Han Kang – Deine kalten Hände

Der Roman Deine kalten Hände ist ein frühes Werk der Autorin Han Kang, die mit ihren jüngeren Büchern viel Beachtung gefunden hat. Für mich ist es jedoch der erste Roman, den ich von ihr lese, was meinen Eindruck vielleicht etwas anders als den derjenigen macht, die schon mehr von ihr gelesen haben.

Die Schriftstellerin H. hat durch Zufall mehrere Kunstwerke des Künstlers Jang Unhyong erlebt, welche großen Eindruck bei ihr hinterlassen haben. Jang Unhyong nimmt Abdrücke von Körperteilen, um diese als Formen zu verwenden oder neue Kunstwerke daraus zu kreieren. Eines Tages treffen sich die beiden, und H. fragt Unhyong nach seinem Antrieb. Er bleibt die Antwort schuldig. Einige Zeit später kontaktiert seine Schwester H., um ihr mitzuteilen, dass Unhyong vermisst werde, er aber ein Manuskript hinterlassen habe, in dem auch sie erwähnt werde. Sie schickt ihr dieses Manuskript.

Das Manuskript ist in drei Teile unterteilt, von dem das erste seine Kindheit, das zweite seine Begegnung mit L. und das dritte die Begegnung mit E. beschreibt. Schon als kleiner Junge war ihm bewusst, dass wir in einer Welt der Masken leben, jeder, er selbst ebenso.

„Mit der großen, schwarzen, viereckigen Hornbrille sah ich mir selbst nicht mehr ähnlich. Dass mein Gesicht völlig verändert aussah, war befreiend. Wie in einer guten Verkleidung hatte ich den Eindruck, dass mich niemand mehr erkennen konnte.“ (S.51/52)

Er ist sehr einsam, fühlt sich nicht zugehörig, sein liebloses Elternhaus gibt ihm keine Geborgenheit, kann ihm seine Ängste nicht nehmen.

„Ich bekam gute Noten, war gehorsam und tüchtiger als alle anderen. Aus diesem Grund wurde ich nicht im Stich gelassen.“ (68)

Er geht auf die Universität und studiert Kunst. Erste Ausstellungen werden positiv aufgenommen. Er wendet sich von den Masken ab, ist besessen von Händen. Und er begegnet L., die stark übergewichtig ist und die für ihn faszinierendsten Hände hat. Sie wird sein Modell, zuerst für die Hände, später für den ganzen Körper. Es entwickelt sich etwas zwischen ihnen, und sie öffnet sich ihm langsam, und erzählt ihm ihre Geschichte. Und verlässt ihn für einen anderen, ein zerstörerischer Schritt.

Als er E. kennenlernt, übt diese eine ganz andere Faszination auf ihn aus. Er will ihr Gesicht, eine Maske ihres Gesichts. Doch sie will ihre Maske vor ihrem Gesicht behalten, denn auch sie hat eine Geschichte dahinter zu verbergen.

Deine kalten Hände ist ein einfühlsamer, brutaler Roman. Ja, das ist möglich, Han Kang macht es möglich. Viele Themen werden angeschnitten, was manche Rezensenten bemängelt haben, es geht um Gewalt, Körperidentität, Krankheit, und ja, die Masken, die wir alle tragen. Sie behandelt ihre Themen in einer recht kühlen Sprache, sie lässt Unhyong erzählen, aber selten wird er emotional. Was genau diese Emotionalität auf mich zurückgeworfen hat. Der Roman hat mich im Inneren gepackt und in den Magen geboxt, er hat mich hineingesogen und wieder ausgespuckt, er war ekelhaft und so nah an mir dran.

Jeder trägt seine Masken, sie bieten Schutz, man kann sich verstecken, muss der Welt nicht sein Innerstes herausposaunen. Doch dreht man diese Masken um, sieht man, je fester sie auf dem Gesicht gesessen haben, jede Linie, jedes Abzeichen, das das Leben hinterlassen hat, eingeprägt, für immer konserviert. Vielleicht will man sie dann zerschlagen. Bevor jemand sie betrachten kann.

Ich weiß nicht, wie viel meisterlicher Han Kang schreiben kann, bin einerseits gespannt, wie sie sich weiter entwickelt hat, andererseits ein wenig abwartend, weil dieser Roman mir so gut gefallen hat.

Ich danke dem  Aufbau Verlag für das Rezensionsexemplar. Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat meine Meinung in keiner Weise beeinflusst.

