Buch #72: Margaret Atwood – alias Grace

„Manchmal flüstere ich es nachts vor mich hin: Mörderin, Mörderin. Es ist wie ein Dreiklang.

Mörder ist nur brutal. Mörder ist wie ein Hammer, oder wie ein Stück Metall. Ich bin lieber eine Mörderin als ein Mörder, wenn die beiden die einzige Wahl sind.“ (S. 35)

Die Geschichte um Grace Marks war eine der populärsten im Kanada des 19. Jahrhunderts. Sie war des Mordes an Nancy Montgomery und Mr. Thomas Kinnear verurteilt. Ihr Mittäter, James McDermott, wurde gehängt, sie selbst bekam lebenslänglich. Der Fall erhitzte die Gemüter, da es so viele Skandale darum gab. Die Zeitungen berauschten sich an ihr, Berichte wurden über sie geschrieben; aber, damals wie heute, wusste man nie, wie weit man sich darauf verlassen konnte. Und so blieb ihre Täterschaft ein Mysterium.

Der Fall machte auch Dr. Simon Jordan neugierig, der sich mit Geisteskrankheiten beschäftigt und feststellen möchte, ob, und falls ja, welche Geisteskrankheit bei Grace vorliegt. Grace „darf“ nach 15 Jahren guter Führung im Haus des Gefängnisdirektors arbeiten, und so wird arrangiert, dass Dr. Jordan sie dort bei der Arbeit befragen darf. Die Handlung verläuft also über zwei Ebenen, die eine befasst sich mit den Umständen zur Zeit der Befragung, die andere ist Grace‘ Geschichte, die sie Dr. Jordan in ihren Sitzungen erzählt.

Es läuft eine Petition, die Grace auf freiem Fuß sehen will, und Dr. Jordan soll dazu beitragen. Dieser jedoch hat ein anderes Motiv, er will einen berühmten Fall von Geisteskrankheit, um sich einen Namen zu machen und sein eigenes Institut zu eröffnen. Grace hingegen will Abwechslung, will aus der Kargheit des Gefängnisses entfliehen, und so entspinnt sich eine Art Katz-und-Maus-Spiel, in dem Grace nach und nach ihre Geschichte erzählt, aber immer genug zurückhält, so dass Dr. Jordan zurückkommen muss, fast wie eine Sheherazade.

Darüber hinaus entfaltet Atwood ein Panorama des Kanada des 19. Jahrhunderts. Sie beschreibt die Gesellschaft und wie sie funktioniert, sie beschreibt Land und Leute und was sie bewegte. Es ist auch eine upstairs-downstairs-story, war Grace doch ein Dienstmädchen, dem nicht viel Intelligenz nachgesagt wurde, das aber genau zu beurteilen weiß, wie die Gesellschaft und ihre Herrschaft funktioniert. Sie kriegt die volle Wucht des Systems zu spüren, das für ungebildete Dienstleute nicht viel übrig hat – außer der Sensation, die sich in ihrer Geschichte verbirgt.

alias Grace ist gut zu lesen, aber dennoch kein einfacher Roman. Man liest über Armut, über das Leben in der Gosse, über Ungerechtigkeit und Vorurteile und Verurteilungen, über Schicksale, die nur in einer Konsequenz münden können und die Hilflosigkeit, nichts daran ändern zu können. Ist Grace wirklich eine kaltblütige Mörderin? Oder ist sie ein Opfer der Umstände?

Man liest aber auch einen überaus spannenden Roman, dessen Spannung durch die Erzählweise stark erhöht wird. Wie Dr. Jordan bekommt der Leser nur Stückchen für Stückchen Grace‘ Geschichte serviert, und die äußeren Umstände, in denen die Begegnungen geschehen, lassen oft genug fürchten, dass man das Ende nicht erfährt. Die Frage, ob Grace schuldig ist, hängt von vielen Faktoren ab, die sich nur nach und nach zeigen. Ob sie schuldig ist? Das empfehle ich, selbst herauszufinden.

