Buch #70: Zora Neale Hurston – Und ihre Augen schauten Gott

„Tja, so war dat alles gewesen, Pheoby, genau so, wie ich dir dat erzählt hab. Jetz bin ich also wieder zu Hause, un ich bin froh, dat ich hier bin. Ich bin bis nachen Horizont un wieder zurück, un jetz kann ich beruhigt hier in mein Haus leben un mich an meine eigne Erfahrungen halten.“ (273/274)

Dies sagt Janie Crawford zu ihrer Freundin Pheoby, als sie nach eineinhalb Jahren nach Hause zurück kommt und ihrer Freundin über diese Zeit Bericht erstattet hat. Doch nicht nur von dieser Zeit erzählt sie, sie berichtet von ihrem ganzen Leben und wie sie an dem Punkt angelangt ist, an dem sie sich jetzt befindet.

Ihre Großmutter, die sie aufgezogen hat, erlebte noch die Sklaverei. Sie wollte ihre Enkelin sicher verheiratet und versorgt wissen, weswegen Janie mit sechzehn Logan Killicks heiratet, einen wesentlich älteren Mann, der eine eigene Farm besitzt und Janie ehrlich mag, aber nicht in der Lage ist, ihr dies zu zeigen. Janie ist unglücklich in dieser arrangierten Ehe, hat sie doch immer gehofft, dass die Liebe sich einstellen würde, wenn sie verheiratet sei, und sie muss einsehen, dass eine Ehe nicht automatisch Liebe mit sich bringt.

Dann trifft sie eines Tages an ihrem Gartenzaun Joe Starks, der nach Eatonville will, eine Stadt, die von Schwarzen gegründet wurde und in der nur Schwarze leben. Sie treffen sich regelmäßig, Joe Starks ist von ihrer Anmut und ihrem besonderen Haar hingerissen, und er bietet ihr an, sie mitzunehmen und sie zu heiraten. Janie hofft, in Joe endlich die Liebe ihres Lebens zu finden, ebenso wie ein aufregenderes Leben als ihr die Farm jemals hätte bringen können, und so willigt sie ein.

Sie treffen als Ehepaar in Eatonville ein, und da sich niemand um die Belange der Stadt zu kümmern scheint, macht Joe sich zum Bürgermeister und leitet die Angelegenheiten fortan, ebenso wie seinen eigenen Laden, den jedoch mehr Janie führt. Und so wird Janie zur angesehensten Frau vor Ort, doch Joe ist eifersüchtig, und so muss sie ihr Haar verstecken und darf nicht mit den anderen reden. Sie leben sich auseinander, bis Joe eines Tages stirbt.

Janie, nun eine reiche Witwe, weiß nicht so recht, was sie mit ihrem Leben anfangen soll, ihre Träume hat sie begraben, und, obschon man ihr ihr Alter nicht ansieht, ist sie keine junge Frau mehr, der die Welt offensteht. Doch dann kommt eines Tages Tea Cake in ihren Laden, ein wesentlich jüngerer Mann, der von Janie hingerissen ist und sie fortan umwirbt. Sie hat mit den Konventionen zu kämpfen, dem Gerede, den schiefen Blicken. Doch Tea Cake gibt ihr etwas, das keiner vor ihm ihr geben konnte, und so trifft Janie eine Entscheidung…

Ich weiß, die ganzen Tagediebe un Maulhelden drüben auf der Veranda, die wern fast platzen vor Neugier, datse endlich rauskriegen, von wat wir zwei beide am Reden warn. Soll mir recht sein, Pheoby, kannsdse ruich alles erzähln. Die wern sich wundern, weil meine Liebe nich so funktioniert hat wie ihre Liebe, wennse überhaupt welche erlebt ham. Dann muß duse erzähln, dat Liebe eem nich wien Mühlstein is, war rundrum gleich is un mit alles, wat er berührt, dat gleiche macht. Liebe is wie die See. Immer in Bewegung, un trotz alledem krichtse ihr Form von der Küste, wo se drauf trifft, bei jeder Küste wieder ne andre.“ (274)

Der Buchumschlag sagt, „Zora Neale Hurston erzählt […] in der Sprache der Veranda, in den dunklen Vokalen des Südens. Die Übersetzerin Barbara Henninges hat eine Sprache erfunden, die die Synkopen und Blue-notes des Slangs im Deutschen zum Klingen bringt“. Die Dialoge sind in diesem „Slang“ verfasst, in den man sich, wenn man sich erst einmal eingelesen hat, ein wenig verliebt, der Singsang entwickelt einen eigenen Sog und eine Intensität, die nicht so schnell loslässt. Die Textpassagen sind in „normalem Englisch“ verfasst, aber ich kann mir vorstellen, dass es nicht so leicht ist, diesen Roman im Original zu lesen und denke, die Übersetzerin hat hier einen außergewöhnlichen Job gemacht.

Aber lesen sollte man Und ihre Augen schauten Gott, von dem Alice Walker sagte: „Es gibt kein wichtigeres Buch für mich.“, auf jeden Fall. Dies ist eine Geschichte einer außergewöhnlichen Emanzipation, von der ich nicht gedacht hätte, dass sie in diesen Umständen überhaupt möglich sei. Die Sklaverei ist vorbei, doch ist Janie eine junge schwarze Frau in den zwanziger, dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Es bilden sich „schwarze Städte“, doch viele Menschen bleiben nach wie vor Wanderarbeiter. Jedoch geht von dem Roman insgesamt eine positive Aufbruchsstimmung aus, und die Wanderarbeiter wissen sich ihr Leben – unter den Umständen – doch gut zu gestalten.

Der Roman entstand 1937 und ist ein Klassiker der schwarzen Literatur Amerikas. Ich kann ihn unbedingt empfehlen, denn nicht nur die Geschichte, die erzählte wie auch die der Umstände, ist es wert, erlesen zu werden, auch sprachlich ist er sehr außergewöhnlich, etwas, das man nicht alle Tage findet.

