Buch #68: Margaret Atwood – Der Report der Magd

„Glaube ist nur ein Wort, gestickt.“ (389)

„Aber ringsum an den Wänden stehen Bücherregale. Sie sind voller Bücher, Bücher, Bücher, offen sichtbar, keine Schlösser, keine Schränke. Kein Wunder, dass wir hier nicht hereindürfen. Es ist eine Oase des Verbotenen. Ich versuche, nicht hinzustarren.“ (186)

Der Report der Magd – The Handmaid’s Tale – der deutsche Titel ist hier ausnahmsweise der Bessere, weil Angebrachtere. Ein Report ist es, den Desfred uns gibt, ein Report über das Leben in einem Regime, das im späten 20. Jahrhundert in den USA entstand. Viele Faktoren spielten hinein, die Umwelt, die Umweltkatastrophen, die Religionskonflikte, AIDS, der Feminismus.

Nun ist die Welt sehr einfach. Es gibt Männer. Und es gibt drei relevante Kategorien an Frauen. Da sind die „Marthas“, die eine recht gute Stellung als Haushaltshilfe haben. Sie haben keine Rechte, sind aber vor Verfolgung mehr oder weniger sicher. Sie sind im Großen Ganzen irrelevant, nur dazu da, den Handlanger zu geben. Sie tragen grün.

Dann gibt es die Ehefrau. Die höchste Stellung, die eine Frau innehaben kann. Ehefrau. Mutter. Vorstehende des Haushalts. Repräsentation des Haushalts. Die wichtigste Position, die eine Frau haben kann. Die Wichtigste. Sie tragen blau.

Und dann gibt es die Mägde. Sie dienen als Gefäße. Falls ein hochrangiges Ehepaar nicht in der Lage ist, Kinder zu bekommen, dient die Magd als Gebärmutter. Sie trägt rot. Desfred trägt rot.

Desfred lebt als Magd bei dem „Kommandanten“, Fred, und seiner Frau Serena Joy. Sie sind kinderlos, und Desfred soll ihnen helfen. Sie wird gut ernährt und lebt wohlbehütet. Sie hat lange, verhüllende Kleider und eine Haube, die sie hindert, angesehen zu werden. Und außer einem Tunnelblick nichts zulässt. Sie darf keine persönlichen Gegenstände haben. Sie darf das Fenster nicht weiter als einen Spalt öffnen, das Glas ist bruchsicher. Sie darf nicht sprechen, außer die Floskeln, die man sie lehrte. Fromme Sprüche. Und sie darf einmal im Monat das Ritual mit dem Kommandanten vollziehen, im Schoß seiner Frau liegend, in der Hoffnung, für sie empfangen zu können.

Desfred erzählt ihre Geschichte, von ihrem jetzigen Leben, das in völliger Isolation und Abschottung von der ganzen Welt vor sich geht. Informationen zu bekommen, ist fast unmöglich. Interesse an etwas zu zeigen, kann tödlich sein. Wissen zu haben, kann zur Exekution führen.

Aber das System ist nicht vollkommen. Und Desfred gehört zur ersten Generation Frauen, die zu dieser Lebensweise gezwungen werden. Sie erinnert sich daran, wie es vorher war, als Frauen Rechte hatten, Freiheiten, Bildung, Individualität. Und sie erinnert sich daran, wie ihr alles genommen wurde. Und warum sie sich nun in ihre Rolle fügt.

Margaret Atwoods Roman aus dem Jahre 1985 ist damals ihr Durchbruch gewesen. Diese finstere Dystopie hat beim ersten Mal, als ich sie vor vielen Jahren las, so vieles bei mir ausgelöst: Ich habe eine ungeheure Faszination für Dystopien entwickelt, Margaret Atwood ist meine verehrteste Schriftstellerin, und der Anteil meiner Lektüre von Frauen liegt bei ca. 33 Prozent. All dies hat sich nun beim Wiederlesen bestätigt.

Der Report der Magd ist ein ungeheuer intensiver Roman, der perfekt kalkuliert ist. Passt man die Gegebenheiten von vor 30 Jahren an die heutigen an, ist er, gerade mit Sicht auf das letzte Jahr, wieder erschreckend aktuell. Und erschreckend ist genau das Adjektiv, das ich meine. Er nimmt einem den Atem, lässt Seite um Seite verfliegen auf der Suche nach einer Lösung, nach einem Ausweg aus dieser Situation, aus der es keinen Ausweg gibt.

Der Gedanke, dass man diese – eigentlich als Abschreckung zu verstehende – Geschichte als Handbuch nehmen könnte, hat sich mir wieder tief ins Hirn gegraben und mir einen Schlag in die Magengrube verpasst. Es darf nicht sein. Für viele Frauen ist es aber so, an so vielen Orten auf der Welt, täglich, ohne Ausweg. Man sollte dies immer vor Augen haben, immer daran denken, und dieser Roman ist eine Anmahnung all dessen.

Wie ich immer wieder zu meinem Erstaunen vernehme oder lese, gibt es anscheinend einige Menschen, die sich schwer tun mit von Frauen verfasster Lektüre. Ich kann mir beim besten Willen keinen Grund dafür vorstellen, doch scheint es so zu sein. Denjenigen möchte ich eines raten: Wenn Sie nur einen Roman, der von einer Frau geschrieben wurde, ausprobieren möchten, nehmen Sie diesen.

Denn es handelt sich auch schlicht um eine äußerst spannende Geschichte. Wie die jetzige Situation mit der damaligen und der Entwicklung zusammengebracht wird, wie stückchenweise die Welt aufgebaut und ineinander verkeilt wird, wie Desfred sich der Umstände nicht erwehren und von den Ereignissen mitgerissen wird, das ergibt einen Pageturner.