Denn dieser Roman ist einmal mehr ein Beweis für Margaret Atwoods Erzählkunst, sie kann nicht nur Zukunft, sie kann auch Vergangenheit. Darüber hinaus bindet Atwood Ausschnitte aus den damaligen Zeitungen, aus den Reports über Grace und aus der Rezeption ihrer Geschichte, z.B. in Gedichten Emily Dickinsons, mit ein, was dem Werk eine zusätzliche Perspektive und auch Faszination verleiht. Also, wieder einmal kann ich ein Werk Atwoods nur empfehlen und wünsche viel Vergnügen bei der Lektüre!

Margaret Atwood: alias Grace. Deutsch von Brigitte Walitzek. btb, 1996. OA: alias Grace. McClelland & Steward Inc., Toronto, 1996. 637 Seiten.

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Meine Top 7 in 2017

Zunächst einmal ein frohes neues Jahr Euch allen! Möget Ihr ein wundervolles Jahr 2018 haben, in dem der ein oder andere Wunsch in Erfüllung geht!

An diesen Tagen nehmen die „Meine Top…“-Artikel ein wenig Überhand, ich weiß. Dennoch möchte auch ich hier noch das Jahr abschließen, so dass ich voller Elan und Freude in mein neues Lesejahr starten kann.

2017 war kein gutes Jahr, was die meine Lektüre betrifft – nicht, weil ich keine guten Bücher gelesen habe, es waren nur nicht viele. Zu meiner Verteidigung muss ich jedoch hinzufügen, dass schon einige Schinken dabei waren, was die Bilanz noch etwas schmälert. Dennoch, hier kommen sie, meine Favoriten aus dem Jahr 2017 (in chronologischer Reihenfolge und natürlich absolut subjektiv)!

 

Gerbrand Bakkers „Oben ist es still“ las ich recht schnell nach meinem Favoriten aus dem letzten Jahr, Jasper und sein Knecht. Auch dieser Roman konnte mich wieder überzeugen, vor allem durch die Sprache Bakkers. Auf jeden Fall die Lektüre wert!

 


Ein weiteres Highlight war „Ein Zimmer für sich allein“ von Virginia Woolf. Das wird sicher nicht die einzige Lektüre bleiben, und ich denke, es wird es jedesmal in meine Top-Bücher schaffen!

 

 


Schon seit vielen Jahren hoch oben auf meiner Liste der besten Bücher, die ich je las, und jetzt, nach der erneuten Lektüre, immer noch genau dort: Margaret Atwood und „Der Report der Magd„. Bitte den Roman lesen und dann die großartige Serienverfilmung anschauen!

 

 

 

Ein mir bis dahin unbekannter Autor betrat meine Lesebühne, James Baldwin mit „Giovannis Zimmer„. Dies wird mit Sicherheit nicht meine letzte Lektüre von ihm sein. Vorsatz für 2018: endlich die Doku sehen!

 


Und dann kam mein absolutes Lesehighlight, nicht nur in 2017, sondern für viele Jahre: Paul Austers „4 3 2 1“. Dieser Roman hat mich umgehauen, und die viele Zeit, die ich investiert habe, hat sich mit jeder Sekunde gelohnt. Ich wollte, ich könnte ihn nochmal von Neuem lesen und Archie wieder kennenlernen!

 

Dann war da noch Zora Neale Hurston mit „Und ihre Augen schauten Gott“, der mich mit seiner Sprache umgehauen hat. Eine ungewöhnliche Geschichte in einer ungewöhnlichen Sprache = unbedingt lesen!

 

 

 

Und dann las ich noch den ersten Teil von J.J Voskuils „Das Büro“ und bin total angefixt! Ich kann es kaum erwarten, mehr über Maarten Koning und seine Kollegen zu erfahren!

Textschnipsel zum Montag – 25.12.2017

Ein letzter Textschnipsel in diesem Jahr muss sein, daher kommt nun dieser aus einem so weit prachtvollen Buch:

„Mary hatte die Wahrheit über den Winter gesagt. Der Schnee zu Weihnachten war zwar hoch gewesen, aber wie eine Decke aus Federn, und die Luft fühlte sich wärmer an, nachdem er gefallen war, und die Stallburschen machten Unsinn und warfen mit Schneebällen; aber sie waren ganz weich und fielen auseinander, wenn sie einen trafen.

