Nederlandstalig! J.J.Voskuil – Das Büro. Direktor Beerta

„Ich habe“, sagte er, mit einer kurzen Kopfbewegung, um sein Stottern unter Kontrolle zu bringen, „eine Stelle für dich.“ Er sah ihn ernst an. „Wenn du willst, kannst du sie haben.“ Das Angebot überraschte Maarten. „Ich kann für die Arbeiten am Atlas der Volkskultur einen wissenschaftlichen Beamten einstellen“, sagte Beerta, langsam und präzise. (S.8)

Maarten Koning nimmt also eine Stelle als wissenschaftlicher Beamter bei Direktor Beerta an und geht von nun an jeden Tag ins Büro. Seine erste Aufgabe wird sein, das Vorkommen von Wichtelmännchen in Volkserzählungen zu finden, zu bewerten und aufgrund dessen Kulturgrenzen zwischen Landstrichen festzustellen und auf Karten einzuzeichnen. Maarten hält dies für vollkommen sinnlos, aber irgendetwas muss er ja schließlich tun, da ihm sein voriger Job als Lehrer noch weniger zugesagt hat.

Er teilt sich sein Büro mit Beerta, aber es gibt natürlich eine Reihe an Mitarbeitern, die ein recht breites Spektrum an Menschentypen abstecken – die Ehrgeizige, der Gelangweilte, der Gleichgültige, der Streber usw. Mit all diesen Menschen muss Maarten sich nun auseinandersetzen, und zwischenmenschliche Beziehungen sind nicht seine Stärke.

Er beginnt mit dem Erstellen eines Karteikastensystems, um die Fragebögen, die die Menschen zur Beantwortung eingeschickt haben, in irgendeiner Weise systematisch ordnen zu können. Er sagt sich, dass er nichts davon verstehe, aber hoffe, eines Tages durchblicken zu können. So lange fügt er jeden Tag neue Karten hinzu und vergrößert sein Archiv.

Sein Alltag ist bestimmt von zwischenmenschlichen Konflikten, zumindest empfindet er die meisten Interaktionen so. Beerta liebt seine Arbeit, ist allerdings ein Hans-Dampf-in-allen-Gassen und jongliert seine vielen Beschäftigungen oft wie ein Artist. Maartens Frau Nicolien ist dagegen, dass er im Büro arbeitet, sie hätte ihn lieber für sich allein, was zusätzlich für Konflikte sorgt. So schwankt Maarten zwischen Desinteresse, Desillusionierung, Wut, Gleichgültigkeit und ja, manchmal auch Momenten des Sich-Einfindens.

J.J. Voskuil hat in seinem 7 Bände und über 5000 Seiten umfassenden Epos seinem Dasein als Beamter ein Denkmal gesetzt. Maarten Koning ist sein Alter Ego, und getreulich gibt er den Alltag in seinem Büro wieder, der schließlich 30 Jahre umfassen soll. Direktor Beerta ist der erste der 7 Bände, der seinen Einstieg unter Beertas Regime beschreibt.

Der Roman ist sehr dialoglastig, Voskuils Sprache allerdings ist karg und wurde wohl als „beamtenhaft“ bezeichnet. So vermittelt er den stets gleichen Charakter der aufeinanderfolgenden Tage, der stets gleichen Gespräche, Konflikte, Probleme; viele Dialoge laufen ins Leere, bleiben im Raum hängen, was, wenn man sich dies einmal vor Augen führt, überall so geschieht. Er entlarvt die Leere der zwischenmenschlichen Handlungen, die Vergeblichkeit des Versuchs, Sinnlosem Sinn verleihen zu wollen, die Eiseskälte beim Gedanken, dass das alles gewesen sein sollte, was ein Leben ausmacht.