Han Kan: Deine kalten Hände. Aus dem Koreanischen von Kyong-Hae Flügel. Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin 2019. OA: Erschienen bei Moonji Publishing, 2002. 312 Seiten.

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Gloria Steinem – Aufbruch

Ich stand also da in der Buchhandlung und hatte bereits fünf Bücher in der Hand, die mir ins Einfinden in die feministische Literatur helfen sollten, da fielen mir ein pinkes Buch ins Auge und dieses hier, das auf den ersten Blick nicht viel damit zu tun haben scheint. Aber ich nahm diese beiden und brachte die anderen wieder an ihren Platz zurück. Zum Glück (erstmal, die anderen sind ja nicht vergessen).

Aufbruch – das soll es wohl auch für mich sein, denn ich denke, ich habe hiermit die beste Wahl getroffen, einen Einstieg zu finden. Gloria Steinem gibt hier einen Bericht über ihr Leben und ihre Reisen ab, von ihrer Kindheit mit einem Vater, der als Antiquitätenhändler durch die Lande tingelte, bis 2015, als dieses Buch erschien.Es umfasst also achtzig Jahre des Reisens, des Kennenlernens von Land und Leuten, der Begegnungen, die sie nachhaltig geprägt haben.

Als Kind, mit einem derart rastlosen Vater, der nie lange an einem Ort sein konnte, wünschte sie sich ein festes Zuhause. Dennoch hat ihr Vater sie so sehr geprägt, dass sie, als sie nach ihrem Studium nach Indien fuhr, dort auch durch die Lande zog, und seitdem zwar ein Heim hat, aber nie lange dort ist. In Indien machte sie ihre ersten Erfahrungen damit, was es bedeutet, durch ein Land zu Reisen, abseits von touristischen Pfaden, Reiseführern, geleiteten Touren, sondern sich auf Land und Leute einzulassen.

Seitdem tut sie genau das: sie reist – hauptsächlich in den USA – durch das Land, und das Wichtigste, was sie von jeder Reise mitnehmen will, sind die Erzählungen der Menschen. So hat sie selten das Flugzeug genommen, sondern fuhr mit dem Zug, Unmengen an Taxis, mit Freiwilligen, die sie abholten und irgendwo hin brachten. Und diese Menschen hat sie nach ihren Geschichten gefragt, nach ihren Erlebnissen, nach Gedanken zu Aktuellem oder Traditionen, nach dem, was für sie wichtig ist.

Diese Berichte trägt sie hier zusammen (es ist natürlich nur ein kleiner Ausschnitt, sie hat wohl so viele Menschen getroffen). Und ich habe sie voller Faszination und, ja, Dankbarkeit gelesen. So viele Stimmen, von denen ich sonst nie gehört hätte, so viele Erfahrungen, von denen ich nie gelesen hätte, so viele neue Gedanken, die ich sonst nie hätte haben können – das hat mir dieses Buch gegeben.

Sie setzt sich nicht nur intensiv mit dem Feminismus auseinander, mit den Menschen, die mit ihr zusammen gekämpft haben und kämpfen, sondern auch mit der Kultur der Ureinwohner, von denen sie viele getroffen hat. Und so viele Menschen haben sich ihr geöffnet, ihre Geschichten erzählt, mit ihr Projekte initiiert, Ungerechtigkeiten bekämpft. Sie muss schon ein bemerkenswerter Mensch sein.

Sie steht für den intersektionalen Feminismus ein, und erzählt von Freunden und Wegbegleitern, die sich nicht wie sie „nur“ mit Diskriminierung aufgrund ihres Geschlechts auseinandersetzen mussten und müssen. Sie berichtet von diesen Menschen und ihren Kämpfen, und bringt sie der Leserin nahe. Sie hat sich immer für eine bessere Welt eingesetzt, und ich denke, sie hat dazu beigetragen.

Außerdem gibt sie zahlreiche Hinweise, sei es zur Literatur, zu Studien, zu Zeitungsartikeln, die zum Weiterlesen animieren, und dies bei dieser Leserin geschafft haben. Das Buch ist in sieben Kapitel aufgeteilt: In den Fußstapfen meines Vaters, Gesprächskreise, Warum ich nicht Auto fahre, Ein großer Campus, Wenn das Politische privat wird, Surrealismus im Alltag, Was einmal war, kann wieder sein.