Zora Neale Hurston: Und ihre Augen schauten Gott. Aus dem Amerikanischen übersetzt und mit einem Glossar versehen von Barbara Henninges. Ammann Verlag AG, Zürich, 1993. OA: Their Eyes Were Watching God. J.B.Lippincott, Inc., Philadelphia 1937.

Zora Neale Hurston, Fotograf Carl van Vechten, 3. April 1938. Foto: wikipedia.de

Zora Neale Hurston wurde am 7. Januar 1891 in Alabama geboren. Sie wuchs in Eatonville, Florida, auf. Sie besuchte die Howard University in Washington, D.C. und lernte die Schriftsteller der Harlem Renaissance kennen, zu der auch sie gezählt wird. Ab 1927 sammelte sie in den Südstaaten Folklore, Geschichten, Lieder, Tänze und Gebete der schwarzen Bevölkerung, die sie vorstellte und verarbeitete. Sie gehörte in den 1930er Jahren zu den wichtigsten Autoren der afroamerikanischen Literatur. In den 50er Jahren war ihr Ruhm jedoch verblasst, sie starb in Armut an einem Herzleiden am 28. Januar 1960 in Fort Pierce, Florida.

1973 spürte Alice Walker das Grab von Hurston auf und begann mit dem Artikel „In Search of Zora Neale Hurston“ die Wiederentdeckung von Werk und Person.

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Buch #69: James Baldwin – Giovannis Zimmer

In Giovannis Zimmer erzählt James Baldwin die Geschichte von David, einem jungen, weißen Amerikaner, der nach Paris geht, um sich selbst zu finden. Die Geschichte beginnt mit Davids Abschied aus einem Haus in Südfrankreich, seine Freundin Hella ist abgereist, er denkt über Giovanni nach. Und breitet in Retrospektive seine Geschichte vor dem Leser aus.

Er erzählt von seiner Kindheit und Jugend, von seinem Vater, der ihn nach dem Tod seiner Mutter aufzieht und starker Trinker ist und ihn nie verstand. Und von einem Erlebnis, das er mit einem seiner Freunde hatte, und das ihn so sehr verwirrte, dass er nie mehr davon sprach.

In Paris angekommen, geht Davids Geld schnell zur Neige, und so wendet er sich an einen älteren Freund um Hilfe. Dieser gewährt sie ihm und nimmt ihn mit in eine Kneipe, wohl hoffend, David sei unter dem Einfluss von Alkohol zu mehr bereit. Doch David begegnet Giovanni, dem neuen Barmann. Sie sehen sich an und beiden ist klar, was geschehen wird. Davids Freundin ist in Spanien, und so zieht er zu Giovanni, wo die beiden in einem Zimmer zusammen leben. Es ist eine Zeit voller Glück, für Giovanni jedoch mehr als für ihn. Und je mehr Giovanni an ihm hängt, umso mehr fragt David sich, was er tun soll.

Die Geschichte spielt in den (nehme ich an) 50er Jahren, und obwohl Homosexualität in Frankreich nicht unter Strafe stand, war es doch gesellschaftlich nicht akzeptiert. Ganz zu schweigen von den USA. Und so schwankt David, kann sich nicht für oder gegen seine Freundin entscheiden, kann sich nicht für oder gegen Giovanni entscheiden. Und er geht schließlich den vermeintlich leichteren Weg, der in einer Katastrophe endet…

Mit Giovannis Zimmer hat James Baldwin bei Erscheinen 1956 für großes Aufsehen gesorgt. Die Geschichte der Beziehung der beiden jungen Männer muss damals sehr die Gemüter erhitzt haben, und wenn auch keine explizite Sprache gebraucht wird, muss es einem Skandal gleichgekommen sein. Heute ist die Schockwirkung nicht mehr so groß, so dass die Geschichte der Hin- und Hergerissenheit Davids, dem Schwanken zwischen Mut und Feigheit, zwischen Selbstaufgabe oder Ächtung von großen Teilen der Gesellschaft, und der Suche nach dem vermeintlich leichteren oder richtigen Weg eine größere Bedeutung bekommen sollten.

Giovannis Zimmer ist ein Selbstfindungsroman, und David, der die Geschichte Revue passieren lässt, wird am Ende eine Entscheidung treffen. Ich kann mir vorstellen, dass der Roman im Laufe der Jahre viele Menschen berührt, ihnen geholfen, sie aber vielleicht auch mehr verwirrt hat. Ich habe noch nicht viele Romane dieser Art gelesen, aber ich kann mich in Davids Kampf hineinfühlen, und mit dem Wissen vom Hintergrund des Schriftstellers wird es noch einmal um einiges intensiver. Es ist ein Bildungsroman, und manchmal möchte man David feste schütteln und ihm eine Ohrfeige geben, aber unter den Umständen weiß man, dass man dazu kein Recht hat. Und so ist Giovannis Zimmer einer dieser Romane, die zu denken geben, und die noch lange nachhallen.

James Baldwin: Giovannis Zimmer. Aus dem Englischen von Axel Kaum und Hans-Heinrich Wellmann. Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg 1963.

James Baldwin. photo: de.wikipedia.org/wiki/James_Baldwin

Aufgrund des Umfangs von James Baldwins Biographie zitiere ich die Wikipedia:

James Baldwin (* 2. August 1924 in Harlem, New York City, New York, Vereinigte Staaten; + 1.Dezember 1987 in Seint-Paul de Vence, Provence-Alpes-Côte d’Azur, Frankreich) war einer der bedeutendsten afroamerikanischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, der weit über die Grenzen der Vereinigten Staaten hinaus bekannt wurde. Viele seiner Arbeiten behandeln Themen wie Rassimus und Sexualität. Seine Erzählungen sind berühmt für den persönlichen Stil, in dem Frangen der Identität von Schwarzen und Homosexuellen und damit verbundener sozialer und psychologischer Druck zur Sprache kommen, lange bevor die soziale, kulturelle oder politische Gleichstellung dieser Gruppen erkämpft wurde. Weiter geht es hier.

