Buch #48: Raymond Chandler – Der lange Abschied

Raymond Chandler wurde am 23. Juli 1888 in Chicago geboren, wuchs aber in England auf.  Er besuchte von 1900 bis 1905 das Dulwich College, wo er sich für Fremdsprachen und Altphilologie interessierte, verbrachte jedoch die nächsten zwei Jahre in Vorbereitung auf die Aufnahme für den britischen Staatsdienst,  woraufhin er ein halbes Jahr für das britische Marineministerium arbeitete. Eine Begegnung mit Richard Barham Middleton (Autor von phantastischen Kurzgeschichten) beeinflusste ihn dahin, eine Schriftstellerkarriere zu verfolgen. Er arbeitete als Reporter für verschiedene Zeitungen, und veröffentlichte erste Werke. Er diente als Soldat im Ersten Weltkrieg, war freier Journalist, Buchhalter und schließlich Direktor einer kalifornischen Ölgesellschaft. Als er hier 1932 entlassen wurde, widmete er sich ernsthaft dem Schreiben.

Sein erster Roman The Big Sleep erschien 1939 und war ein großer Erfolg, ebenso wie seine Verfilmung 1946. Er schrieb in den folgenden Jahren mehrere Drehbücher und Romane, von denen The Long Good-Bye als Höhepunkt gilt, für den er den Edgar-Allan-Poe-Award erhielt. 1954 starb Chandlers Frau, woraufhin er zu trinken begann. Ein Selbstmordversuch schlug fehl, er wurde wegen Alkoholismus mehrmals in Kliniken behandelt. 1959 starb er an einer Krankheit in Kalifornien.

Mit Philip Marlowe hat Chandler einen Vertreter des hardboiled detective geschaffen, eines Ermittlers, der einen zynischen Blick auf die Welt hat und sich nur seinem eigenen Gesetz verpflichtet fühlt, gerne von seiner Schusswaffe Gebrauch macht, Alkohol, Zigaretten und Frauen nicht abgeneigt ist und oft mit der Polizei in Konflikt gerät.

chandlerPhilip Marlowe lernt eines Tages Terry Lennox kennen, der sich betrunken mit seiner Frau streitet, die ihn deshalb nicht im Auto mit nach Hause nehmen will.  Marlowe kümmert sich um ihn und sie freunden sich an. Lennox‘ schneeweißes Haar und sein narbiges Gesicht faszinieren ihn, er erfährt, dass Lennox und  seine Frau schon einmal verheiratet waren und die meisten Menschen ihn für einen Goldgräber halten, da seine Frau sehr reich ist.

Dann steht Lennox vor Marlowes Tür und bittet ihn darum, ihn über die Grenze zu bringen. Marlowe stellt nicht viele Fragen, je weniger er weiß, umso weniger muss er lügen. Er bringt Lennox zum Flughafen und fährt nach Hause. Dort wartet die Polizei: Lennox‘ Frau wurde ermordet, und Marlowes Telefonnummer in Lennox‘ Sachen gefunden. Marlowe äußert sich nicht dazu und kommt in Untersuchungshaft, wo er weiterhin den Mund hält. In der Zwischenzeit erschießt Lennox sich in Mexiko, was als Schuldspruch gewertet wird und woraufhin das Verfahren eingestellt wird.

Ein paar Tage später bekommt Marlowe den Anruf eines Verlegers, der über den Fall gelesen hat und ihn nun bittet, sich um einen seiner Autoren zu kümmern, der ein Buch fertig stellen soll, sich aber mehr um den Alkohol kümmert, dabei schon einmal seine Frau verletzt hat und nun als unberechenbar gilt. Marlowe lernt die wunderschöne Frau kennen, lehnt den Auftrag aber ab. Bis sie ihn anruft und ihn darum bittet, ihren Mann zu suchen, der im Delirium abgehauen ist und sich womöglich etwas antun wird. Marlowe findet ihn und bringt ihn zu seiner Frau.

Die beiden lassen ihn nicht mehr los, denn irgendetwas stimmt nicht in dem Haus. Die Ereignisse spitzen sich zu, und am Ende wird nicht jeder leben. Aber wie die beiden Fälle zusammengehören, wird auf einmal klar…

Dies war mein erster Roman von Raymond Chandler und ich habe ihn sehr genossen. Ich habe schon einige Kriminalromane gelesen, gerade auch mit desillusionierten Ermittlern, aber Philip Marlowe nimmt für mich eine ganz besondere Rolle ein. Der Roman ist aus seiner Perspektive geschrieben, so erfahren wir nur soviel, wie er erfährt. Dabei gibt er sich aber nicht groß damit ab, seine Befindlichkeiten darzulegen, oder warum er dieses Mal den Mund hält und ein anderes Mal spricht. Das ergibt eine recht nüchterne – oder ernüchterte – Beschreibung der Welt und der Ereignisse.

Wenn er zum Beispiel bei der Polizei ist, die mehr nach dem Recht des Stärkeren handelt als nach dem tatsächlichen Recht,  und er sich nicht einschüchtern lässt, ist das ganz großartig. Ganz nüchtern beschreibt er, wie der Ermittler ihn verhört, und man sieht die Bulldogge vor sich:

„Seine Stimme war kalt, entschieden und so widerlich wie seine routinierte Gewißheit, die Sache zu schaffen. Aber seine rechte Hand wurde immer wieder von der Schreibtischschublade angezogen. Er war noch zu jung, um Äderchen an der Nase haben zu dürfen, aber er hatte sie, und das Weiß seiner Augen war von übler Einfärbung.

„Ich hab das allmählich derart satt“, sagte ich.

„Was haben Sie satt?“ schnappte er.

„Harte kleine Männer in harten kleinen Büros, die harte kleine Redensarten von sich geben, wo nichts dahinter ist. Ich hab jetzt sechsunfünfzig Stunden im Schwerverbrechertrakt gesessen. Kein Mensch da hat mich herumgeschubst, kein Mensch hat mir beweisen wollen, daß er ein zäher Kerl ist. Das brauchten die gar nicht.“ (63)

Wer eine schnelle Story mit vielen Actionszenen erwartet, ist bei Chandler definitiv falsch. Seine Story entwickelt sich langsam, und durch die Erzählperspektive weiß man oft nicht, warum er jetzt davon berichtet, und wie der Zusammenhang zu den anderen Erlebnissen besteht. Aber nach und nach entfaltet sich eine komplexe Geschichte, Zusammenhänge werden offensichtlich und Motive entstehen. Man kann also hervorragend selbst ermitteln, da man soviel weiß wie der Ermittler. Keine harte Action, sondern ein ernüchterter Bericht eines desillusionierten Detektivs, der an der Welt verzweifelt, aber dennoch versucht, anderen zu helfen. Ich bin schon gespannt darauf, Chandlers Erstling The Big Sleep zu lesen, um mehr über Marlowe zu erfahren und empfehle Marlowes „Bericht“ jedem, der einen ebenso anspruchsvollen wie unterhaltsamen Zeitvertreib sucht.

Raymond Chandler: Der lange Abschied. Aus dem Amerikanischen von Hans Wollschläger. Diogenes, 382 Seiten. Original aus dem Jahre 1953.

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