Davide Longo – Der aufrechte Mann

Homo homini lupus.

 Italien im Jahr 2045. Die Grenzen sind gesperrt, die Bevölkerung ist eingeschlossen. Fernseh- und Radiosender laufen auf Endlosschleife, Zeitungen bekommt man, wenn überhaupt, erst Wochen später. Polizei und Militär existieren nicht mehr.

Leonardo, ehemaliger Literaturprofessor, 52 Jahre alt, hat sich nach einem Vorfall an der Universität vor acht Jahren in sein Elternhaus auf dem Land zurückgezogen. Er lebt dort allein, seine Frau hat ihn mit seiner Tochter verlassen damals. Benzin und gewisse Vorräte sind schwierig zu bekommen, und so sorgen die Dorfbewohner für alle, einer besorgt Benzin, ein anderer Öl, ein nächster Zigaretten. Die Gemeinschaft hält zusammen, hilft sich aus, doch einer nach dem anderen verlässt das Dorf und macht sich Richtung Grenze auf, in der Hoffnung, einen Passierschein zu bekommen.

Eines Tages steht Leonardos Frau vor der Tür, sie sagt, sie wolle ihren neuen Mann suchen, der verschollen ist. Er soll sich um die Tochter, Lucia, und ihren Sohn aus zweiter Ehe, Alberto, kümmern. Lucia ist sehr verschlossen ihm gegenüber, aber Alberto lebt vollkommen in sich zurückgezogen. Leonardo weiß nicht, was sie gesehen oder erlebt haben. Das Leben wird immer schwieriger, keinerlei Nachrichten erreichen das Dorf, die Banken schließen, Lebensmittel werden rar.

Und dann sind da die marodierenden Banden, die durchs Land ziehen, plündern und zerstören, vergewaltigen und morden. So wird auch Leonardos Haus geplündert, und er fühlt sich nutzlos, hat er es doch geschehen lassen und nichts dagegen unternommen. Doch er ist kein Kämpfer, und er sagt sich, unversehrt zu überleben ist wichtiger als die Dinge im Haus. Sie ziehen in das Haus eines Freundes, der das Dorf schon lange verlassen hat. Aber Leonardo weiß, hier können sie nicht bleiben.

Was nun beginnt, ist eine lange Odyssee Richtung Meer, in der Hoffnung, dort nach Frankreich übersetzen zu können. Es wird ein Marsch durch Kälte und Hunger, bei dem eine kleine Verletzung das Leben kosten kann. Die Menschen, die Waffen haben, haben das Recht. Und so wandern sie mit nicht mehr als den Kleidern am Leib dem Meer entgegen.

Gruppen haben sich zusammengeschlossen, in der Gemeinschaft ist man sicherer. Doch der Preis, den man bezahlen muss, um in die Gemeinschaft aufgenommen zu werden, ist hoch. Und dann gibt es die, die einfach wie ein Gebrauchsgegenstand behandelt, ihrer Menschlichkeit beraubt werden. Wie die Frauen. Will man sein Leben behalten, muss man Dinge aufgeben.

Sie treffen auf eine Gruppe, die so etwas wie einen neuen Jesus, einen neuen Heilsbringer hat. Die Methoden, die er anwendet, um seine Gefolgschaft unter Kontrolle zu halten, sind grausam, aber effektiv. Brot und Spiele sind immer noch funktionierende Hilfsmittel, um den Mob unter Kontrolle zu halten.

Leonardo aber versucht stets, seine Menschlichkeit zu behalten. Er ist ein friedfertiger Mensch, und doch ist er gezwungen, sich anzupassen. Er lernt dies auf grausame Weise. Er sieht das Licht aus so vielen Augen weichen, aber sein Licht will er behalten. Alles, was für ihn zählt, ist, Lucia in Sicherheit zu bringen.

Dieser Weg, den er gehen muss, ist mit Unmenschlichkeit gepflastert. Innerhalb kürzester Zeit scheint jegliche Zivilisation zum Teufel geschickt worden zu sein, und übrig bleibt nur das Animalische. Und so muss der Leser einen guten Magen mitbringen, will er diese Geschichte bis zum Ende verfolgen. Denn die schlimmsten Albträume werden wahr, homo homini lupus.