Doch es ist kein verzweifelter Roman, kein düsterer oder höhnischer, ganz im Gegenteil, er ist unglaublich amüsant. Er deckt schonungslos, doch nicht boshaft die menschlichen Abgründe auf, lässt einen über die Umwege und „Lösungen“ schmunzeln, die für die unterschiedlichsten Probleme gefunden werden, lässt den Leser sich verstanden fühlen, denn wer hat sich die Fragen nach Sinn und Unsinn nicht schon oft gestellt?! Voskuil hat mit Maarten Koning eine Identifikationsfigur geschaffen, was, wie ich mir vorstelle, den großen Erfolg seiner Romane erklärt.

In den Niederlanden wurden – bei einer Bevölkerung von 17 Millionen Menschen – eine halbe Million der Romane verkauft. Menschen fieberten auf den nächsten Roman hin, litten mit Maarten Koning mit, es gab eine Hörspielausgabe des gesamten Zyklus in 475 Folgen, die sogar wegen der hohen Nachfrage wiederholt wurde (mal sehen, ob man da herankommen kann!). Das Büro wird als „Seifenoper für Intellektuelle“ bezeichnet, und auch wenn ich das für etwas despektierlich halte, kann ich mich der Anziehung, des „Suchtfaktors“, nicht erwehren.

Ich kann es kaum erwarten, Band 2 in die Hände zu bekommen, wie auch die übrigen Bände, und möchte jedem, der nach guter Unterhaltung sucht, diesen ersten Roman ans Herz legen – der Rest, denke ich, erledigt sich dann von selbst!

Weitere Voskuil-Fans kann man bei literaturleuchtet, Wolfgang Schiffer und natürlich bei Gerbrand Bakker finden. Einen Textschnipsel findet Ihr hier.

Diejenigen unter Euch, die Niederländisch können, finden hier das Hörspiel.

J.J.Voskuil: Das Büro. Direktor Beerta. Aus dem Niederländischen von Gerd Busse. C.H.Beck oHG, München 2012. OA: Het Bureau I: Meneer Beerta. Uitgeverij G.A. von Oorschot, Amsterdam, 1996. 848 Seiten.

Der erste Band, leicht überarbeitet, und alle anderen Bände werden inzwischen vom Verbrecher Verlag herausgegeben.

Bild: Wikipedia.de

Johannes Jacobus Voskuil, 1926-2008, war als Beamter an einem volkskundlichen Institut in Amsterdam beschäftigt. Seinen Durchbruch als Schriftsteller erlebte er mit seinem Roman Het Bureau, der in den Jahren 1996 bis 2000 in sieben Bänden erschien. Der Bestseller mit Kultstatus wurde u.a. mit dem F. Bordewijk-Preis und dem Libris-Literaturpreis ausgezeichnet. (Klappentext)

 

Advertisements

Textschnipsel zum Montag – 4.9.2017

„Hendrik streckte seine Beine etwas weiter vor und stieß gegen den Karton. Die Katze sah erschrocken hoch. „Entschuldige, Jonas“, sagte er. „Das wollte ich nicht.“ Maarten bückte sich und zog den Karton etwas zu sich heran. Die Katze legte sich wieder hin. Hendrik streckte seine Beine aus und bewegte seine bestrumpften Füße in der Wärme des Ofens behaglich hin und her. „Ich denke, dass Menschen gerade so viel Macht über einen ausüben können, wie man es ihnen erlaubt“, sagte er träge.

„Es ist natürlich Angst“, gab Maarten zu. „Feigheit.“

„Feigheit würde ich es nicht nennen wollen.“

„Dann Ohnmacht. Sie schreiben eine Doktorarbeit, um einen Titel zu haben, und sie benutzen den Titel, um Macht auszuüben. Es geht nicht um die Qualität, es geht um das System, denn so eine Doktorarbeit stellt doch nichts dar. Und gegen das System ist man machtlos. Wenn man keine Doktorarbeit schreibt, hat man nicht das Recht mitzureden, und wenn man eine geschrieben hat, gehört man dazu. Wenn ich darüber nachdenke, werde ich rasend vor Wut. Vor Ohnmacht.“

„Wollt ihr vielleicht einen Cognac dazu?“, fragte Nicolien, die mit dem Kaffee hereinkam.“ (S. 507)

J.J.Voskuil: Das Büro. Direktor Beerta. Aus dem Niederländischen von Gerd Busse. C.H.Beck oHG, München 2012. OA: Het Bureau I: Meneer Beerta. Uitgeverij G.A. von Oorschot, Amsterdam, 1996. 848 Seiten.

