Joel Dicker: Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert

Für die Ostertage gab es bei mir zwei Bücher: Stoner von John Williams und Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert von Joel Dicker. Stoner hatte ich Karfreitag fertig, beschloss aber, keine Rezension zu schreiben, da gefühlt jeder schon den Roman kennt und genauso liebt wie ich. Da habe ich wohl nicht mehr viel beizutragen.

Auch zu Harry Quebert möchte ich mich nicht groß äußern, aber doch ein paar Gedanken loswerden. Ich habe es nämlich gerade beendet, jetzt, drei Wochen nach Ostern, und frage mich, warum ich das getan habe. Normalerweise bin ich schon dazu bereit, einen Roman abzubrechen, neben Arbeit und Studium ist die Zeit kostbar.

– Dieser Artikel könnte Spoiler enthalten, also alle, die den Roman noch lesen möchten, sollten hier die Seite verlassen. –

Der Klappentext sagt (auch das nur ausnahmsweise, weil schneller):

„Niemand kannte ihn, und dann schrieb er das erfolgreichste Buch des Jahres.

Ein Skandal erschüttert das Städtchen Aurora an der Ostküste der USA: Dreiunddreißig Jahre nachdem die ebenso schöne wie geheimnisumwitterte Nola spurlos verschwand, taucht sie wieder auf. Als Skelett im Garten ihres einstigen Geliebten. Der berühmte, zurückgezogen lebende Schriftsteller Harry Quebert steht plötzlich unter dringendem Mordverdacht.“

joeldickerUnd weil das so ist, kommt Queberts ehemaliger Schüler und Protegé Marcus Goldmann, der nach seinem ersten Bucherfolg an einer Schreibblockade leidet, nach Aurora gerast und will ihm zur Seite stehen. Harry wird verhaftet und Marcus beschließt, der Sache auf den Grund zu gehen und eigene Ermittlungen anzustellen. Darüber schreibt er ein Buch, dieses Buch ist also ein Buch im Buch.

Nun entfaltet sich eine langwierige Suche nach dem Täter, und den Erklärungen dafür, was damals passiert ist. Erster Schocker: der über 30-jährige Quebert hat sich in die 15-jährige Nola verliebt. Jetzt dachte ich, das Thema sei seit 60 Jahren abgefrühstückt, aber hier ist es ja anders, denn: Nola liebt auch Harry Quebert. Dennoch ist da natürlich eine ganze Menge Heimlichtuerei im Spiel, weil das ja nun einmal gesellschaftlich nicht geht. Harry schreibt aber ihre Geschichte nieder, und wird damit nach Nolas Verschwinden damals zu einem der berühmtesten Schriftsteller Amerikas.

Dennoch ist sein Herz gebrochen, denn er hat all die Jahre auf Nolas Rückkehr gewartet, und nun erfährt er, dass sie die ganze Zeit in seinem Garten war. Marcus glaubt Harrys Geschichte und ermittelt (schnüffelt) weiter (herum).

Okay, ich übertreibe gerade ein wenig. Der Plot ist gut geschrieben, und ich wollte wirklich erfahren, was mit Nola geschehen war. Deswegen habe ich weitergelesen, auch wenn es mich viele Nerven gekostet hat (leider ist es für mich eine absolute Unmöglichkeit, das letzte Kapitel einfach zu lesen, ohne berechtigter Weise dort angelangt zu sein). Denn Joel Dicker will anscheinend erzählen, wie so ein Fall aus der Sicht eines Ermittlers abläuft. Und diese haben keinen allwissenden Erzähler, sondern müssen ihre Geschichte mit jeder neuen Erkenntnis entsprechend justieren. Das passiert auch hier. Nur leider erzählt Dicker mit jeder neuen Aufdeckung die ganze Geschichte wieder von vorn, was sehr anstrengend ist.

Daher war ich auch kurz vorm Aufgeben, als die Geschichte auf einmal einen Haken nach dem anderen schlug, von denen manche schon ganz schön abstrus waren. Das hat mich dann aber auch bis zum Schluss durchhalten lassen, weil ich mich teilweise so geärgert habe, dass ich aus purem Trotz weitergemacht habe. Also, ich weiß jetzt, was passiert ist. Und nein, ich spoilere es hier nicht, denn das finde ich grob unhöflich, aber man kann auch einfach das letzte Kapitel lesen.

