Buch #39: E.L. Doctorow – Ragtime

E.L. (Edgar Lawrence) Doctorow wurde am 6. Januar 1931 als Kind russisch-jüdischer Einwanderer der zweiten Generation geboren. Er wuchs in der Bronx auf. Nach seinem Studium gab er mehrere Zeitschriften heraus und unterrichtete ab 1982 an der New York University am eigens für ihn errichteten Lehrstuhl englische und amerikanische Literatur. Für seine Bücher hat er fast alle namhaften Preise erhalten, darunter den PEN/Faulkner Award, den National Book Award oder den National Book Critics Circle Award für Ragtime. Er lebt in New York.

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Ragtime spielt Anfang des letzten Jahrhunderts in New York, genau genommen von 1902 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914. Es gibt drei verschiedene Handlungsebenen. Zum einen wird von einer typischen wohlhabenden Familie erzählt, deren Darstellung in Stereotypen vorgenommen wird. So haben wir „Vater“ und „Mutter“, den „Bruder“ der Mutter, den „Sohn“. Der „Vater“ ist Inhaber einer Fabrik für Feuerwerkskörper, in der auch der „Bruder“ arbeitet.

Dieser ist die Verbindung zur zweiten Handlungsebene. Sie beschreibt unter anderem Evelyn Nesbit, eine Schauspielerin, mit der der Bruder eine Affaire hat. Nach der Scheidung von ihrem Mann sieht sie eines Tages einen Straßenmaler, Tate, mit seiner wunderschönen Tochter. Sie dringt in das Leben der Beiden ein, bis sie schließlich mit ihnen zu einer Kundgebung der Anarchistin Emma Goldman geht, auf der Evelyn als Frau entlarvt wird, die ihren Körper für Vorteile verkauft. Tate, der nicht möchte, dass seine Tochter mit derartigen Personen in Berührung kommt, flieht mit ihr aus der Stadt. Seine Geschichte wird weiterverfolgt; durch einen glücklichen Zufall wird aus dem armen Maler ein wohlhabender Mann, der die gesellschaftliche Leiter aufsteigt. Eines Tages werden sich die Familie und der Maler mit seiner Tochter in den Ferien kennenlernen.

Der dritte Handlungsstrang erzählt von Coalhouse Walker, einem schwarzen Jazzpianisten. Eines Tages findet „Mutter“ im Garten ein schwarzes Baby und nimmt dieses und seine Mutter in ihr Haus auf. Coalhouse Walker wirbt lange um die Mutter des Kindes, und schließlich willigt sie ein, ihn zu heiraten. Nach einem seiner Besuche wird er von Feuerwehrleuten in seinem Wagen festgehalten, und das Ganze artet soweit aus, dass der Wagen beschmutzt und kaputt ist. Coalhouse Walker will Gerechtigkeit, und seinen Wagen sauber und repariert wieder, woraufhin er nur ausgelacht wird. Eine Einmischung seiner Verlobten endet für diese tödlich. Nun, da Coalhouse nichts mehr zu verlieren hat, setzt er drastischere Mittel ein, um Gerechtigkeit zu erlangen. So schmeißt er zum Beispiel Bomben, die der „Bruder“ für ihn gebaut hat. Eines Tages  besetzt er ein Haus Pierpont Morgans‘ und die Geschichte nimmt ihren Lauf…

Nicht nur sind die drei Handlungsstränge kunstvoll miteinander verwoben, Doctorow hat auch viele historische Persönlichkeiten in die Handlung eingebunden. So lesen wir zum Beispiel von Harry Houdini und seiner Begegnung mit Erzherzog Franz Ferdinand, John Pierpont (JP) Morgan begegnet uns ebenso wie Henry Ford. Und Siegmund Freud, Carl Gustav Jung und  Sándor Ferenczi befinden sich just zu dieser Zeit auf einer Dienstreise in den Vereinigten Staaten.

Ich habe beim Lesen den Eindruck gehabt, Doctorow habe gerade die Zeitung gelesen und erzähle nun von seiner Lektüre. Er ist ein guter Erzähler und bringt dem Zuhörer die Ereignisse auf der Welt nahe. Sein Erzählstil ist recht sachlich und neutral, er berichtet ohne zu werten. Und doch schafft er ein eindrucksvolles Panorama dieser Zeit, der verschiedenen Gesellschaftsschichten und ihrer jeweiligen Lebensweisen. Wichtige und weniger wichtige Ereignisse runden das Bild ab. Er erreicht, dass der Leser tatsächlich in diese Zeit zurückversetzt wird, so als höre man von jemanden, der gerade die Nachrichten gesehen hat. Oder die Zeitung las.

Ich muss sagen, dass mich diese neue Herangehensweise sehr fasziniert hat, und kann nur jedem empfehlen, selber einen Blick darauf zu werfen. Die Zeit, die er für sein Gesellschaftsporträt gewählt hat, ist natürlich auch sehr interessant, auf der einen Seite bahnt sich ein Krieg an, in den Fabriken gehen die ersten ernsthaften Streiks los, und Schwarze wurden attackiert, aber auch verteidigt. Eine neue Gesellschaft steht in ihren Startlöchern, und Doctorow wirft den Focus auf einige Ausschnitte eines Querschnitts dieser Gesellschaft. Das ist interessant und das ist gut gemacht. Deshalb: Lesen!

Ragtime wurde 1981 von Milos Forman verfilmt, außerdem wurde es als Musical auf die Bühne gebracht.

E.L .Doctorow: Ragtime. Aus dem amerikanischen Englisch von Angela Praesent.

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