Juli Zeh – Corpus Delicti. Ein Prozess

Juli Zeh wurde am 30. Juni 1974 in Bonn geboren, sie ist Juristin und Schriftstellerin.  Sie studierte Rechtswissenschaften in Passau, Krakau, New York und Leipzig, machte ein Praktikum bei der UNO. Schon vor dem Abschluss ihres Jurastudiums begann sie in Leipzig ein Studium am Deutschen Literaturinstitut, das sie 2000 abschloss. Sie engagiert sich gesellschaftlich und politisch, unter anderem ist der Datenschutz ein ihr wichtiges Thema. Zu den Literaturpreisen, die sie erhalten hat, gehören unter anderem der Per-Olov-Enquist-Preis und der Thomas-Mann-Preis.

Bild: Berliner Zeitung, 17.09. 2013

Bild: Berliner Zeitung, 17.09. 2013

Juli Zeh hat Corpus Delicti  im Deutschland des Jahres 2057 angesiedelt. Das Wichtigste ist den Menschen die Gesundheit. Sämtliche Krankheiten sind ausgerottet, Menschen kennen keinen Schmerz (wobei ich doch glauben würde, dass, solange es z.B. Türen und Tische gibt, Menschen sich die Ellenbogen oder Knie stoßen). Dies ist nur möglich, wenn man die Regeln befolgt, was bedeutet, dass man z.B. seinen täglichen vorgegebenen Trainingsplan absolviert. Tut man dies nicht, macht man sich strafbar. Ebenso macht man sich strafbar, wenn man in den Wald geht, der ist nun eine gesperrte Zone (zu gefährlich), am Fluss sitzt (zu gefährlich), und ein Kapitalverbrechen wäre dann das Rauchen einer Zigarette, vor allem im Wald, im Fluss.

Diese Gefahr reizte Moritz Holl, der nicht genug kriegen konnte von der sauberen frischen Lust im Wald, und sogar seine Schwester Mia oft dorthin mitnahm. Moritz, der Draufgänger, zeigte Mia, der rationalen Naturwissenschaftlerin, dass es mehr im Leben gibt als die Regeln zu befolgen, und dass man bei Nichtbefolgen nicht sofort tot umfällt.

Mia, in dem System aufgewachsen, glaubt aber daran. Sie glaubt, dass es den Menschen so besser geht. Auch wenn man dafür auf Dinge verzichten muss, wie Blumen, die nun mit den entsprechenden Duftstoffen angesprühte Plastikblumen sind. Oder dass man sich damit arrangieren muss, nur mit einem Partner zusammenleben zu dürfen, dessen Immunsystem mit dem eigenen kompatibel ist. Sie glaubt, dass seien kleine Preise, kleine Einschränkungen, die man für ein Gesellschaftssystem bezahlt, das schließlich nur das Beste für die Menschen will und tut. Für die „Methode“, die als unfehlbar gilt.

Doch dann bringt Moritz sich um. Er wurde des Mordes für schuldig befunden, seine DNA wurde am Opfer nachgewiesen. Er beteuerte seine Unschuld, doch niemand glaubte ihm. Schließlich folgte er auch nicht immer der „Methode“, sondern ging Risiken ein, und die „Methode“ ist unfehlbar – sowohl bei den Regeln als auch bei den Beweisen, wenn sie seine Schuld feststellt, ist er schuldig.

Doch Mia verzweifelt am Tod ihres Bruders, folgt nicht mehr den Instruktionen, weist nicht ihr Training nach und die Maßnahmen, die sie erfüllen muss. Stattdessen ist sie traurig, abwesend, und, dank ihres Bruders, hat sie eine imaginäre Freundin, an der sie Ideen austestet. Ideen, die der „Methode“ gar nicht gefallen würden. Und so landet Mia vor Gericht, das erste Mal allerdings wegen nicht erfüllter Trainingspläne, sie hat ihre oberste Bürgerpflicht nicht erfüllt.

