Buch #22: David Mitchell – Der Wolkenatlas

Ich sagte es bereits und werde es immer wieder sagen: Ich liebe Dystopien! Und dieses Buch, von dem zumindest ich vorher noch nie etwas gehört habe, entpuppt sich als wahrer Schatz. (Ich glaube, viele von Euch haben es schon gelesen, aber Eure Rezensionen werde ich erst jetzt lesen, da ich unvoreingenommen an das Buch heran gehen wollte.)

Schon allein der Formenreichtum dieses Buches ist bemerkenswert. Es beginnt mit dem Tagebuch eines amerikanischen Notars, der im 19. Jahrhundert den Pazifik bereist. Von dort wird es übergeleitet – wobei übergeleitet schon zuviel gesagt ist, es wird unterbrochen und eine neue Geschichte beginnt – zu den Briefen eines jungen Komponisten an seinen Freund, einen Wissenschaftler.

Dieser Wissenschaftler versucht in der nächsten Geschichte, einer jungen Journalistin seine Dokumente zu übermitteln, die belegen, dass ein Atomkraftwerk nicht sicher ist; und er wird dies mit seinem Leben bezahlen. Ein Verleger wird diesen Fall als Manuskript bei sich haben, wenn er vor Verbrechern flieht und zwangsweise in ein Altersheim eingewiesen wird, aus dem er fliehen will.

Seine Geschichte wird als Verfilmung für die glücklichste Stunde im Leben einer koreanischen Klonin gelten, die modifiziert wurde und nun darum kämpft, „menschlich“ sein zu dürfen. Und zu guter Letzt wird eben diese Klonin als Göttin verehrt, wenn ein junger Ziegenhirt seine Erlebnisse mündlich wiedergibt, zur Zeit des „Falls der Menschheit“.

Tagebuch, Briefroman, Thriller, Komödie, Science-Fiction, Dystopie. Alles in einem Roman und auf grandiose Weise miteinander verknüpft, obwohl schätzungsweise 1000 Jahre Menschheitsgeschichte behandelt werden. Nicht nur haben die Personen alle ein verbindendes Merkmal, ihre Geschichten tauchen zu anderen Zeiten auch immer wieder auf.

Und auch diese Geschichten haben alle ein verknüpfendes Element. Denn sie handeln von Macht. Macht über andere, und der ewigen Gier nach mehr Macht. Die „Weißen“ haben die Macht über die anderen Völker. Ein junger Mann hat Macht über seinen Mäzen, der aber auch Macht über ihn ausübt. Der Energiekonzern hat die Macht, alle, die sich ihm in den Weg stellen, auszuradieren. Die Macht, andere (alte) Menschen gegen ihren Willen in Heimen festzuhalten und zu schikanieren.

Die Macht, Lebewesen zu erschaffen, sie zu versklaven und beliebig zu töten, wenn sie ihren Dienst erfüllt haben. Und schließlich die Macht, sich allein durch numerische Überlegenheit über andere Völker zu erheben und diese zu versklaven. Der Kreis schließt sich.

Aber all die Macht hat einen Preis. In der Zukunft ist jemand damit skrupellos umgegangen und hat die erste Atombombe der Neuzeit gezündet. Städte können nur noch unter Dächern existieren, Menschenkörper verwesen an der Luft und sind geschädigt. Das Leben nimmt eine andere Richtung: es ist kurz und vom Konsum bestimmt, Bildung ist nur noch für Auserwählte zu erhalten. Bis schließlich alles zusammenbricht und nur noch einzelne Stämme auf Inseln überleben. Die Uhr wurde zurückgedreht, es handelt sich wieder um eine Agrargesellschaft, die ihr Leben mit Tauschen bestreitet, und von wilden Stämmen bedroht wird.

Andere Überlebende, die noch Reste von Technologien haben, erscheinen fast als Götter mit ihrem Wissen, und doch können auch diese nichts ausrichten. Die Menschheit ist am Ende.

Nun stellt sich aber die Frage, ob sie das wirklich ist. Es gibt Überlebende, und auch wenn die Schriftkultur nicht mehr existiert, hat doch die mündliche Überlieferung überlebt. Es gibt Menschen, die ihr Wissen an andere weitergeben, die Begriffe von „richtig“ und „falsch“ haben, die warnen und versuchen, ein lebenswertes Leben zu führen. Und dies sollte doch eigentlich ein Indiz dafür sein, dass zwar die Welt der Technologie am Ende ist, des „immer höher, schneller, weiter“, aber dass der Kern der Menschheit doch überlebt. Und wer weiß, alles fängt wahrscheinlich von vorne an. Mit Forschungsreisen, mit Menschen, die sich über andere erheben, die die Macht wieder für sich entdecken und nicht damit umgehen können.