Photo: jackmac34 @pixabay.com

Ich wünsche Euch allen einen schönen Einstieg in den Herbst, mit vielen gemütlichen Lesestunden! Ich hoffe, hier wird es nun auch wieder etwas reger zugehen!

Nederlandstalig! Gerbrand Bakker – Jasper und sein Knecht

„Ich habe eine Theorie. Psychologen und Psychiater werden mich bestimmt tüchtig auslachen. Sie lautet, dass es grob gesagt zwei Arten von Depressiven gibt. Die Ängstlichen und die Ich-leg-mich-ins-Bett-und-steh-nie-wieder-auf-Depressiven. Die Ängstlichen leiden öfter an allerlei »Begleiterscheinungen« wie Zwangsgedanken, Phobien und noch viel mehr. Sie wollen von dieser Angst befreit sein, sie wollen keine Zwangsgedanken haben, sie wollen nicht immer leise gegen ein unsichtbares Etwas kämpfen müssen.“ (S. 270)

Gerbrand Bakker hat mit Jasper und sein Knecht ein sehr persönliches Buch geschrieben, eine Art Tagebuch, das etwas mehr als ein Jahr in seinem Leben erfasst und am 3. Dezember 2014 beginnt. Bakker ist ein niederländischer Schriftsteller, der mit seinem Debütroman Oben ist es still und den darauf folgenden große Erfolge feiern konnte. jasper

Nun hat er sich ein Haus in der Eifel gekauft, ein altes Haus, an dem es eine Menge zu tun gibt. Außerdem hat er sich einen Hund zugelegt, Jasper, ein Findelkind von der Insel Thassos. Und so leben die beiden nun in dem Haus und versuchen, gemeinsam zurecht zu kommen. Dies ist oft nicht einfach, Bakker hat keine Ahnung, was Jasper in seinem früheren Leben erlebt hat, und der Hund hat einige merkwürdige und schwierige Eigenheiten, ebenso wie sein Herrchen.

Und wie das Haus. Vieles wird renoviert oder umgebaut, und vor allem der Garten ist Bakkers Leidenschaft, mit seiner Vogelfutterstelle. Vor den Romanen hat er schon ethnologische Bücher geschrieben, er kennt sich also aus und liebt es, die Vögel in seinem Garten zu beobachten, kann auch ganz freudig aufgeregt werden, wenn seltene Besucher vorbeischauen.

In Jasper und sein Knecht schildert Bakker nun sein Leben in diesem Jahr, sein Leben in der Eifel, in seinem zweiten Haus in Amsterdam (man hat ja Verpflichtungen als Autor), in seiner Umgebung mit den Menschen in ihr. Dies tut er in einer ganz speziellen, unaufgeregten Art. So beschreibt er etwas, das geschehen ist, und von dort lässt er seine Gedanken schweifen… zu seiner Jugend, seiner Familie, den Dingen, die sein Leben geprägt haben.

Und so entsteht ein ganz intimes Portrait eines Mannes, der Schwierigkeiten hat, und lange Zeit nicht wusste, was das ist, was ihn quält, wie er damit umgehen soll, was er dagegen tun kann. Er stand immer außerhalb, sah den anderen Menschen zu, unfähig, teilzuhaben. Und unfähig, diese Unfähigkeit zu benennen. Bis es irgendwann klar ist, was viel und genauso nicht viel nützt, da es nie weggehen wird. Man kann nur damit leben.

