Tara Westover – Befreit

Neulich erreichte mich ein Buchpäckchen (ich liebe das!) und als ich es auspackte, hatte ich „Befreit – Wie Bildung mir die Welt erschloss“ in der Hand. Ich las den Klappentext und war sofort eingenommen, konnte das Wochenende nicht erwarten. Also begann ich Samstag Mittag mit Taras Geschichte und Sonntag Abend legte ich das Buch emotional ausgedörrt und mit Tränenströmen auf meinen Wangen beiseite. Nächtelang habe ich davon geträumt und man sieht – dies ist kein Buch, das einen wieder verlässt.

Aber von vorne. „Befreit“ ist die Autobiographie einer nun 32jährigen Frau. In dem Alter eine Biographie zu schreiben, scheint ein wenig exzentrisch. Aber Tara Westover hat eine Menge zu erzählen. Sie wurde in einem Kaff in Idaho geboren, am Fuß eines Berges, den sie die „Prinzessin“ nennt und der ihr Zeit ihres Lebens Kraft und Ruhe gegeben hat. Anders als ihre Familie.

Sie wächst in einer Mormomenfamilie auf, als jüngstes von sieben Kindern. Ihr Vater ist ein fundamentalistischer Mormone, der glaubt, die Regierung wolle sie einer Gehirnwäsche unterziehen. Und so haben die Kinder weder eine Geburtsurkunde, noch dürfen sie zur Schule gehen. Ihr Vater glaubt, alles, was sie wissen muss, könnten er und seine Frau ihr beibringen. So lernt sie zu lesen und ein wenig Mathematik, aber das war es praktisch.

Ein weiterer Aspekt des Glaubens ihres Vaters ist die tiefe Abneigung gegen die Schulmedizin. Er denkt, alle Medikamente zerstörten den Körper, der doch Gottes Behältnis sei, das man nicht beschmutzen dürfe. Taras Mutter wird auf sein Geheiß hin Hebamme, so dass sie anderen helfen kann, von Krankenhäusern fernzubleiben. Außerdem ist sie gut mit Heilpflanzen und Elixieren, die sie selber macht und so die Familie mit ein wenig Einkommen unterstützt.

Geld – davon ist nicht viel da. Ihr Vater betreibt einen Schrottplatz, die Söhne gehen ihm hier zur Hand. Es ist harte Arbeit, die Metalle zu trennen, und nicht selten geschehen Unfälle. Schwere Unfälle, die dann mit Elixieren behandelt werden. Er ist unter ständigem Zeitdruck, sieht den Profit vor seinen Augen davonwehen, und dementsprechend ist die Arbeitsumgebung. Eines Tages hört er von einem Fall, in dem die Regierung bzw. das FBI mit einer Mormomenfamilie aneinander gerät und projiziert das auf seine Familie, weswegen sie ständig To-go-Rucksäcke bereit stehen haben, sollte die Regierung kommen und sie verfolgen wollen.

Doch Tara wächst damit auf, und da sie so gut wie keinen Kontakt zur Außenwelt hat, ist diese Welt und das Glaubenssystem ihres Vaters alles, was sie kennt. Sie weiß zwar, dass ihre Familie irgendwie anders ist, doch sie denkt, dass ihre Lebensauffassung die einzig richtige sei. Aber Dinge passieren, und sie wird immer mal wieder stutzig, fragt sich, ob das der einzige Weg sei. Mit zehn oder elf hat sie eine Art „Erweckungserlebnis“, als sie bei ihrem Bruder zum ersten Mal professionelle Chormusik hört.

Dieser Bruder ist älter und sieht etwas weiter, er will aufs College und lernt selbständig für die Aufnahmeprüfung. Tara und er sind am engsten unter den Geschwistern, aber das ändert sich, als er aufs College geht und bald darauf ein anderer Bruder, der vor Jahren wegging, wiederkommt: Shawn. Ein Alptraum ganz anderer Art beginnt für Tara.

Viele, viele Dinge geschehen, bis Tara, mit siebzehn Jahren, selbst aufs College geht. Sie ist eine krasse Außenseiterin, hat keine Ahnung von der wirklichen Welt (soweit ein mormonisches College diese widerspiegelt), und hat große Bildungsdefizite. Doch mit jedem Schritt, jedem Häppchen Bildung, das sie sich aneignet, wird sie mehr und mehr zu einer selbständigen Person, die in der Lage ist, Fragen zu stellen.

Diese Fragen werden ihr gesamtes Leben auf den Kopf stellen, vor allem, als ein schlimmer Unfall geschieht, der ihren Vater noch tiefer in seinen Glauben treibt. Und er will sie retten, vor der Gehirnwäsche, der bösen Welt, vor sich selbst. Doch Tara ist nicht mehr das kleine Mädchen, das sie war, und bekommt von unerwarteten Seiten Hilfe.