Ich weiß, das alles ist eine Menge Lobhudelei, aber ich bin diesem Roman verfallen, seit vielen Jahren schon. Er wird wohl die neue Spitzenposition in meiner Rangliste einnehmen, und mich auf jeden Fall für den Rest meines Lebens begleiten.

Ich habe den Roman ausgerechnet jetzt wiedergelesen, da ich ihn bei der Bingereaderin gewonnen habe (danke nochmal!), die ähnlich begeistert war, und weil er mit Elizabeth Moss und Joseph Fiennes als Serie verfilmt wurde, die am 26. April 2017 in den USA Premiere hat. Ich kann es kaum abwarten, jetzt noch weniger.

Margaret Atwood: Der Report der Magd. Aus dem kanadischen Englisch von Helga Pfetsch. Neuauflage im Piper Verlag GmbH, München/Berlin 2017. OA: The Handmaid’s Tale. MCClelland & Stewart, Houghton Mifflin, 1985; Cape 1985. 412 Seiten.

Virginia Woolf – Ein Zimmer für sich allein

„Aber, so werden Sie sagen, wir baten Sie doch, über Frauen und Fiction zu sprechen – was hat das mit einem Zimmer für sich allein zu tun? Ich will versuchen, es zu erklären.“ (S.7)

Virginia Woolf bekommt den Auftrag, einen Vortrag über Frauen und Fiction zu halten (mit Fiction ist jede Art von erzählender Prosa gemeint, A.d.Ü.). Dies stellt sie vor einige Probleme, zum ersten, wie dies wohl gemeint sein könnte – wie Frauen sind, wie Frauen schreiben, wie über Frauen geschrieben wird, oder alle drei Teile? Sie stellt schnell fest, dass die Fragen nicht beantwortet werden können und bietet als „Ersatzantwort“:

„Alles, was ich tun konnte, war, Ihnen eine Meinung über einen weniger wichtigen Punkt anzubieten – eine Frau muß Geld haben und ein Zimmer für sich allein, wenn sie Fiction schreiben will; und das läßt, wie Sie sehen werden, das große Problem der wahren Natur der Frau und der wahren Natur von Fiction ungelöst“ (S.8)

1928 gibt es schon ein paar Frauen, die sich einige Lorbeeren verdient haben, Woolf denkt hier z.B. an die Brontës, Jane Austen, Nancy Mitford, George Eliot oder Elizabeth Gaskell – aber wenn man an den schier unüberblickbaren Wust an von Männern hervorgebrachter Literatur denkt, sind die Werke der Damen verschwindend in der Minderzahl.

Wie sollte es auch anders sein? Frauen waren seit Jahrhunderten hauptsächlich zum Gebären und Kochen da, nicht, um sich intellektuell zu bilden und dies auch noch in die Welt zu posaunen. Die katholische Kirche hat Frauen, die sich geweigert haben, als Hexen verfolgen lassen, sie hat die Frauen zum Eigentum der Männer gemacht (ja, bis 1976 musste der Ehemann die Erlaubnis geben, dass seine Frau arbeiten darf), ja, nächstes Jahr jährt sich der Tag der Einführung des Frauenwahlrechts in Deutschland erst zum 100. Mal und ja, nach wie vor verdienen Frauen ca. ein Fünftel weniger als Männer.

Es gab natürlich immer Frauen in der Literatur – man nehme nur die Bibel und ihre Exegesen über die Stereotypen der „Hure“ und der „Heiligen“, oder Frauen als die großen „Verführerinnen“, oder Frauen als „unerreichbare Wesen, die man anbetete“ usf., kurz, Frauen als von Männern erschaffene Kreaturen. Und auch in der Wissenschaft wurden sie so gut wie nie berücksichtigt – wie viel Forschung gab es z.B. über Frauen im Mittelalter, ihre Lebensweise, ihre Bildung?

„Gelegentlich wird eine einzelne Frau erwähnt, eine Elizabeth oder eine Mary; eine Königin oder eine große Adlige. Aber unter gar keinen Umständen konnten Frauen der Mittelklasse, die nichts zur Verfügung hatten als ihren Verstand und ihren Charakter, an irgendeiner der großen Bewegungen teilhaben, die, zusammengetragen, das Bild des Historikers von der Vergangenheit ausmachen. Noch werden wir sie in irgendeiner Anekdotensammlung finden.“ (S.52)

Es geht natürlich nicht nur um die Schriftstellerei, Frauen war Wissen im Allgemeinen nicht zugänglich. Man möge sich einmal vorstellen, wie weit die Welt sein könnte, wenn die anderen 50 % an Forschung, an Arbeit, an langen Stunden des Versuchens und Scheiterns und schließlich des Fortschritts stattgefunden hätten. Aber die Damen hatten ja anderes zu tun – sie mussten für die Kinder sorgen. Und Kinder und ein eigenes Gehirn schlossen sich anscheinend kategorisch aus.

Die Natur schreibt nach wie vor vor, dass Frauen die Kinder bekommen. Aber die Gesellschaft ist, zumindest hier, ein Stück weiter gekommen, und Frauen bekommen mehr Unterstützung, so dass sie die Möglichkeit zu Zeit mit sich und ihren Gedanken haben können, und Muße, um ihr Hirn einzusetzen. Aber, und das möchte Virginia Woolf sagen, es geht nicht ohne ein Zimmer für sich allein. Ein Zimmer, in dem kein Esstisch steht, in dem niemand unterhalten werden möchte, in das keiner mit seinen Problemen kommt. Ein Zimmer, in dem sich nur die Frau und ihre Gedanken befinden. Lasst Frauen mit ihrer Bildung, ihren Gedanken, ihrer Tatkraft in Ruhe machen, und es können wunderbare Dinge geschehen. Lange genug ist das nicht geschehen.