Dieses Buch hat mich nachhaltig beeindruckt und ist wohl eines jener Werke, die mich so schnell nicht loslassen werden. Es ist eine Reflexion über die Menschheit und was sie bedauerlicherweise zu großen Teilen ausmacht: Macht und wohin zu viel Macht führen kann. Es ist eine Warnung, das Ruder noch rumzureißen, sich nicht dem Konsum hinzugeben sondern sein Gehirn zu pflegen, sein Wissen zu erweitern und sich nicht einlullen zu lassen, stets aufmerksam zu bleiben und dagegen anzukämpfen, einigen wenigen die Entscheidungen zu überlassen. Und es ist auch eine Geschichte über Menschen, die genau das tun, über Mut und den Kampf, das Richtige zu tun.

All dies in einer bemerkenswerten Form. Die Geschichten bauen aufeinander auf und kulminieren in einem mündlichen Bericht, dann geht die Kurve wieder runter mit den Ausgängen der unterbrochenen Geschichten und endet im 19. Jahrhundert. Wobei ich hier eher eine Kurve wählen würde, die nach unten geht, die am tiefsten Punkt endet und dann wieder aufsteigt, zur jüngeren Vergangenheit und der Möglichkeit, noch etwas zu ändern.

Eine Perle ist dieses Buch, ein Roman, der zum Denken anregt und doch nie schwierig wird; die Geschichten sind humorvoll erzählt und es ist ein reines Vergnügen, sie zu lesen. Vielen Dank für die Tipps, dieses Buch zu wählen.

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31 Gedanken zu „Buch #22: David Mitchell – Der Wolkenatlas

  1. Ein tolles Buch. Ich habe den Tipp von einer Buchhändlerin aus Brooklyn bekommen, deren Lieblingsbuch das ist. („Word“ in Greenpoint, sehr tolle Buchhandlung). Im September erscheint bei Rowohlt sein neues Buch: „Die tausend Herbste des Jacob de Zoet“. Ich habe allerdings des Leseexemplar noch nicht gelesen. Es liegt neben meinem Bett auf dem to-do-Stapel. 😦

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  2. Eine tolle Rezension! Ich habe das Buch vor einigen Jahren sehr gerne gelesen und deine Eindrücke haben mir dabei geholfen noch einmal in die Geschichte einzutauchen … 🙂
    Auf den neuen Roman von David Mitchell freue ich mich bereits auch sehr!

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    • Vielen Dank 🙂 Ich habe heute ein wenig rumgesucht und doch eher zwiespältige bis negative Rezensionen gelesen, daher freue ich mich, dass es doch einige gibt, die das Buch so toll fanden wie ich 🙂
      Ich bin gespannt auf die Reaktionen, wenn der neue Roman kommt!

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      • Ich habe das Buch auch als eher experimentell und zumindest am Anfang auch etwas verwirrend in Erinnerung. Das schreckt vielleicht einige Leser ab. Ich habe es jedoch sehr gerne gelesen und freue mich schon jetzt auf das neue Buch!

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  3. Gestern war ich im Antiquariat und da lag das Buch tatsächlich im vordersten Regal. Ich hatte es sogar in Händen, weil ich ja wusste, dass du es gerade liest. Ich legte es aber wieder zurück, denn ich bin mir gar nicht sicher, ob das mein Lesegeschmack trifft. Trotzdem, deine Rezension ist toll und nun weiss ich zumindest, worum es eigentlich geht.

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    • Danke 🙂 Es ist etwas gewöhnungsbedürftig, vor allem der „mündliche“ Teil, aber es lohnt sich. Vielleicht kannst Du es ja irgendwann mal ausleihen und reinlesen, ich denke, den Versuch ist es wert!

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  4. Dear June,
    ich erreiche dich nicht per Mail, wünsche dir aber auf diesem Weg einen guten Sommertag.
    Sam
    p.s. Ich freue mich schon auf ein weiteres Buch in diesem Projekt.

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    • Ich vergesse immer, die Mails im Papierkorb zu löschen, und dann habe ich keinen Speicherplatz mehr 🙂 Sollte aber jetzt wieder klappen.
      Ich wünsche Dir ebenfalls einen schönen Sommertag,
      viele Grüße,
      June

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  5. Bin gerade auf deine Lese“aktion“ aufmerksam geworden. Finde ich sehr spannend… Ich bin auch ein Freak von Listen, aber das ist ja mal fast die Mutter aller Listen. Hut ab und ich wünsche viel Durchhaltevermögen!