Taras Geschichte ist klar und relativ emotionslos geschrieben, sie erzählt, wie es war, hält sich jedoch mit ihren Gefühlen einigermaßen zurück. Dadurch bekommt dieses Buch eine große emotionale Kraft, man wird so tief in ihre Geschichte hineingezogen, wird beteiligt, möchte durch die Tür stürmen und das Mädel da rausholen, man leidet mit und weiß nicht, wie man mit diesem Wahnsinn umgehen soll.

Es ist eine beeindruckende Geschichte über einen Menschenschlag, mit dem man hier in Europa nicht unbedingt vertraut ist. Man stellt sich etwa Trumps Stammwähler in dieser Art vor, wobei Taras Vater wohl niemals wählen würde. Ich weiß nicht, warum die Regierung dort nicht mal nachschaut, zumindest sieht, ob es den Kindern gut geht. Aber es gibt wahrscheinlich keinen Grund, sie weiß ja lange Zeit nicht einmal, dass diese Kinder überhaupt existieren. Und das alles geschieht nicht vor wie vielen Jahren, sondern immer noch, heute, in unserer „modernen“ Welt.

Ich möchte jedem, der nicht ganz zartbesaitet ist, dieses Buch ans Herz legen. Es ist eine Emanzipationsgeschichte, die beide Seiten zeigt, und die herausstellt, dass das Leben nicht schwarz oder weiß ist, sondern viele Facetten hat, und dass das Verurteilen nicht so einfach ist, wie es auf den ersten Blick scheint. Es sollte – zumindest in Auszügen – in Schulen gelesen werden, denn es wird so deutlich, wie wichtig Bildung ist, wenn man sein Leben mündig leben und nicht irgendjemandem nach dem Mund reden will, weil man es nicht besser weiß. Das würde vielen Menschen guttun.

Tara Westover wurde 1986 in Idaho, USA, geboren und lebt heute in Großbritannien. 2008 erwarb sie den Bachelor of Arts and der Brigham Young University. Am Trinity College, Cambridge, machte sie 2009 einen Abschluss als Master of Philosophy und promovierte 2014, nach einem Abstecher an die Harvard University, in Cambridge in Geschichte. „Befreit“ ist ihr erstes Buch. (Klappentext)

Tara Westover: Befreit. Aus dem amerikanischen Englisch von Eike Schönfeld. Verlag Kiepenheuer & Witsch, 2018. OA: Educated. Second Sally, Ltd., 2018. 444 Seiten.

Ich danke Kiepenheuer & Witsch für das Rezensionsexemplar.

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Christine Féret-Fleury: Das Mädchen, das in der Metro las (mit Gewinnspiel) **Werbung**

Wer dem DuMont Buchverlag auf Instagram folgt, hat diese Woche bestimmt von der Instagram-Challenge #DieWochederBücher gelesen. Die Tagesaufgaben haben sich an dem Roman „Das Mädchen, das in der Metro las“ von Christine Féret-Fleury orientiert.

Juliette fährt jeden Tag mit der Metro zur Arbeit und beobachtet die Menschen um sich herum, hierbei vor allem deren Lektüre. Oder sie taucht in ihre eigene Lektüre ein. Sie lebt allein und hat Schwierigkeiten, mit Menschen in Kontakt zu kommen. Eines Tages steigt sie aus einer Laune heraus zwei Stationen früher aus der Metro und findet sich in einem Haus voller Bücher wieder.

Hier lebt Soliman mit seiner Tochter Zaïde, inmitten von Unmengen an Büchern, Regale voller Bücher, Bücherstapel, Bücher über Bücher. Sie unterhalten sich und Juliette findet heraus, dass Soliman daran glaubt, dass jedes Buch das Potential hat, das Leben eines Menschen zu verändern.

Er sendet Bücherboten aus, die die Menschen beobachten und ihnen das für sie geeignete Buch geben sollen. Auch Juliette wird zur Bücherbotin und ihr Leben verändert sich daraufhin sehr…

Als ich von der Aktion erfuhr, war ich neugierig und habe mich um einen Job als Bücherbotin beworben. Ich las den Roman, der einen Hauch vom Flair der Amelie mit sich bringt, sehr gerne. Leider geht er mit aber nicht genug in die Tiefe, die Geschichte flattert luftig-leicht vor sich hin, hat bei mir aber leider nicht den gewünschten Effekt erzielt.

Daher habe ich beschlossen, nicht nur das Bücherboten-Exemplar zu verlosen, sondern auch meine (allerdings nun schon gelesene) Kopie ebenfalls herauszusenden, in der Hoffnung, dass ich zwei Menschen eine Freude mit diesem Buch machen kann.