Dies alles ist aber keineswegs eine deprimierende oder depressive Lektüre. Sie ist ehrlich, manchmal heiter, manchmal melancholisch, und sehr erhellend. Hier gibt jemand seinen Lesern zu verstehen, wie es ist, und ich denke mir, dass er entweder erreicht, dass Menschen, die ähnliche Probleme haben, fühlen, dass sie vielleicht nicht die einzigen sind mit den schwarzen Strudeln und dem immerwährenden Kampf. Oder dass Menschen, die es nicht kennen, sich ein wenig einfühlen können, es ein wenig nachvollziehen können, verstehen können, wie es diesen Menschen geht.

Wem das noch nicht genug ist: Neben wundervollen Naturbeschreibungen, in denen seine Liebe für Flora und Fauna offensichtlich wird, ist Bakker in seinem Buch radikal ehrlich, und das beinhaltet nicht nur seine Befindlichkeiten zu sich selbst oder seinem nächsten Umfeld, sondern auch seine Gedanken über Gott und die Welt, genauer gesagt, z. B. den Literaturbetrieb in den Niederlanden und im Allgemeinen, seine Landsleute, seine neuen Landsleute, Meinungen zu Fernsehsendungen und Artikeln und dergleichen mehr. Und das sind keineswegs immer freundliche Gedanken. Ich frage mich, mit wem er alles Ärger bekommen hat, auch wenn das Lesen diebische Freude bereitet.

Vielleicht sollte er dies in einem nächsten Buch, das vielleicht das Jahr 2016 bzw. nun 2017 umfasst, niederschreiben. Ich könnte jedenfalls ewig weiterlesen, und bin Gerbrand Bakker sehr dankbar für viele neue Gedanken, die sehr tröstend waren. Dies ist eine Liebeserklärung an ein Buch, das eines meines beiden Highlights im vergangenen Jahr war, und bestimmt noch lange, lange Zeit bleiben wird.

Gerbrand Bakker: Jasper und sein Knecht. Aus dem Niederländischen von Andreas Ecke. Suhrkamp Verlag Berlin 2016. OA: Jasper en zijn knecht, De Arbeiderspers, Amsterdam 2016. 446 Seiten.

Vielen Dank an den Suhrkamp Verlag für das Rezensionsexemplar.

Weitere Besprechungen gibt es bei literaturleuchtet und Herrn Hund und ZeichenundZeiten.

bakker_gerbrand

Bild: suhrkamp.de

Gerbrand Bakker wurde am 28. April 1962 in Wieringerwaard geboren. Er studierte Sozialwissenschaften in Leeuwarden, und Sprach- und Literaturwissenschaft in Amsterdam, außerdem hat er ein Diplom als Gärtner. Sein erstes Buch war ein Jugendbuch, Birnbäume blühen weiß. Mit seinem ersten Roman, Oben ist es still (2006) gelang ihm der Durchbruch. Seither hat er noch drei Romane und Jasper und sein Knecht veröffentlicht. Er hat zahlreiche Preise erhalten, unter anderem den hochdotierten IMPAC Dublin Literary Award.

Textschnipsel zum Montag – 12.12.2016

„Ich bin ganz aufgeregt. Auf der Futterstation sitzt ein Haubenmeisenpaar. Vor einigen Wochen saß einmal eine einzelne im Mahonienstrauch. Nie zuvor hatte ich eine Haubenmeise gesehen. Und jetzt ein Paar, das bestimmt hier zu Gast ist. Damit steigt die Zahl der Meisenarten in dieser Gegend auf fünf bis sechs. Kohlmeise, Tannenmeise, Blaumeise, Weiden- oder Sumpfmeise (die beiden sind sich so ähnlich, dass ich nicht erkennen kann, um welche es sich handelt) und Haubenmeise. Gartenkumpel Han sagt, ihm seien Schwanzmeisen begegnet, aber bis ich sie mit eigenen Augen gesehen habe, bleibt der Meisenstand bei fünf. Ausgerechnet bei ornithologischen und botanischen Namen gibt es große Unterschiede zwischen dem Deutschen und dem Niederländischen. Mein Deutsch ist ganz leidlich, wer genau hinhört, versteht fast alles, was ich sage, und seit ich weiß, dass ein Fehler bei den Fällen nicht so tragisch ist, mache ich mir darüber auch keine Sorgen mehr. Ich spreche gern über Vögel und Pflanzen, vor allem mit Klaus und Dachdecker Rudi. Aber dann beginnen bald die Probleme.“

