Buch #44: Iris Murdoch – Der Schwarze Prinz

Die anglo-irische Schriftstellerin und Philosophin Jean Iris Murdoch wurde am 15. Juli 1919 in Dublin geboren und starb am 8. Februar 1999 in Oxford. Sie schrieb über 25 Romane, aber auch mehrere philosophische Werke und Bühnenstücke.  Sie studierte klassische und alte Geschichte und Philosophie in Oxford, in Cambridge promovierte sie unter Ludwig Wittgenstein. 1978 erhielt sie den Booker Prize für Das Meer, das Meer (The Sea, the Sea), und im Jahre 1987 wurde sie zur Dame Commander des Ritterordens Order of the British Empire ernannt. Iris Murdoch erkrankte an Alzheimer und starb 1999. Diese Phase ihres Lebens wurde nach den Tagebüchern ihres Ehemannes John Bayley in der Filmbiographie Iris von 2001 verarbeitet.

Iris-Murdoch-Der-schwarze-PrinzDer Schwarze Prinz ist ein Roman aus dem Jahre 1973. Er erzählt aus der Sicht des Ich-Erzählers Bradley Pearson die Ereignisse nach seiner Pensionierung, die sein Leben vollkommen aus der Bahn werfen sollten. Pearson war ein Finanzbeamter, eine zuverlässige, wenn auch nicht gerade abenteuerlustige Person, der früh in Pension geht, um sich seinen schriftstellerischen Ambitionen widmen zu können. Kurz bevor er sich in ein einsames Dorf zurückziehen kann, beginnen die Ereignisse, aus der Bahn zu laufen.

Zum Einen taucht seine Schwester Priscilla auf, die ihren Mann verlassen hat. Sie leidet und bemitleidet sich, und auch wenn die Geschwister nie ein enges Verhältnis hatten, nimmt Bradley sie auf und kümmert sich um sie (wobei er immer im Hinterkopf hat, dass er ja weg will). Hilfe bekommt er hierbei von Francis Marloe, seinem ehemaligen Schwager. Dessen Schwester, Bradleys Ex-Frau Christin, hat einen  Amerikaner geheiratet, der sie als reiche Witwe zurückgelassen hat, und Francis ist da, um Bradley mitzuteilen, dass sie zurückgekommen sei.

Und dann ist da die befreundete Familie Baffin, wobei Arnold Baffin eigentlich alles darstellt, was Bradley gerne wäre und überhaupt nicht ist: Er ist ein erfolgreicher Schriftsteller mit einem umfangreichen, wenn auch nicht sehr anspruchsvollen Werk, Familienvater mit einer attraktiven Frau und einer Tochter, finanziell unabhängig und ein zugänglicher und umgänglicher Kerl. Bradley bekommt einen Anruf von Arnold, schnellstmöglich zu ihrem Haus zu kommen, wo sich herausstellt, dass Arnold seine Frau Rachel geschlagen hat. Bradley interveniert und kümmert sich um Rachel, wobei diese ihre Zuneigung auf ihn projiziert. Es folgen Liebesbriefe und – von Rachels Seite – offene Ermutigungen zu einem Verhältnis. Derweil lernt Arnold Christin kennen, und auch da sprühen einige Funken.

Bradley ist zwar geschmeichelt von Christins Umwerbung, aber so recht überzeugt ist er nicht. Dann trifft er Julian Baffin wieder, die Tochter Arnolds und Christins. Sie ist zwanzig und noch recht unentschlossen in ihrem Leben, möchte aber Schriftstellerin werden und bittet Bradley um Hilfe, da sie ihn für einen – im Gegensatz zu ihrem Vater – ernsthaften Schriftsteller hält. Und nun passiert es: Bradley verliebt sich in Julian.

Von da an bricht Chaos aus: Bradley weiß nicht, wohin mit seinen Gefühlen, die nunmal mehr als unangemessen sind, sein Leben entgleitet ihm, er kümmert sich nicht um Priscilla, die immer weiter abbaut, er weist Rachel grob zurück, ohne auf ihre Gefühle zu achten und tritt so ziemlich jedem auf die Füße, der in seinem Leben eine Rolle spielt. Tage- und nächtelang schlägt er sich mit seinen neuen Gefühlen herum, er ist euphorisiert und hat gleichzeitig so viel Angst wie nie in seinem Leben, das bisher brav ereignislos vor sich hin verlaufen ist. Schließlich platzt es aus ihm heraus – er gesteht Julian seine Gefühle.