Unsere Welt hier hat sich in den letzten Jahrzehnten ein ganzes Stück in die richtige Richtung bewegt. Die Frauen sind in der Forschung angekommen, die Frauen forschen und werden erforscht, Jahrhunderte an Schicksalen werden aufgearbeitet, Ansichten und Arbeit fließen mit ein.

Wenn es jetzt noch so weit kommen könnte, dass egal ist, ob Frau Rock oder Hose, ausgeschnittenes Top oder hochgeschlossene Bluse trägt, egal ist, dass Frau vielleicht in eine Pause gehen muss, um Kinder zu bekommen, und sie danach wiederkommen kann, wenn alle Personen das Gleiche für Gleiches bekommen und niemand mehr einfach zu Material zum „grabben“ degradiert wird, dann sind wir noch ein wenig weiter. Virginia Woolf würde das wohl gutheißen.

Dieses kleine Büchlein, das zwei Vorträge von Virginia Woolf aufgreift, ist ein wahrer Augenöffner. Ich glaube, viele Frauen in unseren Breitengraden denken, es sei doch schon so weit und alles okay, und man müsse nun nicht mehr weiterarbeiten zur vollständigen Gleichstellung. Woolf öffnet hier die Augen, sagt, Ladies, hört zu, passt auf, seht Euch um. Sie gibt die Denkanstöße, auf denen man auch heute noch so vieles aufbauen kann – und jede Person sollte dies tun.

Virginia Woolf: Ein Zimmer für sich allein. Aus dem Englischen von Renate Gerhardt. Fischer Taschenbuch Verlag GmbH, Frankfurt am Main, 1981. OA: A Room of One’s Own“. Copyright 1929 by Quentin Bell and Angelica Garnett.

Porträt von Virginia Woolf als Straßenkunst in São Paulo, Brasilien (2007), via Wikipedia.de

Virginia Woolf wurde am 25.1.1882 als Tochter des Biographen und Literaten Sir Leslie Stephen in London geboren. Bereits mit 22 Jahren bildete sie gemeinsam mit ihrem Bruder den Mittelpunkt der intellektuellen ›Bloomsbury Group‹. Zusammen mit ihrem Mann, dem Kritiker Leonard Woolf, gründete sie 1917 den Verlag ›The Hogarth Press‹. Ihre Romane, die zur Weltliteratur gehören, stellen sie als Schriftstellerin neben James Joyce und Marcel Proust. Schon sehr früh engagierte sie sich für die Frauenbewegung und gemeinsam mit ihrem Mann für die sozialistischen Bestrebungen der Labour Party. Am 28.3.1941 schied sie freiwillig aus dem Leben. (s. o.a. Ausgabe)

Buch #65: Charlotte Brontë – Jane Eyre

Meine lieben Leser,

ich verbrachte die letzten Wochen damit, der Geschichte eines jungen Mädchens bzw. einer jungen Frau zu folgen. Es handelt sich um die Autobiographie einer gewissen Jane Eyre, in der sie von ihrer Kindheit, Jugend und Zeit als junge Frau erzählt. Sie lebte in England, im 19. Jahrhundert, einer Zeit, in der Waisenkinder nicht viel Hoffnung auf eine gute Zukunft haben konnten, und in der die Konventionen so viel bedeuteten.jane-eyre

Ein Waisenkind, ja, Jane Eyre ist ein Waisenkind. Nach dem Tod ihrer Eltern wurde sie ins Haus ihres Onkels geholt, der ihr sehr zugetan war. Aber nach dessen Tod wandte sich ihr Leben in eine üble Richtung. Sie wurde nur als lästiges Übel betrachtet, ihr Cousin und ihre Cousinen, ebenso wie ihre Tante, machten sie für alles verantwortlich, und der einzige Trost waren ihr die Bücher.

Eines Tages eskaliert die Situation, und Jane wird fortgeschickt, auf ein Internat, auf dem sie letztlich zur Gouvernante ausgebildet werden soll. Voller Hoffnung macht Jane sich auf den Weg, schlimmer als bei der Tante kann es ja wohl nicht werden… aber weh, das Internat ist ein kaltes Haus, geleitet von einem religiös obsessiven Mann, der nichts von warmer Kleidung und genug Nahrung hält.

Aber Jane gewinnt Freunde, und ihr Schicksal wendet sich ein wenig. Als sie alt genug ist, nimmt sie eine Stelle an: Sie wird Gouvernante im Hause von Mister Rochester, einem Adligen, dem das Leben bisher auch nicht die Sonnenseiten gezeigt hat. Sie verlieben sich ineinander… doch diese Liebe steht unter keinem guten Stern. Es wird noch ein weiter Weg sein für Jane, und ob er sie jemals zu ihrem geliebten Mister Rochester führen wird, das sollte der Leser selbst herausfinden, und mit ihr gemeinsam die vielen Hindernisse angehen.

 

Als ich nach meiner Lektüre von Sturmhöhe die Diskussion verfolgte, die sich darum entspann, ob man lieber eben Sturmhöhe oder Jane Eyre mag, war ich schon sehr gespannt auf diese Lektüre. Und ich muss sagen, dass ich nicht enttäuscht wurde, auch wenn Jane Eyre doch um einiges umfangreicher ist.