Aber dann fing der richtige Winter an, und der Schnee fiel jetzt im Ernst vom Himmel und war nicht mehr weich, sondern hart, wie winzige, stechende Kügelchen aus Eis. Er wurde von einem bitterkalten Wind dahergetrieben und häufte sich zu hohen Schneewehen auf, und ich fürchtete, wir würden alle bei lebendigem Leib begraben werden. Am Dach wuchsen Eiszapfen, und man mußte sehr vorsichtig sein, wenn man unter ihnen hindurchging, weil sie herunterfallen konnten und scharf und spitz waren; und Mary hatte von einer Frau gehört, die von einem getötet worden war, der sie von oben bis unten durchbohrt hatte wie ein Spieß. An einem Tag fiel Eisregen, der alle Bäume mit einem Mantel aus Eis überzog, und am nächsten Tag blitzen sie in der Sonne wie tausend Diamanten; aber die Äste brachen ab. Und die ganze Welt war hart und weiß, und wenn die Sonne schien, war alles so grell, daß man die Hand über die Augen legen mußte und nicht zu lange hinsehen durfte.“ (S. 253f.)

photo: pixabay.com

Margaret Atwood: alias Grace. Deutsch von Brigitte Walitzek. btb, 1996. OA: alias Gra e. McClelland & Steward Inc., Toronto, 1996. 637 Seiten.

Frohe Weihnachten 2017!

Meine Lieben,

ich wünsche Euch allen ein frohes und stressfreies Weihnachtsfest,

mit Euren Lieben und Liebsten,

mit gutem Essen und schönen Geschenken,

und natürlich  mit Euren Büchern!

Das Bild ist zwar zwei Wochen alt, aber ein bisschen Winterfeeling kann ja nicht schaden!

Ken Follett – Das Fundament der Ewigkeit

[Diese Rezension wurde in der Annahme verfasst, dass dem werten Leser gewisse historische Fakten vertraut sind und deshalb keine Spoiler vorliegen.]

Wir sind wieder zurück in Kingsbridge – zehn Jahre nach Die Tore der Welt und 27 Jahre nach Die Säulen der Erde legt Ken Follett mit Das Fundament der Ewigkeit seinen dritten Kingsbridge-Roman vor. Zweihundert Jahre sind vergangen, Mary Tudor ist gerade gestorben und ihre Nachfolge teilt die Bevölkerung Englands – soll die protestantische Elizabeth England regieren, oder die katholische Maria Stuart, Königin von Schottland?

Von dieser Ausgangssituation aus führt Ken Follett seine Leser wieder nach Kingsbridge, wo die Kathedrale langsam verfällt, seit Heinrich VIII. den Katholizismus abschaffte und auch die führenden katholischen Familien einiges an Einfluss eingebüßt haben. Zum Vorteil jedoch der Protestanten und den nach beiden Seiten hin offenen Menschen, wie Ned Willard, Kaufmannssohn einer der führenden Familien, die nicht ohne Neider auskommen. Es kommt, wie es kommen muss, Ned, der zu Hause so viel verliert, bekommt ein Angebot, in die Dienste Elizabeths zu treten und wird einer ihrer engsten Vertrauten.

Er wird ihr Spion, in ganz Europa. Und so entrollt Follett wieder einmal ein Panorama eines Jahrhunderts, diesmal des 16., und zeigt an verschiedenen Stellen und Personen die Verwicklungen der damaligen Zeit. Da sind Pierre Aumande de Guise und Sylvie Palot, die am eigenen Leib die Religionswirren in Frankreich erleben, da ist die Familie Cruz in Spanien, die mit der Inquisition konfrontiert wird, da ist die Familie Wolman in den Niederlanden, die in den Krieg um die Spanische Niederlande hereingezogen wird, und da ist Bella, die wir auf Hispaniola kennenlernen, Ebrima, der aus Afrika stammt und natürlich Schotten und Engländer beider Religionen.