Und sie lacht nicht, nein, ganz im Gegenteil, sie erwidert diese Gefühle. Voll der frischgewonnen Gefühle und Euphorie erzählt sie ihren Eltern von ihrer neuen Liebe, die natürlich alles unternehmen, Bradley und Julian auseinander zu bringen. So laufen die beiden schließlich weg, in eine einsame Hütte an der See. Hier haben sie ein paar schöne Tage, bis Bradley erfährt, dass Priscilla sich umgebracht hat. Er entschließt sich, Julian nichts davon zu sagen. Da steht Arnold vor der Tür und erzählt es ihr. Am nächsten Morgen ist Julian verschwunden, und Bradley gelingt es nicht mehr, Kontakt zu ihr aufzunehmen.

Als Rachel zu ihm kommt, ihm Verständnis und Versöhnung anbietet, jedoch nicht bereit ist, Kontakt zu Julian für ihn herzustellen, zeigt er ihr einen Brief Arnolds, in dem dieser Bradley von seinen Gefühlen für Christin erzählt. Rachel rennt hinaus, doch bald folgt ein Telefonanruf, der ihn dringend in das baffinsche Haus ruft…

Der Schwarze Prinz  ist im Grunde genommen die Lebensbeichte Bradley Pearsons, von dem Teil, den er als Leben empfunden hat. Gleichzeitig ist dies jedoch streng subjektiv, in einer Sprache, die stellenweise brillant, dann aber wieder kaum zu ertragen ist. So ist eine der kurzen und prägnanten Beschreibungen Priscillas sehr eindringlich:

Sie lehnte sich in den großen >Hartbourne<-Lehnstuhl zurück und hörte tatsächlich auf. Ihr Haar war strubbelig; am Scheitel, der sich in einer unordentlichen Zickzacklinie über den Kopf zog, sah man den dunklen Ansatz. Schlaff und plump hing sie im Stuhl, mit gespreizten Beinen und offenem Mund. Am Knie war ein Loch in ihrem Strumpf, durch das ein kleiner Wulst von rosarotem, marmoriertem Fleisch quoll. (165)

Dann wiederum wird es – zumindest habe ich es so empfunden – unerträglich (und dies ist nur ein Ausschnitt von vielen):

Die Sterne verblaßten, die roten Fackeln verglommen, und eine beängstigende Stille senkte sich langsam herab, als der Dirigent seinen Stab hob. Stille. Dunkelheit. Dann fuhr ein Windstoß durch die Hörner und Oboen, und ein Schwall von süßer pulsierender Qual ergoß sich in die Dunkelheit. Ich schloß die Augen und senkte den Kopf. Konnte ich all diese von außen kommende Süße in einen Strom reiner Liebe verwandeln? Oder würde sie mich vernichten, ersticken, zerstückeln, schänden? Gleich darauf spürte ich mit einem Stich der Erleichterung, wie mir die Tränen aus den Augen strömten. Die Gabe des Weinens, geschenkt und wieder genommen, war mir wiedergegeben, um mich zu segnen. Ich weinte mit wunderbarer Leichtigkeit, die Verspannng in meinem Arm und meinem Bein löste sich. Vielleicht konnte ich doch noch alles ertragen, wenn ich meinen Tränen nur freien Lauf ließ. Ich hörte nicht auf die Musik, ich erlitt sie, und die Sehnsucht meines Herzens strömte mir wie von selbst aus den Augen und sickerte in meine Weste, wie ich da, so leicht jetzt, in der dunklen, von Feuerblitzen durchbohrten Leere neben Julian schwebte, schwerelos mit ihr dahinglitt, wie ein mit leichtem Flügelschlag dahinsegelnder Doppeladler, wie ein Doppelengel. (327/328)

Um es kurz zu sagen: Ich fand diesen Roman unerträglich und halte ihn für große Zeitverschwendung. Es gibt am Ende einen Clou, der mich – zugegeben – überrascht hat, und der die Perspektive auf alles Gewesene ändert, aber um dorthin zu gelangen, muss man 480 Seiten hinter sich bringen, die einen verrückt machen. Ich verstehe, was Iris Murdoch mit diesem Roman versucht hat, und fände das Experiment gelungen, wenn man vorher nicht so viel leiden müsste. Der Ich-Erzähler steht die ganze Zeit nahe am Rande des Wahnsinns, und der Leser mit ihm. Wer also interessiert ist an einem literarischen Experiment, aber nicht viel auf Sprache und Story gibt, der ist mit diesem Roman bestens bedient. Für mich und alle anderen hoffe ich, dass Murdochs andere Romane mehr Lesefreude bringen werden.

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