Charlotte Brontë erzählt die Geschichte Janes aus deren Sicht, in Form einer Autobiographie. Sie reicht von Janes Kindheit bis zu ungefähr ihrem dreißigsten Lebensjahr, und erzählt ausführlich, was ihr alles widerfahren ist. Erwartet man aufgrund der Zeit, zu der der Roman verfasst wurde und in der er spielt, eine unbedarfte, naive, hilfsbedürftige, junge Frau in Jane Eyre, wird man schnell eines besseren belehrt. Keineswegs entspricht sie diesem Bild – sie geht erhobenen Hauptes durchs Leben und kämpft für ihr Recht. Und hat ihre ganz eigenen Gedanken und eine starke Meinung – Dinge, die von einer jungen Frau ihrer Zeit eher nicht erwartet wurden.

Sie setzt sich auch mit vielen Dingen auseinander, wichtig sind hier z.B. Klasse und soziale Stellung, exemplarisch an Jane, die der Unterschicht angehört, und Mister Rochester, einem Adligen. Wichtig ist auch die Religion, der Jane an mehreren Stellen begegnet und die sie immer wieder versucht, für sich zu vereinnahmen – auch hier kein einfacher Kampf für Jane. Aber am Wichtigsten ist doch die Selbstbestimmtheit, über die sie verfügt. Sie ist ein durchaus realistischer Mensch, nicht schön, nicht reizend und attraktiv, sondern dünn, unscheinbar, mit streng gescheiteltem Haar und anspruchslosen, aber ordentlichen Kleidern. Ihr Reiz beginnt, sobald sie den Mund aufmacht – Jane weiß, was sie kann, und ist oft ehrlich bis an die Schmerzgrenze, jedoch bringt ihr das den Respekt, den sie braucht, und ein Ansehen, das ihr Mut macht.

Ich kann mir vorstellen, dass das Buch bei Erscheinen ein kleiner Skandal war, das Porträt einer so selbstbewussten jungen Frau konnte nicht nach jedermanns Geschmack sein. Aber ich kann mir auch vorstellen, dass Jane Eyre nun schon für viele Generationen von Frauen ein Vorbild war, dafür, was möglich ist, wenn man die Hoffnung nicht aufgibt und selbstbewusst ist.

In diesem Sinne stimme ich den meisten der Diskutanten darin zu, dass ich Jane Eyre der Sturmhöhe vorziehe, und rate denjenigen, die wie ich nicht vorher das Vergnügen hatten, unbedingt der Lektüre zu.

Charlotte Brontë: Jane Eyre. Aus dem Englischen neu übersetzt von Gottfried Röckelein. Deutscher Taschenbuchverlag, München 1998. OA: Jane Eyre. An Autobiography. London 1847.654 Seiten.

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Bild: en.wikipedia.org

Charlotte Brontë wurde am 21. April 1816 in Thornton, Yorkshire, geboren. Sie begann schon im Kindesalter zu schreiben, ebenso wie ihre Geschwister Patrick, Emily Jane und Anne. Charlotte veröffentlichte hauptsächlich unter männlichen Pseudonymen, so erschien Jane Eyre unter dem Namen Currer Bell. Sie war selbst Lehrerin und Gouvernante, wollte eine Schule leiten, was mangels Schülern nicht umgesetzt wurde.1847 gelang ihr der literarische Durchbruch mit Jane Eyre. Nachdem sie zugab, den Roman verfasst zu haben, wurde sie in die literarischen Kreise in London eingeführt. 1854 heiratete sie Arthur Bell Nichols. Am Karsamstag, dem 31. März 1855, starb sie, vermutlich an Schwindsucht, in Haworth, Yorkshire. Ihr Fragment gebliebener Roman Emma erschien postum

Buch #64: Sylvia Plath – Die Glasglocke

Esther Greenwood ist 19, als sie für einen Monat ein Praktikum bei einer bekannten Modezeitschrift in New York macht. Die eigentliche Arbeit bei der Zeitschrift steht dabei eher im Hintergrund, vielmehr gehen sie und die anderen Praktikantinnen von einem social event zum nächsten, Mode, Make-up, Männer treffen. Es ist 1953, und auch wenn Esther an einem bekannten College studiert, sind das die Dinge, die sich ihr bieten.glasglocke

Sie hat einen Freund, Buddy, der sie nach Jahren des Anhimmelns endlich erhört und eine Zukunft mit ihr planen will. Diese Zukunft besteht in einer Familie mit Kindern, und einem Buddy, der stets gönnerhaft auf das kleine Liebchen herabsieht, das solche albernen Träumchen hat wie Dichterin zu werden. Aber, und das weiß auch Esther, Dichterin und Familie, das passt nicht zusammen.

„Ich sah, wie sich mein Leben vor mir verzweigte, ähnlich dem grünen Feigenbaum in der Geschichte.

Gleich dicken, purpurroten Feigen winkte und lockte von jeder Zweigspitze eine herrliche Zukunft. Eine der Feigen war ein Ehemann, ein glückliches Zuhause und Kinder, eine andere Feige war eine berühmte Dichterin, wieder eine andere war eine brillante Professorin, die nächste war Ee Gee, die tolle Redakteurin, die übernächste war Europa und Afrika und Südamerika (…).

Ich wollte sie alle, aber eine von ihnen nehmen bedeutete, alle anderen verlieren, und während ich dasaß, unfähig, mich zu entscheiden, begannen die Feigen zu schrumpfen und schwarz zu werden und plumpsten eine nach der anderen auf den Boden unter mir.“

Seit Buddy ihr das Geständnis gemacht hat, nicht mehr „rein“ für sie zu sein, fühlt sie sich von ihm betrogen, fängt an, ihn zu verachten. Warum sollte es für ihn richtig sein, und für sie nicht? Eine Frage, die sich etliche Generationen stellten und wohl noch stellen werden.