Buch #68: Margaret Atwood – Der Report der Magd

„Glaube ist nur ein Wort, gestickt.“ (389)

„Aber ringsum an den Wänden stehen Bücherregale. Sie sind voller Bücher, Bücher, Bücher, offen sichtbar, keine Schlösser, keine Schränke. Kein Wunder, dass wir hier nicht hereindürfen. Es ist eine Oase des Verbotenen. Ich versuche, nicht hinzustarren.“ (186)

Der Report der Magd – The Handmaid’s Tale – der deutsche Titel ist hier ausnahmsweise der Bessere, weil Angebrachtere. Ein Report ist es, den Desfred uns gibt, ein Report über das Leben in einem Regime, das im späten 20. Jahrhundert in den USA entstand. Viele Faktoren spielten hinein, die Umwelt, die Umweltkatastrophen, die Religionskonflikte, AIDS, der Feminismus.

Nun ist die Welt sehr einfach. Es gibt Männer. Und es gibt drei relevante Kategorien an Frauen. Da sind die „Marthas“, die eine recht gute Stellung als Haushaltshilfe haben. Sie haben keine Rechte, sind aber vor Verfolgung mehr oder weniger sicher. Sie sind im Großen Ganzen irrelevant, nur dazu da, den Handlanger zu geben. Sie tragen grün.

Dann gibt es die Ehefrau. Die höchste Stellung, die eine Frau innehaben kann. Ehefrau. Mutter. Vorstehende des Haushalts. Repräsentation des Haushalts. Die wichtigste Position, die eine Frau haben kann. Die Wichtigste. Sie tragen blau.

Und dann gibt es die Mägde. Sie dienen als Gefäße. Falls ein hochrangiges Ehepaar nicht in der Lage ist, Kinder zu bekommen, dient die Magd als Gebärmutter. Sie trägt rot. Desfred trägt rot.

Desfred lebt als Magd bei dem „Kommandanten“, Fred, und seiner Frau Serena Joy. Sie sind kinderlos, und Desfred soll ihnen helfen. Sie wird gut ernährt und lebt wohlbehütet. Sie hat lange, verhüllende Kleider und eine Haube, die sie hindert, angesehen zu werden. Und außer einem Tunnelblick nichts zulässt. Sie darf keine persönlichen Gegenstände haben. Sie darf das Fenster nicht weiter als einen Spalt öffnen, das Glas ist bruchsicher. Sie darf nicht sprechen, außer die Floskeln, die man sie lehrte. Fromme Sprüche. Und sie darf einmal im Monat das Ritual mit dem Kommandanten vollziehen, im Schoß seiner Frau liegend, in der Hoffnung, für sie empfangen zu können.

Desfred erzählt ihre Geschichte, von ihrem jetzigen Leben, das in völliger Isolation und Abschottung von der ganzen Welt vor sich geht. Informationen zu bekommen, ist fast unmöglich. Interesse an etwas zu zeigen, kann tödlich sein. Wissen zu haben, kann zur Exekution führen.

Aber das System ist nicht vollkommen. Und Desfred gehört zur ersten Generation Frauen, die zu dieser Lebensweise gezwungen werden. Sie erinnert sich daran, wie es vorher war, als Frauen Rechte hatten, Freiheiten, Bildung, Individualität. Und sie erinnert sich daran, wie ihr alles genommen wurde. Und warum sie sich nun in ihre Rolle fügt.

Margaret Atwoods Roman aus dem Jahre 1985 ist damals ihr Durchbruch gewesen. Diese finstere Dystopie hat beim ersten Mal, als ich sie vor vielen Jahren las, so vieles bei mir ausgelöst: Ich habe eine ungeheure Faszination für Dystopien entwickelt, Margaret Atwood ist meine verehrteste Schriftstellerin, und der Anteil meiner Lektüre von Frauen liegt bei ca. 33 Prozent. All dies hat sich nun beim Wiederlesen bestätigt.

Der Report der Magd ist ein ungeheuer intensiver Roman, der perfekt kalkuliert ist. Passt man die Gegebenheiten von vor 30 Jahren an die heutigen an, ist er, gerade mit Sicht auf das letzte Jahr, wieder erschreckend aktuell. Und erschreckend ist genau das Adjektiv, das ich meine. Er nimmt einem den Atem, lässt Seite um Seite verfliegen auf der Suche nach einer Lösung, nach einem Ausweg aus dieser Situation, aus der es keinen Ausweg gibt.

Der Gedanke, dass man diese – eigentlich als Abschreckung zu verstehende – Geschichte als Handbuch nehmen könnte, hat sich mir wieder tief ins Hirn gegraben und mir einen Schlag in die Magengrube verpasst. Es darf nicht sein. Für viele Frauen ist es aber so, an so vielen Orten auf der Welt, täglich, ohne Ausweg. Man sollte dies immer vor Augen haben, immer daran denken, und dieser Roman ist eine Anmahnung all dessen.

Wie ich immer wieder zu meinem Erstaunen vernehme oder lese, gibt es anscheinend einige Menschen, die sich schwer tun mit von Frauen verfasster Lektüre. Ich kann mir beim besten Willen keinen Grund dafür vorstellen, doch scheint es so zu sein. Denjenigen möchte ich eines raten: Wenn Sie nur einen Roman, der von einer Frau geschrieben wurde, ausprobieren möchten, nehmen Sie diesen.

Denn es handelt sich auch schlicht um eine äußerst spannende Geschichte. Wie die jetzige Situation mit der damaligen und der Entwicklung zusammengebracht wird, wie stückchenweise die Welt aufgebaut und ineinander verkeilt wird, wie Desfred sich der Umstände nicht erwehren und von den Ereignissen mitgerissen wird, das ergibt einen Pageturner.

Ich weiß, das alles ist eine Menge Lobhudelei, aber ich bin diesem Roman verfallen, seit vielen Jahren schon. Er wird wohl die neue Spitzenposition in meiner Rangliste einnehmen, und mich auf jeden Fall für den Rest meines Lebens begleiten.