Was Ihr dafür tun müsst? Beantwortet einfach bis zum 8.6.2018 folgende Frage in den Kommentaren:

Welches Buch hat zuletzt Euer Leben „verändert“? 

 

  • Teilnahme- und Datenschutzbedingungen
    Durch die Teilnahme an diesem Gewinnspiel bestätigt der Teilnehmer, dass er sich mit diesen Teilnahmebestimmungen sowie insbesondere der Erhebung, Speicherung und Verwendung personenbezogener Daten zum Zwecke der Durchführung des Gewinnspiels einverstanden erklärt. Diese Daten werden nach Durchführung des Gewinnspiels gelöscht.
    (1) Der Gewinnspielzeitraum beschränkt sich auf den Zeitraum vom 3.6.2018 bis zum 8.6.2018. (2) Der bzw. die Gewinnerin wird aus den Teilnehmern, die sich mit einem Beitrag an der Aktion beteiligt haben, per Los bestimmt.
    (3) Die Gewinner werden per Mail benachrichtigt und sind mit der Veröffentlichung ihrer Namen einverstanden. (4) Eine Barauszahlung der Gewinne ist nicht möglich. (5) Der Gewinner ist verpflichtet, sich innerhalb einer angemessenen Frist (spätestens jedoch innerhalb von 2 Wochen) nach dem Absenden der Gewinnbenachrichtigung via Mail bei mir zu melden. Anderenfalls verfällt der Anspruch auf den Gewinn. (6) Teilnahmeberechtigt sind Personen über 18 Jahre, wohnhaft in Deutschland, Österreich und / oder der Schweiz. (7) Jeder Haushalt darf nur einmal teilnehmen. (8) Der Veranstalter ist berechtigt, Teilnehmer, die gegen diese Teilnahmebedingungen verstoßen, von der Teilnahme auszuschließen. (9) Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.
    Bitte beachtet meine Datenschutzhinweise.

Ich danke dem DuMont Buchverlag für die Bereitstellung der Bücher.

Christine Féret-Fleury: Das Mädchen, das in der Metro las. Aus dem Französischen von Sylvia Spatz. DuMont Buchverlag, Köln, 2017. OA: La fille qui lisait dans le métro. Éditions Denoel, 2017. 175 Seiten.

Buch #72: Margaret Atwood – alias Grace

„Manchmal flüstere ich es nachts vor mich hin: Mörderin, Mörderin. Es ist wie ein Dreiklang.

Mörder ist nur brutal. Mörder ist wie ein Hammer, oder wie ein Stück Metall. Ich bin lieber eine Mörderin als ein Mörder, wenn die beiden die einzige Wahl sind.“ (S. 35)

Die Geschichte um Grace Marks war eine der populärsten im Kanada des 19. Jahrhunderts. Sie war des Mordes an Nancy Montgomery und Mr. Thomas Kinnear verurteilt. Ihr Mittäter, James McDermott, wurde gehängt, sie selbst bekam lebenslänglich. Der Fall erhitzte die Gemüter, da es so viele Skandale darum gab. Die Zeitungen berauschten sich an ihr, Berichte wurden über sie geschrieben; aber, damals wie heute, wusste man nie, wie weit man sich darauf verlassen konnte. Und so blieb ihre Täterschaft ein Mysterium.

Der Fall machte auch Dr. Simon Jordan neugierig, der sich mit Geisteskrankheiten beschäftigt und feststellen möchte, ob, und falls ja, welche Geisteskrankheit bei Grace vorliegt. Grace „darf“ nach 15 Jahren guter Führung im Haus des Gefängnisdirektors arbeiten, und so wird arrangiert, dass Dr. Jordan sie dort bei der Arbeit befragen darf. Die Handlung verläuft also über zwei Ebenen, die eine befasst sich mit den Umständen zur Zeit der Befragung, die andere ist Grace‘ Geschichte, die sie Dr. Jordan in ihren Sitzungen erzählt.

Es läuft eine Petition, die Grace auf freiem Fuß sehen will, und Dr. Jordan soll dazu beitragen. Dieser jedoch hat ein anderes Motiv, er will einen berühmten Fall von Geisteskrankheit, um sich einen Namen zu machen und sein eigenes Institut zu eröffnen. Grace hingegen will Abwechslung, will aus der Kargheit des Gefängnisses entfliehen, und so entspinnt sich eine Art Katz-und-Maus-Spiel, in dem Grace nach und nach ihre Geschichte erzählt, aber immer genug zurückhält, so dass Dr. Jordan zurückkommen muss, fast wie eine Sheherazade.