„Und ich wußte, trotz aller Rosen und Küsse und Essen im Restaurant, mit denen der Mann die Frau überschüttete, bevor er sie heiratete, war er insgeheim darauf aus, daß sie sich nach der Hochzeit unter seinen Füßen flach machte wie Mrs. Willards Küchenmatte.“

Esther ist ohne Vater aufgewachsen, hat aber immer A`s bekommen und sich so einen Preis und ein Stipendium nach dem anderen erarbeitet. Sie hat nach dem Praktikum noch ein Jahr am College vor sich, doch zuerst stehen die Sommerferien bevor. Auf die Frage des Magazins, was sie denn einmal werden wolle, hat sie keine Antwort bereit – im Hinterkopf aber die Möglichkeit, einen Ferienkurs bei einem berühmten Schriftsteller zu machen. Als sie nach Hause kommt, findet sie jedoch eine Absage vor.

Und nun beginnt sie auseinanderzufallen. Sie hat bis dahin alles „richtig“ gemacht, hat gut gelernt, besucht ein gutes College, bekommt Stipendien und ein Praktikum, doch wozu? Im Grunde genommen geht es doch darum, die gesellschaftliche Pflicht zu erfüllen. Man wird irgendwohin geboren, und dann hat man dem Umfeld entsprechend zu sein. Esther verweigert sich dem. Sie hört auf zu duschen, sich frisch anzuziehen, zu schlafen, und sinnt auf die verschiedensten Arten, sich umzubringen.

Hier beginnt ein langer Leidensweg, der mit einem dieser Ärzte, die sich selbst für den Mittelpunkt der Welt halten und für die Dämchen schnellstmöglich eine Elektroschockbehandlung anordnen, eingeläutet wird. Sie durchläuft von hier an viele Stationen, und nimmt den Leser immer mit. Es ist eine Leidensgeschichte, aber auch eine Emanzipationsgeschichte.

Esther weiß, dass sie nicht in ein gesellschaftliches Schema zu pressen ist. Sie hat Angst, weiß nicht, wie sie ihren Weg gehen soll, versinkt in Ohnmacht:

„Ich wußte, dass ich Mrs. Guinea dankbar sein mußte, und trotzdem empfand ich nichts. Hätte sie mir eine Fahrkarte nach Europa oder eine Kreuzfahrt rund um die Welt geschenkt, so hätte sich für mich nicht das geringste verändert, denn egal, wo ich saß – ob auf dem Deck eines Schiffes oder in einem Straßencafé in Paris oder Bangkok-, immer saß ich unter der gleichen Glasglocke in meinem eigenen sauren Dunst.“

Es ist schwer, da wieder hinauszufinden. Und es ist harte Arbeit. Immer wieder von Neuem. Doch Esther lernt dazu. Lernt, dass sie wichtig ist, und nicht, was andere denken. Auch nicht ihre Mutter.

„Mir fiel das Gesicht ein, das meine Mutter bei ihrem ersten und letzten Besuch in der Anstalt seit meinem zwanzigsten Geburtstag gemacht hatte, ein blasser, vorwurfsvoller Mond. Die Tochter in einer Anstalt! Das hatte ich ihr angetan.“

Wird es Esther am Ende besser gehen? Oder wird sie wie ihre Erschafferin enden? Man weiß es nicht. Es ist schwer, anders zu sein als die anderen. Nicht in sein Umfeld zu passen. Immer wieder einzustecken, wie albern und idealistisch man doch ist. Ein Kampf, der manchmal, wenn man nicht weiß, warum man ihn kämpft, unter einer Glasglocke endet. Esther ist sich darüber im Klaren, dass der Rest ihres Lebens diesen Kampf beinhalten wird. Aber sie nimmt ihn an. Erstmal.

Die Glasglocke ist ein ungeheuer intensives Portrait einer jungen Frau, die in der Gesellschaft verloren geht. Sie schildert schonungslos ihren Weg und nimmt den Leser mit auf jedem Schritt. Obwohl 1963 erschienen, und obwohl vielleicht einige der Ansprüche heute andere sind, ist die Lektüre immer noch blitzaktuell. Sie lässt verzweifeln und gibt doch Hoffnung. Und könnte Menschen, die keine Glasglocken kennen, zeigen, wie es ist und vielleicht ein wenig Verständnis entlocken.

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Sylvia Plath Bild: biography.com

Sylvia Plath wurde am 27. Oktober 1932 in Jamaica Plain bei Boston, MS, geboren. Sie nahm sich am 11. Februar 1963 das Leben. Ihre Literatur wird meist im Kontext ihrer Lebensgeschichte gelesen.

Ihre Gedichte werden als Confessional Poetry gewertet, als Bekenntnislyrik, und auch in ihrem Roman Die Glasglocke, der ihr einziger geblieben ist, verarbeitete sie ihre Erlebnisse, wie einen Suizidversuch oder ihre Beziehung zu Ted Hughes, ihrem Ehemann. Ihren Durchbruch hatte sie erst postum, nachdem ihr Roman und einige nachgelassene Gedichte veröffentlicht wurden. Ihr Leben und ihr Tod wurden zum Gegenstand des öffentlichen Interesses, Plath zu einer Symbolfigur für die Frauenbewegung.

Sylvia Plath: Die Glasglocke. Aus dem Englischen von Reinhard Kaiser. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1997. OA: The Bell Jar. 1963. 262 Seiten.