Ich möchte es jedem ans Herz legen, denn es handelt sich hier nicht nur um eine Geschichte des Feminismus, sondern auch um eine Geschichte der USA der letzten Jahrzehnte, und es werden Perspektiven mit hineingenommen, die nicht selbstverständlich sind und normalerweise eher klein gehalten werden. Nach der Lektüre ist man reicher.

Gloria Steinem: Aufbruch. Aus dem Amerikanischen von Eva Bonné. btb Verlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München 2019. OA: My Life on the Road. Random House, New York 2015. Leider nur 383 Seiten.

Einiges neu und: „The Future is Female!“

Liebe Leserinnen,

lange habt Ihr nichts mehr von mir gehört. In den letzten Monaten hat sich sehr viel in meinem Leben verändert, und es war und ist nicht einfach, mit all dem umzugehen. Die erste Konsequenz, nachdem es jetzt soweit ist, dass ich alles ein wenig verarbeiten kann, ist, dass mir aufgefallen ist, wie wenig mir mein Blog noch passt. Nach achteinhalb Jahren und einer Lernkurve für mich und der Entwicklung in der Community fühlt er sich einfach nicht mehr richtig an.

Daher habe ich einiges geändert. Visuell, wie Ihr wohl auf den ersten Blick bemerkt habt. Und inhaltlich: ich habe die ganze Sache mit der Liste herausgenommen, auch die persönliche Rangliste. Dort ist so lange nichts mehr passiert, dass ich mir denke, niemand wird es vermissen. Nichtsdestotrotz habe ich sie noch und werde sie weiterhin abarbeiten, nur eben nicht mehr als erstes Ziel.

Das erste Ziel wird von nun an sein, alles zu lesen, wovon ich denke, dass es mir hilft: mich weiterbringt, mich tröstet, mich aufregt, mich zum Lachen bringt… Ihr wisst schon. Und dann werde ich ein neues Fass aufmachen: feministische Literatur. Ich möchte mich da weiter bilden. Es ist ja nicht so, als habe ich bisher nicht viel Literatur von und für Frauen gelesen (mehr als ein Drittel der besprochenen Bücher), aber ich möchte mehr in die Theorie gehen, so dass ich in bestimmten Situationen mehr Rüstzeug habe.

Ich hoffe, Ihr werdet mich alle weiterhin begleiten (so viel wird sich ja nicht ändern) und freue mich, wenn Ihr weiter dabei seid. Und nun zu meinem ersten, nicht so ganz gelungenen Versuch:

Hrsg.: Scarlett Curtis: „The Future is Female!“

Diesen wunderschön pinken Band (die Farbe heißt ‚Baker-Miller-Pink‘, was es damit auf sich hat, berichtet einer der Beiträge) habe ich mir zugelegt in der Hoffnung, hier einen Einstieg in die feministische Literatur zu bekommen. Es handelt sich um einen Band, der aus zahlreichen Beiträgen von hauptsächlich jungen Frauen besteht, und was Feminismus für sie bedeutet.

Er ist in mehrere Teile unterteilt: Erleuchtung, Zorn, Freude, Zeit für ein bisschen Poesie, Aktion, Bildung, abgerundet von einer Lektüreempfehlung von Emma Watson und einem „Was als nächstes kommt“ der Herausgeberin Scarlett Curtis.

Es waren einige interessante Beiträge dabei. Doch ich muss für mich sagen, ich hätte genauer hingucken sollen. Dieser Band richtet sich an junge Frauen, die sich vielleicht noch gar nicht mit dem Thema auseinander gesetzt haben. Die Beiträge haben mir sicherlich ein wenig geholfen, aber im Großen und Ganzen war ich nicht die Zielgruppe.

Daher werde ich Folgendes tun: Ich werde ihn in der nächsten Woche zu unserer kleinen Bibliothek tragen und die Damen und Herren dort bitten, es in ihren Bestand aufzunehmen, damit er hoffentlich der einen oder anderen jungen Dame oder dem ein oder anderen jungen Herrn helfen möge, sich neue Gedanken zu machen, sich nicht allein zu fühlen, neue Projekte zu finden oder was auch immer er inspirieren mag.

Hrsg.: Scarlett Curtis: „The Future is female!“. Erweiterte deutsche Erstausgabe. Verlagsgruppe Random House GmbH, München, 2018. OA: „Feminists don’t wear pink and other lies. Amazing women on what the F-word means to them.“ Penguin Books UK, 2018. 414 Seiten.