Es gibt Lichtblicke, Menschen, die sich Menschlichkeit bewahrt haben, die aber auch die leichtesten Opfer abgeben. Tiere, die sich an der Seite der Menschen durchkämpfen, mit ihnen und für sie. Stille Begleiter, die sich nicht beirren lassen.

Aber im Gegensatz zu der herrschenden Grausamkeit, zur kompletten Entmenschlichung, die ihnen überall entgegenschlägt, sind sie Tropfen auf einen heißen Stein. Tut man nicht besser daran, das Ich aufzugeben und mit allen Mitteln ums Überleben zu kämpfen? Oder sind die Tropfen, die Menschlichkeit, die Fürsorge, Freundschaft, das Mitgefühl, das, was einen am Ende am Weitesten bringt?

Dieser Roman hat mich viel gekostet. Es ist eines dieser Bücher, die ich nicht mehr vergessen werde. Longo lässt die schlimmsten Albträume wahr werden, er lässt zweifeln, ob die Zivilisation überhaupt eine Errungenschaft ist, und ob die Menschheit, wenn es nur ums pure Überleben geht, sie abwirft wie eine Haut und zum Wolf wird. Es bleibt zu hoffen, dass die Umstände nie so sein werden, dass wir es erfahren. Longo kreiert mit ruhiger Stimme eine Welt, die einen schaudern lässt, die sich tief unter die Haut gräbt. Diese Ruhe macht das Szenario umso beängstigender, der Leser kann Leonardos Verwirrung, seine Angst, aber auch sein Verlangen, sich nicht selbst aufzugeben, genau mitverfolgen und nachvollziehen. Er gibt dem Leser Leonardo als Körper, aber setzt ihn hinein, so dass er mit ihm beobachten und abwägen kann, was er als nächstes tut.

Wer Mut und einen guten Magen mitbringt, wird in diesem Buch einen großen Gewinn erfahren. Denn es wirft viele Fragen und Gedanken auf, auch, wie man sich selber stellt in seinem Leben. Es ist eine Dystopie, aber ist es? Das sollte jeder für sich herausfinden. Viel Glück.

Foto by Paolo Giagheddu

Foto by Paolo Giagheddu

Davide Longo wurde 1971 in Carmagnola im Piemont geboren. Er lebt in Turin und unterricht am Literaturinstitut Scuola Hlden. Neben Prosa verfasst er Hörspiele und Drehbücher für Kurzfilme.

Davide Longo: Der aufrechte Mann. Aus dem Italienischen von Barbara Kleiner. Rowohlt, 2012. 488 Seiten.

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Juli Zeh – Corpus Delicti. Ein Prozess

Juli Zeh wurde am 30. Juni 1974 in Bonn geboren, sie ist Juristin und Schriftstellerin.  Sie studierte Rechtswissenschaften in Passau, Krakau, New York und Leipzig, machte ein Praktikum bei der UNO. Schon vor dem Abschluss ihres Jurastudiums begann sie in Leipzig ein Studium am Deutschen Literaturinstitut, das sie 2000 abschloss. Sie engagiert sich gesellschaftlich und politisch, unter anderem ist der Datenschutz ein ihr wichtiges Thema. Zu den Literaturpreisen, die sie erhalten hat, gehören unter anderem der Per-Olov-Enquist-Preis und der Thomas-Mann-Preis.

Bild: Berliner Zeitung, 17.09. 2013

Bild: Berliner Zeitung, 17.09. 2013

Juli Zeh hat Corpus Delicti  im Deutschland des Jahres 2057 angesiedelt. Das Wichtigste ist den Menschen die Gesundheit. Sämtliche Krankheiten sind ausgerottet, Menschen kennen keinen Schmerz (wobei ich doch glauben würde, dass, solange es z.B. Türen und Tische gibt, Menschen sich die Ellenbogen oder Knie stoßen). Dies ist nur möglich, wenn man die Regeln befolgt, was bedeutet, dass man z.B. seinen täglichen vorgegebenen Trainingsplan absolviert. Tut man dies nicht, macht man sich strafbar. Ebenso macht man sich strafbar, wenn man in den Wald geht, der ist nun eine gesperrte Zone (zu gefährlich), am Fluss sitzt (zu gefährlich), und ein Kapitalverbrechen wäre dann das Rauchen einer Zigarette, vor allem im Wald, im Fluss.