Erschwerend kommt hinzu, dass (außer vielleicht dem ermittelnden Detective) keine der handelnden Personen sympathisch ist. Das kann man verkraften, wenn die Geschichte auch so überzeugt. Und einige der Personen kamen mir (als Serienjunkie, natürlich) auch aus dem Fernsehen bekannt vor (nennen möchte ich den Herrn, der schweigend das Boot, das er baut, abschleift, und von dem man noch nicht einmal weiß, ob er überhaupt zuhört). Ich mag meine Anspielungen etwas subtiler.

Und damit sind wir auch beim Punkt: ICH mag. Oder, um es andersherum zu formulieren: ich mochte nicht. Ich habe das Buch mit einem schlechten Gefühl zugeklappt, und das will bei mir schon etwas heißen, denn das passiert nicht so oft. Ich schreibe nicht gerne negative Kritiken, aber ich möchte auch nichts schönreden, das mir nicht gefallen hat. Dennoch ist es nur eine Meinung unter vielen. Andere, mit diesem Roman sehr glückliche oder zumindest glücklichere Menschen, werden unten verlinkt.

Aber ich habe mich gequält, um dann auf der hinteren inneren Buchseite folgenden Blurb zu finden: „700 herrliche Seiten.“ Elke Heidenreich

Das ist klug, dass der Verlag es dahin gedruckt hat, denn hätte es vorne gestanden, hätte ich wohl gar nicht angefangen zu lesen.

Joel Dicker: Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert. Aus dem Französischen von Carina von Enzenberg. Piper München Zürich. 727 Seiten.

Hier sind andere Meinungen: (die ordentliche Verlinkfunktion tuts grade nicht, sorry)

http://buzzaldrins.de/2013/08/27/die-wahrheit-uber-den-fall-harry-quebert-joel-dicker/

http://literatourismus.net/2013/08/joel-dicker-die-wahrheit-uber-den-fall-harry-quebert/

https://muromez.wordpress.com/2013/12/15/joel-dicker-die-wahrheit-uber-den-fall-harry-quebert/

https://lesenmachtgluecklich.wordpress.com/2014/02/12/joel-dicker-die-wahrheit-uber-den-fall-harry-quebert/

 

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9 Gedanken zu „Joel Dicker: Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert

  1. Pingback: [1001 Bücher] Joel Dicker: Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert - #Literatur | netzlesen.de

  2. Ich hab mich auch des Öfteren beim Lesen gefragt wie eine Geschichte so raffiniert gebaut und gleichzeitig so platt geschrieben sein kann. Ob es vielleicht an der Übersetzung liegt? Zumindest hat man die 700 Seiten schnell durch, weil man so viele Passagen überspringen kann wie sonst nur bei Dan Brown 🙂

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    • Das kann ich natürlich nicht beurteilen, ob das Original etwas raffinierter ist… Vielleicht. Und es stimmt, schnell durch hat man es, und die Geschichte war ja eigentlich auch interessant, aber ich fand es auch oft genug schwierig, dranzubleiben. Und ich lese ein Buch, schon gar nicht eines der puren Unterhaltung, damit ich Passagen überspringen kann. Aber wie Mac schon sagt, der Grat ist schmal, und die einen sehen es enger als die anderen 😉

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  3. Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie unterschiedlich ein Buch, welches auf pure Unterhaltung aus ist, die Lesegemüter spaltet. Ich fand es aus der eben genannten Sicht der Unterhaltung spannend umgesetzt. Ich fand nur die letzten Passagen übertrieben.
    @Karo: Passagen überspringen? Wirklich? Also da würde ich eher ein Buch aus der Hand legen. War es für dich so banal oder einfach nur schlecht?
    P.S. Danke für das Verlinken meines Beitrages.
    P.P.S. Ich verstehe deine Meinung, auch wenn sie negativ auffällt. U Literatur ist halt immer ein schmaler Grat.

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    • Ich fand die Idee auch interessant, deswegen hab ich ja bis zum Ende durchgehalten. Aber die andauernden Wiederholungen und Zusammenfassungen waren doch entnervend, dass geht auch in purer U-Literatur besser. Aber klar, die einen störts mehr, die anderen weniger 🙂

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  4. Pingback: 2015 – ein kurzer Rückblick | 1001 Bücher - das Experiment

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