Nederlandstalig! Niña Weijers – Die Konsequenzen

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„Schreibt man über diesen Roman, klingt es nach Schwerarbeit. Liest man ihn, ist es ganz leicht. Also lesen Sie.“

Diese Worte von Cees Nooteboom sind absolut gerechtfertigt. Es ist nicht leicht, darüber zu schreiben. Dieser Roman über Minnie Panis, Ende zwanzig, Künstlerin, hat so viele Facetten und Wendungen, dass ein Bericht über ihn immer unzureichend wäre.

Minnie Panis ist Künstlerin, „weil man sie als solche bezeichnet“. Sie ist Ende zwanzig und hat schon mehrere erfolgreiche Projekte hinter sich. Diese drehen sich zumeist darum, wie ihr Leben mit der Kunst verschmilzt. Ihre Kunstwerke schocken die Leute, und jeder kann etwas von sich darin sehen. Denn sie sind so persönlich, wie sie nur sein können; Minnie Panis stellt sich selbst in ihren Mittelpunkt und geht an ihre äußersten Grenzen dafür.

Bild: suhrkamp.de

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Und diese erreicht sie auch. Oft ist sie kurz davor, in ihrer Kunst zu verschwinden. Manchmal ist sie selber die Kunst. Ständig reflektiert sie darüber und lässt den Leser daran teilhaben. So wird auch er in ihre Kunst hineingezogen, kann sich ihr nicht entziehen, will das gar nicht.

Nun steht sie vor einem neuen Projekt. Sie will sich heimlich überwachen lassen, weiß aber nicht, ob und wann das wirklich geschieht, und achtet demnach immer darauf. Die Frage entsteht, wer wen überwacht. Und so zieht sich der Bogen zu einem der aktuellsten Themen unserer Zeit: die heimliche und ständige Überwachung, die Aufzeichnung unser aller Leben, die da ist und auch nicht, die man nicht unmittelbar spürt oder sieht.

In diese Geschichte hineingeflochten ist Minnies Lebenslauf. Sie kam viel zu früh auf die Welt und wurde sofort mit der ständigen Überwachung konfrontiert. Da sie ein zartes und auch merkwürdiges Kind war, änderte sich daran nie etwas – immer war sie „überwacht“.

Nun steht sie also vor diesem großen Projekt, und sie bekommt einen Brief – gerade, als etwas Einschneidendes in ihrem Leben passiert, das dieses für immer verändern soll…

Dieser kurze Überblick wird dem Roman in keiner Weise gerecht. Er handelt grob von der Story, aber er beschreibt nicht, wie intensiv sich Minnie mit ihrem Leben und seiner Zurschaustellung auseinandersetzt. Oder ihre Gedanken darüber, ob Leben und Kunst verschmelzen können, oder ob das Leben nicht im Grunde ein einziger Performanceact ist. Oder die vielen Denkanstöße, die sie gibt.

Ganz zu schweigen davon, dass der Roman in eine Welt einführt, die zumindest dieser Leserin unbekannt ist: Die Kunstwelt, mit ihren skurrilen Charakteren und Ritualen, mit ihrer Suche nach etwas, man möchte es etwas „Echtes“ nennen, und ob dies dann Kunst sein kann. Dann führt er auch in eine andere Richtung, mit der ich nicht so viel anfangen kann, aber an die viele Menschen glauben, und der Leser kann für sich selbst entscheiden, ob er das annehmen möchte oder nicht.

Wie man meiner Leseliste entnehmen kann, bin ich nicht der größte Fan neuer Literatur, ich stehe ihr eher skeptisch gegenüber. Doch dieser Roman hat mich tief beeindruckt hinterlassen, und deswegen möchte ich gerne die Worte Cees Nootebooms aufgreifen: Also lesen Sie.

Lesen Sie diesen Roman und lassen Sie sich von dieser jungen Protagonistin und ihrer Geschichte überzeugen. Ich bin sicher, ich bin nicht die Einzige, die sehr glücklich ist, sie kennengelernt zu haben. Genießen Sie die Intensität, mit der Niña Weijers zu schreiben weiß, wie sie Ereignisse und vor allem Begegnungen zu beschreiben weiß, so dass man sich zum Beispiel dabei erwischt, Marina Abramović in die Augen zu schauen und an einem Kunstprojekt teilzunehmen.

Niña Weijers: Die Konsquenzen. Aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen. Suhrkamp Verlag Berlin 2016. OA: De consequenties. Uitgeverij Atlas Contact, Amsterdam 2014. 359 Seiten.

Ich danke dem Suhrkamp Verlag für das Rezensionsexemplar. Ein Video mit der Autorin Lesungstermine findet man auf der Verlagsseite.

Niña Weijers wurde 1987 in Nijmegen geboren. Sie studierte Literaturwissenschaften in Amsterdam und Dublin. Sie

Bild: suhrkamp.de

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gewann 2010 den Schreibwettbewerb Write Now! Ihr Debütroman De consequenties gewann mehrere Literaturpreise, 2015 stand er auf der Shortlist für den Libris-Literaturpreis. Niña Weijers schreibt Kolumnen und rezensiert Bücher für De Groene Amsterdammer, bei De Gids arbeitet sie als Redakteurin.

 

Buch #63: Nadine Gordimer – July`s Leute

„Warum kommen sie hierher? Warum zu uns?“ (S. 29)

Diese Frage stellt July`s Frau Martha ihm, als er in seinem Heimatdorf auftaucht und seine „weiße Familie“ mit sich bringt. Diese Familie ist die Familie Smales, bestehend aus Bam und Maureen, mit ihren drei Kindern Gina, Royce und Victor. Sie mussten aus der Stadt fliehen, da die Rassenunruhen, bei denen die Schwarzen die Macht übernehmen sollten, zu nahe kamen.julys leute

July, ihr Boy (so bezeichnet er sich selbst) hat sie in ihren Geländewagen gepackt und ist mit ihnen in sein Heimatdorf geflohen. Er hat ihnen die Hütte seiner Mutter gegeben und ein paar Sachen fürs tägliche Leben. Er hilft ihnen aus, bringt ihnen Tee oder Feuerholz. Er ist immer noch ihr Diener.