Kathleen Collins – Nur einmal

Kathleen Collins starb 1988 im Alter von 46 Jahren an Krebs. Ihre Tochter packte daraufhin all ihre Sachen in eine Truhe, die sie erst 18 Jahre später wieder öffnete. Und sie fand Theaterstücke, Drehbücher (Kathleen war Filmemacherin), Briefe, ein Tagebuch und Short Stories. Diese Short Stories sind in vorliegendem Band, Nur einmal, versammelt.

Sie zeichnen ein Bild aus den USA der 40er, 50er und 60er Jahre, als Kathleen aufwuchs. Ihre Themen sind die Jugend in den Vereinigten Staaten, als Kind der schwarzen Mittelschicht, das eine gute Bildung genoss, aber doch tagtäglich mit den Fragen nach der Hautfarbe und dem Geschlecht konfrontiert wurde.

Ihre Geschichten haben viele biographische Einflüsse, beschreiben ihre Kindheit ohne Mutter, ihre ersten College-Erfahrungen oder die ersten Männer. Sie sind traurig, sie sind lustig, sie sind fröhlich, und zum Teil sind sie atemberaubend. Man merkt ihr an, dass sie zur Zeit der Beat Generation aufgewachsen ist, ihre Experimente mit Techniken, ihre manchmal atemlose Sprache, das Nah-Am-Leben-Sein, Einflüsse stammen sicherlich daher.

Doch Kathleen Collins hat ihren eigenen Stil entwickelt, hat ihre Erfahrungen z.B. mit dem Filmemachen einfließen lassen, aus der sich Stories ergeben, die sich wie Drehbücher lesen, bei denen man den Film genau vor Augen hat.  Ihre Geschichten sind persönlich, es gibt sehr viel „Ich“, was vielleicht daran liegt, dass sie nie redigiert worden sind, aber ich finde sie genau so gut, genau deswegen. Sie nimmt uns mit in ihre Welt, die manchmal sehr, manchmal gar nicht unterschiedlich von unserer eigenen ist.

Und das ist das Erstaunliche an diesen Geschichten: man bekommt eine neue Erlebniswelt dazu, Einblicke in ein Leben und in eine Zeit, die „lange“ oder sogar „zu lange“ zurückliegen, und doch hat sich skandalös wenig geändert. Vieles aus ihrer Erlebniswelt ist sicher noch für junge Frauen heutzutage wahr. Und manches wird sich wohl nie ändern.

Dennoch sind ihre Geschichten heiter, haben einen positiven Grundton, klagen nicht an, sondern stellen dar, was die Intensität noch einmal erhöht. Ich habe sie sehr gerne gelesen, am Liebsten jedoch mochte ich die im Original titelgebende Story „Was ist nur aus der Liebe zwischen den Rassen geworden?“, die von einer jungen Frau im Jahre 1963 erzählt, dem Jahr, als alles möglich schien, der kurzen Zeit, als die Liebe keine Farben kennt. Diese Geschichte ist in schnellem Tempo verfasst, sie sollte eigentlich vorgetragen oder zumindest laut gelesen werden, um ihren ganzen Sog zu entwickeln.

Die anderen Geschichten haben mir ebenfalls sehr gut gefallen, aber diese ist so intensiv und so nah, dass ich sie sicher noch einige Male lesen werde. Sie sehen, werte Leser, ich empfehle diesen kleinen Band mit Short Stories sehr, sehr gerne und lege ihn allen ans Herz, die intensive Geschichten von Frauen, von Frauen und Männern, von Frauen und Vätern, von Frauen und Geschichte lesen möchten.

Kathleen Collins: Nur einmal. Aus dem amerikanischen Englisch von Brigitte Jakobeit und Volker Oldenburg. Kampa Verlag AG, Zürich.2018.  OA: Whatever Happened to Interracial Love? Ecco/Harper Collins, New York. 2016. 188 Seiten.

Ich danke dem Kampa Verlag für das Rezensionsexemplar. Meine Meinung wurde in keiner Weise beeinflusst.

Michelle Obama – Becoming

Michelle Obama hat mit ihrer Autobiographie den Jahresbestseller 2018 geschrieben, und auch bei mir lag das Buch unter dem Weihnachtsbaum. Ich wollte mehr über diese Frau wissen, die sich so vielen Anfeindungen ausgesetzt sah und ihre Zeit als First Lady doch mit so viel Integrität, Würde und anscheinend auch Freude durchlebte.