haubenmeise

Foto: Luc Viatour / http://www.Lucnix.be

Zitat aus: Gerbrand Bakker: Jasper und sein Knecht. Aus dem Niederländischen von Andreas Ecke. Suhrkamp Verlag Berlin 2016. S.80f.

Nederlandstalig! Marcel Möring – Im Wald

Marcus Kolpa, den wir bereits aus Der nächtige Ort kennen, hat inzwischen seine große Liebe Chaja geheiratet und mit ihr eine Tochter, Rebecca, bekommen. Doch als Rebecca ein halbes Jahr alt ist, verschwindet Chaja spurlos, von einem Tag auf den anderen ist sie weg.

wald

Foto: unsplash.com

Als nach Jahren immer noch kein Lebenszeichen von ihr aufgetaucht ist, entschließt sich Marcus, mit seiner Tochter fortzuziehen. Er hat einen sehr erfolgreichen Roman geschrieben, weswegen er sich jetzt eine Art Burg auf einem Hügel – oder Berg, wie die Holländer sagen – leisten kann. Ein großes, düsteres Haus, auf einem Hügel im Wald gelegen, weit weg von allen und jedem. Das ist, was ihm vorschwebt, weg von der Welt, in die Einsamkeit. Die einzige Person, die sie täglich sehen, ist Frau Sanders, die Haushälterin, die eine wichtige Bezugsperson für Rebecca darstellt.

Marcus hingegen schottet sich vollkommen von der Welt ab. Er kann nicht verstehen, was passiert ist, mit Chaja, warum sie so plötzlich spurlos verschwand, und er kann es nicht akzeptieren. Die einzige, die ihn aus seiner eigenen Welt holen kann, ist Rebecca. Als sie zur Schule gehen soll, beschließt sie, es nicht zu tun, weswegen Marcus sie zu Hause unterrichtet, und in diesen Jahren bilden die beiden eine unzertrennliche Einheit.

Doch Rebecca entwickelt früh eine starke, unabhängige Persönlichkeit, Künstlerin will sie sein, und das riesige Haus bietet ihr genug Platz, ihre ersten Versuche zu machen. Ebenso wie der große Wald um sie herum ihr große Freiheit und Selbständigkeit bietet, so dass sie früh unabhängig, aber doch immer noch in einer Einheit mit ihrem Vater lebt.

im-waldAls Rebecca zur Kunstschule geht, stirbt Marcus‘ Mutter. Diese Frau, die immer so weit von ihm entfernt war und vor Jahren nach Israel ging, wirft eine Menge neuer Fragen auf. Und von hier an fängt Marcus‘ so mühsam in festen Bahnen und Riten gehaltenes Leben zu schwanken…

Marcus Kolpa ist eine Grüblerfigur. Er ist sehr gebildet und intelligent, aber all dies hilft ihm nicht, sein Schicksal zu verstehen. Er wendet sein ganzes erworbenes Weltwissen an, testet es, verwirft es, kommt einen Schritt weiter, geht zwei zurück. Er hat nur einige armselige Puzzlestückchen, aus denen sich beim besten Willen kein Bild erkennen lässt, aber er bemüht sich, ein Bild entstehen zu lassen.

Wie weit er zurückgehen muss und wo er letztlich fündig wird, lässt Marcel Möring den Leser hier miterleben. Auch wir bekommen nur Puzzlestückchen, und da der Roman aus Marcus‘ Perspektive geschrieben ist, sind es eingefärbte Stückchen. Im Wald ist kein Spannungsroman, es ist ein verkopfter Roman. Und das habe ich sehr gemocht. Wir haben einen gebildeten, klugen Mann, zu gebildet, klug und verkopft, als es für ihn gut ist, und wir haben ein Schicksal, das mit allem auf ihn eingedroschen hat, ohne ihm die Vorlagen zu geben.