Aber Mia fordert eine Zeit für sich, eine Zeit zu trauern. Und so landet sie erneut vor Gericht. Sie bekommt einen Anwalt, der ihr wirklich helfen will, da auch er nicht „normal“ ist, liebt er doch eine Frau, deren Immunsystem nicht zu seinem passt. Und er findet eine unglaubliche Wahrheit heraus: Moritz ist unschuldig, da er als Kind eine Knochenmarkstransplantation erhalten hat und somit fremde DNA.

Es ist, als bebe die Welt. Menschen fangen an zu zweifeln, stellen sich auf Mias Seite, das System gerät in Gefahr. Doch das kann auf keinen Fall passieren. Aber dann gibt es ja auch die Menschen, die nach wie vor daran glauben, dass die „Methode“ die beste aller Möglichkeiten sei, und sie deshalb aggressiv verteidigen. Allen voran der attraktive Reporter mit dem sprechenden Namen Heinrich Kramer… g-zeh-corpus

Juli Zeh hat mit Corpus Delicti eine Dystopie verfasst, die nicht in allzu weiter Zukunft liegt, deren Anfang schon in der Gesellschaft implementiert ist. Der Idealkörper ist für viele Menschen das Wichtigste auf der Welt, wer die Idealmaße nicht besitzt, ist zu faul, Sport zu machen. Wer keinen Spaß am Sport hat, ist ja nur zu faul. Wer nicht täglich nur mit den frischesten Sachen kocht, ist nur zu faul. Verbote für alles, was dem Körper schadet, werden diskutiert oder sind schon durchgeführt. Wer sich einmal schadet, braucht kein Mitleid zu erwarten.

Die Überwachung ist nur einen Schritt entfernt. Auch wenn das heute noch als „schick“ angesehen wird, weil man zeigt, dass man sich die Geräte leisten kann, die dann sämtliche Körperfunktionen an einen anonymen Rechner und damit ins Datenparadies sendet. Datenspeicherung ist nicht gewollt, aber jeder soll sehen, wie toll man heute z.B. gelaufen ist. Schicken wirs über Twitter an die Welt.

Die Entwicklung ist beängstigend, und Juli Zeh legt genau den Finger darauf. Sie zwingt dazu, sich damit auseinander zu setzen, was man will. Denn früher oder später muss man eine Entscheidung treffen. Entweder man ist ein gläserner Mensch und sendet alles in die Welt hinaus, und dann muss man mit der Überwachung rechnen. Oder man ist nicht durchsichtig, sendet nicht alles in die Welt, nimmt aber in Kauf, dass man weniger Sicherheit hat. Man kann nicht Beides haben. Und gerade bei den ganzen Diskussionen der letzten Wochen, Monate und Jahre sollte man sich diese Fragen stellen.

Und unbedingt dieses Buch lesen, das man vielleicht in einem Rutsch durchliest, dann aber noch lange mit sich herumträgt. Wenn nicht im Positiven, so doch im aufrüttelnden Sinne.

Juli Zeh: Corpus Delicti. Ein Prozess. Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2009. 264 Seiten.

 

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8 Gedanken zu „Juli Zeh – Corpus Delicti. Ein Prozess