Es ist ein aufregendes, gewalttätiges Jahrhundert, und wer denkt, Glaubenskriege seien etwas Neues, möge hier darüber lesen, wie Christen sich gegenseitig abgeschlachtet haben. Elizabeth führte eine Politik der Toleranz ein, aber diese war von beiden Seiten unerwünscht, da jede sich im absoluten Recht sah. Die vielen Toten auf beiden Seiten sprechen eine andere Sprache.

Wiederum hat Follett Figuren geschaffen, die mehrdimensional sind, was die Zerrissenheit der handelnden Personen widerspiegelt. (Fast) niemand ist als ganz gut oder böse einzuordnen, viele werden Opfer ihrer Zeit und Umstände, die an den Figuren aufgearbeitet werden. Und so ist man auch hier wieder nach der Lektüre um einiges klüger, kann Zusammenhänge einordnen, kann Handlungen nachvollziehen oder in einen zeitlichen Kontext stellen.

Das mag ich so an diesen historischen Romanen – Follett schreibt unterhaltsame Geschichtsstunden, hält sich aber meistens aus der Wertung heraus. Der Leser muss hier für sich selbst entscheiden, ob und auf welche Seite er sich stellt (diese Leserin hält sich auch raus). War es richtig oder wenigstens nachvollziehbar, warum Maria Stuart ihren Kopf verlieren musste, wie konnte die Bartholomäusnacht geschehen – welche Ereignisse konnten zu solch einer Grausamkeit hinführen?

Aber auch einfache Dinge wie das alltägliche Leben, Neid und Gier und Stellung in der Bevölkerung, die Arbeit eines Spions oder den Alltag auf einem (Piraten)Schiff lernt man kennen – man wird hier um ein paar Jahrhunderte zurückversetzt. Mein persönliches Highlight war die Schlacht gegen die Spanische Armada, aber es gab so viele „Höhepunkte“ in diesem Jahrhundert, der Leser möge sich seinen Favoriten selbst herauspicken.

Denn ja, wieder einmal empfehle ich Ken Follett, der Geschichte so anschaulich und unterhaltsam verpackt, dass man atemlos aus einem anderen Jahrhundert auftaucht und nicht aus einer Geschichtsstunde. Wagen Sie sich in den dunklen, langen Winternächten wieder nach Kingsbridge und fiebern Sie mit den Figuren mit in diesem düsteren, schwierigen 16. Jahrhundert.

Mehr von Ken Follett auf diesem Blog gibt es hier.

Ken Follett: Das Fundament der Ewigkeit. Übersetzung aus dem Englischen von Dietmar Schmidt und Rainer Schumacher. Bastei Lübbe AG, Köln. 2017. OA: A Column of Fire. Viking, 2017. 1162 Seiten.

Ich danke Bastei Lübbe für das Rezensionsexemplar.

Bloggeburtstag!

photo: pixabay.com

Ja, dieses Jahr habe ich endlich mal wieder dran gedacht: Heute vor sechs Jahren habe ich hier meinen ersten Blogartikel veröffentlicht. Ich wusste damals nicht, was mich erwartet, die Literaturbloggergemeinde war noch recht übersichtlich und ich habe einfach mal was in den Äther geschickt. Es lief langsam an, sehr langsam, aber irgendwann kam das erste Like, der erste Kommentar und ich fing an, mich zurechtzufinden.

Heute kann ich sagen, dass ich immer noch sehr glücklich über diesen Schritt bin, hat er mir doch eine Gruppe von Menschen nahe gebracht, die ich im Reallife nach wie vor sehr vermisse: Euch. Euch Blogger, die ihr mit so viel Leidenschaft über Literatur, den Betrieb, Kunst, Film und Fernsehen bloggt, und mir inzwischen zu einer Art Familie geworden seid. Euch allen danke ich für Eure Passion, mit der Ihr täglich mein Leben bereichert.