Nun ist die Familie Smales im Niemandsland gelandet, ein kleines Dorf mit ein paar Hütten, in dem sich die Menschen von dem kargen Land ernähren und mit dem, was sie haben, zurechtkommen. Sie jedoch sind völlig aufgeschmissen. Sie kennen die Pflanzen nicht, die Tiere nicht, haben kein Immunsystem, das das Flusswasser abwehren kann, und einer ihrer größten Besitztümer ist eine hastig auf der Flucht eingesteckte Rolle Toilettenpapier.

Doch sie richten sich ein. Ein Radio liefert spärliche Informationen über den Zustand in der Stadt, doch stets bleibt die Hoffnung bestehen, wieder zurückgehen zu können, dass dies nur ein vorübergehender Zustand ist, den man aussitzen kann. Doch es zieht Tag um Tag, Nacht um Nacht an ihnen vorbei, ohne, dass sich etwas an ihrer Situation ändert, ohne, dass es Neuigkeiten gibt.

Was sich ändert, sind die Personen. Die Kinder passen sich schnell an, freunden sich mit den Kindern des Stammes an und werden zu ihresgleichen. Anfangs noch mit Händen und Füßen, sprechen sie bald in einer Sprache, die sie alle verstehen, übersetzen auch für die Eltern. Sie verwildern, nehmen dieses neue Leben jedoch großenteils einfach hin.

Für ihre Eltern ist es schwieriger. Sie hatten immer von sich gedacht, tolerante Menschen zu sein, gut für ihre Angestellten zu sorgen. Keine abfälligen Worte fielen in ihrem Haus, sie „zeigten jedem Respekt“, gaben July Freiheiten und vertrauten ihm. Und nun vertrauen sie ihm ihr Leben an, sind vollkommen von ihm abhängig.

Am Anfang bleibt das Arbeitgeber-Arbeitnehmer- oder das Herr-und-Boy-Verhältnis noch einigermaßen bestehen. Doch je weiter die Zeit schreitet, desto weniger bleibt davon übrig. July übernimmt Aufgaben, Verantwortung und schließlich das Auto der Familie. Die Smales finden sich all dessen beraubt, was sie einst ausgemacht hat, und versinken in einer tiefen Sprachlosigkeit. Es gibt nichts zu besprechen, sie bleiben stumm, das Leben ist auf das Körperliche reduziert, und sie nehmen sich ganz anders wahr in der Welt.

Aber auch für Julys Familie bedeuten die Geschehnisse einen tiefen Umschwung. Er ist auf einmal immer da, wo er zuvor nur alle zwei Jahre zu Besuch kam. Er schickte Geld, das nun nicht mehr kommt, und seine Frau, die vorher an ihren Briefen feilte und nur die wirklich wichtigen Sachen mit ihm teilte, ist nun täglich mit ihm konfrontiert.

Nadine Gordimer hat mit ihrem schmalen Roman Julys`s Leute eine eindringliche Charakterstudie verfasst. Er handelt zwar von einer großen Revolution, einem großen Umbruch, aber das eigentliche Thema sind die Menschen, die davon betroffen sind. Sie nimmt Personen von beiden Seiten, die sich plötzlich mit einer umgekehrten Situation konfrontiert sehen und sich also mehr oder weniger in der Welt des jeweils anderen einrichten müssen.

Das geht nicht konfliktfrei über die Bühne, und diese Konflikte schildert Gordimer hier. Aber mehr noch schildert sie eine große Sprachlosigkeit, einen Zustand, der geprägt ist von Angst und Hoffnungslosigkeit, und wie auf einmal alles anders wird, alles anders wahrgenommen wird. July`s Leute ist ein karges Buch, ein Roman, der ganz dicht bei den Menschen ist, in dem nicht viel und doch alles geschieht. Ein Buch, das sich zu lesen lohnt.

Nadine Gordimer: July`s Leute. Aus dem Englischen von Margaret Carroux. Fischer Taschenbuchverlag, Frankfurt am Main, 1994. OA: July`s People. Jonathan Cape Ltd., London, 1981. 207 Seiten.

Photo: nobelprize.org

Photo: nobelprize.org

Nadine Gordimer wurde am 20. November 1923 in Springs, Transvaal, heute Gauteng (Südafrika), geboren. Ihre Romane, Erzählungen und Essays machten sie zu einer Autorin von Weltruf. Diese behandeln vor allem die südafrikanische Apartheidspolitik und deren Folgen für sowohl die schwarze als auch die weiße Bevölkerung. Sowohl in öffentlichen Auftritten als auch in ihren Werken setzte sie sich beharrlich für die Emanzipation der Schwarzen in ihrem Heimatland ein. Nadine Gordimer gilt als eine der wenigen modernen Autorinnen, denen es gelungen ist, politische Themen ohne ästhetische Einbuße in ihrem Werk zu verarbeiten. 1974 erhielt sie den Booker Prize, 1991 den Nobelpreis für Literatur. Sie starb am 13. Juli 2014 in Johannesburg.