Darüber hinaus entfaltet Atwood ein Panorama des Kanada des 19. Jahrhunderts. Sie beschreibt die Gesellschaft und wie sie funktioniert, sie beschreibt Land und Leute und was sie bewegte. Es ist auch eine upstairs-downstairs-story, war Grace doch ein Dienstmädchen, dem nicht viel Intelligenz nachgesagt wurde, das aber genau zu beurteilen weiß, wie die Gesellschaft und ihre Herrschaft funktioniert. Sie kriegt die volle Wucht des Systems zu spüren, das für ungebildete Dienstleute nicht viel übrig hat – außer der Sensation, die sich in ihrer Geschichte verbirgt.

alias Grace ist gut zu lesen, aber dennoch kein einfacher Roman. Man liest über Armut, über das Leben in der Gosse, über Ungerechtigkeit und Vorurteile und Verurteilungen, über Schicksale, die nur in einer Konsequenz münden können und die Hilflosigkeit, nichts daran ändern zu können. Ist Grace wirklich eine kaltblütige Mörderin? Oder ist sie ein Opfer der Umstände?

Man liest aber auch einen überaus spannenden Roman, dessen Spannung durch die Erzählweise stark erhöht wird. Wie Dr. Jordan bekommt der Leser nur Stückchen für Stückchen Grace‘ Geschichte serviert, und die äußeren Umstände, in denen die Begegnungen geschehen, lassen oft genug fürchten, dass man das Ende nicht erfährt. Die Frage, ob Grace schuldig ist, hängt von vielen Faktoren ab, die sich nur nach und nach zeigen. Ob sie schuldig ist? Das empfehle ich, selbst herauszufinden.

Denn dieser Roman ist einmal mehr ein Beweis für Margaret Atwoods Erzählkunst, sie kann nicht nur Zukunft, sie kann auch Vergangenheit. Darüber hinaus bindet Atwood Ausschnitte aus den damaligen Zeitungen, aus den Reports über Grace und aus der Rezeption ihrer Geschichte, z.B. in Gedichten Emily Dickinsons, mit ein, was dem Werk eine zusätzliche Perspektive und auch Faszination verleiht. Also, wieder einmal kann ich ein Werk Atwoods nur empfehlen und wünsche viel Vergnügen bei der Lektüre!

Margaret Atwood: alias Grace. Deutsch von Brigitte Walitzek. btb, 1996. OA: alias Grace. McClelland & Steward Inc., Toronto, 1996. 637 Seiten.

Rebecca Gablé – Die Fremde Königin

Der neue Roman von Rebecca Gablé, Die Fremde Königin, ist der zweite Teil zur deutschen Geschichte, nach Das Haupt der Welt. Er schließt im Jahre 951 an, ca. zwanzig Jahre nach den Geschehnissen des vorherigen Romans.

„Wenn Ihr leben wollt, müsst Ihr graben“, raunte der Mönch in dem ausgefransten, staubigen Habit.

Adelheid blickte nicht auf und ging weiter zur Kapelle, ohne ihren Schritt zu verlangsamen. Aus dem Augenwinkel sah sie, dass der Mönch seinen Weg in entgegengesetzter Richtung fortsetzte – nicht hastig, nicht gemächlich, aber würdevoll, so wie Mönche eben gingen. Sie wusste trotzdem, dass dieser Mann nicht war, was er zu sein vorgab.

So wie alle Männer in ihrem Leben.“ (13)

Dies sind die ersten Sätze. Adelheid von Burgund, Königin von Italien, wird von einem Widersacher festgehalten, der sie zwingen will, seinen Sohn zu heiraten, um diesen so zum König zu machen. Adelheid weigert sich, weiß jedoch nicht, wie lange sie noch durchhält, ist doch ihre Tochter mitgefangen. Und so nimmt sie den Rat des Mönches an und gräbt. Es folgt eine abenteuerliche Flucht, die sie schließlich an den Hof König Ottos führt. Sie wird seine Frau.

 

Gaidemar, Adelheids Fluchthelfer, ist als Bastard aufgewachsen und weiß nicht, wer seine Eltern waren. Er genoß eine gute Ausbildung und ist nun Mitglied der Panzerreiter, einer Elitetruppe im Heer König Ottos. Ihre gemeinsame Flucht schweißt die beiden zusammen, und er wird Adelheids wichtigster Berater. Doch seine Liebe zu ihr muss er verbergen.

Es ist eine unruhige Zeit, immer wieder versuchen innere und äußere Feinde, König Otto vom Thron zu stoßen oder ihm Teile seines Königreichs abzujagen. Die Ungarn fallen von außen über das Reich her, doch auch im Inneren brodelt es, auch in König Ottos engstem Umfeld werden Intrigen gegen ihn und die seinen gesponnen, die nicht selten mit dem Leben bezahlt werden…

Rebecca Gablé hat mit Die Fremde Königin ein weiteres Mal bewiesen, dass sie ihr Handwerk versteht. Die von meiner Seite lang erwartete Fortsetzung zur deutschen Geschichte (der vorige Roman war ja wieder ein Waringham), schließt nicht unmittelbar an, wo die Geschichte aufhörte, und auch die Personen kommen nur am Rande vor. Wieder entwirft sie jedoch ein opulentes Bild davon, wie es gewesen sein mag, und man kann sich die Welt von damals durchaus so vorstellen.