Ich habe den Roman ausgerechnet jetzt wiedergelesen, da ich ihn bei der Bingereaderin gewonnen habe (danke nochmal!), die ähnlich begeistert war, und weil er mit Elizabeth Moss und Joseph Fiennes als Serie verfilmt wurde, die am 26. April 2017 in den USA Premiere hat. Ich kann es kaum abwarten, jetzt noch weniger.

Margaret Atwood: Der Report der Magd. Aus dem kanadischen Englisch von Helga Pfetsch. Neuauflage im Piper Verlag GmbH, München/Berlin 2017. OA: The Handmaid’s Tale. MCClelland & Stewart, Houghton Mifflin, 1985; Cape 1985. 412 Seiten.

Double Feature: Stefan Zweig

Buch #67: Der Amokläufer und

Buchmendel & Die unsichtbare Sammlung

Bild: wikipedia.de

Stefan Zweig wurde am 28. November 1881 in Wien geboren. Er lebte von 1919 bis 1935 in Salzburg, von dort emigrierte er nach England und 1940 nach Brasilien. Nachdem er bereits als Übersetzer von Verlaine, Baudelaire und Verhaeren bekannt war, veröffentlichte er 1901 mit „Silberne Seiten“ seine ersten Gedichte. Sein episches Werk machte ihn ebenso berühmt wie seine historischen Miniaturen und die biographischen Arbeiten. 1944 erschienen seine Erinnerungen, in „Die Welt von Gestern“ erzählt er von einer vergangenen Zeit. 1942 schied er freiwillig aus dem Leben, nachdem er sich in seiner neuen Heimat Petropolis, Brasilien, nie ganz zu Hause fühlen konnte und die Angst, die Nationalsozialisten könnten sich die ganze Welt Untertan machen, Überhand nahm.

Bei Der Amokläufer handelt es sich um eine Sammlung von sieben Erzählungen, von denen hier stellvertretend die titelgebende Erzählung vorgestellt wird.

Ein namentlich unbekannter Ich-Erzähler berichtet von einer Schiffspassage von Kalkutta nach Europa im Jahre 1912. Er hat einen der letzten Plätze und somit der schlechtesten Kabinen bekommen, weswegen er seinen Rhythmus umstellt und tagsüber schläft und nachts an Deck geht, um die frische Luft und Ruhe zu genießen.Hier begegnet er eines Nachts im Dunklen einer anderen Person, die zunächst sehr nervös reagiert, sich dann aber an den Erzähler wendet, um seine Geschichte zu erzählen.

Die fremde Person war Arzt in Indien, in einer weit von aller Zivilisation gelegenen Siedlung, und hatte seine Zeit fast abgeleistet. Er war voller Tatkraft angekommen, doch die Hitze und die Einsamkeit haben ihm diese geraubt, und so verbrachte er seine Tage damit, die Zeit herumzubringen. Bis eines Tages ein unvorhergesehenes Ereignis eintrat – eine ihm unbekannte Frau bat ihn um Hilfe. Sie nannte ihren Namen nicht und war sehr bestimmt, eiskalt fast, was den Arzt fast um den Verstand brachte. Das war der Grund, warum er ihre Bitte verwehrte.

Kaum war die Dame gegangen, bereute er seine Härte und setzte ihr nach, doch ohne Erfolg. So forschte er nach und fand tatsächlich heraus, wer sie war, woraufhin er alles stehen und liegen ließ, um der Dame zu folgen und ihr seine Hilfe anzubieten. Worin diese letztlich bestand, und warum der Arzt sich auf dem Schiff befindet, sollte jeder für sich selbst herausfinden.

Diese 75 Seiten lange Erzählung liest sich in einem Atemzug weg. Zweig kreiert die tropische Stimmung so intensiv, dass man meint, die Luft höre auf, sich zu bewegen und laste schwer auf der Haut. Man sieht die Szenerie ebenso vor sich wie die eiskalten Augen der Dame, man riecht den Gestank des Schiffsmotors ebenso wie man die Weite des Sternenhimmels in der Nacht über sich sieht. Für meinen Geschmack ist es fast schon zu intensiv, ich bevorzuge ein paar Adjektive weniger, aber er versteht es doch ausgezeichnet, Stimmungen zu schaffen:

„Das Schiff war überfüllt und die Kabine schlecht, ein kleiner gepreßter, rechteckiger Winkel in der Nähe der Dampfmaschine, einzig vom trüben Blick der kreisrunden Glasscheibe erhellt. Die stockende, verdickte Luft roch nach Öl und Moder: nicht für einen Augenblick konnte man dem elektrischen Ventilator entgehen, der wie eine toll gewordene stählerne Fledermaus einem surrend über der Stirn kreiste. Von unten her ratterte und stöhnte wie ein Kohlenträger, der unablässig dieselbe Treppe hinaufkeucht, die Maschine, von oben hörte man unaufhörlich das schlurfende Hin und Her der Schritte vom Promenadendeck.“ (Amok, 71)

Im letzten Jahr brachte der Topalian & Milani Verlag zwei weitere Novellen von Zweig heraus: Buchmendel und Die unsichtbare Sammlung. Die Ausgabe ist ein wundervoller Band, in der jede der Novellen mit Illustrationen versehen ist, Die unsichtbare Sammlung mit Illustrationen von Florian L. Arnold, Buchmendel illustrierte Joachim Brandenberg, ein Nachwort zum Leben Zweigs rundet die Ausgabe ab.