Ich gehöre nicht zu denen, die wöchentlich oder sogar mehrmals in der Woche einen neuen Artikel schreiben können (wie macht Ihr das bloß, müsst Ihr nicht arbeiten?!), und dieses Jahr ist nicht das beste Lesejahr für mich gewesen (obwohl ich einige sehr dicke Schinken dabei hatte). Aber trotzdem möchte ich meinen Blog nicht missen, und ich hoffe, ich werde nie die Lust daran verlieren, und dass es 2018 um einiges besser läuft (erste Vorsätze!).

Um ein wenig Revue passieren zu lassen, kommen hier meine meistgeklickten Artikel of all times (wobei die älteren natürlich mehr Chancen haben):

Erstaunlicherweise liegen mit Abstand Burroughs` „Naked Lunch“ und Mitchells „Wokenatlas“ vorne, gefolgt von Celines „Reise ans Ende der Nacht“,  Zadie Smiths „Von der Schönheit“ und Hemingways „Wem die Stunde schlägt“.

Ein wenig traurig sind die Zahlen zu meinem geliebten Projekt Nederlandstalig!, anscheinend ist die Welt nicht so sehr an dieser Literatur interessiert wie ich – was aber nur bedeutet, dass ich weiterhin „Pionierarbeit“ leisten werde!

Was ich jedoch mag, ist, dass – eher unbewusst – circa ein Drittel meiner besprochenen Bücher von Frauen geschrieben wurden. Ich denke, diese Zahl wird noch weiter nach oben gehen.

Ich habe mehrere Interviews geben dürfen, und dieses Jahr ist etwas besonders Schönes geschehen, als ich mit meinem Artikel zu Warum ich lese Aufnahme in diesem wundervollen Buch fand. Aber das Schönste an der ganzen Sache sind natürlich Eure Kommentare und Likes, die Diskussionen, die sich entspinnen und die Freude, wenn man mir mitteilt, dass ich ein neues geliebtes Buch vermittelt habe. Vielen Dank Euch allen dafür!

Da ich nun schon einmal Eure Aufmerksamkeit habe, gibt es noch eine kleine Umfrage:

Ich lass das mal bis Donnerstag offen.

So, nun wünsche ich Euch eine wundervolle Woche und hoffe, unsere schöne Gemeinschaft bleibt noch auf lange Zeit so bestehen – mit alten und neuen Freunden und Bekannten, mit vielen tollen Entdeckungen und wiedergefundenen Schätzen!

Rebecca Gablé – Die Fremde Königin

Der neue Roman von Rebecca Gablé, Die Fremde Königin, ist der zweite Teil zur deutschen Geschichte, nach Das Haupt der Welt. Er schließt im Jahre 951 an, ca. zwanzig Jahre nach den Geschehnissen des vorherigen Romans.

„Wenn Ihr leben wollt, müsst Ihr graben“, raunte der Mönch in dem ausgefransten, staubigen Habit.

Adelheid blickte nicht auf und ging weiter zur Kapelle, ohne ihren Schritt zu verlangsamen. Aus dem Augenwinkel sah sie, dass der Mönch seinen Weg in entgegengesetzter Richtung fortsetzte – nicht hastig, nicht gemächlich, aber würdevoll, so wie Mönche eben gingen. Sie wusste trotzdem, dass dieser Mann nicht war, was er zu sein vorgab.

So wie alle Männer in ihrem Leben.“ (13)

Dies sind die ersten Sätze. Adelheid von Burgund, Königin von Italien, wird von einem Widersacher festgehalten, der sie zwingen will, seinen Sohn zu heiraten, um diesen so zum König zu machen. Adelheid weigert sich, weiß jedoch nicht, wie lange sie noch durchhält, ist doch ihre Tochter mitgefangen. Und so nimmt sie den Rat des Mönches an und gräbt. Es folgt eine abenteuerliche Flucht, die sie schließlich an den Hof König Ottos führt. Sie wird seine Frau.

 

Gaidemar, Adelheids Fluchthelfer, ist als Bastard aufgewachsen und weiß nicht, wer seine Eltern waren. Er genoß eine gute Ausbildung und ist nun Mitglied der Panzerreiter, einer Elitetruppe im Heer König Ottos. Ihre gemeinsame Flucht schweißt die beiden zusammen, und er wird Adelheids wichtigster Berater. Doch seine Liebe zu ihr muss er verbergen.