Und was kann die Frau Schlachten schreiben! Auch hier liest man wieder atemlos, wie die Heere aufeinandertreffen, wie eng Sieg und Niederlage beieinanderliegen und oft gar nicht zu unterscheiden sind. Szenen wie diese haben mich aber diesmal dafür entschädigen müssen, dass ich nie so richtig Zugang zu den Figuren fand. Ich fieberte und litt nicht mit wie damals mit Tugomir, hoffte nicht so, bangte nicht so. Das tut mir immer sehr leid bei einem großen Unterhaltungsroman, der meiner Ansicht nach ja genau davon lebt.

Aber wie immer hat Rebecca Gablé natürlich genau das hingelegt: einen weiteren großen historischen Unterhaltungsroman, der Geschichte so schreibt, wie sie gewesen sein könnte. Sie recherchiert ihre Romane akribisch und die Beschreibungen der Gegebenheiten – sei es Landschaft, sei es Gebäude – vermag sie immer in die damalige Zeit zu transferieren.

Diese historischen Romane sind in meiner Familie so etwas wie Wanderpokale, jeder Gablé wird ebenso wie jeder Follett von einer Hand in die nächste gereicht. Ich belasse es normalerweise bei diesen beiden, habe dieses Jahr aber somit den Jackpot von insgesamt ca. 2000 Seiten gezogen (die Besprechung vom Follett folgt in Kürze). Und auch wenn Die Fremde Königin bei mir nicht so punkten konnte wie Das Haupt der Welt, habe ich mich doch gerne wieder auf ihre Sicht der damaligen Zeit eingelassen und angenehme Lesestunden verbracht. Ich hoffe, sie wird die Reihe weiterführen, denn es folgt ja noch einiges an interessanten Dingen – ich sage nur Barbarossa.

Eines ist mir jedoch bitter aufgestoßen, und das ist das Nachwort. Ich finde es erschreckend und verstörend, dass eine Autorin historischer Romane sich davon distanzieren muss, von bestimmten Gruppen vereinnahmt zu werden. Sie schreibt über einen König, der ein großes Reich unter sich hatte, was anscheinend von nationalistischen Wirrköpfen dazu missbraucht wird, als Beleg für die Überlegenheit des deutschen Volkes zu dienen. Mir wäre dieser Gedanke mal wieder nicht im entferntesten gekommen, dienen solche Romane für mich doch zur Unterhaltung, die mir ein paar historische Fakten liefert zusammen mit einem Bild, wie es gewesen sein könnte. Nicht mehr und nicht weniger. Ich hoffe, Frau Gablé lässt sich sich nicht davon abschrecken und schreibt diese Reihe weiter, damit sich um so mehr Menschen ein eigenes Bild machen und eine eigene Meinung bilden können – oder zumindest einen Ansatz dazu finden.

Rebecca Gablé: Die Fremde Königin. Bastei Lübbe AG, Köln, 2017. 763 Seiten.

Hier geht es zu der Besprechung von Der Palast der Meere von Rebecca Gablé.

Zadie Smith – Swing Time

„Der eigentliche Text war nur ein einziger Satz: Jetzt weiß endlich jeder, wer du wirklich bist. Eine Nachricht, wie man sie von einer gehässigen Siebenjährigen mit einer klaren Vorstellung von Gerechtigkeit bekommt. Und wenn man einmal ausblendet, wie viel Zeit dazwischen lag, dann war es ja auch genau das.“ (15)

Die namenlose Protagonistin ist in ihren Dreißigern, als sie sich in einer Londoner Wohnung wiederfindet, ohne Job, ohne Aussichten, ohne zu verstehen, was mit ihr geschehen ist. Und so rekapituliert sie ihre Lebensgeschichte, fängt klein an, bei dem Tag, als sie Tracey zum ersten Mal traf, auf dem Weg zu ihrer ersten Ballettstunde. Beide Mädchen verbindet ihre Hautfarbe, die sie wie ein unsichtbares Band aneinanderknüpft. Sie wachsen in einer Londoner Sozialsiedlung auf, Traceys Mutter alleinerziehend, die Eltern der Erzählerin zwar zusammen, die Mutter aber mit Ambitionen, die den Horizont des Vaters bald übersteigen sollen.