In Die unsichtbare Sammlung berichtet ein Kunstantiquar dem Erzähler von einem Erlebnis, das ihn sehr beeindruckt hat. Im Zuge der Weltwirtschaftskrise, als Geld wertlos geworden war, kauften die Reichen nun Kunst – Bilder, Statuen und auch Stiche. Dies ging so weit, dass kaum noch Gegenstände zum Handeln vorhanden waren, bis er sich an einen alten Kunden erinnerte, der seit 1914 treuer Kunde gewesen war und eine umfassende Sammlung an Stichen zusammengetragen hatte. Er beschloss, diesen Herrn zu besuchen, und nicht wenige Überraschungen erwarteten ihn…

Buchmendel, wie immer von einem Ich-Erzähler ausgehend, berichtet von einem Mann, den der Erzähler vor vielen Jahren in Wien kannte und dessen er sich bei einem Besuch erinnert. Dieser Herr, Buchmendel, verbrachte seine Tage in einem Café, immer dasselbe Café, immer am selben Tisch. Als der Erzähler dort hingeht, findet er jedoch einen neuen Besitzer vor, der Buchmendel nicht kennt. So stellt der Erzähler Nachforschungen an… Dieser Buchmendel war ein Mensch, der jedes Buch kannte, der jedes Buch beschaffen konnte und der jeden Preis wusste. So hatte er sein kleines Auskommen im Beschaffen und Vertreiben von Büchern, für die er ein photographisches Gedächtnis besaß, die er aber nicht las. Auch in normalen, dem Überleben wichtigen Dingen, war er nicht sehr bewandert, und so kam eines Tages eins zum anderen…

Die Illustrationen geben den Novellen einen ganz besonderen zusätzlichen Reiz. Zweig erzählt keine schönen Geschichten, an seinen Erzählungen ist immer etwas faul, und dass der Ich-Erzähler alles entweder selbst erlebt oder aus erster Hand erfährt, bringt die Ereignisse noch näher. Dazu kommen die Zeichnungen, die eine zusätzliche Intensität kreieren, und die Geschichten werden nicht so schnell wieder vergessen. Auch wenn Zweig für mich persönlich vielleicht etwas überladen schreibt, haben die Erzählungen doch einen Eindruck hinterlassen, und jeder, der sich auf einige dieser Geschichten einlässt, wird die große Verzweiflung Zweigs an der Welt erkennen können, selbst wenn sie nirgendwo so eindringlich illustriert wird wie an seiner „Schachnovelle“, die mich seit nunmehr bestimmt 15 Jahren nicht mehr loslässt.

Stefan Zweig: Der Amokläufer und andere Erzählungen. Fischer Taschenbuch Verlag GmbH, Frankfurt am Main, 1989. 203 Seiten.

Stefan Zweig: Buchmendel. Die unsichtbare Sammlung. Topalian & Milani Verlag, 2016. 152 Seiten.

Ich danke dem Topalian & Milani Verlag für das Rezensionsexemplar.

Buch #66: Kazuo Ishiguro – Alles, was wir geben mussten

Vor dem Lesen dieser Rezension: Sie enthält Spoiler und könnte eventuell die Leselust auf den Roman verderben.

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Tja, nun. Selten habe ich mich so schwer getan, etwas über einen Roman zu schreiben. Vor allem, da ich nach der Lektüre von Was vom Tage übrig blieb sehr gespannt auf dieses Buch war, dessen Verfilmung ja auch eher positiv besprochen wurde. Zudem eine Dystopie, was konnte also groß schiefgehen? Nun, so ziemlich alles.

Die Geschichte in Alles, was wir geben mussten wird von Kathy B. erzählt, einer, wie anzunehmen ist, jungen Frau, die in einem Internat aufwuchs. Sie erzählt von dieser Zeit und ihrem täglichen Leben dort, von der Schule und von ihren Freunden, insbesondere von Ruth und Tommy. Kathy und Ruth sind beste Freundinnen, Tommy ist ein jähzorniger Junge, der sich aber im Laufe der Zeit fängt und mit Ruth zusammenkommt.

Kathy erzählt von ihrer Kindheit und Jugend in dem Institut, Hailsham, von ihren „Aufsehern“, von ihren Tauschmärkten, auf denen sie ihre eigenen „Kunstwerke“ gegen andere tauschen, von „Madame“, die regelmäßig vorbeikommt und „Kunstwerke“ für ihre Galerie mitnimmt. Sie wundern sich darüber, bekommen sie doch keinen Gegenwert, und Madame ist ihnen auch unheimlich, sieht sie sie doch eher an, als seien sie wilde Tiere.

Im Laufe der Erzählung gibt es also einen kleinen Hinweis nach dem anderen, aber es dauert sehr lange, bis der Leser weiß, was los ist. Der Roman ist in drei Teile geteilt, der erste erzählt von der Schulzeit, der zweite von der Zeit danach, und der dritte dürfte Kathys unmittelbare Vergangenheit darstellen. Langsam, sehr langsam entziffert sich der Leser also, was Kathy sagen will, nämlich dass sie alle Klone sind, die nur dem Zweck dienen sollen, ihre Organe zu spenden. Diese Spenden erfolgen anscheinend Stück für Stück, wobei manche nach der zweiten „abschließen“, manche bis zur vierten durchhalten, wonach ihnen alle bleibenden Organe entnommen werden und sie dann „abschließen“.

Nun braucht man aber nicht zu denken, dass irgendeiner der Klone damit größere Probleme zu haben scheint. Sie nehmen alles hin, wie es ist, und tun das, was sie tun sollen. Gerade Kathy ist sehr ergeben, nicht nur ihrer Zukunft, sondern ihrer ganzen Welt gegenüber. Ihr Erzählstil ist äußerst ruhig, emotionslos, wie ein Bericht. Und so berichtet sie, wie sie Ruth und Tommy hilft, wie sie sie wieder zusammenbringt, wie sie emotionale Momente mit Tommy verbringt, aber auch, wie sie nie etwas sagt, bis Ruth den beiden schließlich die Erlaubnis gibt, zusammen zu sein, sehr spät erst allerdings, als Tommy schon angefangen hat zu spenden. Nun ja, dann haben sie halt dann eine schöne Zeit.

