Buch #18: Michael Ondaatje – Der englische Patient

Ein Roman, der mit vielen Preisen, unter anderem dem Booker Prize, ausgezeichnet wurde. Die Verfilmung gewann neun Oscars, unter anderem für den besten Film. Ein großer Erfolg also, wohin man blickt. Und doch kann ich nur sagen: ich fand es wirklich langweilig.

Wir befinden uns in Italien, kurz vor Ende des zweiten Weltkriegs, die deutschen Truppen sind schon abgezogen. Hier lebt Hana in einer ehemaligen Villa. Sie ist Kanadierin und Krankenschwester, hat sich freiwillig gemeldet und ist hier gestrandet. Sie kümmert sich um den „englischen Patienten“, der am ganzen Körper verbrannt ist und deswegen nicht bewegt werden kann.

Hana hat in diesem Krieg ein Kind verloren, und auch ihr Vater ist gestorben. Sie hat etliche Soldaten sterben sehen, und irgendwann hat sie sich vollkommen in sich selbst zurückgezogen. Der englische Patient – er kann sich nicht mehr an seinen Namen erinnern – besitzt eine Ausgabe von Herodot, in die er Notizen gemacht hat und Seiten aus anderen Büchern, die ihm gefallen, hineingeklebt hat. Bücher sind es dann auch, die eine Verbindung zwischen Hana und dem Engländer herstellen.

Seine Geschichte ist die Hauptgeschichte. Vor dem Krieg hat er versucht, die Wüste zu kartographieren, was ihm teilweise auch gelungen ist. Dann lernt er jedoch eine verheiratete Frau kennen und verliebt sich in sie, was nicht gut enden kann. Zu Hanna ist er gestoßen, weil er aus einem brennenden Flugzeug fiel, und die Wüstenvölker ihn am Leben erhielten.

Eines Tages stößt Caravaggio zu ihnen. Er ist ein Dieb, und hat sich früher in den Gesellschaftskreisen von Hanas Vater bewegt, sie kennen sich also. Caravaggio hat gegen die Deutschen gearbeitet und wichtige Dokumente gestohlen; daraufhin haben sie ihm beide Daumen abgeschnitten.

Der vierte im Bunde ist Kip. Dieser ist Inder und wurde von den Engländern dazu ausgebildet, Bomben zu entschärfen. Es wurden während des Krieges zig Bomben gebaut und alles wurde damit verwanzt, und im gleichen Maß wie sie lernten, sie zu entschärfen, wurden neue Varianten ersonnen. Kip befreit also die Villa und mit und mit die Umgebung von Bomben.

Die Vier, die auf so merkwürdige Art dort gestrandet sind, sind alle traumatisiert von dem, was sie erlebt haben. Sie sind hauptsächlich auf sich selbst fixiert. Das Zimmer des englischen Patienten wird allmählich aber zu einer Art Fixpunkt, an dem die Wege der Vier sich immer wieder kreuzen. Hauptsächlich, um herauszufinden, wer der verbrannte Fremde ist.

Und so kommen die unterschiedlichen Lebensgeschichten Stück für Stück ans Licht, langsam gewöhnt man sich aneinander und fängt an, sich zu einem gewissen Grad zu vertrauen. Es entspinnt sich sogar eine zarte Liebe zwischen Hana und Kip.  Und dann kommt der Tag, an dem sie die Nachricht über die  Atombomben erhalten…

Die Geschichte wird hauptsächlich aus der Retrospektive erzählt. Die Szenen, die tatsächlich im „Jetzt“ handeln, zeigen die Auswirkungen, die die langsam enthüllten Lebenswege auf die Figuren hatten. Hierbei hat der englische Patient den größten Anteil. Alles wird jedoch in einer ruhigen Art erzählt, wie ein langsamer Fluss, der immer gleich fließt. Das mag ich bei Geschichten nicht, ich habe gerne Abwechslung zwischen Phasen, in denen ruhig erzählt wird und denen, in denen eine Menge passiert.

Auch hier kommen wir wohl mal wieder an den Punkt der Geschmackssache. Es handelt sich um eine weitere Aufarbeitung des zweiten Weltkriegs, aus der Perspektive von vier Personen, die manchmal nicht ganz sicher sind, ob sie alles richtig gemacht haben, oder ob sie unfreiwillig dazu verholfen haben, weitere Kriegsschauplätze zu kreieren, oder für neue Konflikte zu sorgen.