Ihre Mutter hält nichts von Traceys Mutter und somit auch nichts von Tracey, sie missbilligt die Freundschaft der beiden, was die Erzählerin jedoch nur näher zu ihr treibt. Beide lieben sie den Tanz, schauen stundenlang Videos von Tanzfilmen, Tanzaufnahmen, Musicals, doch nur Tracey hat Talent. Dieses wird vehement von ihrer Mutter gefördert, und irgendwann trennen sich die Wege der beiden Mädchen, Tracey geht an eine Tanzschule, die Erzählerin in eine Einsamkeit hinein, in der sie nicht weiß, was sie mit sich anfangen soll.

Obwohl sie sich fängt, studiert und einen Job findet, geht sie doch immer den Weg des geringsten Widerstandes, immer auf der Suche nach sich selbst oder nach etwas. Bis sie eines Tages Aimée trifft, eine berühmte Sängerin, die Gefallen an ihr findet und sie zu ihrer persönlichen Assistentin macht. Von nun an wird sie vollkommen vereinnahmt von dieser Naturgewalt von Person, sie wird zu einer Verlängerung, zu einem ausführenden Organ.

Aimée kreist um sich selbst, hat jeden Tag eine Million Ideen, und die Protagonistin soll diese dann umsetzen. So kommt Aimée auf die Idee, in einem afrikanischen Dorf eine Mädchenschule zu gründen, und die Erzählerin soll dort alles vorbereiten. Nun in eine für sie vollkommen neue Welt versetzt, beginnt sie, sich zu verändern, sie stellt Fragen, über sich, über Aimée und ihre Allmacht, über ihre Hautfarbe, über ihre Stellung als Frau, als farbige Frau in der Welt. Wohin dies führt, liest man direkt zu Anfang der Geschichte, und doch entpuppt sich nach und nach eine Entwicklung, die man so nicht voraussieht.

Die beiden Mädchen, obwohl lange getrennt und nicht mehr in der jeweils anderen Leben, verlieren sich doch nie ganz aus den Augen. Auch, als sie zwei so grundverschiedene Leben führen, führt das Band, das sie aneinander bindet, sie immer wieder zusammen, ihr Schicksal scheint sie dafür bestimmt zu haben, dass sie einander brauchen.

Zadie Smith arbeitet in Swing Time eine ganze Reihe an Themen und Fragestellungen ab, von Hautfarbe, Armut und Reichtum, Politik zu Moral und den Fragen nach Richtig und Falsch ist alles vertreten. Und das ist auch auf 627 Seiten eine ganze Menge, manchmal vielleicht schon ein wenig viel. Ich wusste an einigen Stellen nicht so ganz, worauf sie hinaus wollte, oder ob weniger nicht vielleicht mehr gewesen wäre. Dann gab es Stellen, die mir ein wenig gewollt erschienen, da hätte ich darauf gehofft, dass dem Leser mehr zugetraut würde.

Nachdem ich mit Von der Schönheit schon meine kleinen Schwierigkeiten hatte, ist das hier leider nicht anders. Zadie Smith lässt mich wieder etwas ratlos zurück. Die Geschichte war eindrücklich, wenn auch etwas überladen, und in ihren Rückblicken so konstruiert, dass man nicht absehen kann, was geschehen wird, was die Entwicklung der Protagonistin nachvollziehbar und tatsächlich auch spannend macht. Ich brauche auch keine sympathische Erzählerin, um ein Buch gut zu finden. Ich kann es nicht genau benennen, ich denke, dass der manchmal etwas geschwungene Holzhammer mich davon abhält, der Geschichte alle Punkte zu geben.

Photo: lithub.com

 

Dennoch habe ich den Roman genossen und so einiges als Denkansatz genommen, was mich immer noch nicht ganz loslässt. Somit empfehle ich Swing Time als einen klugen Roman mit einer interessanten Perspektive, der vieles mitbringt, manches aber vielleicht nicht ganz durchhält. Aber machen Sie sich selbst ein Bild, es lohnt sich auf jeden Fall!

Zadie Smith: Swing Time. Aus dem Englischen von Tanja Handels. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2017. OA: Swing Time. 2016. 627 Seiten.

Ich danke Kiepenheuer&Witsch für das Rezensionsexemplar.

Ali Smith – Wem erzähle ich das?

Wem erzähle ich das? ist eines dieser Bücher, denen man nicht so oft über den Weg läuft. Es ist eine Mischung aus Essay und Roman, Abhandlung über Kultur und Sprache, Umgang mit Trauer und die ersten Schritte zurück ins Leben.

