Buch #37: Jeffrey Eugenides – Middlesex

Jeffrey Eugenides wurde am 8. März 1960 in Grosse Pointe, einem Vorort von Detroit, geboren, in dem auch dieser Roman zu großen Teilen spielt. Eugenides  ist ein Schriftsteller mit griechischen Wurzeln, die er in Middlesex zum Teil verarbeitet. Nach dem Roman The Virgin Suicides (Die Selbstmord-Schwestern) ist Middlesex sein zweiter Roman. Er wurde 2003 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet.

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Middlesex erzählt die Geschichte von Calliope, einem griechisch-stämmigen amerikanischen Mädchen, das in Detroit aufwächst. Ausgehend von der Geschichte ihrer Großeltern, die nach dem Brand von Smyrna nach Amerika auswandern, wird die Geschichte ihrer Familie nachvollzogen, die fast 100 Jahre umfasst. Callies Großeltern, Desdemona und Lefty,  stammen aus einem kleinen Dorf, und auf dem Schiff nach Amerika heiraten sie. Hiermit setzen sie eine Reihe von genetischen Mutationen in Gang, die ihren Höhepunkt in Callie finden.

Callie wird als Hermaphrodit geboren, was aber niemand bemerkt. So wächst sie als Mädchen heran, bis in ihrer Pubertät schließlich merkwürdige Dinge geschehen. Sie erlebt ihre erste große Liebe mit einem Mädchen, sie bekommt einen Bart, hat eine recht tiefe Stimme und keine weiblichen Rundungen, geschweige denn ihre Periode. Nach einem Unfall und der Entdeckung ihrer Doppelgeschlechtlichkeit, sucht die Familie einen Spezialisten auf, der feststellt, was wirklich mit Callie los ist.

Sie bräuchte nur eine kleine Operation, und ihre Geschlechtsmerkmale wären vollkommen weiblich, in Kombination mit Hormonen eine gute Therapie. Warum allerdings der 41-jährige Cal seine Lebensgeschichte erzählt, sollte jeder für sich selbst entdecken.

Nach den Textschnipseln habe ich eine ganze Menge Vorschusslorbeeren für dieses Buch bekommen. Das macht mich eigentlich von Grund auf misstrauisch, und ich bin eher skeptisch an den Roman herangegangen. Nun muss ich aber sagen, dass er  auch mir sehr gut gefallen hat.

Denn Middlesex ist vieles in einem: er erzählt eine typische Einwanderergeschichte und er gibt ein Beispiel für die Erfüllung des American Dream, aber auch den Preis, den man hierfür bezahlen muss. Eine coming-of-age-Geschichte nimmt großen Platz ein, die jedoch einzigartig ist, aufgrund der großen Verwirrungen, die der Hermaphroditismus mit Cal/lie anstellen. Und nicht zuletzt wird am Beispiel einer ehemalig großen Arbeiterstadt und ihrem Niedergang ein Stück amerikanischer Geschichte erzählt, von der Prohibition bis zu den Rassenunruhen in den 60ern, von kleinen und großen Gaunern, von der Hippie-Bewegung bis zur Schwulen-/Lesben-Bewegung. Am Ende kommt es für meinen Geschmack ein bisschen zu dicke, und die Geschichte Berlins auch noch hineinzupacken war doch ein wenig viel in meinen Augen.

Großen Raum nimmt die Geschlechterfrage ein. Ist man mehr durch die Genetik geprägt oder durch die Gesellschaft und Erziehung? Sollte Callie ein Mädchen bleiben, obwohl ihre Geschlechtsmerkmale männlich sind? Bis in die Pubertät ist sie als ganz normales Mädchen aufgewachsen, das sich zwar manchmal etwas anders gefühlt hat, das aber im Grunde genommen angepasst war. Eugenides widmet dieser Frage großen Raum. In Form Dr. Luces, der sich Callies annimmt, sie untersucht und ihr schließlich rät, ein Mädchen zu bleiben, gibt er eine Menge Fakten und Überlegungen zu diesen Fragen.

Allerdings muss ich auch sagen, dass es mir manchmal fast schon ein wenig zu viel war. Es sind sehr viele Dinge in dieses Buch gepackt, und auch wenn ich nicht den Eindruck hatte, dass etwas zu kurz gekommen ist, wären ein paar Handlungsstränge weniger für mich auch in Ordnung gewesen. Sprachlich ist das Buch sehr angenehm, man kann es im Grunde leicht herunterlesen, was bei der Schwierigkeit mancher Fakten und ihrer tollen Vermittlung ein großes Verdienst von Eugenides ist.