  1. Pingback: [1001 Bücher] Juli Zeh – Corpus Delicti. Ein Prozess - #Literatur | netzlesen.de

  2. Juli Zehs Roman gibt wirklich sehr zu denken, wie wir mit unseren Daten umgehen. Und dabei sind sicherlich die Gesundheitsdaten noch einmal ein Thema für sich. Dazu passt sehr gut, dass in dieser Woche die HUK-Coburg-Krankenversicherung bekannt gegeben hat, dass sie Kunden, die nachprüfbar etwas für ihre Gesund tun, mit günstigeren Traifen belohnen möchte. Wenn die HUK damit startet, dann werden die anderen nachziehen. Zwar sind es erst einmal nur die privaten Krankenversicherungen, die solche Angebote am Markt platzieren, aber ein Anfang ist damit gemacht. Und so dringt der Gedanke, wir könnten alle ewig jung und vor allem ewig gesund bleiben, wenn wir nur selbst genug dazu beitragen, Schritt für Schritt immer tiefer in die Gesellschaft – ganz ohne eine Regierung, die dies beschließt. Das ist mehr als erschreckend. Also findet hoffentlich Juli Zehs Roman ganz viele Leserinnen und Leser!
    Viele Grüße, Claudia

    Gefällt 2 Personen

    • Hallo Claudia,
      ich bin froh, dass Du das ähnlich siehst 🙂
      Bei der AOK bekommt man zwar noch keine günstigeren Tarife, aber wenn man bestimmte Dinge nachweist, bekommt man Boni, also das System ist schon länger da. Und ich denke auch, dass das das Gefährliche an der Sache ist: Menschen werden mit ein paar Euro Gutschrift dazu gebracht, mit Freuden alles aufzugeben. Ich verstehe den Aspekt des nicht einmal darüber Nachdenkens nicht so ganz, aber so ist die Welt wohl. Man kann nicht genug darauf aufmerksam machen. Sich über die Regierung aufzuregen und über die NSA, ist meiner Meinung nach irrelevant, da – falls es noch nicht so ist – es bald so sein wird, dass man alles freigibt. Ich denke da an Lichtschalter, die sagen, wie lange man zu Hause ist, oder Kühlschränke, die senden, was drin steht und was verbraucht wurde. Das macht mir tatsächlich mehr Angst als ein Terrorangriff. Wobei die mir auch Angst machen.
      Aber grundsätzlich sollte man zumindest mal anfangen, Leute aufmerksam zu machen, und dazu trägt der Roman definitiv bei!
      Viele Grüße und schöne Rest-Pfingsten!

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  3. Corpus Delicti ist ein großartiges Buch, deine Rezension macht Lust den Roman noch mal zu lesen.

    Wir befinden wir uns mit den den ganzen Krankenkassen-Belohnprogrammenen und den beifallheischenden Zurschau-Stellungen unserer sportlichen Leistungen in dem was Byung-Chul Han beschrieben hat als dem Übergang von der Negativität des Sollens zur weitaus effektiveren Positivität des Könnens. An die Stelle von Verbot, Gebot oder Gesetz treten Projekt, Initiative und Motivation.

    Und wer würde sich schon wagen was zu sagen, wenn es doch um so hehre Dinge wie gesunde Ernährung, Gesundheit und Sportlichkeit geht. Die Dysopie von Julie Zeh erschreckt, auch weil sie ein System beschreibt in dem alles mögliche verboten ist und die Daten zur Kontrolle genutzt werden. Ich glaube es wird genau so kommen, nur werden Verbote gar nicht nötig sein. Wir kontrollieren uns da schön selbst und treiben uns gegenseitig an. Die da nicht mitmachen werden einfach vom Gemeinschaftskörper abgesondert.

    Gefällt 2 Personen

    • Ja, das denke ich auch. Wer will sich nicht als „besser“ darstellen, wenn es möglich ist. Auf meinem Einkaufsweg ist ein Fitnessstudio, dass mit dem Spruch „Ist es zu schwer, bist Du zu schwach“ oder so ähnlich, wirbt. Das verursacht mir jedes Mal Übelkeit, aber es scheint zu funktionieren. Und wenn man dann seine „Stärke“ durch einen Klick allen vorführen kann, funktioniert das System. Ich kann mir vorstellen, dass diese Diktatur auf einmal da ist, ohne dass die meisten Menschen es mitbekommen haben.
      Das beängstigt mich, denn ich möchte mein Recht behalten, mir auch mal die Kante zu geben 🙂

      Gefällt 1 Person

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