber wurde 1947 amerikanischer Staatsbürger?!

Genug Fragen also, um sich weiter mit dieser Literatur zu beschäftigen! Was ich auch tun werde, Bettina Baltschev sei dank!

Bettina Baltschev, geboren 1973 in Berlin, studierte Kulturwissenschaften, Journalistik und Philosophie in Leipzig und Groningen. Sie ist Autorin und Redakteurin beim Hörfunk der ARD und pendelt zwischen ihrem Wohnort Leipzig und ihrer zweiten Heimat Amsterdam. 2008 erschien „Ein Jahr in Amsterdam. Reise in den Alltag.“ (Herder) (Verlagsinformation)

Am 28. Juli und am 4. August veranstaltet Bettina Baltschev im Rahmen des Literarischen Sommers jeweils einen Spaziergang in Amsterdam, auf den Spuren ihres Buches. Ich hoffe, ich werde an einem der beiden Termine teilnehmen können!

Ich danke dem Berenberg Verlag ganz herzlich für die Überlassung eines Rezensionsexemplars!

Eine weitere Besprechung findet sich bei ZeichenundZeiten.