Ebensowenig stellt Kathy jemals eine Frage zu ihrer „Aufgabe“. Sicher, sie wundern sich alle, wissen unterbewußt, dass mit ihnen etwas anders ist, aber sie graben lieber nicht zu tief. Zufällige Bemerkungen ihrer „Aufseher“ werden zwar registriert, aber nicht weiter hinterfragt. Als sie aus der Schule entlassen werden, erfahren sie gerüchteweise, dass Paare, die nachweisen können, dass sie sich wirklich lieben (wie auch immer das funktionieren soll), sich zurückstellen lassen können. Aber auch da forschen sie nie nach, bis Ruth ihnen sagt, sie sollen es tun. Auch das wieder viel später. Als sie dann schließlich hinter einige Geheimnisse von Hailsham kommen, auch das eher zufällig, wissen sie zwar mehr, nehmen aber auch das hin.

So ist dies ein Roman über „Schafe“, die sich willig zur Schlachtbank führen lassen, im wahrsten Sinne des Wortes. Denn die Organspende wird hier in diesem Sinne dargestellt. Ich weiß allerdings beim besten Willen nicht, warum man ihnen ein Organ nach dem anderen entnimmt und sie sich dann erholen lässt, wobei, wenn man es so betrachten wollte, es sicherlich besser wäre, wenn schon, dann alle auf einmal zu entnehmen und den Körper keiner Regeneration auszusetzen, zumal es ja auch nicht lange weitergehen kann und dann doch alle entnommen werden.

So hat diese ganze Sache natürlich einen Beigeschmack, der sich, wie ich mir vorstelle, doch in dem einen oder anderen Kopf festsetzt und Menschen davon abhält, einen Ausweis auszufüllen. Als ein Mensch, der in unmittelbarem Umfeld eine Spende miterlebt hat, kann ich das absolut nicht nachvollziehen. Ich habe den Ausweis, seit ich 18 bin, und wenn ich tot bin, können sie gerne alles von mir haben, ich brauche es dann nicht mehr. Aber andere Menschen schon. Andere Menschen können dann weiterleben. Andere Menschen können bei ihren Familien bleiben, oder welche gründen, oder ihre Leben weiterleben. Würden mehr Menschen so denken, bräuchte man sich über solche Szenarien keine Gedanken zu machen. So einfach ist das.

Ich habe, als ich das Buch zuschlug, andere Meinungen darüber gelesen, weil ich so unglaublich erzürnt war und wissen wollte, wie es ankam (tatsächlich hauptsächlich positiv). Viele sprechen von einer Parabel auf die Gesellschaft, die Menschen, die sich nicht wehren, die ihr Leben tagein, tagaus leben ohne eine Nachfrage. Das mag ja sein, aber ich bezweifle, dass diese Menschen das Buch erreicht und sie aufrüttelt. Oder geht es vielmehr darum, dass Gentechnik die Ausgeburt der Hölle ist? Dass aber gezeigt werden soll, dass Klone auch menschliche Menschen sind, und man sich deshalb viele Gedanken darüber machen sollte, ob man sie erschafft? Geschenkt. Ich weiß wirklich nicht, was ich über diesen Roman sagen soll, außer, dass ich es für eine riesige Zeitverschwendung halte, dieses Manifest des Übersichergehenlassens zu lesen, und für eine riesige Unverschämtheit, das vor einem Thema auszubreiten, das Menschen davon abhalten könnte, Menschenleben zu retten.

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Das einzig Gute war, dass ich bemerkt habe, dass ich nach meinem Umzug keinen aktuellen Ausweis mehr hatte. Man bekommt sie beim Arzt, in Apotheken, beim Blutspenden, als Download.

Und wenn Ishiguro Eindruck hätte machen wollen, hätte er eine Heldin kreieren sollen, die um sich, ihr Leben, ihre Liebe kämpft, damit man beim Zuschlagen des Buches wenigstens nicht das Gefühl hat, in einen dumpfen Wattebausch gesteckt worden zu sein, und sich feste schütteln will, damit irgendeine Bewegung entsteht. Wie gesagt, mir ist klar, dass viele Leser diesen Roman für unglaublich gut und unglaublich weise halten, aber ich weiß nicht warum. Und, mich wird auch keiner vom Gegenteil überzeugen können, deswegen bitte ich darum, mir dies zu ersparen.

Kazuo Ishiguro: Alles, was wir geben mussten. Aus dem Englischen von Barbara Schaden. Wilhelm Heyne Verlag, München. Verlagsgruppe Random House. 2016. OA: Never let me go. Faber and Faber Ltd., London. 349 Seiten.

Ich danke Random House für das Rezensionexemplar.

Buch #65: Charlotte Brontë – Jane Eyre

Meine lieben Leser,

ich verbrachte die letzten Wochen damit, der Geschichte eines jungen Mädchens bzw. einer jungen Frau zu folgen. Es handelt sich um die Autobiographie einer gewissen Jane Eyre, in der sie von ihrer Kindheit, Jugend und Zeit als junge Frau erzählt. Sie lebte in England, im 19. Jahrhundert, einer Zeit, in der Waisenkinder nicht viel Hoffnung auf eine gute Zukunft haben konnten, und in der die Konventionen so viel bedeuteten.jane-eyre

Ein Waisenkind, ja, Jane Eyre ist ein Waisenkind. Nach dem Tod ihrer Eltern wurde sie ins Haus ihres Onkels geholt, der ihr sehr zugetan war. Aber nach dessen Tod wandte sich ihr Leben in eine üble Richtung. Sie wurde nur als lästiges Übel betrachtet, ihr Cousin und ihre Cousinen, ebenso wie ihre Tante, machten sie für alles verantwortlich, und der einzige Trost waren ihr die Bücher.

Eines Tages eskaliert die Situation, und Jane wird fortgeschickt, auf ein Internat, auf dem sie letztlich zur Gouvernante ausgebildet werden soll. Voller Hoffnung macht Jane sich auf den Weg, schlimmer als bei der Tante kann es ja wohl nicht werden… aber weh, das Internat ist ein kaltes Haus, geleitet von einem religiös obsessiven Mann, der nichts von warmer Kleidung und genug Nahrung hält.