Michelle Robinson wuchs in einem Vorort von Chicago auf, in einer Familie, die nicht reich an Geld, aber doch reich an Liebe war. Das betont sie immer wieder. Ihr Vater war sehr krank, beklagte sich jedoch nie und ging zur Arbeit, so lange es irgendwie ging. Ihre Mutter blieb zu Hause bei den Kinder, Michelle und ihrem älteren Bruder Craig, und focht so manchen Kampf mit ihnen und für sie aus. So z.B. als man Michelle in der zweiten Klasse in eine Abstellkammer von Schulklasse steckte mit der Prämisse, es lohne sich nicht, ihr Bildung zu verschaffen. Michelle wurde dann in eine andere Klasse versetzt.

So zog es sich durch ihre Schulkarriere, bis ihr eine Collegeberaterin sagte, sie sei kein Material für ein Ivy-League-College. Auch hier setzte sie sich durch, studierte Jura und fing dann schließlich in einer Kanzlei in Chicago an. Michelle war und ist eine ordnungsliebende Frau, die gerne plant und weiß, was auf sie zukommt. Unordnung und Spontaneität bereiten ihr Unbehagen. Zudem plagt sie sich seit ihrer Schulzeit immer mit der Frage herum, ob sie gut genug ist. Nun ist sie in einer großen Kanzlei, als schwarze Frau, und ist stolz auf ihren Erfolg.

Und dann lernt sie einen Mann kennen – Barack Obama. Barack, der Spontane, der Belesene, der Chaotische, der Menschenfreund. Es dauert einige Zeit, doch es ist klar, dass er der Mann ihres Lebens ist. Und er wird dieses Leben gewaltig durcheinander wirbeln. Und der erste schwarze Präsident der USA werden, mit ihr an seiner Seite, und all der Kontroverse, die das mit sich bringt.

Michelle Obama berichtet in einem angenehmen, unaufgeregten Stil über ihr Leben. Sie beschreibt, wie ihre liebende Familie ihr immer das Gefühl gegeben hat, dass sie alles schaffen kann, auch wenn die äußeren Umstände oft dagegen sprachen. Sie beschreibt die schwierigen Dinge klar, aber nicht mitleidheischend, sie spricht über die Verwirrungen und über die Fortschritte, und die immer zugrunde liegende Angst, nicht gut genug zu sein.

Barack und sie führen von Beginn an eine Ehe, in der sie sich nicht oft sehen, da er früh in die Politik geht und oft mehrere Tage die Woche unterwegs ist. Dennoch halten sie sich immer „Paarzeit“ frei, in der sie nur für sich da sind und ihre Woche rekapitulieren. Und als die Kinder kommen, wird es für Michelle schwierig, doch mit der Unterstützung ihrer Mutter, und auch mit Eheberatung, finden die beiden einen Weg.

Dann kandidiert Barack für die Präsidentschaft, und Michelle findet ganz neue Seiten an sich. Sie steigt voll in den Wahlkampf ein, will keine Puppe an der Seite ihres Mannes sein, jedoch auch die Kinder nicht vernachlässigen, und stellt sich immer weiter die Frage, ob sie allen und allem gerecht wird.

Sie schaffen es ins White House, und auch hier will Michelle nicht, wie so manch andere Präsidentengattin, einfach da sein, sondern den neuen Einfluss, den sie nun gewonnen hat, auch nutzen. Sie gründet insgesamt vier Initiativen, mehr als jede andere First Lady, hauptsächlich für Kinder, aber auch für Veteranen.

Aber immer wieder und immer deutlicher zeigt sich der Riss, der durch das Land geht. Von Anfang an sind die Republikaner rasend, sie stellen sich gegen alles, was der Präsident vorschlägt, einfach nur um dagegen zu sein. Es ist egal, ob es allen Menschen nützen würde, sie sagen einfach nein. Man sieht, wohin diese Entwicklung geführt hat. Heute sind so viele Menschen überall damit beschäftigt, dagegen zu sein. Will man jedoch eine andere Lösung, einen Weg hören, den sie beschreiten möchten, dann herrscht große Stille. Obama hatte Visionen, er wollte, dass jeder Amerikaner krankenversichert ist, er wollte, dass kein Amerikaner, schon gar keine Kinder, wahllos erschossen wird, und noch so vieles mehr. Man siehe, wohin das Dagegen-Geschrei geführt hat, man betrachte, wie gut es den Menschen im Moment geht.