Die Art, wie die vier Leben an diesem Punkt zusammengeführt werden, hat mir gefallen. Aber dass man ihnen quasi „aus der Nase ziehen muss“, was sie an diesen Punkt gebracht hat und warum sie alle mehr oder weniger resigniert haben, fand ich sehr anstrengend. Der immergleiche Sprachfluss hatte zwischenzeitlich etwas Einschläferndes auf mich.

Ich bin also nicht von dem Buch überzeugt, und werde mir vielleicht die Verfilmung ansehen, um herauszubekommen, was diesen Erfolg verursacht haben könnte.

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7 Gedanken zu „Buch #18: Michael Ondaatje – Der englische Patient

  1. Ich habe zuerst den Film gesehen und muss gestehen (sozusagen als Gegnerin des großen Gefühlskinos ;)), dass ich ihn sehr mochte. Daraufhin habe ich das Buch gelesen, was nun schon wieder acht Jahre her sein mag, und auch ich habe leider nicht so richtig reingefunden. Ich weiß heute gar nicht mehr so genau, woran es lag, ich meine mich aber zu erinnern, dass ich mit der Sprache und vor allem mit der Erzählweise meine Schwierigkeiten hatte, irgendwie war mit das zu zusammenhangslos und zerfasert. Manchmal überlege ich, ob ich es noch einmal versuchen sollte, heute würde es mir vielleicht eher zusagen, da ich mittlerweile ein anderes Lektüreverhalten und andere Vorlieben habe, aber wer weiß… Jedenfalls empfehle ich dir die Verfilmung, denn entsprechend den Charakteristikum des Mediums erfährst du hier viel schneller, was es mit den Figuren auf sich hat (und trotzdem dauert er fast drei Stunden ;)).

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    • Jetzt weiß ich ja, was es mit den Figuren auf sich hat 😉 Das ist ja die Sache mit dem Gefühlskino, es mag sein, dass ich den Film schon einmal vor ein paar Jahren gesehen habe, denn ich habe die vage Erinnerung an eine – fast schon – Schnulze. Vielleicht verwechsle ich da aber auch was. Sollte es sich aber um die Liebesgeschichte des englischen Patienten handeln, wäre nur ein Aspekt der Geschichte herausgegriffen, der genauso bedeutend und unbedeutend ist wie die anderen. Aber ich spekuliere, ich werde den Film vielleicht am Wochenende mal anschauen und berichten 🙂
      Zusammenhanglos und zerfasert, das ist schon richtig. Natürlich lässt die Geschichte sich als Ganzes gut verfolgen, aber die Übergänge sind doch etwas holprig. Dazu dann diese monotone Art des Erzählens, die den Fluss auch nicht aufrecht erhält…naja, es hat mich eben nicht in seinen Bann gezogen. Ich nehme aber mal an, dass der Film zumindest mit einigem an Augenweide aufwartet, da verspricht das Buch auf jeden Fall einiges.

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      • Hm, vielleicht solltest du den Film doch nicht schauen, ich fürchte nämlich, du erinnerst dich richtig. Die (Liebes-)Geschichte des Englischen Patienten steht schon im Vordergrund, was bedeutet: viel Leidenschaft und ebenso viel Tragik. Ich muss schon zugeben: Es ist eine Schmonzette, aber eine der besseren Art. Außerdem mag ich Ralph Fiennes, mit dem ja viele wegen seiner unterkühlten Art nichts anfangen können. Und du hast recht: Auch die Bilder sind nicht schlecht, das Wüstensetting hat natürlich etwas. Und trotzdem glaube ich, der Film wird genauso wie die Romanvorlage eine Enttäuschung sein für dich – nur eben aus anderen Gründen. 🙂

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      • Dachte ich’s mir doch. Naja, mal sehen, vielleicht bekomme ich ja Lust auf eine Schmonzette, manchmal ist das ja auch ganz nett. Ich bereite mich aber auf eine Enttäuschung vor 😉

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  2. Ich liebe Ondaatje. Möglicherweise genau deswegen, weshalb er dich nervt: Ich mag seine Sprache. Ich wollte mal nachfragen, ob du das Thema inzwischen doch nochmal aufgenommen hast … 😉

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