Diese Gefahr reizte Moritz Holl, der nicht genug kriegen konnte von der sauberen frischen Lust im Wald, und sogar seine Schwester Mia oft dorthin mitnahm. Moritz, der Draufgänger, zeigte Mia, der rationalen Naturwissenschaftlerin, dass es mehr im Leben gibt als die Regeln zu befolgen, und dass man bei Nichtbefolgen nicht sofort tot umfällt.

Mia, in dem System aufgewachsen, glaubt aber daran. Sie glaubt, dass es den Menschen so besser geht. Auch wenn man dafür auf Dinge verzichten muss, wie Blumen, die nun mit den entsprechenden Duftstoffen angesprühte Plastikblumen sind. Oder dass man sich damit arrangieren muss, nur mit einem Partner zusammenleben zu dürfen, dessen Immunsystem mit dem eigenen kompatibel ist. Sie glaubt, dass seien kleine Preise, kleine Einschränkungen, die man für ein Gesellschaftssystem bezahlt, das schließlich nur das Beste für die Menschen will und tut. Für die „Methode“, die als unfehlbar gilt.

Doch dann bringt Moritz sich um. Er wurde des Mordes für schuldig befunden, seine DNA wurde am Opfer nachgewiesen. Er beteuerte seine Unschuld, doch niemand glaubte ihm. Schließlich folgte er auch nicht immer der „Methode“, sondern ging Risiken ein, und die „Methode“ ist unfehlbar – sowohl bei den Regeln als auch bei den Beweisen, wenn sie seine Schuld feststellt, ist er schuldig.

Doch Mia verzweifelt am Tod ihres Bruders, folgt nicht mehr den Instruktionen, weist nicht ihr Training nach und die Maßnahmen, die sie erfüllen muss. Stattdessen ist sie traurig, abwesend, und, dank ihres Bruders, hat sie eine imaginäre Freundin, an der sie Ideen austestet. Ideen, die der „Methode“ gar nicht gefallen würden. Und so landet Mia vor Gericht, das erste Mal allerdings wegen nicht erfüllter Trainingspläne, sie hat ihre oberste Bürgerpflicht nicht erfüllt.

Aber Mia fordert eine Zeit für sich, eine Zeit zu trauern. Und so landet sie erneut vor Gericht. Sie bekommt einen Anwalt, der ihr wirklich helfen will, da auch er nicht „normal“ ist, liebt er doch eine Frau, deren Immunsystem nicht zu seinem passt. Und er findet eine unglaubliche Wahrheit heraus: Moritz ist unschuldig, da er als Kind eine Knochenmarkstransplantation erhalten hat und somit fremde DNA.

Es ist, als bebe die Welt. Menschen fangen an zu zweifeln, stellen sich auf Mias Seite, das System gerät in Gefahr. Doch das kann auf keinen Fall passieren. Aber dann gibt es ja auch die Menschen, die nach wie vor daran glauben, dass die „Methode“ die beste aller Möglichkeiten sei, und sie deshalb aggressiv verteidigen. Allen voran der attraktive Reporter mit dem sprechenden Namen Heinrich Kramer… g-zeh-corpus

Juli Zeh hat mit Corpus Delicti eine Dystopie verfasst, die nicht in allzu weiter Zukunft liegt, deren Anfang schon in der Gesellschaft implementiert ist. Der Idealkörper ist für viele Menschen das Wichtigste auf der Welt, wer die Idealmaße nicht besitzt, ist zu faul, Sport zu machen. Wer keinen Spaß am Sport hat, ist ja nur zu faul. Wer nicht täglich nur mit den frischesten Sachen kocht, ist nur zu faul. Verbote für alles, was dem Körper schadet, werden diskutiert oder sind schon durchgeführt. Wer sich einmal schadet, braucht kein Mitleid zu erwarten.

Die Überwachung ist nur einen Schritt entfernt. Auch wenn das heute noch als „schick“ angesehen wird, weil man zeigt, dass man sich die Geräte leisten kann, die dann sämtliche Körperfunktionen an einen anonymen Rechner und damit ins Datenparadies sendet. Datenspeicherung ist nicht gewollt, aber jeder soll sehen, wie toll man heute z.B. gelaufen ist. Schicken wirs über Twitter an die Welt.