Nederlandstalig! Tessa de Loo – Die Zwillinge

22052016155[1]Lotte bekommt von ihren Kindern einen Aufenthalt in Spa geschenkt, um ihre Arthrose zu lindern. Dort trifft sie unverhofft auf Anna – ihre Zwillingsschwester, die sie fast ein Leben lang nicht mehr gesehen hat. Anna ist glücklich, sie zu sehen, Lotte jedoch sträubt sich, die Vergangenheit heraufzubeschwören. Doch Anna bleibt konsequent, und unerbittlich entrollen sich zwei Lebensläufe, die vom gleichen Ursprung aus zwei vollkommen verschiedene Richtungen nehmen, einer in Deutschland, einer in den Niederlanden, einer unter den Nazis, einer im Widerstand, einer mit vielen Wunden, einer mit vielen Wunden.

Nachdem Annas und Lottes Vater verstorben ist, die Mutter war schon länger tot, werden die beiden Mädchen getrennt bei Verwandten untergebracht. Anna kommt in ein kleines katholisches Dorf zum Bruder ihres Vaters, Onkel Heinrich, der einen kleinen Bauernhof hat und froh ist, die Hilfe zu bekommen. Lotte, die wie ihr Vater unter Tuberkolose leidet, wird zu holländischen Verwandten gebracht, die sie pflegen können. Die Mädchen warten auf ein Wiedersehen, doch ihre Leben schieben sich vor ihre immer verschwommener werdenden Erinnerungen.

Anna, ein kluges und aufgewecktes Kind, bekommt keine Schulbildung, sie soll von früh bis spät auf dem Hof schuften. Unter der neuen Frau Onkel Heinrichs wird es richtig schlimm, so schlimm, dass irgendwann der Dorfpfarrer einschreitet und sie mitnimmt. Von hier an entspinnt sich ein Lebenslauf, der sie durch ganz Deutschland und nach Österreich führt, immer unter dem Eindruck vom Krieg und den Nazis, wovon sie im Grunde nichts versteht und immer versucht zu helfen.

Lotte hingegen wächst bei Sozialisten auf, und nach dem Überwinden ihrer Krankheit hat sie ein recht normales Leben, zwar mit einem sehr exzentrischen Vater, aber auch einer liebevollen Familie. Ihr Vater, Musikliebhaber, lässt alle möglichen Menschen, die seine Leidenschaft teilen, in ihrem Haus ein- und ausgehen, und so wächst Lotte unter Menschen auf, die etwas gemeinsam haben, das nichts mit Rasse oder Vorurteilen zu tun hat. Bis auch in den Niederlanden der Krieg ankommt und Leute anfangen zu verschwinden, und man sich für eine Seite entscheiden muss.

Vor der Kulisse Spas erzählen sich die Schwestern ihre Lebensläufe, Anna versucht, Lotte verstehen zu lassen, wie es für sie war, aber Lotte gibt sich blind. Für sie ist alleine die Tatsache, dass Anna Deutsche ist, genug, sie zu verurteilen. Aber nach und nach zeigt sich, dass Anna teuer dafür bezahlt hat und vielleicht nicht alles so einfach ist, wie es nach außen hin scheint…

Dies nur ein kurzer Einblick in einen Roman, der zwei komplexe Lebensläufe erzählt, anhand dessen zwei Länder im Krieg dargestellt werden. Das eine sieht sich ausschließlich als Opfer, das andere will die Täterrolle nicht komplett übernehmen, und in langen Gesprächen wird offenbar, dass das Urteil nicht ganz so leicht auszusprechen ist, wie man das gerne hätte.

Tessa de Loo hat mit Die Zwillinge einen wundervollen und wichtigen Roman über Schuld und Vergebung geschrieben, über Aufarbeitung, über Macht und Machtlosigkeit, und wie sehr man Kind der Umstände ist. Was man mit dieser Erkenntnis anstellt, bleibt einem selbst überlassen, aber das Nachdenken ist angestoßen.

Wer nicht nachdenken möchte, bekommt auf jeden Fall einen interessanten und spannenden Roman, in der die Zeit des Zweiten Weltkriegs anschaulich und in interessante Lebensgeschichten verpackt dargestellt wird. Tessa de Loo schildert zwei glaubhafte Lebensläufe, die, obwohl sie sich kaum berühren, doch immer wieder ineinander verschränkt werden. Durch die mehr oder weniger abwechselnde Erzählweise bleibt die Spannung erhalten, man möchte mehr erfahren, und zwar von beiden Geschichten.

Ich kann mir vorstellen, dass dies bei Erscheinen des Buches nicht jedem Leser gepasst haben mag, denn die Vorurteile der beiden Völker sind (oder vielleicht bald waren?) so, wie sie die beiden Figuren verkörpern. Tatsächlich hat der Roman in den Niederlanden viel Aufsehen erregt, und die Reaktionen waren durchaus zwiegespalten.

Dennoch: Nach der Lektüre hat sich vielleicht die eine oder andere Ansicht geändert. Und deshalb möchte ich diesen Roman jedem empfehlen, und sei es auch nur, weil es eine tolle Geschichte ist. Alles weitere möge jeder für sich selbst entdecken.Bild: ad.nl

Tessa de Loo: Die Zwillinge. Deutsch von Waltraud Hüsmert. btb, München. 1997. OA: De Tweeling. Uitgeverij De Arbeiderspers, Amsterdam. 1993. 478 Seiten.

Tessa de Loo wurde als Johanna Tineke Duyvené de Wit am 15. Oktober 1946 in Bussum, Niederlande, geboren. Sie war Lehrerin, bis sie 1983 die Erzählungen Die Mädchen von der Süßwarenfabrik veröffentlichte. Die Zwillinge bekam 1994 den Von-der-Gablentz-Preis und den Publieksprijs. Er wurde 2002 unter der Regie von Ben Sombogaart verfilmt, mit Thekla Reuten, Ellen Vogel, Nadja Uhl und Gudrun Okras in den Hauptrollen. Tessa de Loo lebt heute in Portugal.