Insgesamt kann ich den Roman jedem empfehlen, der gerne eine etwas ungewöhnliche Geschichte liest und amerikanische Geschichte mag. Ich habe ihn gerne gelesen, auch wenn er nicht mein neues Lieblingsbuch geworden ist. Aber ich habe auf jeden Fall ein paar tolle Figuren kennengelernt, und Aspekte der amerikanischen Geschichte, die ich vorher nicht kannte.

Weitere lesenswerte Rezensionen bei Philea  und Flattersatz .

Jeffrey Eugenides: Middlesex. Deutsch von Eike Schönfeld.

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24 Gedanken zu „Buch #37: Jeffrey Eugenides – Middlesex

  1. Liebe June,

    danke für diese wunderbare Besprechung, die mir ein Buch zurück in Erinnerung ruft, das ich auch mit großer Begeisterung gelesen habe. Leider hat mir der Autor mit seinen anderen Romanen, besonders der letzten Veröffentlichung der Liebeshandlung, nicht ganz so begeistern können, wie mit Middlesex, das für mich ein ganz besonderes Leseerlebnis gewesen ist.

    Liebe Grüße
    Mara

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    • Liebe Mara,
      vielen Dank für das Lob! Ich habe schon mehrere enttäuschte Kritiken über die Liebeshandlung gelesen, aber die Virgin Suicides kommen doch besser weg… ich bin gespannt!
      Liebe Grüße zurück,
      June

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  2. Middlesex selbst habe ich noch nicht gelesen. Aber ich fand damals die Selbstmordschwestern ziemlich gelungen.
    Ich wünsche Dir viel Freude mit „Die Blendung“ – eines der besten und beeindruckensten Bücher, die ich je gelesen habe!

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    • Naja, Middlesex kann ich Dir dann wohl guten Gewissens empfehlen… mit viel Unterstützung! 🙂
      Ich bin auch gespannt auf Die Blendung, habe heute morgen damit angefangen und bis jetzt finde es etwas bizarr, aber interessant. Mal sehen, wie es weitergeht! 🙂

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  3. Liebe June A.,
    ich fand das einen Roman, den ich mit großer Begeisterung gelesen habe und in dem man viel über die frühen Tage der Industriealisierung in den USA lernt. Toll, dass du diesen Roman vorgestellt hast 🙂
    Liebe Grüße
    Klausbernd

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  4. Ich habe noch gar nichts von Eugenides gelesen, das sollte ich bei Gelegenheit mal nachholen. (; „Die Blendung“ habe ich allerdings schon gelesen, ein völlig irres Buch, das sich, vermutlich, für mich erst nach mehrmaligem Lesen vollkommen erschließen wird. Viel Spaß dabei!

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    • Middlesex liest sich auf jeden Fall flüssig runter, wenn Du Lust auf eine Familiengeschichte hast, kann ich es Dir nur empfehlen. Ich bin mir auch noch nicht so ganz sicher, was ich von der „Blendung“ halten soll… nun, mal weitersehen 🙂

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  5. Ich habe 2009 „Die Selbstmord Schwestern“ gelesen und wollte seitdem immer „Middlesex“ lesen, vor allem weil es sich im englischsprachigen Raum großer Berühmtheit erfreut. Ich hatte aber bisher keine genaue Vorstellung von diesem Roman, also kam Deine Rezension zur rechten Zeit 🙂
    Ich muss gestehen, dass ich änlich wie Du es beschrieben hast, von allzu umfangreichen Geschichten etwas erschlagen bin. Manch ein Schriftsteller weiß einfach nicht, wo er vielleicht auch mal was weglassen oder nur kurz drüber schweifen sollte, damit der Leser keine Ermüdungserscheinungen verspürt 😉

    LG, Katarina 🙂

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    • Dann bin ich froh, wenn ich helfen konnte 🙂
      Ich habe das noch nicht sehr häufig erlebt, dass es mir schon zu viel Story wurde… ich kann das auch nicht genau benennen. Nach der Arztgeschichte hatte ich auf einmal das Gefühl, dass das nicht nötig gewesen wäre… aber das wirst Du dann ja vielleicht auch für Dich selbst bald entdecken 🙂
      Liebe Grüße und eine schöne Woche!