Und das ist es auch, was mich am meisten beschäftigt nach dem Lesen der Autobiographie: wie viele Menschen es gibt, die einfach nur gegen alles sein wollen. Hier ist mal jemand, der wirklich versuchen will, etwas zu verbessern, der Lösungen anbietet (natürlich nicht immer und ausschließlich, aber es waren welche da), und alles, was als Reaktion kommt, ist: „Es gibt ja gar kein Problem“ oder „Nein, das ist ja alles so falsch“. Gestern las ich die Reaktionen im Spiegel auf Greta Thunberg, und hier ist es das gleiche Geschrei: „Es gibt keinen Klimawandel“, „So ein Mädchen hat doch keine Ahnung, die soll spielen gehen“ und „Ich möchte auf absolut gar nichts verzichten, es geht hier nur um mich, und Zukunftsangst ist irrational“. Der gleiche Vorgang: Sie schreien nieder, sie belächeln, sie machen klein, und fühlen sich selbst so groß.

Das hat jetzt nicht mehr viel mit dem Buch an sich zu tun, aber doch vieles mit der Botschaft, die bei mir hängen geblieben ist: Es ist nicht einfach, sich gegen andere zu stellen, und wenn du wirklich Lösungen hast und klug bist, dann werden sie dich wegen deines Körpers oder sonstiger Dinge klein machen. Lass es nicht zu. Denn (und das ist für mich der wichtigste Satz, den Michelle Obama je sagte): „When they go low, we go high.“

Hierzu kann und sollte man sich inspirieren lassen.

Michelle Obama: Becoming. Aus dem amerikanischen Englisch von Harriet Fricke, Tanja Handels, Elke Link, Andrea O’Brien, Jan Schönherr und Henriette Zeltner. Wilhelm Goldmann Verlag, München, 2018. OA: Becoming. Crown Publishing Group, 2018. 543 Seiten.

Tara Westover – Befreit

Neulich erreichte mich ein Buchpäckchen (ich liebe das!) und als ich es auspackte, hatte ich „Befreit – Wie Bildung mir die Welt erschloss“ in der Hand. Ich las den Klappentext und war sofort eingenommen, konnte das Wochenende nicht erwarten. Also begann ich Samstag Mittag mit Taras Geschichte und Sonntag Abend legte ich das Buch emotional ausgedörrt und mit Tränenströmen auf meinen Wangen beiseite. Nächtelang habe ich davon geträumt und man sieht – dies ist kein Buch, das einen wieder verlässt.

Aber von vorne. „Befreit“ ist die Autobiographie einer nun 32jährigen Frau. In dem Alter eine Biographie zu schreiben, scheint ein wenig exzentrisch. Aber Tara Westover hat eine Menge zu erzählen. Sie wurde in einem Kaff in Idaho geboren, am Fuß eines Berges, den sie die „Prinzessin“ nennt und der ihr Zeit ihres Lebens Kraft und Ruhe gegeben hat. Anders als ihre Familie.

Sie wächst in einer Mormomenfamilie auf, als jüngstes von sieben Kindern. Ihr Vater ist ein fundamentalistischer Mormone, der glaubt, die Regierung wolle sie einer Gehirnwäsche unterziehen. Und so haben die Kinder weder eine Geburtsurkunde, noch dürfen sie zur Schule gehen. Ihr Vater glaubt, alles, was sie wissen muss, könnten er und seine Frau ihr beibringen. So lernt sie zu lesen und ein wenig Mathematik, aber das war es praktisch.

Ein weiterer Aspekt des Glaubens ihres Vaters ist die tiefe Abneigung gegen die Schulmedizin. Er denkt, alle Medikamente zerstörten den Körper, der doch Gottes Behältnis sei, das man nicht beschmutzen dürfe. Taras Mutter wird auf sein Geheiß hin Hebamme, so dass sie anderen helfen kann, von Krankenhäusern fernzubleiben. Außerdem ist sie gut mit Heilpflanzen und Elixieren, die sie selber macht und so die Familie mit ein wenig Einkommen unterstützt.

Geld – davon ist nicht viel da. Ihr Vater betreibt einen Schrottplatz, die Söhne gehen ihm hier zur Hand. Es ist harte Arbeit, die Metalle zu trennen, und nicht selten geschehen Unfälle. Schwere Unfälle, die dann mit Elixieren behandelt werden. Er ist unter ständigem Zeitdruck, sieht den Profit vor seinen Augen davonwehen, und dementsprechend ist die Arbeitsumgebung. Eines Tages hört er von einem Fall, in dem die Regierung bzw. das FBI mit einer Mormomenfamilie aneinander gerät und projiziert das auf seine Familie, weswegen sie ständig To-go-Rucksäcke bereit stehen haben, sollte die Regierung kommen und sie verfolgen wollen.