Aber Jane gewinnt Freunde, und ihr Schicksal wendet sich ein wenig. Als sie alt genug ist, nimmt sie eine Stelle an: Sie wird Gouvernante im Hause von Mister Rochester, einem Adligen, dem das Leben bisher auch nicht die Sonnenseiten gezeigt hat. Sie verlieben sich ineinander… doch diese Liebe steht unter keinem guten Stern. Es wird noch ein weiter Weg sein für Jane, und ob er sie jemals zu ihrem geliebten Mister Rochester führen wird, das sollte der Leser selbst herausfinden, und mit ihr gemeinsam die vielen Hindernisse angehen.

 

Als ich nach meiner Lektüre von Sturmhöhe die Diskussion verfolgte, die sich darum entspann, ob man lieber eben Sturmhöhe oder Jane Eyre mag, war ich schon sehr gespannt auf diese Lektüre. Und ich muss sagen, dass ich nicht enttäuscht wurde, auch wenn Jane Eyre doch um einiges umfangreicher ist.

Charlotte Brontë erzählt die Geschichte Janes aus deren Sicht, in Form einer Autobiographie. Sie reicht von Janes Kindheit bis zu ungefähr ihrem dreißigsten Lebensjahr, und erzählt ausführlich, was ihr alles widerfahren ist. Erwartet man aufgrund der Zeit, zu der der Roman verfasst wurde und in der er spielt, eine unbedarfte, naive, hilfsbedürftige, junge Frau in Jane Eyre, wird man schnell eines besseren belehrt. Keineswegs entspricht sie diesem Bild – sie geht erhobenen Hauptes durchs Leben und kämpft für ihr Recht. Und hat ihre ganz eigenen Gedanken und eine starke Meinung – Dinge, die von einer jungen Frau ihrer Zeit eher nicht erwartet wurden.

Sie setzt sich auch mit vielen Dingen auseinander, wichtig sind hier z.B. Klasse und soziale Stellung, exemplarisch an Jane, die der Unterschicht angehört, und Mister Rochester, einem Adligen. Wichtig ist auch die Religion, der Jane an mehreren Stellen begegnet und die sie immer wieder versucht, für sich zu vereinnahmen – auch hier kein einfacher Kampf für Jane. Aber am Wichtigsten ist doch die Selbstbestimmtheit, über die sie verfügt. Sie ist ein durchaus realistischer Mensch, nicht schön, nicht reizend und attraktiv, sondern dünn, unscheinbar, mit streng gescheiteltem Haar und anspruchslosen, aber ordentlichen Kleidern. Ihr Reiz beginnt, sobald sie den Mund aufmacht – Jane weiß, was sie kann, und ist oft ehrlich bis an die Schmerzgrenze, jedoch bringt ihr das den Respekt, den sie braucht, und ein Ansehen, das ihr Mut macht.

Ich kann mir vorstellen, dass das Buch bei Erscheinen ein kleiner Skandal war, das Porträt einer so selbstbewussten jungen Frau konnte nicht nach jedermanns Geschmack sein. Aber ich kann mir auch vorstellen, dass Jane Eyre nun schon für viele Generationen von Frauen ein Vorbild war, dafür, was möglich ist, wenn man die Hoffnung nicht aufgibt und selbstbewusst ist.

In diesem Sinne stimme ich den meisten der Diskutanten darin zu, dass ich Jane Eyre der Sturmhöhe vorziehe, und rate denjenigen, die wie ich nicht vorher das Vergnügen hatten, unbedingt der Lektüre zu.

Charlotte Brontë: Jane Eyre. Aus dem Englischen neu übersetzt von Gottfried Röckelein. Deutscher Taschenbuchverlag, München 1998. OA: Jane Eyre. An Autobiography. London 1847.654 Seiten.

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Bild: en.wikipedia.org

Charlotte Brontë wurde am 21. April 1816 in Thornton, Yorkshire, geboren. Sie begann schon im Kindesalter zu schreiben, ebenso wie ihre Geschwister Patrick, Emily Jane und Anne. Charlotte veröffentlichte hauptsächlich unter männlichen Pseudonymen, so erschien Jane Eyre unter dem Namen Currer Bell. Sie war selbst Lehrerin und Gouvernante, wollte eine Schule leiten, was mangels Schülern nicht umgesetzt wurde.1847 gelang ihr der literarische Durchbruch mit Jane Eyre. Nachdem sie zugab, den Roman verfasst zu haben, wurde sie in die literarischen Kreise in London eingeführt. 1854 heiratete sie Arthur Bell Nichols. Am Karsamstag, dem 31. März 1855, starb sie, vermutlich an Schwindsucht, in Haworth, Yorkshire. Ihr Fragment gebliebener Roman Emma erschien postum

Buch #64: Sylvia Plath – Die Glasglocke

Esther Greenwood ist 19, als sie für einen Monat ein Praktikum bei einer bekannten Modezeitschrift in New York macht. Die eigentliche Arbeit bei der Zeitschrift steht dabei eher im Hintergrund, vielmehr gehen sie und die anderen Praktikantinnen von einem social event zum nächsten, Mode, Make-up, Männer treffen. Es ist 1953, und auch wenn Esther an einem bekannten College studiert, sind das die Dinge, die sich ihr bieten.glasglocke

Sie hat einen Freund, Buddy, der sie nach Jahren des Anhimmelns endlich erhört und eine Zukunft mit ihr planen will. Diese Zukunft besteht in einer Familie mit Kindern, und einem Buddy, der stets gönnerhaft auf das kleine Liebchen herabsieht, das solche albernen Träumchen hat wie Dichterin zu werden. Aber, und das weiß auch Esther, Dichterin und Familie, das passt nicht zusammen.

„Ich sah, wie sich mein Leben vor mir verzweigte, ähnlich dem grünen Feigenbaum in der Geschichte.

Gleich dicken, purpurroten Feigen winkte und lockte von jeder Zweigspitze eine herrliche Zukunft. Eine der Feigen war ein Ehemann, ein glückliches Zuhause und Kinder, eine andere Feige war eine berühmte Dichterin, wieder eine andere war eine brillante Professorin, die nächste war Ee Gee, die tolle Redakteurin, die übernächste war Europa und Afrika und Südamerika (…).