Seine Routine, die er für seine Tochter entwickelt, und die Fürsorge für sie sind oft das Einzige, das ihn dazu bringt, weiterzumachen. Ich habe ihn gemocht, auch wenn er oft in seinen Routinen erstickt, stillsteht, zaudert… Das Schicksal holt sich letztlich doch, was es haben will, oder?

moring

Marcel Möring, Bild: mustreads.nl

Marcel Möring hat mich bisher immer begeistern können, mit seiner Klugheit, seiner hervorragenden Sprache, aber vor allem mit der Stimmung, die er immer zu kreieren weiß. Seine Bücher lassen einen ganz tief in seine Welt eintauchen, sie sind nicht actionlastig, aber entwickeln einen Sog, und mir persönlich haben seine Figuren bisher immer gut gelegen. Er gibt Denkanstöße, lässt seine Figuren Weltbilder anprobieren und verwerfen, verzweifeln und hoffen, und der Leser ist gefangen in seinem Bann.

Und ich bin gespannt auf den dritten Teil der Trilogie.

Marcel Möring: Im Wald. Aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen. Luchterhand Literaturverlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, 2014. OA: Louteringsberg, De Bezige Bij, Amsterdam 2011.

Ich bedanke mich bei Random House für das Rezensionsexemplar.

Nederlandstalig! Leon de Winter – Geronimo

flagge„Kill or capture“ ist der Auftrag des ST6, des Seals Team Six, in Bezug auf UBL, wie Usama Bin Laden von ihnen genannt wird. Gemeint ist hier aber kill, capture steht außer Frage.

Was soll auch mit diesem Menschen geschehen, der für soviel Unheil gesorgt hat? Soll er an Ground Zero vor Gericht gestellt werden? Soll er in einem Käfig ausgestellt werden, als lebendiger Teufel? Was soll man mit ihm tun? Das fragt sich auch ST6, die sich dennoch wundern: Warum sollte man alles Wissen, das sich in UBLs Gehirn befindet, einfach aufgeben? Warum nicht capture?

Was ST6 nicht weiß, ist, dass UBL belastendes Material gegen Barack Obama hat. Das nie das Licht der Öffentlichkeit erblicken darf. Und aus diesem Unwissen heraus schmieden die Seals einen anderen Plan: capture.

Bild: diogenes.chBei diesem Pläneschmieden ist auch Tom Johnson anwesend, der lange bei der Special Operations Group der CIA tätig war, bevor er schwer verwundet wurde. Große Teile des Romans werden aus seiner Perspektive erzählt, denn Tom ist ein Dreh- und Angelpunkt der Geschichte. Hier nimmt er an diesem Gespräch teil. Vor seiner Verwundung in Afghanistan lernte er Apata kennen, ein junges afghanisches Mädchen, das zu einem Tochterersatz für ihn wurde, da er seine Tochter verloren hat. Und auf der Suche nach ihr begegnet er Jabbar.

Er führt Apata in die Welt der Musik ein, genauer in die Welt Bachs. Es entwickelt sich eine Beziehung zwischen ihnen, deren Grundlage die Liebe zur Musik ist. Diese Liebe wird jedoch Apatas Untergang: Es ist verboten, vor allem für ein Mädchen, solche Musik zu hören. Die Taliban üben die volle Macht ihrer Gesetze an ihr aus.