Es ist eine unruhige Zeit, immer wieder versuchen innere und äußere Feinde, König Otto vom Thron zu stoßen oder ihm Teile seines Königreichs abzujagen. Die Ungarn fallen von außen über das Reich her, doch auch im Inneren brodelt es, auch in König Ottos engstem Umfeld werden Intrigen gegen ihn und die seinen gesponnen, die nicht selten mit dem Leben bezahlt werden…

Rebecca Gablé hat mit Die Fremde Königin ein weiteres Mal bewiesen, dass sie ihr Handwerk versteht. Die von meiner Seite lang erwartete Fortsetzung zur deutschen Geschichte (der vorige Roman war ja wieder ein Waringham), schließt nicht unmittelbar an, wo die Geschichte aufhörte, und auch die Personen kommen nur am Rande vor. Wieder entwirft sie jedoch ein opulentes Bild davon, wie es gewesen sein mag, und man kann sich die Welt von damals durchaus so vorstellen.

Und was kann die Frau Schlachten schreiben! Auch hier liest man wieder atemlos, wie die Heere aufeinandertreffen, wie eng Sieg und Niederlage beieinanderliegen und oft gar nicht zu unterscheiden sind. Szenen wie diese haben mich aber diesmal dafür entschädigen müssen, dass ich nie so richtig Zugang zu den Figuren fand. Ich fieberte und litt nicht mit wie damals mit Tugomir, hoffte nicht so, bangte nicht so. Das tut mir immer sehr leid bei einem großen Unterhaltungsroman, der meiner Ansicht nach ja genau davon lebt.

Aber wie immer hat Rebecca Gablé natürlich genau das hingelegt: einen weiteren großen historischen Unterhaltungsroman, der Geschichte so schreibt, wie sie gewesen sein könnte. Sie recherchiert ihre Romane akribisch und die Beschreibungen der Gegebenheiten – sei es Landschaft, sei es Gebäude – vermag sie immer in die damalige Zeit zu transferieren.

Diese historischen Romane sind in meiner Familie so etwas wie Wanderpokale, jeder Gablé wird ebenso wie jeder Follett von einer Hand in die nächste gereicht. Ich belasse es normalerweise bei diesen beiden, habe dieses Jahr aber somit den Jackpot von insgesamt ca. 2000 Seiten gezogen (die Besprechung vom Follett folgt in Kürze). Und auch wenn Die Fremde Königin bei mir nicht so punkten konnte wie Das Haupt der Welt, habe ich mich doch gerne wieder auf ihre Sicht der damaligen Zeit eingelassen und angenehme Lesestunden verbracht. Ich hoffe, sie wird die Reihe weiterführen, denn es folgt ja noch einiges an interessanten Dingen – ich sage nur Barbarossa.

Eines ist mir jedoch bitter aufgestoßen, und das ist das Nachwort. Ich finde es erschreckend und verstörend, dass eine Autorin historischer Romane sich davon distanzieren muss, von bestimmten Gruppen vereinnahmt zu werden. Sie schreibt über einen König, der ein großes Reich unter sich hatte, was anscheinend von nationalistischen Wirrköpfen dazu missbraucht wird, als Beleg für die Überlegenheit des deutschen Volkes zu dienen. Mir wäre dieser Gedanke mal wieder nicht im entferntesten gekommen, dienen solche Romane für mich doch zur Unterhaltung, die mir ein paar historische Fakten liefert zusammen mit einem Bild, wie es gewesen sein könnte. Nicht mehr und nicht weniger. Ich hoffe, Frau Gablé lässt sich sich nicht davon abschrecken und schreibt diese Reihe weiter, damit sich um so mehr Menschen ein eigenes Bild machen und eine eigene Meinung bilden können – oder zumindest einen Ansatz dazu finden.

Rebecca Gablé: Die Fremde Königin. Bastei Lübbe AG, Köln, 2017. 763 Seiten.

Hier geht es zu der Besprechung von Der Palast der Meere von Rebecca Gablé.