Die Ich-Erzählerin hat vor einem Jahr ihre Gefährtin verloren und ist seitdem gelähmt vor Trauer. Nach einem Tag und einem Jahr zieht sie schließlich ein Buch aus dem gemeinsamen Bücherregal – es ist Oliver Twist – und beginnt sich daran zu erinnern, was ihre Geliebte, die Kunst- und Literaturwissenschaftlerin war, ihr dazu gesagt hat. Sie macht den nächsten großen Schritt und verrückt einen Sessel an einen Ort, den ihre Gefährtin nicht mochte und beginnt zu lesen und in deren Gedanken- und ja, auch Lebenswelt, einzutauchen.Dann jedoch kommt die Geliebte zurück – als schwarzer Schatten, der wirres Zeug faselt, jedoch immer an ihrer Seite ist. Die Ich-Erzählerin beginnt, sich mit ihr auseinanderzusetzen, erinnert sich an ihre gemeinsamen Gespräche, aber auch an die Monologe über Bücher und kulturelle Phänomene. Die Vorlesungen, die die tote Gefährtin zurückließ, leiten sie einen Weg entlang, einen Weg der Entdeckungen und der erst zaghaften, dann aber immer intensiveren Auseinandersetzung mit der Welt, zurück ins Leben.

Das Buch ist in vier Teile unterteilt: – Zeit, – Form, – Ränder, und – Angebot und Widerspiegelung. In ihnen setzt die Ich-Erzählerin – anhand der Aufzeichnung von und der Erinnerungen an die Geliebte sich mit diesen Phänomenen auseinander. Sie zieht Literatur, Kunst, Philosophie, Musik und Film zu Rate, zahlreiche Beispiele werden genannt und in Kontext gesetzt. Zudem ist die Ich-Erzählerin Biologin und addiert eine Komponente, die manchmal erstaunliche Einsichten geben.

Und so ist dieser Roman zunächst eine Verarbeitungsgeschichte, aber dann so viel mehr. Ich möchte nicht behaupten, dass ich alles verstanden hätte, jedes Beispiel in einen Kontext setzen konnte oder jeden Kontext auch nur umreißen konnte – dafür müsste man all die Bücher gelesen, Filme gesehen, Kunstwerke besucht, Gespräche geführt und Musik gehört haben, die für das Buch verwendet wurden. Viele Zitate und Gedichte sind jedoch im Text eingebaut, und von vielen Werken hat man zumindest eine Ahnung, selbst wenn man sie nicht persönlich kennt, und so kann man doch das meiste verstehen.

Für die weitere Lektüre befindet sich am Ende ein Quellenverzeichnis, das ich gewiss noch einmal zu Rate ziehen werde. Auch gibt es in der Mitte des Buches einige Abdrucke der besprochenen Bilder, damit man selber sieht, was gemeint ist.

Dieser schmale Band von gerade gut 200 Seiten hat einen Inhalt wie für 1000, und eine einmalige Lektüre kann – zumindest den meisten Lesern – diesem Essay-Roman wohl nicht gerecht werden. Zu vielfältig sind die Ideen, zu komplex die Themen, zu groß die Bandbreite. Und doch: was schon bei der ersten Lektüre an Freude beim Nachvollziehen, beim genußvollen Erkunden der Gedankengänge, beim Nachlesen und Vergleichen aufkommt, lässt den Leser sicherlich noch einige weitere Male zur Lektüre greifen.

Ich habe sehr viel Spaß an diesem Buch gehabt, und ich wünsche ihm noch sehr viele Leser mehr! Vielleicht wird dies aber auch geschehen, da Ali Smith mit ihrem neuen Roman Autumn auf der Short-List des diesjährigen Man Booker Prize steht und somit in den Blickpunkt rückt.

Ali Smith: Wem erzähle ich das? Aus dem Englischen von Silvia Morawetz. Luchterhand Literaturverlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München 2017. OA: Artful. Hamish Hamilton, Penguin Random House UK, London 2012.223 Seiten.

Ich danke Random House für das Leseexemplar.

 

Ali Smith wurde am 24. August 1962 in Inverness geboren. Sie veröffentlichte mehrere Romane und Erzählbände und erhielt zahlreiche Preise. Sie ist Mitglied der Royal Society of Literature und wurde 2015 zum Commander of the Order of the British Empire ernannt. Ihr Roman „Beides sein“ wurde 2014 mit dem Costa Novel Award, dem Saltire Society Literary Book of the Year Award und dem Goldsmith Prize ausgezeichnet und gewann 2015 den Baileys Women`s Prize for Fiction. Sie lebt mit ihrer Lebenspartnerin Sarah Wood in Cambridge.

Buch #71: Muriel Spark – Die Blütezeit der Miss Jean Brodie

„Gebt mir ein Mädchen im beeinflußbaren Alter, und es ist mein fürs Leben.“ (S.13)

Miss Jean Brodie tritt in die „Blütezeit ihres Lebens“ ein, als sie Lehrerin von Sandy, Jenny, Rose, Mary, Monica und Eunice wird, die zu diesem Zeitpunkt zehn Jahre alt sind. In den späten 20er und frühen 30er Jahren des letzten Jahrhunderts ist sie eine der vielen englischen Frauen, die aufgrund des Ersten Weltkriegs keinen Mann haben und sich einen anderen Sinn im Leben suchen mussten, als eine Familie zu gründen. Miss Brodie wurde Lehrerin.