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  6. Das klingt ja begeistert! Lustigerweise ist der Wolkenatlas das oberste Buch auf meinem Stapel. Ich habe es schon seit bestimmt einem Jahr, hab’s aber letztens erst auf den ‚jetzt-bald-wirklich-mal-lesen‘-Stapel gelegt, weil in ein paar Monaten die Verfilmung anläuft (der Trailer sieht super aus!) und ich vorher unbedingt das Buch lesen will.

    Da bin ich mal gespannt. Ich habe ja schon gehofft, dass mich das Buch begeistern könnte – aber nachdem ich Deine Rezension gelesen habe, bin ich jetzt fast ein bisschen aufgeregt. Mal gucken, wie schnell ich durch den armen Michael Frayn komme, den ich gerade lese und der gerade (ganz unverdient eigentlich) viel weniger attraktiv geworden ist.

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    • Ich habe den Trailer auch gesehen und fand, dass er gut aussieht. Aber ich bin mir nicht sicher, wie sie die Unterbrechungen hinbekommen, falls sie sie überhaupt mit reinnehmen. Ich würde auf jeden Fall empfehlen, das Buch zuerst zu lesen 🙂 Und ich wünsche viel Spaß dabei und hoffe, dass Du es genauso toll finden wirst, wie ich es fand!

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      • Ich hab gestern abend direkt noch angefangen, aber ich war ein bisschen unkonzentriert, und da ich nur die englische Ausgabe habe, bin ich nicht so weit gekommen. Aber trotzdem bin ich bisher sehr angetan =)

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    • Das freut mich, ich hoffe, viele Leute lesen es 🙂 Und ich glaube auch, dass der Film ein wenig schwer zu verstehen sein dürfte ohne die Buchvorlage. Allerdings weiß ich auch nicht genau, wie die Regisseure es genau umsetzen. Also, falls Du Lust hast, Dir den Film anzuschauen, würde ich zur vorhergehenden Lektüre raten (und auch ohne den Film) 🙂

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  7. Hallo juneautumn,
    ich habe das Buch jetzt auf Deutsch und English gelesen und bin auf der Suche nach Meinungen und Kommentaren auf deine Rezension gestoßen. Ob man Form und Stil mag, sei dahingestellt (ich finds Klasse), in jedem Fall ist deine Zusammenfassung des Themas (Macht) und wie diese im Roman entwickelt wird, ist eine der besten, die ich bisher gefunden habe. Danke sehr!

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  8. „Der Wolkenatlas“ steht schon seit geraumer Zeit auf meiner Leseliste. Es muss ein wahrlich gigantisches Werk sein. Das kam auch in deiner Rezi zum Vorschein. Die Verfilmung des Werks habe ich mir genau aus diesem Grund erstmal nicht angesehn, weil ich es einfach vorher lesen muss. =)

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    • Ich habe schon von mehreren Leuten gehört, dass die Verfilmung gut gelungen sei. Ich selber habe sie noch nicht gesehen, kann aber auf jeden Fall empfehlen, das Buch zuerst zu lesen, denn es ist wirklich großartig 🙂

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      • Ja, ich glaube auch, dass man bei solch großartigen Werken immer erst das Buch lesen und sich dann den Film ansehen sollte. Sonst ist man hinterher nur enttäuscht. =)

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  9. Großartiges Buch! Ich habe es auch gelesen, als der Hype um den Kinofilm losging. Den habe ich bisher noch nicht gesehen… kann mir nach dem Lesen aber auch gar nicht vorstellen, wie man das alles in so einen kurzen Film packen soll. Da muss ja unheimlich viel verloren gehen…

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  10. Habe das Buch vor ein paar Tagen ebenfalls beendet und etwas dazu geschrieben. Leider (oder zum Glück, jenachdem wie man es sieht) habe ich erst den Film gesehen und jetzt das Buch gelesen. Damit verschieben sich natürlich Eindrücke, aber andersherum gesagt, ohne Film wäre ich nie auf dieses Buch aufmerksam geworden.

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  11. Es ist ein unglaubliches Buch und ich kann mich gar nicht entscheiden, welche der Teilgeschichten meine am liebsten Gelesene ist! Gleich nachdem ich fertig war, habe ich mir noch zwei andere Bücher von David Mitchell gekauft, einfach, weil ich selten so begeistert war!
    Und tolle Rezension:)
    Liebe Grüße:)

    deinundmeinwunderland.wordpress.com

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    • Erstmal herzlich willkommen! Ja, das mit den Teilgeschichten kenne ich 🙂 Mir ging es ähnlich, ich habe relativ bald danach „Der dreizehnte Monat“ gelesen, eine wundervolle Coming-of-Age-Geschichte, die ich auch absolut empfehlen kann!
      Liebe Grüße zurück!

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      • Danke:) Ich bin großer Fan von Chaos, das war das erste Buch welches ich von Mitchell nach dem Wolkenatlas gelesen habe:)

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