Die Entwicklung ist beängstigend, und Juli Zeh legt genau den Finger darauf. Sie zwingt dazu, sich damit auseinander zu setzen, was man will. Denn früher oder später muss man eine Entscheidung treffen. Entweder man ist ein gläserner Mensch und sendet alles in die Welt hinaus, und dann muss man mit der Überwachung rechnen. Oder man ist nicht durchsichtig, sendet nicht alles in die Welt, nimmt aber in Kauf, dass man weniger Sicherheit hat. Man kann nicht Beides haben. Und gerade bei den ganzen Diskussionen der letzten Wochen, Monate und Jahre sollte man sich diese Fragen stellen.

Und unbedingt dieses Buch lesen, das man vielleicht in einem Rutsch durchliest, dann aber noch lange mit sich herumträgt. Wenn nicht im Positiven, so doch im aufrüttelnden Sinne.

Juli Zeh: Corpus Delicti. Ein Prozess. Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2009. 264 Seiten.

 

Margaret Atwood – Oryx und Crake

Erster Teil der MadAddam-Trilogie

„Alles, was es braucht“, sagte Crake, „ist die Beseitigung einer einzigen Generation. Einer Generation von allem. Käfer, Bäume, Mikroben, Wissenschaftler, Leute mit Französischkenntnissen, was auch immer. Wenn man das zeitliche Bindeglied zwischen einer Generation und der nächsten unterbricht, heißt es für immer: Spiel aus.“ (S.229/230)

Wie es scheint, ist genau das passiert in Margaret Atwoods erstem Teil einer dystopischen Trilogie, die keinen Leser unberührt lassen kann. Wir befinden uns in einer nahen Zukunft, die aus der Sichtweise von Schneemensch beschrieben wird. Schneemensch hatte früher einen anderen Namen, aber der ist jetzt unwichtig geworden. Jetzt: das ist die Zeit nach der großen Katastrophe. Nach dem Ausbruch des Virus, das für die Vernichtung der Menschheit gesorgt hat. Schneemensch hat überlebt, aber er ist alleine.

Margaret-Atwood-Oryx-und-CrakeNun ja, nicht ganz alleine. Die Craker sind noch bei ihm. Dies sind genetisch veränderte Menschen, sie sind allerdings eher wie Kinder. Völlig unbedarft, da ihre Aggressionen beseitigt wurden, sie keinen Sexualtrieb besitzen, nichts von Konkurrenzdenken wissen und keine Vorstellung von Bösartigkeit haben. Schneemensch passt auf sie auf, denn diese Welt, wenngleich eine Welt ohne Menschen, ist dennoch eine gefährliche Welt.

Zum Beispiel gibt es Organschweine, Schweine, die genetisch so verändert wurden, dass sie Organe hervorbringen. Nun, Schweine sind aber noch nie dumme Tiere gewesen, und dies wurde nicht verändert. So haben sie sich einen Lebensraum erobert und verteidigen diesen auch. Überhaupt scheint es keine „normalen“ Tiere mehr zu geben, dafür aber leuchtende Hasen oder süße Wakunks (Waschbär – Skunk, Stinktier), aber auch Hunölfe, mit denen nicht zu spaßen ist.

Am Anfang der Geschichte verbraucht Snowman seine letzten Vorräte. Daher begibt er sich auf die sehr gefahrvolle Reise zum RejoovenEsense-Komplex, wo er Lebensmittel, Sonnencreme und eine Pistole zu finden hofft. Gefahren drohen nicht nur von wilden Tieren, auch das tägliche Unwetter und die erbarmungslos brennende Sonne, vor der keine Ozonschicht mehr ist,  sorgen für Probleme.  Während dieser Handlungsstrang sich weiterentwickelt, wirft Snowman immer wieder Rückblenden ein auf die Zeit „davor“.

So erfährt man, dass Snowman als Jimmy geboren wurde und in einer durchaus privilegierten Lage aufwuchs. Sein Vater war Wissenschaftler und lebte in einem der Komplexe, der die privilegierten Teile der Menschheit beherbergte. Der andere Teil lebte im „Plebsland“, Außenbezirke, die zwar den größten Teil der Menschheit beherbergten, aber sehr geringe Sicherheit versprachen. Alles und jeder war im Plebsland Freiwild.