Sie interessiert sich für fast alles, und ihr Unterricht ist den anderen Lehrern ein Dorn im Auge, da sie nichts auf den Lehrplan gibt, sondern die Mädchen zur crème de la crème formen will, gebildete junge Damen, die Einfluss haben. Und so erzählt sie ihnen von den Dingen, die in der Welt passieren, auch wenn es nicht das ist, was die Mädchen eigentlich lernen sollen.

Doch auch ihr persönliches Leben wird von ihr vor den Mädchen ausgebreitet. Als sie jung sind, sehen diese in Miss Brodie eine schöne, tragische Heldin, eben so, wie Miss Brodie sich inszeniert. Sie verzichtet großmütig und tragisch auf ihre verheiratete große Liebe, um dann großzügig und tragisch für einen Mann zu sorgen, der sie nicht interessiert. All dies erzählt sie großartig und tragisch „ihren“ Mädchen, ebenso wie die großangelegte und tragische Verschwörung gegen ihre Person, die sie im Endeffekt ihren Job kosten soll.

Dies ist kein Spoiler, denn der Roman ist in einer nicht chronologischen Technik erzählt, die Vor- und Rückblenden vornimmt. Er wurde erstmals im The New Yorker veröffentlicht, was Muriel Spark eine breite öffentliche Aufmerksamkeit verschuf. Er ist Sparks bekanntestes Werk und wurde mit Maggie Smith verfilmt, die dafür einen Oscar erhielt (ich muss diese Verfilmung unbedingt sehen!).Tatsächlich war er der Grundstein für Sparks Karriere.

Der Roman ist nicht ganz einfach einzuordnen. Sparks Sprache ist sehr einfach und nüchtern, sie verwendet kein Wort zu viel. Dies und die nicht chronologische Handlung führen dazu, dass man beim Lesen ein Puzzle zusammensetzt, dessen Teile jedoch klar an ihre Plätze zu legen sind. Auch die Charakterisierung der einzelnen Personen ist recht schablonenhaft – Sandys „kleine Augen“ gingen mir nach der Hälfte doch sehr auf die Nerven – ja, sie hat kleine Augen, das braucht man nicht jedesmal dazuzuschreiben. Und ja, Mary ist nicht der hellste Stern am Firmament, we get it. Natürlich stehen sowohl die kleinen Augen als auch die Einfalt für etwas, aber etwas weniger penetranter Holzhammer hätte es für mich sein dürfen.

Die schillernde Hauptperson ist Miss Brodie, deren Facetten mit und mit auftauchen, und irgendwann versteht man Sandys Verhalten besser. Jede weitere Facette ließ mich doch die Nase krausziehen und überlegen, dass ich dieser Person wohl längst den Rücken zugekehrt hätte. Aber wir haben es mit jungen Mädchen zu tun, die sich in der wichtigsten Zeit ihrer Entwicklung befinden. Aufgrund der Bevorzugung durch Miss Brodie erleben sie Ablehnung durch den Rest der Welt, was sie zu einer Gruppe zusammenschweißt, aus der es schwierig ist, sich zu befreien.

Zu keiner Zeit habe ich Miss Brodie – und auch keines der Mädchen – als Sympathieträger empfunden, dort, wo ihre Charakterisierung über mehr als eine Schablone hinausging, kam nie viel Positives zustande. Und so lege ich diesen kurzen Roman mit gemischten Gefühlen weg – ich mochte ihn nicht, er hat mir nicht viel Freude bereitet, und doch: Ich denke, dass er mich noch eine Zeit lang beschäftigen wird, und ist es dies nicht am Ende, was gute Literatur ausmacht?!

Muriel Spark: Die Blütezeit der Miss Jean Brodie. Aus dem Englischen von Peter Naujack. Diogenes Verlag AG Zürich,1983. OA: The Prime of Miss Jean Brodie. Macmillan Publishers Ltd., London, 1961. 231 Seiten.

Bild: literaryramblings.com

Dame Muriel Spark wurde am 1. Februar 1918 in Edinburgh als Muriel Sarah Camberg geboren. Sie gilt als eine der bedeutendsten britischen Schriftstellerinnen. 1961 erschien ihr Roman Die Blütezeit der Miss Jean Brodie, der zu einem Klassiker der englischsprachigen Literatur im Jahrhundert wurde. Sie starb am 13. April 2006 in Florenz. Sehr ausführlich kann man ihren Lebenslauf hier nachlesen.