Ich wollte sie alle, aber eine von ihnen nehmen bedeutete, alle anderen verlieren, und während ich dasaß, unfähig, mich zu entscheiden, begannen die Feigen zu schrumpfen und schwarz zu werden und plumpsten eine nach der anderen auf den Boden unter mir.“

Seit Buddy ihr das Geständnis gemacht hat, nicht mehr „rein“ für sie zu sein, fühlt sie sich von ihm betrogen, fängt an, ihn zu verachten. Warum sollte es für ihn richtig sein, und für sie nicht? Eine Frage, die sich etliche Generationen stellten und wohl noch stellen werden.

„Und ich wußte, trotz aller Rosen und Küsse und Essen im Restaurant, mit denen der Mann die Frau überschüttete, bevor er sie heiratete, war er insgeheim darauf aus, daß sie sich nach der Hochzeit unter seinen Füßen flach machte wie Mrs. Willards Küchenmatte.“

Esther ist ohne Vater aufgewachsen, hat aber immer A`s bekommen und sich so einen Preis und ein Stipendium nach dem anderen erarbeitet. Sie hat nach dem Praktikum noch ein Jahr am College vor sich, doch zuerst stehen die Sommerferien bevor. Auf die Frage des Magazins, was sie denn einmal werden wolle, hat sie keine Antwort bereit – im Hinterkopf aber die Möglichkeit, einen Ferienkurs bei einem berühmten Schriftsteller zu machen. Als sie nach Hause kommt, findet sie jedoch eine Absage vor.

Und nun beginnt sie auseinanderzufallen. Sie hat bis dahin alles „richtig“ gemacht, hat gut gelernt, besucht ein gutes College, bekommt Stipendien und ein Praktikum, doch wozu? Im Grunde genommen geht es doch darum, die gesellschaftliche Pflicht zu erfüllen. Man wird irgendwohin geboren, und dann hat man dem Umfeld entsprechend zu sein. Esther verweigert sich dem. Sie hört auf zu duschen, sich frisch anzuziehen, zu schlafen, und sinnt auf die verschiedensten Arten, sich umzubringen.

Hier beginnt ein langer Leidensweg, der mit einem dieser Ärzte, die sich selbst für den Mittelpunkt der Welt halten und für die Dämchen schnellstmöglich eine Elektroschockbehandlung anordnen, eingeläutet wird. Sie durchläuft von hier an viele Stationen, und nimmt den Leser immer mit. Es ist eine Leidensgeschichte, aber auch eine Emanzipationsgeschichte.

Esther weiß, dass sie nicht in ein gesellschaftliches Schema zu pressen ist. Sie hat Angst, weiß nicht, wie sie ihren Weg gehen soll, versinkt in Ohnmacht:

„Ich wußte, dass ich Mrs. Guinea dankbar sein mußte, und trotzdem empfand ich nichts. Hätte sie mir eine Fahrkarte nach Europa oder eine Kreuzfahrt rund um die Welt geschenkt, so hätte sich für mich nicht das geringste verändert, denn egal, wo ich saß – ob auf dem Deck eines Schiffes oder in einem Straßencafé in Paris oder Bangkok-, immer saß ich unter der gleichen Glasglocke in meinem eigenen sauren Dunst.“

Es ist schwer, da wieder hinauszufinden. Und es ist harte Arbeit. Immer wieder von Neuem. Doch Esther lernt dazu. Lernt, dass sie wichtig ist, und nicht, was andere denken. Auch nicht ihre Mutter.

„Mir fiel das Gesicht ein, das meine Mutter bei ihrem ersten und letzten Besuch in der Anstalt seit meinem zwanzigsten Geburtstag gemacht hatte, ein blasser, vorwurfsvoller Mond. Die Tochter in einer Anstalt! Das hatte ich ihr angetan.“

Wird es Esther am Ende besser gehen? Oder wird sie wie ihre Erschafferin enden? Man weiß es nicht. Es ist schwer, anders zu sein als die anderen. Nicht in sein Umfeld zu passen. Immer wieder einzustecken, wie albern und idealistisch man doch ist. Ein Kampf, der manchmal, wenn man nicht weiß, warum man ihn kämpft, unter einer Glasglocke endet. Esther ist sich darüber im Klaren, dass der Rest ihres Lebens diesen Kampf beinhalten wird. Aber sie nimmt ihn an. Erstmal.

Die Glasglocke ist ein ungeheuer intensives Portrait einer jungen Frau, die in der Gesellschaft verloren geht. Sie schildert schonungslos ihren Weg und nimmt den Leser mit auf jedem Schritt. Obwohl 1963 erschienen, und obwohl vielleicht einige der Ansprüche heute andere sind, ist die Lektüre immer noch blitzaktuell. Sie lässt verzweifeln und gibt doch Hoffnung. Und könnte Menschen, die keine Glasglocken kennen, zeigen, wie es ist und vielleicht ein wenig Verständnis entlocken.

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Sylvia Plath Bild: biography.com

Sylvia Plath wurde am 27. Oktober 1932 in Jamaica Plain bei Boston, MS, geboren. Sie nahm sich am 11. Februar 1963 das Leben. Ihre Literatur wird meist im Kontext ihrer Lebensgeschichte gelesen.

Ihre Gedichte werden als Confessional Poetry gewertet, als Bekenntnislyrik, und auch in ihrem Roman Die Glasglocke, der ihr einziger geblieben ist, verarbeitete sie ihre Erlebnisse, wie einen Suizidversuch oder ihre Beziehung zu Ted Hughes, ihrem Ehemann. Ihren Durchbruch hatte sie erst postum, nachdem ihr Roman und einige nachgelassene Gedichte veröffentlicht wurden. Ihr Leben und ihr Tod wurden zum Gegenstand des öffentlichen Interesses, Plath zu einer Symbolfigur für die Frauenbewegung.

Sylvia Plath: Die Glasglocke. Aus dem Englischen von Reinhard Kaiser. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1997. OA: The Bell Jar. 1963. 262 Seiten.