Diese Welt entstand nach einer Reihe von Klimakatastrophen, aber Jimmy wächst damit auf, er hat nie eine andere Welt kennengelernt, verschlingt jedoch leidenschaftlich alles darüber, wie die „Welt mal war“. Dann wird sein Leben allerdings schwierig: seine Mutter verschwindet. Sie ist eine Aktivistin und protestiert gegen die von Menschenhand gemachten Katastrophen, die all der „Fortschritt“ mit sich gebracht hat. Man kann sich ein neues Gesicht oder einen Satz neuer Organe besorgen, aber einen Apfel vom Baum pflücken und essen, das ist Vergangenheit.

Sie ist also weg, und diese Tatsache macht Jimmy zum Außenseiter. Er ist schüchtern und keins von den hyperehrgeizigen Kindern, die neben ihm im Komplex aufwachsen. Doch eines Tages zieht ein neuer Junge in den Komplex: Glenn. Sie freunden sich an, sollen tatsächlich für den Rest ihres Lebens Freunde bleiben. Sie machen, was Jugendliche ihrer Zeit so tun: Pornos gucken, oder Nackt-Nachrichten, oder Hinrichtungen, oder Pädophilie-Videos. All dies ist nämlich normal in der Welt geworden, alles ist verfügbar, jederzeit, und daher auch nicht mehr so richtig aufregend, so scheinen es die Jungen zumindest zu empfinden.

Eines Tages sehen die beiden einen Kinderporno, in dem ein junges Mädchen zu sehen ist. Jimmy nennt sie Oryx. Beide Jungs bewahren sich ein Bild von ihr auf, Jimmy vergleicht sein Leben lang jede Frau mit ihr. Er weiß allerdings nicht, dass auch Glenn dies so sieht.

Ein sehr beliebtes Spiel vor allem von Glenn ist das Computerspiel „Extinctaton“, in dem es um ausgestorbene Tier- und Pflanzenarten geht. Glenn ist geradezu besessen von diesem Spiel, bald gehört er zu den Großmeistern. Hier nennt er sich Rednecked Crake, weswegen er für Jimmy immer nur noch Crake sein wird. Im Spiel gibt es eine zweite Ebene, die von einer Gruppe namens MadAddam betrieben wird. Hier erfährt man die Nachrichten, die sonst nirgendwo zu erhalten sind, „zur Sicherheit“, natürlich.

Es stellt sich heraus, dass die Sache mit den genetischen Spielereien nicht immer so gut läuft, dass es doch Viren gibt, die ganze Menschengruppen vernichten, dass es Proteste gibt, die nicht erfolgreich niedergeschlagen werden, dass aber Protestanten sehr oft „Unfälle“ haben. Es scheint, dass MadAddam dies zeigen und bekämpfen will.

Irgendwann gehen die beiden Jungs auf College, Jimmy in eine viertklassige Absteige, an der er „Problematiken“ studiert, was in etwa einem Linguistikstudium gleichkommt. Dies hat im Laufe der Jahre nicht an Prestige gewonnen, und so dient dieses Studium im Grunde nur noch dazu, „Werbemenschen“ hervorzubringen. Crake hingegen geht auf eine Elite-Uni und wird Bioingenieur. Nach seinem Studium arbeitet er als sehr angesehener Wissenschaftler in einem geheimen Labor, einer Einheit namens Paradice. Hier erschafft er die Craker.

Jimmy hangelt sich mehr oder weniger durch sein Studium, und auch sein erster Job ist kein großes Vergnügen. Da meldet sich Crake bei ihm und bietet ihm einen Job bei sich an: Er soll die Vermarktung für die BlyssPluss-Pille übernehmen, die das Leben angeblich verlängert. Das Produkt läuft äußerst erfolgreich… Und dann taucht Oryx  auf, sie arbeitet ebenso für die Abteilung…

Oryx und Crake hat mich sehr beeindruckt. Auch wenn es einigermaßen viel ist, das man verdauen und umsetzen muss, hat die Welt, die Margaret Atwood geschaffen (oder doch nur weitergeführt?!) hat, immer klar vor meinem inneren Auge gestanden. Sie hat mich mit sehr viel Stoff zum Nachdenken versorgt, auch wenn ich eher auf ihrer Seite bin und denke, dass der Fortschritt sich selbst überholt und irgendwann keiner mehr den Überblick behält.