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  6. Hey June,
    ich habe das Buch auch schon eine Weile zu hause liegen, aber kam noch nicht dazu es zu lesen. Deine Rezension hat mich auf alle Fälle noch mehr neugierig gemacht. Klingt nach einer geladenen Story mit viel zum Nachdenken und Lernen 🙂
    Liebe Grüße
    Catherine

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  7. Hey June – dass es nicht zu deinem neuen Lieblingsbuch geworden ist, macht ja nichts … Da ist ja auch nicht dein Anspruch beim Lesen, oder? Zumindest liest man ja nicht jedes Buch, weil man vorher weiß, dass man es lieben wird. So eine Geschichte verführt einen, entwickelt sich. Und je mehr man gelesen hat und sich mit verschiedensten Geschichten, Autoren, Schreibstilen und Erzählweisen beschäftigt um so mehr bekommt man ein Gefühl für Stil und es stellt sich ein persönlicher Lesegeschmack ein. ich finde deine Bewertung des Buches als sehr genau beobachtet. Mit der Fülle des Inhalts kann ich mitgehen und dass es manchmal auch ein wenig zuviel sein kann. Das ist wohl so eine Eigenart Eugenides, denn in der „Liebeshandlung“ möchte er auch einige Meta-Themen unterbringen und das verwirrt so manchen Leser (dort ist es die Literaturtheorie der 80er Jahre und das Romankonzept des viktorianischen Romans sowie die Semiotik …) Bei einem Unterhaltungsroman kann das schon mal ein wenig überfordern.
    Ich bin gespannt, wie Eugenides seinen nächsten Roman gestaltet und ob er sich mal kürzer fasst wie bei den „Selbstmord-Schwestern“, denn dann kommt vielleicht die Stärke seiner Erzählkunst mehr zum Tragen … Abwarten. =) Frühlingsgrüße aus Berlin

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    • Hallo Katja!
      Ja, und ich finde es auch schön, dass es so viele unterschiedliche Lesegeschmäcker gibt. Ich glaube auch, das ändert sich mit Lebenssituation und Lebensphase, und bin schon gespannt, wie das bei mir sein wird.
      Auch auf die Selbstmordschwestern bin ich neugierig, aber es wird wohl noch etwas dauern, bis ich dort angelangt bin…
      Wenn Du den nächsten Roman liest, freue ich mich schon auf Deine Rezension! 😉
      Eine schöne Woche!

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    • Liebe Katja,
      ich habe deinen Kommentar zu der „Liebeshandlung“ mit Interesse gelesen. Das Buch habe ich vor einiger Zeit gelesen und als einer der ersten auf meinem Blog besprochen: http://buzzaldrins.wordpress.com/2011/10/28/die-liebeshandlung-jeffrey-eugenides/ Deine Eindrücke kann ich nicht ganz teilen, da es nicht unbedingt die halbgaren Exkurse waren, die mich überfordert haben (in diesen habe ich eher interessantes gelesen, was mir schon im Studium begegnet war), viel mehr hat mich einfach das gesamte oberflächliche Konstrukt des Romans nicht gefallen können. Damals kam ich zu dem Schluss: kein schlechtes, aber ein unfassbar triviales und oberflächliches Buch. 😉 So wie ich mich kenne, würde ich aber nichtsdestotrotz ein weiteres Buch von ihm kaufen und lesen, nur dann vielleicht nicht mehr mit so ganz hohen Erwartungen. 🙂
      Liebe Grüße
      Mara

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      • Naja, ich weiß nicht ganz, welche Eindrücke du meinst, da ich „Liebeshandlung“ auch nicht unbedingt gelungen fand und das in meiner Rezi auf aboutsomething Anfang des Jahres auch dargestellt habe … Das war wahrlich nicht sein größter Wurf. Es ging hier nur darum, dass Eugenides manchmal ein wenig viel vermitteln möchte und diese Exkurse so manchen überfordern können. Ich finde die Exkurse meist interessant, aber nicht immer gelungen platziert und dann ist es mir manchmal natürlich zu oberflächlig, es ist schwierig ein Theoriethema innerhalb eines Romanes vermitteln zu wollen, da kann man nur an der Oberfläche bleiben … Nichtsdestotrotz ist die „Liebeshandlung“ aus anderen Gründen weniger gelungen, da mich auch die Konzeption der Hauptfiguren nicht überzeugt und teilweise sehr genervt haben. Dennoch halte ich Eugenides für einen sehr interessanten guten Autor und freue mich sehr auf sein nächstes Projekt ..

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  8. Liebe Katja,

    mit Eindrücken meinte ich, dass du das folgende geschrieben hattest:

    „Das ist wohl so eine Eigenart Eugenides, denn in der “Liebeshandlung” möchte er auch einige Meta-Themen unterbringen und das verwirrt so manchen Leser (dort ist es die Literaturtheorie der 80er Jahre und das Romankonzept des viktorianischen Romans sowie die Semiotik …) Bei einem Unterhaltungsroman kann das schon mal ein wenig überfordern.“

    Da habe ich herausgelesen, dass weniger gebildete Leser möglicherweise mit der Liebeshandlung überfordert sein könnten, wegen der angesprochenen Meta-Themen. Ich wollte lediglich darauf hinweisen, dass mir das Buch aus vielerlei anderen Gründen nicht gefallen hat, aber dass das nicht unbedingt an einer Überforderung lag.

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