Als Bettlerin, die sie nun ist, berührt sie andere Leben. Unter anderem das von Jabbar und seiner Mutter, die sich ihrer annehmen. Und das von UBL. Dieser hockt nämlich nicht ausschließlich in seinem Bunker von einem Haus, sondern begibt sich auf nächtliche Streiffahrten, verkleidet, unerkannt. Er wird zum Menschen, der seine Frauen liebt, der Eis für sie kauft, und der, als er bemerkt, dass Apata ihn erkannt hat, doch eine menschliche Seite zeigt…

„Geronimo“ ist das Codewort der Navy Seals, das besagen sollte, dass sie Bin Laden gefunden haben. Jeder kennt das Bild, auf dem Obama und Clinton zu sehen sind, als die Operation durchgeführt wurde, das, auf dem Hillary die Hand vor dem Mund hält, schockiert. Bin Laden ist tot, das verkündete Obama später in seiner Rede. De Winter fügt nun den Verschwörungstheorien, die sich um diesen Tag ranken, eine weitere hinzu: Was, wenn UBL nicht tot ist? Was, wenn er gefangen wurde?

Von diesem Ausgangspunkt aus entwickelt er eine Geschichte, die sich wie ein Thriller liest; man kann den Roman kaum aus der Hand legen. Die Geschichte wird kapitelweise zu den Personen erzählt, immer ein Stückchen mehr, und nach und nach ergeben sich die verschiedenen Verbindungen. Die handelnden Personen sind alle in eine große Verschwörung verwickelt, und diese Verwicklungen verlangen einen hohen Preis.

Die Erzählperspektive ist mir nicht immer klar gewesen, erzählt Tom nun die Geschichte, und wenn ja, woher hat er die Möglichkeit, als allwissender Erzähler aufzutreten? Oder erzählt er nur Teile, und die anderen Teile erzählt – wer? Davon abgesehen hat De Winter wieder tief in die Trickkiste gegriffen: Ein was-wäre-wenn-Szenario, das spannender nicht sein könnte. Dieses Buch gleicht einer rasanten Achterbahnfahrt, die Höhen der rasanten Erzählung wechseln sich mit zutiefst menschlichen Schicksalen ab, um dann wieder zum nächsten Höhepunkt hinaufzuklettern.

Man legt den Roman überwältigt aus der Hand, überwältigt von diesem Szenario, das so gekonnt erzählt ist, dass es einem durchaus möglich erscheint. Überwältigt aber auch von den Schicksalen der Menschen, die in diese Geschichte hineingezogen werden. Und davon, wie sehr dieser irre Krieg und die Terroranschläge überall in Leben eingreifen, sie zerstören, Hass schüren. Und manchmal auch Hoffnung bringen. Hoffnung auf ungewöhnliche Freundschaften, ein besseres Leben, auf Verständnis des anderen.

Leon de Winter: Geronimo. Aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers. Diogenes Verlag, Zürich 2016. OA: Geronimo. De Bezige Bij, Amsterdam 2015.

Ich danke dem Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar.

Mehr zu Leon de Winter und weitere Romane gibt es hier.

Nederlandstalig! Niña Weijers – Die Konsequenzen

flagge

„Schreibt man über diesen Roman, klingt es nach Schwerarbeit. Liest man ihn, ist es ganz leicht. Also lesen Sie.“

Diese Worte von Cees Nooteboom sind absolut gerechtfertigt. Es ist nicht leicht, darüber zu schreiben. Dieser Roman über Minnie Panis, Ende zwanzig, Künstlerin, hat so viele Facetten und Wendungen, dass ein Bericht über ihn immer unzureichend wäre.

Minnie Panis ist Künstlerin, „weil man sie als solche bezeichnet“. Sie ist Ende zwanzig und hat schon mehrere erfolgreiche Projekte hinter sich. Diese drehen sich zumeist darum, wie ihr Leben mit der Kunst verschmilzt. Ihre Kunstwerke schocken die Leute, und jeder kann etwas von sich darin sehen. Denn sie sind so persönlich, wie sie nur sein können; Minnie Panis stellt sich selbst in ihren Mittelpunkt und geht an ihre äußersten Grenzen dafür.

Bild: suhrkamp.de

Bild: suhrkamp.de

Und diese erreicht sie auch. Oft ist sie kurz davor, in ihrer Kunst zu verschwinden. Manchmal ist sie selber die Kunst. Ständig reflektiert sie darüber und lässt den Leser daran teilhaben. So wird auch er in ihre Kunst hineingezogen, kann sich ihr nicht entziehen, will das gar nicht.