Crake denkt, dass die Tiere und Pflanzen nur eine reelle Chance haben ohne den Menschen, und er ergreift drastische Maßnahmen. Hierbei kann ich seine Gedankengänge nachvollziehen. Was mir aber völlig fern liegt, sind seine Beweggründe für die Kreation von neuen Menschen bzw. genetischen Reduktion von den vorhandenen. Diese Menschen kommen mir wie Puppen vor, und ich würde sie nicht als Menschen bezeichnen. Denn alle Eigenschaften, die Crake herausprogrammiert hat, sind in meinen Augen die, die das Menschsein ausmachen, positiv wie negativ. Wenn man Wissensdurst, Neugierde, aber auch den Selbsterhaltungs- und Sexualtrieb wegprogrammiert, ja, und auch die Aggressionen oder den Religionswahn oder was es sonst noch alles gibt, was bleibt dann übrig vom Menschen? (Wobei er vielleicht beim Religionswahn nicht ganz unrecht hat.)

Es handelt sich um einen Roman, der viele Fragen aufwirft und bei Weitem nicht alle beantwortet, gerade deshalb aber ungemein intensiv ist. Für Dystopieliebhaber ohnehin ein Muss, würde ich den Roman aber auch jedem empfehlen, der nicht nur Kuschelliteratur liest, zum Einen aufgrund seiner Thematik, zum Anderen wegen der wie immer großartigen Sprache Atwoods und der unglaublich klaren Vision, die sie uns von einer möglichen Zukunft vermittelt.

Margaret Atwood: Oryx und Crake. Deutsch von Barbara Lüdemann. Berlin Taschenbuch Verlag, 2003. 381 Seiten.

Eine weitere Besprechung gibt es hier.

Zum zweiten Teil, Das Jahr der Flut.

Buch #22: David Mitchell – Der Wolkenatlas

Ich sagte es bereits und werde es immer wieder sagen: Ich liebe Dystopien! Und dieses Buch, von dem zumindest ich vorher noch nie etwas gehört habe, entpuppt sich als wahrer Schatz. (Ich glaube, viele von Euch haben es schon gelesen, aber Eure Rezensionen werde ich erst jetzt lesen, da ich unvoreingenommen an das Buch heran gehen wollte.)

Schon allein der Formenreichtum dieses Buches ist bemerkenswert. Es beginnt mit dem Tagebuch eines amerikanischen Notars, der im 19. Jahrhundert den Pazifik bereist. Von dort wird es übergeleitet – wobei übergeleitet schon zuviel gesagt ist, es wird unterbrochen und eine neue Geschichte beginnt – zu den Briefen eines jungen Komponisten an seinen Freund, einen Wissenschaftler.

Dieser Wissenschaftler versucht in der nächsten Geschichte, einer jungen Journalistin seine Dokumente zu übermitteln, die belegen, dass ein Atomkraftwerk nicht sicher ist; und er wird dies mit seinem Leben bezahlen. Ein Verleger wird diesen Fall als Manuskript bei sich haben, wenn er vor Verbrechern flieht und zwangsweise in ein Altersheim eingewiesen wird, aus dem er fliehen will.

Seine Geschichte wird als Verfilmung für die glücklichste Stunde im Leben einer koreanischen Klonin gelten, die modifiziert wurde und nun darum kämpft, „menschlich“ sein zu dürfen. Und zu guter Letzt wird eben diese Klonin als Göttin verehrt, wenn ein junger Ziegenhirt seine Erlebnisse mündlich wiedergibt, zur Zeit des „Falls der Menschheit“.

Tagebuch, Briefroman, Thriller, Komödie, Science-Fiction, Dystopie. Alles in einem Roman und auf grandiose Weise miteinander verknüpft, obwohl schätzungsweise 1000 Jahre Menschheitsgeschichte behandelt werden. Nicht nur haben die Personen alle ein verbindendes Merkmal, ihre Geschichten tauchen zu anderen Zeiten auch immer wieder auf.