Doch Tara wächst damit auf, und da sie so gut wie keinen Kontakt zur Außenwelt hat, ist diese Welt und das Glaubenssystem ihres Vaters alles, was sie kennt. Sie weiß zwar, dass ihre Familie irgendwie anders ist, doch sie denkt, dass ihre Lebensauffassung die einzig richtige sei. Aber Dinge passieren, und sie wird immer mal wieder stutzig, fragt sich, ob das der einzige Weg sei. Mit zehn oder elf hat sie eine Art „Erweckungserlebnis“, als sie bei ihrem Bruder zum ersten Mal professionelle Chormusik hört.

Dieser Bruder ist älter und sieht etwas weiter, er will aufs College und lernt selbständig für die Aufnahmeprüfung. Tara und er sind am engsten unter den Geschwistern, aber das ändert sich, als er aufs College geht und bald darauf ein anderer Bruder, der vor Jahren wegging, wiederkommt: Shawn. Ein Alptraum ganz anderer Art beginnt für Tara.

Viele, viele Dinge geschehen, bis Tara, mit siebzehn Jahren, selbst aufs College geht. Sie ist eine krasse Außenseiterin, hat keine Ahnung von der wirklichen Welt (soweit ein mormonisches College diese widerspiegelt), und hat große Bildungsdefizite. Doch mit jedem Schritt, jedem Häppchen Bildung, das sie sich aneignet, wird sie mehr und mehr zu einer selbständigen Person, die in der Lage ist, Fragen zu stellen.

Diese Fragen werden ihr gesamtes Leben auf den Kopf stellen, vor allem, als ein schlimmer Unfall geschieht, der ihren Vater noch tiefer in seinen Glauben treibt. Und er will sie retten, vor der Gehirnwäsche, der bösen Welt, vor sich selbst. Doch Tara ist nicht mehr das kleine Mädchen, das sie war, und bekommt von unerwarteten Seiten Hilfe.

Taras Geschichte ist klar und relativ emotionslos geschrieben, sie erzählt, wie es war, hält sich jedoch mit ihren Gefühlen einigermaßen zurück. Dadurch bekommt dieses Buch eine große emotionale Kraft, man wird so tief in ihre Geschichte hineingezogen, wird beteiligt, möchte durch die Tür stürmen und das Mädel da rausholen, man leidet mit und weiß nicht, wie man mit diesem Wahnsinn umgehen soll.

Es ist eine beeindruckende Geschichte über einen Menschenschlag, mit dem man hier in Europa nicht unbedingt vertraut ist. Man stellt sich etwa Trumps Stammwähler in dieser Art vor, wobei Taras Vater wohl niemals wählen würde. Ich weiß nicht, warum die Regierung dort nicht mal nachschaut, zumindest sieht, ob es den Kindern gut geht. Aber es gibt wahrscheinlich keinen Grund, sie weiß ja lange Zeit nicht einmal, dass diese Kinder überhaupt existieren. Und das alles geschieht nicht vor wie vielen Jahren, sondern immer noch, heute, in unserer „modernen“ Welt.

Ich möchte jedem, der nicht ganz zartbesaitet ist, dieses Buch ans Herz legen. Es ist eine Emanzipationsgeschichte, die beide Seiten zeigt, und die herausstellt, dass das Leben nicht schwarz oder weiß ist, sondern viele Facetten hat, und dass das Verurteilen nicht so einfach ist, wie es auf den ersten Blick scheint. Es sollte – zumindest in Auszügen – in Schulen gelesen werden, denn es wird so deutlich, wie wichtig Bildung ist, wenn man sein Leben mündig leben und nicht irgendjemandem nach dem Mund reden will, weil man es nicht besser weiß. Das würde vielen Menschen guttun.

Tara Westover wurde 1986 in Idaho, USA, geboren und lebt heute in Großbritannien. 2008 erwarb sie den Bachelor of Arts and der Brigham Young University. Am Trinity College, Cambridge, machte sie 2009 einen Abschluss als Master of Philosophy und promovierte 2014, nach einem Abstecher an die Harvard University, in Cambridge in Geschichte. „Befreit“ ist ihr erstes Buch. (Klappentext)

Tara Westover: Befreit. Aus dem amerikanischen Englisch von Eike Schönfeld. Verlag Kiepenheuer & Witsch, 2018. OA: Educated. Second Sally, Ltd., 2018. 444 Seiten.