Nun steht sie vor einem neuen Projekt. Sie will sich heimlich überwachen lassen, weiß aber nicht, ob und wann das wirklich geschieht, und achtet demnach immer darauf. Die Frage entsteht, wer wen überwacht. Und so zieht sich der Bogen zu einem der aktuellsten Themen unserer Zeit: die heimliche und ständige Überwachung, die Aufzeichnung unser aller Leben, die da ist und auch nicht, die man nicht unmittelbar spürt oder sieht.

In diese Geschichte hineingeflochten ist Minnies Lebenslauf. Sie kam viel zu früh auf die Welt und wurde sofort mit der ständigen Überwachung konfrontiert. Da sie ein zartes und auch merkwürdiges Kind war, änderte sich daran nie etwas – immer war sie „überwacht“.

Nun steht sie also vor diesem großen Projekt, und sie bekommt einen Brief – gerade, als etwas Einschneidendes in ihrem Leben passiert, das dieses für immer verändern soll…

Dieser kurze Überblick wird dem Roman in keiner Weise gerecht. Er handelt grob von der Story, aber er beschreibt nicht, wie intensiv sich Minnie mit ihrem Leben und seiner Zurschaustellung auseinandersetzt. Oder ihre Gedanken darüber, ob Leben und Kunst verschmelzen können, oder ob das Leben nicht im Grunde ein einziger Performanceact ist. Oder die vielen Denkanstöße, die sie gibt.

Ganz zu schweigen davon, dass der Roman in eine Welt einführt, die zumindest dieser Leserin unbekannt ist: Die Kunstwelt, mit ihren skurrilen Charakteren und Ritualen, mit ihrer Suche nach etwas, man möchte es etwas „Echtes“ nennen, und ob dies dann Kunst sein kann. Dann führt er auch in eine andere Richtung, mit der ich nicht so viel anfangen kann, aber an die viele Menschen glauben, und der Leser kann für sich selbst entscheiden, ob er das annehmen möchte oder nicht.

Wie man meiner Leseliste entnehmen kann, bin ich nicht der größte Fan neuer Literatur, ich stehe ihr eher skeptisch gegenüber. Doch dieser Roman hat mich tief beeindruckt hinterlassen, und deswegen möchte ich gerne die Worte Cees Nootebooms aufgreifen: Also lesen Sie.

Lesen Sie diesen Roman und lassen Sie sich von dieser jungen Protagonistin und ihrer Geschichte überzeugen. Ich bin sicher, ich bin nicht die Einzige, die sehr glücklich ist, sie kennengelernt zu haben. Genießen Sie die Intensität, mit der Niña Weijers zu schreiben weiß, wie sie Ereignisse und vor allem Begegnungen zu beschreiben weiß, so dass man sich zum Beispiel dabei erwischt, Marina Abramović in die Augen zu schauen und an einem Kunstprojekt teilzunehmen.

Niña Weijers: Die Konsquenzen. Aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen. Suhrkamp Verlag Berlin 2016. OA: De consequenties. Uitgeverij Atlas Contact, Amsterdam 2014. 359 Seiten.

Ich danke dem Suhrkamp Verlag für das Rezensionsexemplar. Ein Video mit der Autorin Lesungstermine findet man auf der Verlagsseite.

Niña Weijers wurde 1987 in Nijmegen geboren. Sie studierte Literaturwissenschaften in Amsterdam und Dublin. Sie

Bild: suhrkamp.de

Bild: suhrkamp.de

gewann 2010 den Schreibwettbewerb Write Now! Ihr Debütroman De consequenties gewann mehrere Literaturpreise, 2015 stand er auf der Shortlist für den Libris-Literaturpreis. Niña Weijers schreibt Kolumnen und rezensiert Bücher für De Groene Amsterdammer, bei De Gids arbeitet sie als Redakteurin.