Und auch diese Geschichten haben alle ein verknüpfendes Element. Denn sie handeln von Macht. Macht über andere, und der ewigen Gier nach mehr Macht. Die „Weißen“ haben die Macht über die anderen Völker. Ein junger Mann hat Macht über seinen Mäzen, der aber auch Macht über ihn ausübt. Der Energiekonzern hat die Macht, alle, die sich ihm in den Weg stellen, auszuradieren. Die Macht, andere (alte) Menschen gegen ihren Willen in Heimen festzuhalten und zu schikanieren.

Die Macht, Lebewesen zu erschaffen, sie zu versklaven und beliebig zu töten, wenn sie ihren Dienst erfüllt haben. Und schließlich die Macht, sich allein durch numerische Überlegenheit über andere Völker zu erheben und diese zu versklaven. Der Kreis schließt sich.

Aber all die Macht hat einen Preis. In der Zukunft ist jemand damit skrupellos umgegangen und hat die erste Atombombe der Neuzeit gezündet. Städte können nur noch unter Dächern existieren, Menschenkörper verwesen an der Luft und sind geschädigt. Das Leben nimmt eine andere Richtung: es ist kurz und vom Konsum bestimmt, Bildung ist nur noch für Auserwählte zu erhalten. Bis schließlich alles zusammenbricht und nur noch einzelne Stämme auf Inseln überleben. Die Uhr wurde zurückgedreht, es handelt sich wieder um eine Agrargesellschaft, die ihr Leben mit Tauschen bestreitet, und von wilden Stämmen bedroht wird.

Andere Überlebende, die noch Reste von Technologien haben, erscheinen fast als Götter mit ihrem Wissen, und doch können auch diese nichts ausrichten. Die Menschheit ist am Ende.

Nun stellt sich aber die Frage, ob sie das wirklich ist. Es gibt Überlebende, und auch wenn die Schriftkultur nicht mehr existiert, hat doch die mündliche Überlieferung überlebt. Es gibt Menschen, die ihr Wissen an andere weitergeben, die Begriffe von „richtig“ und „falsch“ haben, die warnen und versuchen, ein lebenswertes Leben zu führen. Und dies sollte doch eigentlich ein Indiz dafür sein, dass zwar die Welt der Technologie am Ende ist, des „immer höher, schneller, weiter“, aber dass der Kern der Menschheit doch überlebt. Und wer weiß, alles fängt wahrscheinlich von vorne an. Mit Forschungsreisen, mit Menschen, die sich über andere erheben, die die Macht wieder für sich entdecken und nicht damit umgehen können.

Dieses Buch hat mich nachhaltig beeindruckt und ist wohl eines jener Werke, die mich so schnell nicht loslassen werden. Es ist eine Reflexion über die Menschheit und was sie bedauerlicherweise zu großen Teilen ausmacht: Macht und wohin zu viel Macht führen kann. Es ist eine Warnung, das Ruder noch rumzureißen, sich nicht dem Konsum hinzugeben sondern sein Gehirn zu pflegen, sein Wissen zu erweitern und sich nicht einlullen zu lassen, stets aufmerksam zu bleiben und dagegen anzukämpfen, einigen wenigen die Entscheidungen zu überlassen. Und es ist auch eine Geschichte über Menschen, die genau das tun, über Mut und den Kampf, das Richtige zu tun.

All dies in einer bemerkenswerten Form. Die Geschichten bauen aufeinander auf und kulminieren in einem mündlichen Bericht, dann geht die Kurve wieder runter mit den Ausgängen der unterbrochenen Geschichten und endet im 19. Jahrhundert. Wobei ich hier eher eine Kurve wählen würde, die nach unten geht, die am tiefsten Punkt endet und dann wieder aufsteigt, zur jüngeren Vergangenheit und der Möglichkeit, noch etwas zu ändern.

Eine Perle ist dieses Buch, ein Roman, der zum Denken anregt und doch nie schwierig wird; die Geschichten sind humorvoll erzählt und es ist ein reines Vergnügen, sie zu lesen. Vielen Dank für die Tipps, dieses Buch zu wählen.