Ich danke Kiepenheuer & Witsch für das Rezensionsexemplar.

Christine Féret-Fleury: Das Mädchen, das in der Metro las (mit Gewinnspiel) **Werbung**

Wer dem DuMont Buchverlag auf Instagram folgt, hat diese Woche bestimmt von der Instagram-Challenge #DieWochederBücher gelesen. Die Tagesaufgaben haben sich an dem Roman „Das Mädchen, das in der Metro las“ von Christine Féret-Fleury orientiert.

Juliette fährt jeden Tag mit der Metro zur Arbeit und beobachtet die Menschen um sich herum, hierbei vor allem deren Lektüre. Oder sie taucht in ihre eigene Lektüre ein. Sie lebt allein und hat Schwierigkeiten, mit Menschen in Kontakt zu kommen. Eines Tages steigt sie aus einer Laune heraus zwei Stationen früher aus der Metro und findet sich in einem Haus voller Bücher wieder.

Hier lebt Soliman mit seiner Tochter Zaïde, inmitten von Unmengen an Büchern, Regale voller Bücher, Bücherstapel, Bücher über Bücher. Sie unterhalten sich und Juliette findet heraus, dass Soliman daran glaubt, dass jedes Buch das Potential hat, das Leben eines Menschen zu verändern.

Er sendet Bücherboten aus, die die Menschen beobachten und ihnen das für sie geeignete Buch geben sollen. Auch Juliette wird zur Bücherbotin und ihr Leben verändert sich daraufhin sehr…

Als ich von der Aktion erfuhr, war ich neugierig und habe mich um einen Job als Bücherbotin beworben. Ich las den Roman, der einen Hauch vom Flair der Amelie mit sich bringt, sehr gerne. Leider geht er mit aber nicht genug in die Tiefe, die Geschichte flattert luftig-leicht vor sich hin, hat bei mir aber leider nicht den gewünschten Effekt erzielt.

Daher habe ich beschlossen, nicht nur das Bücherboten-Exemplar zu verlosen, sondern auch meine (allerdings nun schon gelesene) Kopie ebenfalls herauszusenden, in der Hoffnung, dass ich zwei Menschen eine Freude mit diesem Buch machen kann.

Was Ihr dafür tun müsst? Beantwortet einfach bis zum 8.6.2018 folgende Frage in den Kommentaren:

Welches Buch hat zuletzt Euer Leben „verändert“? 

 

  • Teilnahme- und Datenschutzbedingungen
    Durch die Teilnahme an diesem Gewinnspiel bestätigt der Teilnehmer, dass er sich mit diesen Teilnahmebestimmungen sowie insbesondere der Erhebung, Speicherung und Verwendung personenbezogener Daten zum Zwecke der Durchführung des Gewinnspiels einverstanden erklärt. Diese Daten werden nach Durchführung des Gewinnspiels gelöscht.
    (1) Der Gewinnspielzeitraum beschränkt sich auf den Zeitraum vom 3.6.2018 bis zum 8.6.2018. (2) Der bzw. die Gewinnerin wird aus den Teilnehmern, die sich mit einem Beitrag an der Aktion beteiligt haben, per Los bestimmt.
    (3) Die Gewinner werden per Mail benachrichtigt und sind mit der Veröffentlichung ihrer Namen einverstanden. (4) Eine Barauszahlung der Gewinne ist nicht möglich. (5) Der Gewinner ist verpflichtet, sich innerhalb einer angemessenen Frist (spätestens jedoch innerhalb von 2 Wochen) nach dem Absenden der Gewinnbenachrichtigung via Mail bei mir zu melden. Anderenfalls verfällt der Anspruch auf den Gewinn. (6) Teilnahmeberechtigt sind Personen über 18 Jahre, wohnhaft in Deutschland, Österreich und / oder der Schweiz. (7) Jeder Haushalt darf nur einmal teilnehmen. (8) Der Veranstalter ist berechtigt, Teilnehmer, die gegen diese Teilnahmebedingungen verstoßen, von der Teilnahme auszuschließen. (9) Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.
    Bitte beachtet meine Datenschutzhinweise.

Ich danke dem DuMont Buchverlag für die Bereitstellung der Bücher.

Christine Féret-Fleury: Das Mädchen, das in der Metro las. Aus dem Französischen von Sylvia Spatz. DuMont Buchverlag, Köln, 2017. OA: La fille qui lisait dans le métro. Éditions Denoel, 2017. 175 Seiten.